Paul Churchlands 'Eliminativer Materialismus' und seine Kritiker


Masterarbeit, 2016
95 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Der Eliminative Materialismus (EM)
1.1 Die Grundlagen des EM
1.1.1 Das Körper-Geist-Problem
1.1.2 Lösungsansätze für das Körper-Geist-Problem.
1.1.3 Der Einfluss von Hanson, Feyerabend und Sellars
1.2 Die Thesen Paul Churchlands
1.2.1 Der Theoriecharakter der Alltagspsychologie (AP)
1.2.2 Die AP ist eine falsche Theorie
1.2.3 Reduktion, Elimination oder Revision
1.3 Konsequenzen der Elimination mentaler Zustände
1.3.1 Positive Auswirkungen
1.3.2 Negative Auswirkungen
1.4 Zusammenfassung von Kapitel 1

2. Argumente gegen den EM
2.1 Einwände gegen die Defizite der AP
2.2 Einwände gegen den Reduktionsansatz
2.2.1 Das Primat der Physik
2.2.2 Die AP ist keine empirische Theorie
2.2.3 Eine Reduktion der AP ist prinzipiell nicht möglich
2.3 Das Inkohärenzargument
2.4 Zusammenfassung von Kapitel 2

3. Eliminiert der EM sich selbst?
3.1 Gibt es Ansatzpunkte für eine zukünftige Bedeutung?
3.2 Warum der EM (voraussichtlich) scheitern wird?

4. Schlussbetrachtungen

Literaturverzeichnis

Einleitung

In der Philosophie des Geistes ist das Körper-Geist-Problem (Leib-Seele-Problem) das zentrale Thema. Dabei geht es um das Verhältnis zwischen dem Mentalen (Geistigen, Seelischen) und dem Physischen (Körperlichen, Materiellen), deren jeweiligen Eigenschaften und ihre Beziehungen untereinander. Die Kernfrage lautet: Sind mentale Zustände wie Empfindungen, propositionale Einstellungen und Emotionen etwas Eigenständiges außerhalb der physischen Welt, sind sie in einer wie auch immer gearteten Weise auf physikalische/materielle Prozesse zu reduzieren und zu erklären oder gibt es sie gar nicht? Die letztere, radikale Sichtweise wird durchaus von einigen Philosophen unter dem Begriff des 'Eliminativen Materialismus' (EM) vertreten. Danach gibt es mentale Zustände genauso wenig, wie es Hexen oder Dämonen gibt!

Paul M. Churchlands (im Weiteren: PMC) Beitrag "Eliminative Materialism and the Propositional Attitudes" aus dem Jahre 1981 (PMC 1981) bildet den Ausgangspunkt der folgenden Untersuchung. Ihr Ziel ist es, den EM aus der Position von PMC zu beschreiben, zu analysieren und der entsprechenden (immensen) Kritik gegenüberzustellen. Als Ergebnis kommt der Verfasser zu dem Schluss, dass der EM in der von PMC vertretenen Sicht wenig plausibel und kaum haltbar erscheint.

Nach der Einleitung erfolgt in Kapitel 1 eine Einordnung des EM innerhalb des Rahmens der Philosophie des Geistes. Dazu werden die eigentliche Fragestellung des Körper-Geist-Problems und dessen bekannteste Lösungsansätze kurz erläutert. Die anschließende Betrachtung des besonderen Einflusses von Hanson, Sellars und Feyerabend auf PMCs Sichtweise beendet Kapitel 1.1. In Kapitel 1.2 werden die Thesen von PMC in Bezug auf den EM vorgestellt.

PMCs elementarer Ansatz ist die Behauptung, dass propositionale Einstellungen (Wünsche, Befürchtungen, Überzeugungen, etc.), aber auch die mit der mentalen Sprache zum Ausdruck gebrachten Empfindungen und Gefühle nicht existieren.

Der Ansatz 'seines' EM basiert auf drei wesentlichen Annahmen:

- Mentale Zustände sind das Konstrukt eines Geflechts theoretischer Begriffe, die sich über einen langen Zeitraum im Rahmen der Alltagspsychologie1 (im Weiteren: AP) herausgebildet haben.
- Die AP als Konzeption psychologischer Phänomene ist eine empirische Theorie, aber eine falsche Theorie, die zukünftig höchstwahrscheinlich durch eine bessere aus den Neurowissenschaften ersetzt, also eliminiert wird.
- Mit Elimination der AP wird unsere heutige Redeweise von "mentalen Zuständen" zugunsten moderner neuronaler Bezeichnungen und Beschreibungen ersetzt.

Die Radikalität des Ansatzes drückt sich dadurch aus, dass es nicht nur um ein zu korrigierendes, veraltetes Sprachgebilde geht, das durch die AP die mentalen Zustände unpräzise beschreibt, sondern, dass hinter der Theorie der AP keine Entitäten existieren, somit die Theorie sich auf nichts bezieht und es deshalb keine mentalen Zustände gibt.

Insbesondere bzgl. der propositionalen Einstellungen besteht für PMC die Funktion der AP darin, damit das Verhalten anderer Menschen beschreiben, erklären und vorhersagen zu können und damit die Grundlage für das Verstehen des Fremdpsychischen zu legen. Ausdrücke wie:

'x hofft, dass p' und 'x entdeckt, dass p' hat zur Folge 'x freut sich, dass p'2

sind für PMC Prinzipien und Gesetze einer Theorie, die empirisch überprüft werden können. Die AP zeigt damit eine strukturelle Ähnlichkeit zu Theorien anderer Wissenschaften in der Weise, dass sich die gesetzmäßigen Beziehungen sowohl hier wie dort analog generalisieren lassen.

Der letzte Teil des 1. Kapitels behandelt die Konsequenzen eines als richtig angenommenen EM. PMC selbst begrüßt das immense Ausmaß der begrifflichen (und ontologischen) Revolution euphorisch und sieht den Nutzen für die Menschheit im besseren gegenseitigen Verständnis und einer friedlicheren und humaneren Gesellschaft. Viele andere Philosophen sehen die Konsequenzen erheblich skeptischer, Fodor z.B. als die größte intellektuelle Katastrophe in der Geschichte unserer Gattung. Die Liste der gravierenden Folgen ist lang und führt im anschließenden Kapitel 2 zu den Kritikern des EM und ihren profunden Einwänden.

Die Einwände gegenüber dem EM orientieren sich vorrangig an den Überlegungen von Peter Hacker, Oswald Hanfling und Severin Schroeder, aber auch andere Philosophen werden angeführt, sofern sie zusätzliche Argumente vertreten. Bei der sequentiellen, autorenbezogenen Behandlung einzelner Kritiken ergibt sich das Problem, dass die Argumentationen einander oft ähneln und Wiederholungen unvermeidbar wären. Stattdessen erfolgt eine themenbezogene Unterteilung der Kritiken in Bezug auf die Defizite der AP, die reduktionistischen Ansätze des Mentalen auf das Physische und den Inkohärenzvorwurf gegen den EM.

Kapitel 2.1 behandelt die Einwände gegen die drei vermeintlichen Defizite des explanatorischen Misserfolgs, der Stagnation und der Inkohärenz der AP. Im anschließenden Kapitel 2.2 werden die Kritiken an verschiedenen reduktionistischen Ansätzen betrachtet. Dazu wird zunächst unabhängig vom EM und der AP hinterfragt, mit welcher Begründung die Physik selbst oder auf ihr basierende Wissenschaften automatisch als Meta- und Zieldisziplin einer Reduktion anzunehmen sind. Anschließend werden konkret die Einwände am Theorieanspruch der AP erörtert. Dies ist ein zentraler Punkt für die Ablehnung oder Befürwortung des EM, da daran die Möglichkeit einer Reduktion der AP z.B. auf die Neurophysiologie geknüpft ist.

Weitere antireduktionistische Ansätze beziehen sich auf die Qualia-basierten mentalen Zustände. Hier steht nicht die Frage der AP als Theorie im Mittelpunkt, sondern der prinzipielle Zweifel, dass mentale Zustände im Rahmen der Naturwissenschaften auf eine physikalisch/ materialistische Welt zurückführbar sind. Die Position PMCs zu diesem Themenkomplex ist zentral in seinem 1985 veröffentlichten Aufsatz 'Reduction, Qualia, and the Direct Introspection of Brain States' enthalten, der als weiterer Ausgangspunkt der Untersuchungen herangezogen wird. Insbesondere hat er sich hier mit bekannten Gedankenexperimenten von T. Nagel und F. Jackson auseinandergesetzt.

Kapitel 2.3 behandelt den Einwand gegen den EM, der von vornherein die Inkohärenz des Ansatzes zeigen soll. Es handelt sich um eine reductio ad absurdum, die - rudimentär gesprochen - davon ausgeht, dass der Vertreter des EM seine Thesen ja selbst behauptet und sinnvollerweise an die Gültigkeit glauben muss sowie andere davon überzeugen will, sie auch zu glauben, also intentionale Zustände voraussetzt, die gemäß der These gar nicht existieren. PMC versucht sie mit einem Analogieschluss anhand der 'Existenz des Lebensgeistes' zu entkräften, aber es werden hier - so soll gezeigt werden - unterschiedliche Annahmen verwendet bzw. neue Probleme an anderer Stelle generiert.

Im abschließenden Kapitel 3 werden die Sichtweisen noch einmal mit der Zielsetzung einander gegenübergestellt, wie es um die Zukunftsfähigkeit und damit längerfristige Bedeutung des EM bestellt ist. Es wird untersucht, ob neuere Erkenntnisse in den Neurowissenschaften oder deren philosophischen Grundlagen einen Beitrag in die eine oder andere Richtung bzgl. des EM leisten können. Aber auch zusätzliche Argumente Pro oder Contra EM können das abschließende Gesamtbild nur graduell ändern. Als Ergebnis ist festzuhalten, dass der EM in der dargestellten radikalen Form zukünftig nicht haltbar ist und mit großer Wahrscheinlichkeit scheitern wird, und zwar sowohl bzgl. des Rahmenkonstrukts der Sprache, mit der über mentale Zustände in der Alltagssprache gesprochen wird als auch bzgl. der ontologischen Infragestellung der Existenz der mentalen Zustände selbst.

1. Der Eliminative Materialismus (EM)

Wer in der Nähe des Äquators steht, dreht sich auf der Erde mit einer Geschwindigkeit von ca. 1670 km pro Stunde und trotzdem: die Frisur sitzt! Gleichzeitig rotieren wir um die Sonne mit rd. 100000 km/Stunde und unser Sonnensystem rast mit fast 900000 km/Stunde um das Zentrum der Milchstraße, ohne dass uns schwindlig wird. Diese Bewegungen zu glauben fällt schwer, weil sie mit unseren Sinnen nicht wahrnehmbar und damit kontraintuitiv sind. Ebenso kontraintuitiv ist die Behauptung, dass es keine mentalen Zustände wie Empfindungen, propositionale Einstellungen und Emotionen geben soll. Aber es gibt eine Reihe von Philosophen, die genau das behaupten:

Mentale Zustände gibt es ebenso wenig wie es Dämonen und Hexen oder einen Wärmestoff oder Phlogiston gibt. (Beckermann 2008: 273)

Beide Arten von Aussagen erscheinen unglaubwürdig und eher absurd, aber bzgl. der Erdbewegung haben physikalische Experimente deren Gültigkeit belegt. Gilt die Widerlegung eines kontraintuitiven Verständnisses nun auch eines Tages aufgrund des wissenschaftlichen Fortschritts für mentale Zustände, nämlich dass sie nicht existieren? Die Vertreter des EM behaupten dies und würden bei einer Bestätigung das Körper-Geist-Problem eher beseitigen als es lösen.

In Kapitel 1.1 wird zunächst erläutert, wie die philosophische Ausgangssituation für den EM in den 70er Jahren war und wie er im Rahmen der Körper-Geist-Problematik einzuordnen ist. In Kapitel 1.2 erfolgt dann die Vorstellung der Sicht PMCs, dem wohl bekanntesten Vertreter des EM. Die positiven und negativen Konsequenzen eines als erfolgreich angenommenen EM werden in Kapitel 1.3 erörtert.

1.1 Die Grundlagen des EM

1.1.1 Das Körper-Geist-Problem

In der Philosophie des Geistes, die sich mit dem mentalen3 Bereich des menschlichen Lebens befasst, steht das "Körper-Geist-Problem" im Mittelpunkt. Zum mentalen Bereich gehören Überzeugungen, Wahrnehmungen, Wünsche, Hoffnungen, Empfindungen, Schmerzen, Emotionen, Erinnerungen, Gedanken und Gefühle aber auch 'ängstlich sein'. Während letzteres eine Disposition oder Verhaltensneigung ist, also keine manifeste Eigenschaft, sollen alle davor genannten vereinfachend als mentale Eigenschaften oder Zustände bezeichnet werden, die sich in Akten, und Ereignissen manifestieren. Weiterhin ist es für die Zielsetzung der Untersuchung ausreichend, mentale Zustände und Eigenschaften in solche mit qualitativem Charakter (Qualia) wie dem subjektiven Erleben körperlicher Empfindungen sowie Wahrnehmungseindrücken und intentionalem Charakter mit propositionalen Einstellungen zu unterteilen (vgl. Beckermann, 2008: 13).

Vereinfacht ausgedrückt wird beim Körper-Geist-Problem gefragt, wo Mentales stattfindet, was die 'wahre Natur' von geistigen Zuständen sowie Ereignissen und wie eine Verbindung mit der physischen Körperwelt gestaltet sein könnte? Als Fragen nach der Existenz und dem Wesenskern von Entitäten handelt es sich um eine ontologische Problemstellung. Darüber hinaus gibt es aber mit der semantischen, epistemischen und methodologischen Sichtweise drei weitere wichtige Aspekte bei der Untersuchung des Mentalen (PMC 1988: 2f).

Bei dem semantischen Teilproblem geht es um die Bedeutung der sprachlich ausgedrückten mentalen Begriffe. Was ist gemeint, wenn z.B. von einer Farbempfindung gesprochen wird, wie kommt die Bedeutung mentaler Ausdrücke zustande und gibt es Kriterien, die die Bedeutung intersubjektiv vergleichbar machen?

Die epistemische Sicht auf das Mentale ist ebenfalls zentral, weil es hier um die erkenntnisorientierte Frage geht, auf welchem der zwei prinzipiell möglichen Wege das Wissen über die Psyche erlangt wird. Der erste Weg vollzieht sich über die subjektive Wahrnehmung der eigenen Empfindungen aus der 'Ersten-Person-Sicht', das Wissen über die eigenen mentalen Zustände, von denen man meint, dass man sich über sie nicht irren kann und somit über einen privilegierten Zugang mittels Introspektion verfügt. Der zweite Weg besteht in der Beobachtung und Analyse der Äußerungen und des Verhaltens anderer Menschen, d.h. er ist der Zugang von außen aus der 'Dritten-Person-Sicht'.

Im vierten und letzten Teilbereich stellt sich die Frage nach der besten Methode für die Untersuchung und Lösung des Körper-Geist-Problems. Ist es die Philosophie, sind es die Naturwissenschaften oder sind letztlich beide bei der Lösung unentbehrlich und sollten sich gegenseitig mit neusten Erkenntnissen befruchten?

Das Körper-Geist-Problem ist zwar primär eine ontologische Fragestellung, aber die drei anderen genannten Aspekte können nicht außer Acht gelassen werden. PMC betont dies ausdrücklich:

You can appreciate already that no solution to the mind-body problem will rest easy without a simultaneous solution to the semantical problem. [...] These issues lead naturally enough to the epistemological problem.[...] The shape of future theories hangs on these [methodological, Anm. d. Verf.] issues. (PMC 1988: 4f.)

Das gilt insbesondere auch für PMCs Behandlung des EM, in der er nicht nur die Alltagssprache über mentale Zustände durch ein neues Vokabular der zukünftig ausgereiften Neurophysiologie ersetzt sieht, sondern zugleich auch die Existenz mentaler Entitäten bestreitet.

Das Körper-Geist-Problem wird in der älteren, aber durchaus noch verwendeten Form auch als Leib-Seele-Problem bezeichnet, wobei beide Begriffe etwas unglücklich gewählt sind, weil "Leib" und "Seele" zusätzlich theologische Bedeutung haben und die Seele außerdem eine Person als Ganzes bezeichnen kann4. Eine Reihe von Autoren hält selbst die Begriffe von Körper und Geist für nicht mehr geeignet, da es nicht um den Körper als Ganzes geht, sondern um das Gehirn, und der Begriff Geist als Substantiv mehrdeutig sein kann, so dass er besser durch Bewusstsein ersetzt werden sollte oder sogar, um von der Substantiierung wegzukommen, das Problem als die Frage nach der Beziehung zwischen neuronalen und bewusstseinsmäßigen Eigenschaften zu stellen (Pauen 2014: 34f.). Obwohl die Formulierung 'Gehirn-Bewusstsein'-Problem oder 'mind-brain'-Problem wie Patricia Churchland (im Weiteren: PSC) es geprägt hat (PSC 1986) eher dem Fokus des EM und damit dem von PMC entspricht, soll im Folgenden weiterhin vom klassischen Körper-Geist-Problem gesprochen werden, da es eine breiter angelegte Sichtweise erlaubt, denn gerade die eingeschränkte 'mind-brain'-Sicht wird von den Kritikern bemängelt..

Was ist nun das Problem? Das Problem ist, ob mentale Zustände wie Empfindungen und proportionale Einstellungen auf eigenständigen immateriellen Entitäten basieren, also substantiell etwas anderes sind als körperliche/materielle Dinge oder ob sie ebenfalls physisch und vielleicht physikalisch erklärbar sind. Bei der Klärung des Verhältnisses des Mentalen zum Physischen lassen sich demzufolge die zwei gegensätzlichen Sichtweisen des Dualismus und des Physikalismus5 unterscheiden. Vertreter des Dualismus gehen davon aus, dass das Mentale ontologisch eigenständig ist und nicht auf den physischen Bereich zurückgeführt werden kann. Physikalisten glauben dagegen, dass es nur physische Dinge gibt und insbesondere das Mentale auf das Physische reduzierbar ist. Der Gegensatz Dualismus - Physikalismus ist im weitesten Sinne schon in der Antike diskutiert worden, die uns heute vertraute Version des Substanz-Dualismus setzt mit Descartes ein, der von zwei Substanzen in Form der ausgedehnten Dinge (res extensia) und des immateriellen Geistes (res cogitans) ausging. Neben dem Substanz-Dualismus, der gegenwärtig kaum noch vertreten wird, entstand eine weitere Form des Dualismus, die sich mit den Eigenschaften statt mit den Substanzen befasst. Man kann dem Mentalen eine immaterielle, nicht physikalisch erklärbare Substanz absprechen, aber trotzdem der Meinung sein, dass mentale Eigenschaften nicht physischer Natur sind und nicht auf physische Eigenschaften zurückgeführt werden können, also ontologisch eigenständig sind. Vertreter dieser Sichtweise heißen Eigenschaftsdualisten. Dagegen meinen Eigenschaftsphysikalisten, dass auch mentale entweder physische Eigenschaften sind oder zumindest auf sie reduziert werden können (vgl. Beckermann 2008: 6f.).

Wie sich der Konflikt zwischen Dualismus und Physikalismus ergibt und dass die jeweilige Sichtweise problembehaftet ist, lässt sich anschaulich am sogenannten 'Bieri-Trilemma' als einer alternativen Formulierung des traditionellen Körper-Geist-Problems demonstrieren (Bieri 2007: 5f.):

- Mentale Phänomene sind nicht physische Phänomene.
- Mentale Phänomene sind im Bereich physischer Phänomene kausal wirksam.
- Der Bereich physischer Phänomene ist kausal geschlossen.

These 1) drückt die intuitive und typische dualistische Position aus. These 2) steht für das Prinzip der mentalen Verursachung, nach der mentale Zustände wie Gedanken, Absichten und Überzeugungen zu physischen/körperlichen Aktivitäten führen oder Phänomene hervorrufen (z.B. Erröten). These 3) spiegelt die vorwissenschaftliche Grundannahme wider, dass jedes physische Phänomen durch ein anderes physisches Phänomen verursacht wird. Diesem methodologischen Physikalismus zufolge kann der Raum physikalischer Erklärungen nicht verlassen werden.

Alle drei Thesen sind für sich intuitiv verständlich und gut nachvollziehbar, nur sie können nicht alle gleichzeitig wahr sein, weil sie gemeinsam nicht widerspruchsfrei sind. Jeweils zwei als richtig angenommene Thesen implizieren die Falschheit der dritten. Das Problem lässt sich also nicht lösen. Es kann nur aufgelöst werden, indem eine der Annahmen aufgegeben wird, aber welche?

Nehmen wir 1) und 2) als wahr an. Dies entspricht dem klassischen interaktiven Dualismus, dass das ontologisch verschiedene Mentale und Physische über ein wie auch immer geartetes Medium (bei Descartes z.B. die Zirbeldrüse) interagieren. Die Annahme der mentalen Verursachung gemäß 2) widerspricht aber der physikalischen Geschlossenheit gemäß 3). Man hätte eine Überdeterminierung eines physischen Zustandes durch eine mentale und gleichzeitg eine andere physische Ursache. Dies ist - wenn auch nicht unmöglich - aber unplausibel. Gibt man stattdessen 2) auf und nimmt 1) und 3) als wahr an, so sind diese durchaus kohärent zueinander. Es ergäbe sich wieder der dualistische Standpunkt, bei dem aber eine mentale Verursachung nicht mehr möglich ist, sondern nur noch eine Wirkungsrichtung von physischen auf mentale Phänomene oder keinerlei Interaktion. Diese Fälle werden in den traditionellen Varianten des Epiphänomenalismus und des psychophysischen Parallelismus behandelt und führen dort zu schwerwiegenden Einwänden (vgl. Beckermann 2008: 45f.). Außerdem erscheint die mentale Verursachung intuitiv zu offensichtlich, als dass man auf These 2) verzichten kann. Hält man also an 2) fest und nimmt 3) als wahr dazu, muss 1) falsch sein und genau diesen Standpunkt vertreten die Physikalisten, wenn sie mentale für physische Phänomene halten. (bei Ausschluss einer dritten Art von Substanzen oder Eigenschaften).

Der EM ist einer der physikalisch orientierten Ansätze zur Lösung des Körper-Geist-Problems. Der EM hat aber diesbezüglich kein allgemeines Alleinstellungsmerkmal, er steht im Kontext mit anderen Erklärungsversuchen, mit denen er Gemeinsamkeiten aufweist oder sich fundamental abgrenzt. Für die Einordnung des EM werden die relevanten Problemlösungsansätze im folgenden Kapitel kurz dargestellt.

1.1.2 Lösungsansätze für das Körper-Geist-Problem.

Im Folgenden werden der Behaviorismus, die Identitätstheorie, der Funktionalismus und der sprachanalytische Ansatz Wittgensteins kurz erläutert.

a) Behaviourismus

Beim Behaviorismus steht sowohl begrifflich wie auch ontologisch das Verhältnis von mentalen Zuständen mit beobachtbarem Verhalten im Vordergrund. Gemäß 2) des 'Bieri-Trilemma' wird unterstellt, dass es bei mentaler Verursachung um kausale Wirksamkeit in den Bereich physischer Phänomene geht. Aber muss es sich wirklich um eine Ursache-Wirkungs-Beziehung handeln, oder können nicht mentale Zustände Dispositionen sein, also Eigenschaften eines Körpers, auf bestimmte Reize und Ausgangssituationen ein charakteristisches Verhalten zu zeigen? Das Erröten einer Person wäre dann nicht die kausale Wirkung eines vorausgegangenen mentalen Zustandes des Schämens, sondern eine Verhaltensäußerung, in der sich Scham mit konstituiert. Und Hilfsbereitschaft wäre wie viele andere Dispositionen keine manifeste mentale Eigenschaft, sondern ein kontrafaktisches Konditional, also eine Aussage über hypothetische Verknüpfungen zwischen Ausgangs- und Folgeereignissen. Dass mentale Zustände Verhaltensdispositionen sind oder sich als solche physikalisch beschreiben lassen, ist die Grundthese des Behaviorismus, der sich nochmal in drei weitere Strömungen unterteilen lässt:

a1) Logischer Behaviorismus (Semantischer Physikalismus)6

Gemäß des Logischen Behaviorismus lassen sich psychologische Sätze über mentale Eigenschaften bedeutungsgleich in Sätze über Verhaltens- und Körperphänomene der physikalischen Sprache übersetzen. Eine alternative Formulierung lautet, dass sich mentale Ausdrücke ausschließlich durch physikalische Ausdrücke über Verhaltens- und Körperphänomene definieren lassen (Beckermann 2008: 64f.). Hauptvertreter für diesen analytischen Ansatz sind Carnap und Hempel. Die These, dass sich mentale Eigenschaften exakt mit physikalischem Vokabular definieren lassen, führte zu erheblichen Problemen (vgl. Beckermann 2008: Kap. 4.2):

- Sprachliche Ausdrücke propositionaler Einstellungen sind oft Cluster-Begriffe, die durch hinreichende Bedingungen zwar annähernd gut, aber durch fehlende notwendige Bedingungen nicht exakt genug ausgedrückt werden können.
- Es scheint schwierig zu sein, die Bedingungen einer Definition so vollständig anzugeben, dass keine Gegenbeispiele mehr gefunden werden können.
- Es treten Selbstbezüge in Form anderer propositionaler Einstellungen auf, so dass die Darstellung in physikalischer Sprache zirkulär wird.

Eine etwas andere Richtung verfolgen vor allem Ryle und in Teilen auch Wittgen- stein7 mit ihrer Position, dass die traditionelle Vorstellung über das Mentale in die falsche Richtung geht. Für Ryle ist es ein Kategorienfehler8, wenn 'Schmerz' haben und einen 'Stuhl' haben analog betrachtet werden, indem die Begriffe jeweils auf Objekte hinweisen, beim 'Stuhl' auf ein äußeres und beim Schmerz auf ein inneres Objekt, das insbesondere nur privat direkt zugänglich ist. Er bestreitet ein 'Gespenst in der Maschine', d.h. die Vorstellung, dass das Mentale ein nicht öffentlich beobachtbarer Bereich von inneren Objekten und Vorgängen ist, der nur uns bzw. dem Geist zugänglich ist und der damit gleichzeitig die Ursache für physisches Verhalten und Handlungen sein soll (Ryle 1949: 13f.). Ein typisches Schema für Erklärungen innerhalb der AP ist:

-Eine Person wünscht, dass p.
-Die Person glaubt, dass die Handlung H p herbeiführt.
-Die Person vollzieht H.

Diese und ähnliche Prinzipien , Handlungen durch Wünsche und Überzeugungen zu erklären, sind - wie später noch gezeigt werden soll - für Churchland und den EM kausale Gesetze innerhalb einer empirischen Theorie der AP, während sie für Ryle das genau nicht sind. Für ihn sind es dispositionelle statt kausale Erklärungen und Wünsche sowie Überzeugungen sind nicht singuläre Ereignisse auslösender Ursachen, sondern Dispositionen für die Begründung von Handlungen9.

Es soll hier bereits angemerkt werden, dass der Ausgangspunkt für den Disput zwischen dem EM und seinen Kritikern in dem unterschiedlichen paradigmatischen Rahmen für die jeweilige Sichtweise liegt, also dispositioneller sowie anderer sprachphilosophischer Erklärungsweisen einerseits und kausaler mentaler Verursachung andererseits.

a2) Ontologischer Behaviorismus

Während es beim Logischen Behaviorismus um die Identifikation der Bedeutung mentaler Ausdrücke mit Beschreibungen von Verhalten ging, werden beim ontologischen Behaviorismus die mentalen Zustände und Phänomene mit den Verhaltensdispositionen selbst identifiziert. Mentale Zustände sind demzufolge Verhaltensneigungen, einer Erklärung, die dem EM zwar nicht vergleichbar ist, aber als ontologische Position über Mentales durchaus in die Nähe des EM kommt.

a3) Methodologischer Behaviorismus

Ohne weitere Bedeutung für die Betrachtung des EM soll noch der Vollständigkeit halber der Methodologische Behaviorismus erwähnt werden. Hier geht es um den wissenschaftlichen, methodischen Ansatz in der Psychologie, bei psychologischen Erklärungen mentale Zustände außer Acht zu lassen. Verhalten soll sich demzufolge ausschließlich über beobachtbare Input-Output-Relationen erklären, also der empirischen Untersuchung von Reiz-Reaktions-Sequenzen. Hintergrund ist, dass sich das 'Mittelstück' zwischen In- und Output der nur durch Introspektion zugänglichen inneren mentalen Zustände einer intersubjektiven Überprüfbarkeit entziehen.

b) Klassische Identitätstheorie

Der Versuch, im Rahmen des semantischen Physikalismus mentale in physikalische Ausdrücke zu übersetzen oder sie durch sie zu definieren war äußerst problematisch und kann als gescheitert gelten. Die angestrebte Identität basierte auf dem Ansatz, dass zwei Prädikate genau dann dieselbe Eigenschaft haben, wenn sie synonym sind. Die 'Klassische Identitätstheorie' von Smart, Place und Feigl geht jedoch davon aus, dass auch zwei nicht synonyme Prädikate durchaus dieselben Eigenschaften haben können, so z.B. ist H2O identisch mit Wasser. Diese Identität ist nicht a priori rein analytisch gegeben10, sondern kann nur a posteriori nach der Erfahrung der Bedeutung der Begriffe von H2O und Wasser ermittelt werden. Übertragen auf das Körper-Geist-Problem heißt dies, dass jede mentale Eigenschaft mit einer physischen Eigenschaft a posteriori identisch ist und zwar mit Gehirnzuständen. Ein Vorteil dieses Standpunktes ist, dass sie die materialistische Sichtweise beibehalten kann, ohne dass mentale Zustände in physikalischer Sprache definiert werden müssen. Der Identitätstheoretiker löst das Problem, das Mentales Physisches verursacht, indem er es mit dem Physischen identisch setzt und es als zwei Seiten derselben materiellen Medaille sieht.

Die Einwände gegen die Identitätstheorie sind vielfältig. Sie basieren u.a. auf der Unverträglichkeit mentaler und physischer Phänomene in Form von den schon erwähnten Kategorienfehlern, bei denen die mentalen Phänomene nur in der ersten Person privat sowie unfehlbar zugänglich sind und die physischen Phänomene nur in der dritten Person von außen.

Das Hauptargument gegen die Identitätstheorie ist das Problem der multiplen Realisierbarkeit. Vereinfacht ausgedrückt stellt sich die Frage, wie Menschen, Hunde und Vögel denselben mentalen (type)-Zustand von Schmerzen haben können, wenn doch ihre Gehirne unterschiedlich gebaut sowie organisiert sind und somit der mentale Zustand Schmerz niemals mit einem Gehirnzustand identisch sein kann?

c) Funktionalismus

Das Problem der multiplen Realisierbarkeit führte zum Funktionalismus. In ihm werden mentale als funktionale Zustände verstanden. Funktionale Zustände sind kausal veranlasste Zustände eines (allgemeinen) Systems, charakterisiert durch drei Beziehungen: sie werden durch Input-Relationen von Ereignissen außerhalb des Systems verursacht, beeinflussen selbst wieder durch Outputs andere Systeme und verändern ihre eigenen Systemzustände durch innere kausale Beziehungen. Der Vorteil dieser Betrachtungsweise liegt auf der Hand: Die funktional verstandenen Zustände sind unabhängig von ihrer physischen Realisierung. Marsmenschen und Computer könnten demzufolge die gleichen mentalen Zustände haben wie Menschen, sofern sie über dieselben funktionalen Zustände verfügen. Die Besonderheit dabei ist, dass ohne zusätzliche Thesen die funktionalen Zustände nichts über ihr Wesen sagen, also nicht materialistisch sein müssen und somit ontologisch neutral sind. Außerdem bewahrt der Funktionalismus die plausible Klammer des Behaviorismus zwischen mentalen Zuständen und Verhalten, die aber nicht auf Dispositionen basieren sondern auf kausalen Ursache-Wirkungsbeziehungen.

Der Haupteinwand gegen den Funktionalismus, dass mentale nicht funktionale Zustände sein können, betrifft die Möglichkeit - zumindest gedanklich - Systeme mit funktionalen Zuständen wie bei Gehirnen zu konstruieren, die aber keine mentalen Zustände repräsentieren können, wie z.B. ein Computer, der Schmerzen empfindet11

d) Wittgensteins Ansatz

Wittgensteins Ansatz lässt sich keiner der bekannten philosophischen Schulen direkt zuordnen. Seine vor allem in den 'Philosophischen Untersuchungen' (Wittgen-stein 1984) vorgestellte Sichtweise ist eigenständig und hat eine eigene Denkrichtung begründet, die wesentlichen Einfluss bis in die gegenwärtige Philosophie ausübt. So sind die weiter unten angeführten Kritiken von Hacker, Schroeder und Hanfling am EM stark von der Position Wittgensteins beeinflusst.

Bei aller Selbständigkeit des Ansatzes von Wittgenstein zeigen sich doch in Teilen Übereinstimmungen mit dem Behaviorismus und Funktionalismus. So vermutet Wittgenstein selbst, dass er als Behaviorist bezeichnet werden könnte:

'Bist du nicht doch ein verkappter Behaviourist? Sagst du nicht doch, im Grunde, daß alles Fiktion ist, außer dem menschlichen Benehmen?' Wenn ich von einer Fiktion rede, dann von einer grammatischen Fiktion. (Wittgenstein 1984: §307)

Wittgenstein meint damit seinen sprachphilosophischen Ansatz, dass die Probleme meist Sprachverwirrungen sind, die aus einer falschen, nicht herkunftsbezogen alltagsorientierten Verwendung der Sprache resultieren. In seiner Sicht passiert das, wenn die Sprache 'feiert' oder 'leer läuft', nicht wenn sie arbeitet (Wittgenstein, 1984: §§38 und 132).

Was Wittgenstein mit dem Behaviorismus teilt, ist der enge Zusammenhang zwischen Verhalten und mentalen Zuständen: "Ein 'innerer Vorgang' bedarf äußerer Kriterien." (Wittgenstein 1984: §580) Demnach ist es ein Fehler, dass mentale Ausdrücke auf innere Objekte oder Vorgänge in der Weise referenzieren sollen, wie sich physikalische Ausdrücke auf reale Objekte beziehen. Mentale Ausdrücke, wie 'Schmerzen haben' können sich nicht auf die der einzelnen Person nur privat zugänglichen inneren Phänomene beziehen. Es würde sich um die Verwendung einer Privatsprache handeln, mit der ohne Existenz öffentlich zugänglicher Kriterien keine Bedeutung und kein Inhalt auszudrücken wäre (auch als 'Privatsprachen-Argument' bezeichnet).

Wittgenstein teilt mit den Behavioristen nicht, dass psychologische in physische Ausdrücke übersetzt werden können und dass Empfindungen nur Dispositionen über Verhalten sind. Mit den Funktionalisten stimmt der bezüglich der engen Verknüpfung von Mentalem und Verhalten durchaus überein, was er ablehnt, ist über eine Analogie hinaus die mögliche Identifikation von mentalen Zuständen als Realisierungen in Computern (vgl. Schroeder 2014: 98f.).

e) Der EM als Alternative

Während Wittgenstein die (mentalen) Begriffe für eine korrekte Anwendung sinnvollerweise gerade im Umfeld und Kontext der Alltagssprache eingebettet sieht und sie durch den Gebrauch in der (Alltags-)Sprache erst ihre Bedeutung bekommen (Wittgenstein 1984: §43), verstehen Vertreter des EM die mentalen Begriffe als theoretische Elemente der AP, die selbst als empirische Theorie grundlegend falsch ist. Dies führt zu der These des EM, dass mentale Zustände nicht existieren: "Niemand hat je einen Gedanken, eine Wahrnehmung oder ein Gefühl gehabt" (Metzinger 2007:184). Die These führt darauf hinaus, dass physiologische Ausdrücke auf neuronale Prozesse referieren, aber mentale Ausdrücke nicht auf wirklich Existierendes. Demzufolge ist eine Beziehung zwischen mentalen und physischen Entitäten eine zwischen nicht existierenden und existierenden Dingen, d.h. es gibt keine psychophysische Relation. Quine begründet es kurz und knapp mit (Ockhams Sparsamkeitsprinzip):

Die körperlichen Zustände existieren in jedem Fall - warum also noch die anderen hinzufügen? Die Introspektion lässt sich dann als das Erleben des eigenen Körperzustands auffassen [...].(Quine 1980: 456)

Mit Annahme dieser These löst sich das Körper-Geist-Problem "von selbst" auf. Die schwierigen Fragen der Beziehungen und des Zusammenwirkens zwischen Geist und Gehirn wären überwunden, ohne sie im einzelnen vorher gelöst zu haben.

Diese Sichtweise auf die AP und den EM wird in erster Linie von PMC, seiner Frau Patricia und in Teilen vom "frühen" Stephen Stich vertreten, die man als "zweite Welle" des EM betrachten kann. Arbeiten, die zumindest auch in Ansätzen den EM in einer "ersten Welle" vorbereiteten, erfolgten durch Willard Quine, Thomas Kuhn und Richard Rorty. Ferner haben die Überlegungen von Norwood Hanson, Paul Feyerabend und vor allem Wilfrid Sellars wesentlichen Einfluss auf Paul Churchland ausgeübt. Diese Einflussfaktoren sollen im folgenden kurz erläutert werden, da sie unterstützend zeigen können, was PMC als zentraler Vertreter des EM in seine Thesen übernommen hat, was sein genuiner Beitrag ist und inwiefern er sich von anderen Philosophen abgrenzt.12

1.1.3 Der Einfluss von Hanson, Feyerabend und Sellars

Hanson untersucht in seinem 1958 erschienenen Buch 'Patterns of Discovery' (Hanson 1958) das praktische Vorgehen in den Wissenschaften. Zum Einen ist für ihn die Unterscheidung zwischen dem Kontext der Entdeckung und der Bewährung von Hypothesen interessant. Hanson zufolge kommt die Findung von Hypothesen häufig irrational, in erratisch erscheinenden Sprüngen und eher regelbrechend zustande, während deren Bestätigung in rationaler Weise regelbasiert erfolgt. Ein zweiter - für PMC wichtigerer - Aspekt ist Hansons Behauptung, dass alle Beobachtung und insbesondere die wissenschaftliche Beobachtung theoriegeladen ist. Theoriegeladen aber nicht in dem Sinne, dass eine Wahrnehmung anschließend interpretiert wird, sondern dass sie unzertrennlich wechselseitig mit einer Theorie verbunden ist. Wer der arabischen oder chinesischen Schrift nicht mächtig ist, dem erscheinen die Zeichen als nichtssagende Linien und Punkte, wer ein medizinischer Laie ist, der erkennt keine Ultraschall Aufnahme und ein 4-jähriges Kind erkennt beim Anblick eines Schachspiels nicht, dass einer der Spieler kurz vor einem bedrohlichen Matt steht.

Bei Sellars gibt es ebenfalls zwei Aspekte, die Einfluss auf PMC ausübten. Der eine ist sein 'Zwei-Bilder-Verständnis' der Welt und der andere der 'Mythos-des-Gegebenen'.

Nach Sellars gibt es das manifeste und das wissenschaftliche Bild, die erst zusammen ein Gesamtbild über uns und die Welt vermitteln. Die manifeste Sicht ist der alltägliche Begriffsrahmen mit dem wir uns selbst begegnen und verstehen. Sie hat sich im Laufe der Menschheit herausgebildet, um uns selbst als Objekt zu beschreiben und zu erklären. Das manifeste Bild begreift unser Selbstbild als das der 'Person', das für jedermann sicht- und beobachtbar ist. Auf der anderen Seite gibt es das wissenschaftliche Bild, in dem mit naturwissenschaftlichen Methoden das Unbeobachtbare untersucht wird. Menschliche Wesen werden dabei 'depersonalisiert' in dem Sinne, dass sie nicht mehr als Personen verstanden werden, sondern als Ansammlungen von Atomen, Molekülen, Zellen oder Genexpressionen. Das Menschenbild ergibt sich aus der Zusammensetzung der Erkenntnisse aus verschiedenen Teildisziplinen, die jeweils auf unterschiedlichen Untersuchungen abstrakter naturwissenschaftlicher Entitäten basieren. Gemäß Sellars hat nun jede der Sichten ihre Berechtigung als eindimensionale Kategorie, die jeweils aber nur einen Teil des Weltbildes vermitteln. Erst das Zusammenspiel beider Komponenten ergibt wie beim stereoskopischen Sehen ein konsistentes Gesamtbild.

Der vielleicht bekannteste Beitrag Sellars betrifft aber den 'Mythos des Gegebenen' (Sellars, 1956). Einfach ausgedrückt besagt er, dass alle Phänomene, also auch mentale Phänomene, nur durch den Filter einer noch so rudimentären Theorie erkenntnismäßig zugänglich sind. Demzufolge gibt es keine "reinen" unmittelbar gegebenen Beobachtungsbegriffe, sondern die Wahrnehmung und begriffliche Zuordnung von Sinnesdaten sind immer 'theoriedurchtränkt'. Deshalb gibt es auch keinen Unterschied zwischen Beobachtungsbegriffen und theoretischen Begriffen. Danach ist es ein Widerspruch, dass es einerseits Wahrnehmungseindrücke geben kann, die unmittelbar gegeben und vorbegrifflich sind, andererseits aber schon einen erkenntnismäßigen Status aufweisen müssen, weil sie z.B. für Begründungen von anderen Erkenntnissen benötigt werden.

Sowohl Hanson als auch Sellars bestreiten die positivistische Annahme, dass es einen objektiven, vom Menschen unabhängigen Datenpool gibt, den wir in der wissenschaftlichen Tätigkeit durch Beobachtung für die Beurteilung verschiedener Hypothesen heranziehen. Stattdessen vertreten sie die Ansicht, dass Beobachtungen und Begriffsbildungen immer theoriebehaftet sind.

Paul Feyerabend als dritter wichtiger Einflussfaktor auf PMC sieht die wissenschaftliche Arbeit auch als demokratischen Prozess, bei dem es gilt, mögliche auftretende Dogmen in der Wissenschaft zu verhindern und in gewisser Weise die Wissenschaft vor sich selbst und dem Dogma zu schützen. Er beklagt z.B., dass neue Theorien häufig bereits kritisiert und verworfen werden, bevor sie die Chance hatten, einer Prüfung unterzogen zu werden. Für den Materialismus-Ansatz in der Theorie des Geistes sind es die Einwände, dass diese Theorie bedeutungslos ist oder selbst wenn sie es nicht wäre, sie einfach falsch wäre. Sie steht im Konflikt mit der AP. Aber woher nimmt die AP ihren Geltungsanspruch. Gemäß Feyerabend basiert er 'nur' auf ihrer weiten Verbreitung, dem alltäglichen Gebrauch sowie ihres praktischen Erfolges über einen langen Entwicklungszeitraum hinweg. Feyerabend bemängelt, dass die AP nicht auf Fakten, sondern auf Glauben und Intuition aufgebaut ist. Die Wahrheit dieses Glaubens wird nicht in Frage gestellt und genau an dieser Stelle setzt der Materialismus an. Ein materialistischer Ansatz müsste die Aussagen der AP als Fakten einer wissenschaftlichen Analyse und Hypothesenüberprüfung unterziehen. Daran aber krankt die AP. Wenn die AP nicht erkenntnismäßig zugänglich ist, andererseits aber eine theoriegeleitete Sicht auf die Welt ist, kann es sein, dass sie falsch ist. Dies ist genau der Ansatzpunkt für PMC.

Feyerabend hat außerdem den Begriff des EM mit geprägt und ein wichtiges Motiv dafür geliefert, dass der Materialist die Existenz mentaler Phänomene ablehnen sollte. Aus der Identitätstheorie folgt, dass mentale mit physischen Eigenschaften identisch sind. Dies hat aber nicht nur die gewünschte Erklärung der mentalen Verursachung in die eine physikalische Richtung zur Folge, sondern es gilt auch die umgekehrte Implikation, dass physische Eigenschaften des Gehirns (nichtphysikalische) mentale Eigenschaften hervorrufen. Will der Materialist nicht eine dualistische Position einnehmen, muss er die Existenz nichtphysischer mentaler Phänomene bestreiten (Feyerabend 1963: 295f.).

PMC übernimmt von den drei Philosophen den Theoriecharakter der AP sowie allgemein der Wahrnehmung, die mögliche Falschheit der AP und die Infragestellung der Intuition. Während Hanson, Feyerabend und Sellars z.B. in Bezug auf die zentrale Rolle der Alltagssprache aber auch zu anderen Punkten von Wittgenstein beeinflusst sind, erwähnt PMC Wittgenstein kaum und lehnt die Priorität der Sprache, dass sie z.B. als Produkt den Geist hervorbringen könnte sowie ihre besondere Bedeutung in der Alltagsverwendung ab (Keeley 2006: 13f.).

Ein zweiter Punkt, in dem er insbesondere mit Sellars nicht übereinstimmt, betrifft die gleichgewichtige Existenzberechtigung des manifesten und des wissenschaftlichen Bildes. Beide sind separate Teile eines Gegensatzpaares, die erst im Zusammentreffen ein stereoskopisches Gesamtbild der Welt ergeben. Hier scheint PMC abzuweichen, in dem er das manifeste in das wissenschaftliche Bild konvertieren will, so dass das wissenschaftliche Bild zu unserem ausschließlichen wird.

1.2 Die Thesen Paul Churchlands

Da PMC der wichtigste Vertreter des EM ist, soll seine Sichtweise und deren Rezeption im Weiteren im Mittelpunkt der Untersuchungen stehen.

Fragt man nach dem Standpunkt von PMC, müsste man hinzufügen, welche Thesen zu welchem Zeitpunkt seiner wissenschaftlichen Tätigkeit gemeint sind. Dies ist nicht polemisch zu verstehen, ist es doch legitim und ebenso wünschenswert, dass sich Sichtweisen und Theorien nicht nur insgesamt im Laufe der Zeit weiterentwickeln, sondern auch bei einzelnen Wissenschaftlern und Philosophen.

Betrachtet man die Entwicklung der Position von PMC, so kann sie kurz als eine vom radikalen Standpunkt aus hin zu einer gemäßigten Auffassung charakterisiert werden. Während er Ende der 70er / Anfang der 80er Jahre noch die rigorose Elimination der AP prognostizierte, ist er Mitte der 80er Jahre quasi für alle Möglichkeiten einer Veränderung der AP offen. Die AP kann demzufolge eine Elimination, Reduktion (zugunsten der Neurowissenschaften) oder Revision (und damit eine veränderte Form der Beibehaltung) erfahren. Im Laufe der nächsten 10 Jahre wandelt sich noch einmal die Zieldisziplin, die zukünftig Gehirnzustände und -prozesse am besten erklären können wird, von der Neurophysiologie hin zur Neuroinformatik. Dass neben den Neurowissenschaften zukünftig auch die Informatik einen wesentlichen Beitrag leisten wird, hält er in 'A Neurocomputational Perspective' (Churchland 1989) fest. In 'The Engine of Reason, the Seat of the Soul', dt. Übersetzung 'Die Seelenmaschine' (Churchland 1997) führt er dies weiter konkret aus, indem mentale Phänomene auf Basis rekurrenter (rückgekoppelter) Netzwerke erklärt werden können, womit er schrittweise den Schwerpunkt seiner Arbeit von der philosophischen auf die naturwissenschaftliche Seite gelegt hat. Einzig konstant bleibt über den gesamten Zeitraum eigentlich nur seine These, dass die Erhaltung der AP in der gewohnten Weise unrealistisch ist.

Im Folgenden wird dieser zeitliche Entwicklungsweg ansatzweise nachvollzogen und hierzu dient zunächst sein 1981 erschienener Aufsatz:

'Eliminative Materialism and the Propositional Attitudes' als zentraler Ausgangspunkt der Betrachtungen. Er beginnt mit seiner Kernthese:

Eliminative materialism is the thesis that our common-sense conception of psychological phenomena constitutes a radically false theory, a theory so fundamentally defective that both the principles and the ontology of that theory will eventually be displaced, rather than smoothly reduced, by completed neuroscience.13 (PMC 1981: 67)

Während PMC im Eingangssatz allgemein von psychologischen Phänomenen spricht, beschränkt er seine Zielsetzung bereits im übernächsten Satz auf die Teilmenge der propositionalen Einstellungen: "My purpose in this paper is to explore...the principal elements of common-sense psychology: the propositional attitudes..." (ebd.). Die verengte Betrachtungsweise hätte zur Folge, dass der EM keine allgemeine Lösung des Körper-Geist-Problems mehr sein kann14. Es wäre aus Sicht des EM inkonsequent, die Empfindungen/Qualia als ebenfalls mentale Zustände aus der Untersuchung herauszunehmen und nur das kognitive, nicht aber das phänomenale Bewusstsein betrachten zu wollen. PMC hat auch in früheren Schriften z.B. Berichte über Schmerzerfahrungen noch zu den Dingen gezählt, das sich mit Elimination der AP15 ebenfalls ändern würde. Schmerzen wären dann in Ausdrücken der neurophysiologischen Sprache als "[...] stimulation in our A-delta fibres and/or C-fibres [...]" (PMC 1979: 119) zu formulieren. In seinem zu untersuchenden Artikel von 1981 hält er jedenfalls Emotionen, Qualia und 'raw feels' nicht mehr weiter für betrachtenswert und belässt es bzgl. der Begründung bei einem Verweis auf Arbeiten von Feyerabend, Rorty und ihm selbst (PMC 1981: 67). Dass er den Bereich der Qualia später doch wieder in den Fokus seiner Analysen setzt, zeigt sein zweiter, oft zitierter Aufsatz "Reduction, Qualia, and the Direct Introspection of Brain States" (PMC 1985). Auch wenn es in einzelnen Aussagen von PMC manchmal ein wenig verwirrend ist, worauf sie sich beziehen, ergeben die Bücher und Aufsätze ein nachvollziehbares Gesamtbild seiner Sicht auf den EM und die Rolle mentaler Zustände. Bei auftretenden Inkonsistenzen wird an entsprechender Stelle der Untersuchung darauf hingewiesen.

In formalerer Schreibweise kann der EM in Bezug auf die AP gemäß PMC auch folgendermaßen formuliert werden: (Keeley 2006: 19).

Prämisse 1: Die AP ist eine existierende empirische Theorie.

Prämisse 2: Theorien sind fehlbar.

Also Konklusion K1: Die AP könnte falsch und damit eliminierbar sein.

Prämisse 3: Es gibt guten Grund zu glauben, dass die AP wirklich eine unkorrekte, vorwissenschaftliche, psychologische Beschreibung für den Menschen und seine Handlungen ist.

Also Konklusion K2: Die AP sollte als falsch betrachtet und eliminiert werden.

Die ersten beiden Prämissen und die dann logischerweise anzuerkennende Konklusion spiegeln direkt die unter 1.1.3 erläuterten Sichten von Hanson, Sellars und Feyerabend wider und damit das etablierte wissenschaftliche Verständnis der Möglichkeit des Scheiterns einer Theorie. Diesen Teil übernimmt PMC und erweitert ihn durch Prämisse 3 und Konklusion K2. Er geht über K1 hinaus, indem er postuliert, dass die AP nicht in der Lage ist, das menschliche Verhalten korrekt und adäquat zu beschreiben und deshalb die AP wirklich falsch ist und eliminiert werden sollte. Eine solche Behauptung bedarf fundierter Begründungen im Hinblick darauf, ob die AP zunächst überhaupt eine Theorie ist, und erst wenn das der Fall ist, warum sie falsch sein könnte und schließlich die Frage, ob sie eliminierbar oder reduzierbar ist oder ob sie nicht einfach nur einer Überarbeitung unterzogen werden muss. Und selbst wenn die AP eine falsche Theorie ist und PMC die Analogie zu naturwissenschaftlichen Theorien versucht herzustellen, müsste immer noch das Popper'sche Kriterium gelten, dass eine neue und bessere Theorie vorhanden und einsetzbar sein muss, um eine alte Theorie abzulösen. Solange dieses neue Konstrukt nicht vorliegt und nicht erkennbar ist, warum und wofür es besser ist, wird eine alte Theorie erhalten bleiben und weiter verwendet werden.

1.2.1 Der Theoriecharakter der Alltagspsychologie (AP)

Sowohl PMC als auch schon Sellars gehen von einem sehr breit gefassten Theorieverständnis aus, der bei Begriffen beginnt und über einzelne Verallgemeinerungen, Hypothesen und Gesetze bis hin zu deren Zusammensetzungen reicht. Für PMC hat die AP offensichtlich den Charakter einer solchen empirischen - und zumindest vorwissenschaftlichen - Theorie16. .Sie ist Teil des 'common sense', zu dem auch andere vergleichbare Alltagstheorien wie z.B. die Alltagsphysik, -astronomie oder -biologie gehören. Da der 'common sense' viele der anderen Theorien im Laufe der Zeit aufgegeben hat, ist es für PMC plausibel, dass die AP dieses Schicksal eines Tages ebenfalls erfährt und er wundert sich über den Widerstand gegen diese Annahme. So glaubt z.B. niemand mehr, dass Thors Donnerkeile für Gewitter verantwortlich sind, es Hexen oder Dämonen gibt und die Erde eine Scheibe mit einer sich drehenden Himmelskugel ist. Gemäß PMC könnte sich das Beharrungsvermögen von Alltagsweltbildern dadurch erklären, dass die zugehörigen theoretischen Komponenten erst dann aufgegeben werden, wenn Theorie und Weltbild weit genug in der Vergangenheit liegen und/oder die Theorie so offenbar falsch ist, dass ihre spekulative Natur unabweisbar ist (PMC 1981: 68). Zur Unterstützung der These, dass die AP eine Theorie ist, führt PMC 6 Punkte an17 (ebd.: 68ff.).

1) Der Durchschnittsmensch kann Verhalten anderer gut erklären und prognostizieren. Diese Fähigkeit setzt zumindest grobe Gesetze voraus, die das Verhalten, das erklärt wird, mit den Bedingungen verbindet, die es erklären. Demzufolge existiert ein integriertes System gesetzmäßiger Beziehungen zwischen externen Umständen, internen Zuständen und öffentlichem Verhalten, das wir alle implizit gut beherrschen.
2) Der zweite Punkt besagt, dass die Semantik mentaler Ausdrücke genau wie die theoretischer Ausdrücke zu behandeln ist, Die Bedeutung von Begriffen konstituiert sich durch das Konstrukt von Gesetzen, in das sie eingebettet sind. Anders als beim Logischen Behaviorismus sind die Zusammenhänge zwischen mentalen Zuständen und Verhalten nicht analytisch, sondern Gesetze einer empirischen Theorie.
3) Ein zugrunde gelegter Theoriestatus der AP löst das Problem des Fremdpsychischen. Die Überzeugung, dass jemand anderes mentale Zustände hat, wird weder deduktiv aus seinem öffentlichen Verhalten abgeleitet, noch induktiv auf Basis seines eigenen Erlebens im Analogieschluss gewonnen. Es handelt sich um eine einzelne explanatorische Hypothese, die im Einklang mit den Gesetzen der AP erklären und vorhersagen soll. Der Grad ihrer Güte und Bestätigung hängt davon ab, wie erfolgreich sie (im Vergleich zu anderen Hypothesen) ist. Dieser Ansatz macht Wissen über Fremdpsychisches relativ unabhängig vom Wissen über den eigenen Geist. Es genügt dazu, die Gesetze der AP auf das Verhalten anderer anzuwenden, um passende Erklärungen seiner mentalen Zustände zu gewinnen, d.h. ein Marsmensch könnte dies prinzipiell auch, obwohl er (wahrscheinlich) über gänzlich andere mentale Zustände verfügt.
4) Die Introspektion besitzt keinen eigenen Status. Introspektive Urteile sind Instanzen einer erlernten Gewohnheit, sind begriffliche Reaktionen auf die eigenen internen Zustände und diese sind immer kontingent innerhalb der ebenfalls erlernten Theorie (AP), in die die Reaktionen eingebettet sind. Die Unfehlbarkeit des intro-spektiven Wissens über den eigenen Geist als Sitz von Einstellungen und Wünschen kann genauso falsch sein, wie die Gewissheit früherer Menschen, dass es Hexen und Dämonen gibt.
5) Die propositionalen Einstellungen als Teil der mentalen Zustände scheinen sich als besonders problematisch bzgl. der Erklärung mit physischen Eigenschaften zu erweisen. Wird der AP dagegen Theoriecharakter zugebilligt, kann auch die Intentionalität mentaler Zustände besser gedeutet werden. Sie ist demzufolge keine Besonderheit der Natur, sondern eine Struktureigenschaft der AP. PMC versucht allgemein zu zeigen, dass diese Struktureigenschaften den Charakter von Gesetzen und Relationen aufweisen, wie sie vergleichbar in anderen Wissenschaftsdisziplinen wie z.B. der Physik zu finden sind. In der Physik gibt es Ausdrücke der Art 'x hat eine Masse von m' oder 'auf x wirkt die Nettokraft f'. Setzt man in diese Ausdrücke für m und f Zahlen ein, erhält man Prädikate. Diese Prädikate lassen sich mit Quantoren über die in dem Bereich geltenden Beziehungen zu Gesetzen verallgemeinern. So lässt sich z.B. der physikalische Beziehungszusammenhang Kraft = Masse x Beschleunigung auch ausdrücken als:

(x)(f)(m) [((x hat die Masse m) & (auf x wirkt die Nettokraft f)) folgt (x wird beschleunigt um f/m)]

Auf der Seite der propositionalen Einstellungen lässt sich mit dem o.a. Beispiel (s. S. 2) 'x hofft, dass p', 'x entdeckt, dass p' und 'x freut sich, dass p' analog vorgehen. Durch Einsetzen eines konkreten p ergeben sich spezifische Prädikate. Auch zwischen ihnen gelten Relationen und sie können generalisiert werden. Dies erlaubt die allgemeine Formulierung von gesetzmäßigen Relationen, die zwischen proportionalen Einstellungen gelten, wie z.B.

(x)(p)[((x hofft, dass p) & (x entdeckt, dass p)) folgt (x freut sich, dass p)].

PMC ordnet damit der AP strukturelle Eigenschaften zu, die denen einer Theorie der Physik entsprechen, nur dass es sich einmal um Propositionen aus der Psychologie und ein anderes Mal um Zusammenhänge aus der Physik handelt. Mit diesem Analogieschluss versucht er, den Theoriestatus der AP zu belegen.

6) Nachdem PMC glaubt, bewiesen zu haben, dass die AP eine Theorie ist, reduziert sich das Körper-Geist-Problem aus seiner Sicht auf die Frage, welches Schicksal diese Theorie erleiden wird. Davon betroffen ist die zukünftige Beziehung zwischen der Ontologie der AP und der einer ausgereiften Neurowissenschaft. Der Eliminative Materialist glaubt, dass die AP derart falsch ist, dass es keine ontologische, intertheoretische Reduktion der AP auf die Neurowissenschaften, sondern nur eine Elimination geben kann.

1.2.2 Die AP ist eine falsche Theorie

PMC führt im wesentlichen drei Gründe an, warum die AP wirklich falsch sein könnte (ebd.: 72f.), fügt aber richtigerweise hinzu, dass sie zum jetzigen Zeitpunkt letztlich noch nichts beweisen, aber im Rahmen des EM als Möglichkeiten und Fakten ernst genommen werden sollen und müssen:

a) Explanatorische Misserfolge
b) stagnierende Theorie, seit 2500 Jahren kein Erkenntnisfortschritt
c) Inkohärenz zwischen Begriffsrahmen der AP und anderen Wissenschaften

Zu a) PMC gesteht zwar zu, dass sich die AP durchaus großer Beliebtheit beim Erklären und Prognostizieren von Verhalten erfreut, hält dies aber für ein Vorurteil aus Naivität und eingeschränktem Wissen, denn in vielen Bereichen ist der AP explanatorisches Versagen vorzuwerfen. So ist sie nicht in der Lage und hat es noch nicht einmal versucht, z.B. mentale Phänomene wie Geisteskrankheiten, Intelligenzunterschiede, Schlaf, die interne Konstruktion von dreidimensionalen Bildern und Gedächtnisleistungen annähernd zu erklären.

Zu b) Die AP ist nicht nur eine stagnierende Theorie, die seit mindesten zwei Jahrtausenden keinen wesentlichen Erkenntnisfortschritt mehr gebracht hat, sie verkleinert auch in dem Maße ihren Anwendungsbereich wie die Naturwissenschaften mit ihren Fortschritten und besseren Erklärungsmodellen auf dem Vormarsch sind. So war es - und ist es vielleicht auch heute noch - in segmentären Gesellschaften üblich, auch der unbelebten Natur mentale Eigenschaften zuzuschreiben, wie 'das Meer ist grausam', 'der Wind ist zornig' oder 'der Fluss ist großzügig'. Dass dies ernst gemeint war und nicht metaphorischen Charakter hatte, ist daran zu erkennen, dass den Göttern Opfer gebracht wurden, um sie zu besänftigen, zu befragen und für sich einzunehmen. Die AP hat schrittweise ihren Anspruch als Erklärungsmodell verloren und genauso, wie heute der unbelebten Natur keine mentalen Phänomene zugesprochen werden, glaubt niemand mehr ernsthaft, dass Hexen und Dämonen existieren und (Geistes)-Krankheiten verursachen. Die AP zieht sich also zurück oder stagniert in der Form, dass wir weitestgehend die gleiche AP wie die Griechen verwenden. Es fehlt ihr eine Anreicherung und fruchtbare Weiterentwicklung ihrer Begriffe und Bedeutungen: "The story [Geschichte der AP, Anm. d. Verf.] is one of retreat, infertility, and decadence." (ebd.: 74)

Zu c) Seitens der AP besteht eine Inkohärenz zu den anderen modernen Wissenschaften, die sich selbst gegenseitig positiv beeinflussen und gemeinsam kohärent wachsen. Stattdessen steht die AP diesen weitgehend quer entgegen, salopp formuliert, sie passt nicht hinein. Die fehlenden Übereinstimmungen und Entsprechungen erlauben keine wissenschaftliche Bestätigung z.B. zur Neurobiologie und Physik und senken die Wahrscheinlichkeit, dass die Theorie der AP auf eine bessere naturwissenschaftliche Basis reduzierbar ist.

1.2.3 Reduktion, Elimination oder Revision

Wenn die AP eine empirische Theorie ist, stellt sich die Frage, wie für jede andere Theorie auch, ob sie eines Tages durch eine 'bessere' abgelöst wird. Es lassen sich mit der Reduktion, der Elimination und der Revision drei Arten unterscheiden, wie mit einer Theorie in Bezug auf neuere Erkenntnisse umgegangen werden kann. Die Reduktion ist die Form der Ablösung, bei der eine bestehende Theorie Ta auf eine bessere, breiter und grundlegender angelegte Theorie Tn zurückgeführt werden kann. Die Begriffe bleiben erhalten und die Beziehungen zwischen beiden Theorien werden durch Identitätsaussagen ausgedrückt, z.B. ist Wasser gleich H2O und die Temperatur eines Gases ist identisch der mittleren kinetischen Energie seiner Moleküle.

Die zweite Form der Ablösung ist die Elimination, bei der Ta durch Tn ersetzt wird, weil eine Verknüpfung der beiden nicht möglich ist. Elimination bedeutet in diesem Fall, dass das Begriffsgerüst aus der Sprache einschließlich der damit verbundenen Gesetze eliminiert werden.

[...]


1 Auch folk psychology (FP), common-sense, garden psychology oder Küchenpsychologie genannt.

2 x ist eine Person und z.B. p = 'die Enkel zu Besuch kommen'.

3 Mental, geistig und psychisch werden im folgenden synonym verwendet.

4 "X ist eine gute Seele."

5 Physikalismus wird im Folgenden als Gegensatz zum Dualismus im Sinne einer materialistischen Sichtweise verstanden. Wo notwendig, wird an entsprechender Stelle auf Unterschiede zwischen Physikalismus und Materialismus hingewiesen.

6 Beckermann hält den Begriff 'Semantischer Physikalismus' für geeigneter und umfassender, weil sich die Reduktion mentaler auf physische Eigenschaften bereits aus der Bedeutung mentaler Ausdrücke ergibt (Beckermann 2008: 63).

7 Z.B. das Privatsprachenargument, vgl. weiter unten Punkt d).

8 Ein Kategorienfehler liegt vor, wenn man einen sprachlichen Ausdruck so behandelt, als würde er zu einer bestimmten Kategorie gehören, während er richtigerweise zu einer anderen gehört. Z.B. ist beim Fußball der Mannschaftsgeist kein 12. Spieler.

9 'Zerbrechlichkeit' ist die Disposition einer Glasscheibe, dem Zerbrechen selbst muss eine kausal erklärbare Ursache wie ein Steinwurf zugrunde liegen.

10 Wie z.B. bei 'Junggesellen sind unverheiratet'.

11 Vgl. z.B. "China-Gedankenexperiment" und "Das chinesische Zimmer" (Schröder 2004: 104f).

12 Vgl. Keeley 2006: 4ff.

13 Der qualitative Unterschied zwischen einer 'radically false theory' und einer nur 'false theory' erschließt sich nach logischen Gesichtspunkten nicht!

14 Schröder z.B. sieht demzufolge im EM keine umfassende Theorie des Geistes (Schröder 2004: 116).

15 PMC verwendet hier für AP noch bedeutungsgleich den Begriff 'P-theory' = 'Person-theory of humans', (PMC 1979: 92).

16 Der Begriff 'Psychologie' in 'AP' und 'folk psychology' suggeriert bereits eine (Vor)-Wissenschaftlichkeit.

17 PMC nennt noch 'action theory' als 7. Element, erläutert es aber anschließend nicht.

Ende der Leseprobe aus 95 Seiten

Details

Titel
Paul Churchlands 'Eliminativer Materialismus' und seine Kritiker
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Philosophie)
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
95
Katalognummer
V356924
ISBN (eBook)
9783668419896
ISBN (Buch)
9783668419902
Dateigröße
843 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Eliminativer Materialismus, paul Churchland, Körper-Geist-Problem, Thomas nagel, Frank Jackson, Oswald Hanfling, Severin Schroeder, Peter Hacker, Leib-Seele-Problem
Arbeit zitieren
Bernd Schreiber (Autor), 2016, Paul Churchlands 'Eliminativer Materialismus' und seine Kritiker, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/356924

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