Menschliche Freiheit vor dem Horizont göttlicher Offenbarung

Ambivalenz von Dogmatismus und autonomer Theologie


Essay, 2016
6 Seiten, Note: 1,0 (sehr gut)

Leseprobe

Menschliche Freiheit vor dem Horizont göttlicher Offenbarung

Ambivalenz von Dogmatismus und autonomer Theologie

Seit Beginn der Neuzeit gilt die Debatte um das Verhältnis zwischen menschlicher Freiheit und religiöser Offenbarung als ein wechselseitiger Diskurs. Nachdem sich im späten 19. Jahrhundert die kirchliche Amtstheologie durch Abgrenzung und Abwehr von bestimmten Irrlehren und neuzeitlichen Strömungen, wie z.B. Fideismus oder Rationalismus, während des Ersten Vatikanischen Konzils in einen starren Dogmatismus verflüchtigte, brach durch die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils eine grundlegende Erneuerung im Verständnis von göttlicher Offenbarung herein, welche den wesentlichen Kern apologetischer Aussagen erhellte und den Horizont im theologischen Denken und Erfassen wieder erweiterte. Blickt man auf die weitere Entwicklung der innerkirchlichen Geistesströmungen nach dem Konzil, so stellt man fest, dass es in unserer Zeit zu einer Auseinandersetzung zischen traditionell-konservativen und progressiv-liberalen Geistesströmungen gekommen ist. Der Diskurs um das rechte Verständnis von Freiheit und Wahrheit im Verhältnis zur Offenbarung ereignet sich in Auseinandersetzungen der beiden Flügel. Auch nach dem Zweiten Vatikanum ist die Gefahr der Dogmatisierung des Lebens und der Universalisierung eines vordefinierten Begriffes von Freiheit präsent. Das Konzil konnte natürlich nicht alle Probleme derart lösen, so dass sie endgültig ad Acta gelegt und verschwunden wären. Vielmehr hat es zur Auseinandersetzung mit den wesentlichen Inhalten unseres Glaubens geführt und einen lebendigen Diskurs entfacht. Das Konzil hat – so kann man durchaus sagen – unserem theologischen Bemühen und Streben eine neue Grundlage und Zielsetzung gegeben. Dabei kann man aber gerade im gegenwärtigen konservative Flügel eine Funktion dahingehend sehen, dass er als ständige Anfrage an die modernen Gesellschaft gesehen wird, indem er von festen Standpunkten ausgeht, die eindeutige Strukturelemente menschlichen Lebens enthalten und jedem Suchenden durchaus auch Orientierung geben können. Im Bezug auf das Ganze gesehen gibt er konkrete Anhaltspunkte vor und dient als Gegenpol gegenüber einer extremen Ausartung des liberalen Flügels in einen absoluten Relativismus. Diese konservative Gestesströmung, die v.a. auf dem Bewahren bestimmter Traditionen basiert, wurde durch das Pontifikat Johannes Pauls II. gestärkt und durch das darauffolgende Pontifikat Benedikt XVI. in besonderer Weise zur Geltung gebracht. Darunter fällt der hohe Stellenwert liturgischer Riten, Traditionen, das „Aggiornamento“ von Lehren der Kirchenväter und nicht zuletzt die Sympathie für traditionelle Gruppierungen wie etwa der Piusbruderschaft. Alles in allem musste dies letzten Endes wieder zu einer stark vernehmbaren Dogmatisierung der Theologie führen. Mit dem Festhalten an Traditionen und vorgeformten Ordnungssystemen sollte nach Papst Benedikt menschliches Leben von der Diktatur des Relativismus bewahrt werden. Das Bestreben aber, alle Vollzüge menschlichen Seins im Bezug auf seinen Schöpfer hin genau definieren zu müssen und eine allgemeine Form zu entwerfen, an der sich jede Art menschlichen Lebens zu messen hat, lässt wenig individuellen Freiraum und treibt uns in eine Form des Dogmatismus zurück. Was hier der Kontroverse zusätzlich an Spannung verleiht, ist die Berufung beider Seiten auf die Konzilsbeschlüsse durch verschiedene Rezeptionen und Deutungen – mit ein Hinweis auf die Ambivalenz der Konzilstexte.

Die Folgen eines „Rückfalls“ in den vorkonziliaren Dogmatismus liegen für uns heute auf der Hand. Die Errichtung eines systematischen Gedankengebäudes, das alle Lebensbereiche durch-dringen und durchformen soll wird zur Konsequenz haben, dass ein Großteil der Welt von heute sich nicht mehr in dieses System einfügen, bzw. sich darin wiederfinden kann. Das führt dazu, dass viele dem christlichen Credo entweder ganz den Rücken kehren oder aber eine eigene, ganz persönliche Gottesbeziehung pflegen. Ein umfassender Rückbezug auf Dogma und Tradition spaltet die Welt auf in linientreue – in diesem Sinne glaubenskonforme – Gläubige und in eine so verstanden „außenstehende Welt“. Konservative Kirchenleitungen wünschen sich rechtgläubige Christen und nehmen daher auch in Kauf, dass die Gemeinden immer kleiner werden. Diese Denkweise mag geradezu an die radikale Prädestinationslehre des Augustinus in seinem Werk über den Gottesstaat (De civitate Dei) erinnern. Ihm zu Folge wären alle Verdammten und Erlösten schon in einem gewissen Mengenverhältnis vorherbestimmt. Obwohl die Kirche der augustinischen Lehre in seiner Radikalität nie ganz folgte, ist jedoch teilweise durchaus eine Linienführung in diese Richtung zu spüren. Das Kerygma von Ostern verliert den Charakter einer Frohbotschaft und wirkt sprichwörtlich wie eine Drohbotschaft. Grundtenor einer solchen Verkündigung wäre dann nicht etwa ein „ihr seid“, sondern eher ein „wenn ihr nicht werdet“.

Wenn der Glaube an Gott zur reinen Instruktion wird, droht er zu erstarren. Dabei verliert er etwas, das für ihn wesentlich identitätsstiftend ist: seine Lebendigkeit. Christlicher Glaube steht in sich nicht starr verfestigt, sondern ist dynamisch. Der Kern seiner Botschaft richtet sich prinzipiell an alle Menschen und ist lebenstransformierend! Man denke hier nur an die Aussagen der Pastoralkonstitution Gaudium et Spes. Der kulturelle Umbruch der Gesellschaft in die Moderne hinein erzeugt eine Unruhe des Wandels und der Veränderung unter den Menschen. Diese Unruhe eines Aufbruchs ins Neue kann auch nicht spurlos an den religiösen Lebensbereichen vorbeigehen (vgl. GS 4-6). Gleichzeitig word aber auch betont, dass ein solcher Wandel von einer statischen Gesellschaftsordnung hin zu einem dynamischen und evolutiven Verständnis eine größere Komplexheit von Problemen mit sich bringt, die immer wieder nach weiteren Analysen und Synthesen verlangen werden. Das kann einhergehen mit einem immer größer werdenden Relativismus in allen Bereichen, indem die ständige Falsifizierbarkeit und Theorien und Aussagen sich theoretisch auch auf alle möglichen Grundwerte übertragen kann.

Die Lebensrealität als ein weiterer „loci“ theologischer Erkenntnislehre

Um einer allzu starken Dogmatisierung von Glaube und Theologie entgegenzuwirken, wird in manchen Punkten ein Umdenken notwendig sein. Da allein die Tradition an sich nicht als Grundwert gelten kann, ist sie daran zu bewerten, was sie hervorbringt bzw. wie sie sich in unser „heute“ einfügen lässt. Dazu bedarf es einer Neuorientierung hin zur Welt von heute. Dabei wird man eine völlig säkularisierte und autonome Welt vorfinden. Eine der höchsten Errungen-schaften unserer heutigen Zeit ist die Freiheit des Denkens und der Wissenschaften. Es muss darum gehen, den Mechanismus dieser Welt mit all seinen Erfolgen und Fortschritten, aber auch Schattenseiten wahrnehmen, erfassen und auch nachvollziehen zu können. Das bedeutet konkret, den Fokus wieder mehr auf den Menschen und seine Lebensrealität zu richten, sie ernst zu nehmen und auch zu analysieren. Die ganze Bandbreite eines menschlichen Lebens muss dabei in den Blick genommen werden. Dazu gehört die Analyse aller Gefühle von der Freude bis zur Trauer und Angst. Erst in der Wahrnehmung und Wertschätzung menschlicher Lebensvollzüge in der Welt von heute gewinnt metaphysisches und theologisches Denken wieder an Dynamik und Aktualität. Der Grundgedanke für diesen entscheidenden theologischen Ansatz mit der Einbeziehung des Menschen geht auf Karl Rahner zurück. Bei ihm kommt besonders die Her-vorhebung und Würdigung der menschlichen Freiheit zum Ausdruck. Im Rückbezug auf die Existenzphilosophie Martin Heideggers bildet den Grund, der alle Fragen trägt, das Sein. Dieses ist Vorsausetzung und Bedingung menschlichen Lebens. Das „Sein“ ist für Heidegger eine konkrete und fassbare Realität, welches den Zugang zum konkreten menschlichen Dasein eröffnet. Damit soll nicht gesagt sein, dass sich das Denken allein auf jene Dinge, die sich unmittelbar zeigen zu „beschränken“ habe. Durch das Festhalten an konkreten und fassbaren Sachverhalten sollen vielmehr Zusammenhänge sichtbar werden, in denen einzelne Phänomene stehen. So wird das, was sich zunächst und zumeist gerade nicht zeigt, als etwas begriffen, was sich wesenhaft zu den sichtbaren Phänomenen verhält, insofern es deren Wesen und Grund aus-macht. Es geht also nicht darum, einzelne Arten von Seiendem nebeneinander darzustellen, sondern vielmehr darum, in der Betrachtung der einzelnen (sichtbaren) Phänomene das (unsicht-bare) „Sein des Seienden“ zu erfassen.

Zu diesem Sein versucht der Mensch als ein fragendes Wesen vorzugreifen. Der Mensch bleibt bei dieser Ergründung des Seins ein fragendes und suchendes Wesen. Rahner begreift den Menschen von seiner Natur aus selbst als die radikale Frage nach dem Sein und weist dieses „Fragen-Müssen“ als das grundlegende Existential des Menschen aus. Dieses Fragen-Müssen und ständige Suchen des menschlichen Geistes in der Ergründung des Seins, impliziert notwendig auch all seine Zweifel, sowie seine freie Entscheidung gegen Gott. Diese Möglichkeit ist eine logische Konsequenz in der Annahme des Menschen als ein freies und autonomes Wesen. Ein mögliches „Nein“ zu Gott wäre daher ebenso ein Resultat seiner freien Suche nach dem Grund des Seins. Demnach wäre auch der Atheismus ein Resultat des ständigen Suchens, das man auf das übernatürliche Existential des Menschen zurückführen könnte.

[...]

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Menschliche Freiheit vor dem Horizont göttlicher Offenbarung
Untertitel
Ambivalenz von Dogmatismus und autonomer Theologie
Hochschule
Universität Salzburg  (Katholisch-Theologische Fakultät)
Veranstaltung
Fundamentaltheologieches Seminar
Note
1,0 (sehr gut)
Autor
Jahr
2016
Seiten
6
Katalognummer
V356908
ISBN (eBook)
9783668425552
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theologie - Anthropologie
Arbeit zitieren
Maximilian Bekmann (Autor), 2016, Menschliche Freiheit vor dem Horizont göttlicher Offenbarung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/356908

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Menschliche Freiheit vor dem Horizont göttlicher Offenbarung


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden