Der Einfluss der Freudschen Traumtheorie auf das Werk von Rosa Chacel


Seminararbeit, 2011

18 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sigmund Freud
2.1. Der Traum vor Sigmund Freud
2.2. Sigmund Freuds Traumtheorie

3. Rosa Chacel
3.1. Leben und Werk
3.2. Freud- Rezeption bei Rosa Chacel
3.3. Die Träume in Rosa Chacels Teresa

4. Zusammenfassung

5. Literaturverzeichnis

M eine Träume sind wirklicher
als der Mond, als die Dünen, als
alles, was um mich ist.

Antoine de Saint-Exupéry (Wind,
Sand und Sterne)

1. Einleitung

Träume faszinieren die Menschen seit jeher – und bis heute ist sich die Wissenschaft noch nicht völlig einig über die Frage, warum wir Menschen träumen. Unterschiedliche Wissenschaftsrichtungen geben verschiedene Antworten zu Ursache und Funktion von Träumen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die Träume auch Eingang in die Literatur gefunden haben – in jeder Epoche auf eine andere Art und Weise.

Einen Meilenstein in der Geschichte der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Traum setzte Sigmund Freud mit seinem 1900 veröffentlichten Werk Die Traumdeutung. Von der Wissenschaft zuerst abgelehnt, inspirierte es jedoch viele Schriftsteller, Maler und Filmemacher und trug maßgeblich zur Herausbildung des Surrealismus bei. Besonders in Spanien war ein großes Interesse an Sigmund Freuds Werken zu verzeichnen, das sich durch die welterste Übersetzung seiner gesammelten Werke ausdrückte. Diese erschien ab 1922 in spanischer Sprache und fand schnell großen Zuspruch auf allen Gebieten des intellektuellen Lebens in Spanien. Vor allem die Dichter- und Künstlergeneration von 1927 interessierte sich für Freuds Werke und wurde maßgeblich von ihnen beeinflusst. Bis zum Ausbruch des Bürgerkriegs hatten die Ideen Freuds bereits Eingang in viele Wissensbereiche gefunden. Durch die nachfolgende Franco-Diktatur wurde diese breite Freudrezeption unterbrochen, da Freuds Lehre zwar nicht verboten, aber auch nicht gefördert wurde (vgl. Nölleke).

Die vorliegende Seminararbeit beschäftigt sich mit der Spanierin Rosa Chacel (1898-1994), einer Schriftstellerin der generación del 27, die nach eigenen Angaben maßgeblich von Freuds Ideen beeinflusst wurde (siehe Kapitel 3.2.). Ausgangspunkt ist eine kurze Skizzierung der wichtigsten Gedanken der Freudschen Traumtheorie. Es schließt sich ein biographischer Abriss von Rosa Chacel an und nachfolgend werden Gemeinsamkeiten zwischen Sigmund Freuds Ideen und Rosa Chacels literarischem Schaffen aufgezeigt. Grundlage dafür bildet das von Hanna Knapp 2008 erschienene Werk Avantgarde und Psychoanalyse in Spanien, in welchem sie als wichtigste Parallele im Weltverständnis von Freud und Chacel die Bedeutung von Innenwelt und Vergangenheit/Kindheit sieht. Auf Träume wird in ihrem Werk hingewiesen, es erfolgt aber nie eine Analyse der literarischen Träume hinsichtlich der Traumtheorie von Sigmund Freud. Diese Lücke versucht die vorliegende Arbeit zu schließen, indem Chacels Werk Teresa dahingehend untersucht wird.

2. Sigmund Freud

2.1. Der Traum vor Sigmund Freud

Das Gilgamesch- Epos (12.Jh.v.u.Z) ist eine der ältesten uns überlieferten literarischen Dichtungen über eine historische Figur und zugleich der älteste Bericht über Träume und deren Deutungen. Im alten Orient haben die Träume vor allem prophetische Funktionen: Sie sollen den Menschen die Pläne einer Gottheit mitteilen, damit diese danach handeln können. Dieser Glaube an die göttliche Herkunft der Träume ist so tief im Denken des Altertums verankert, dass eine wissenschaftliche Erklärung für das Zustandekommen von Träumen nicht in Betracht gezogen wird. (vgl. Toegel: 12f)

In der griechischen Antike werden kritische Stimmen laut, die sich gegen diese religiös-transzendentale Auffassung von Träumen als Boten der Götter zur Wehr setzen. Antiphon (480-411) lehnt z.B. die göttliche Herkunft und prophetische Kraft der Träume prinzipiell ab. Man konzentriert sich jetzt bei der Beschäftigung mit dem Traum auf Hypothesen über sein natürliches Zustandekommen. (vgl. ebd.: 13) „HERAKLIT (550-480) erkannte die Bedeutung des individuellen Gedächtnisses für den Traum, DEMOKRIT (460-370) die Abhängigkeit der Träume von der Wahrnehmung und ihrer Reproduktion und PLATO (427-347) nimmt die Gedanken von AUGUSTINUS, NIETZSCHE und FREUD vorweg, wenn er behauptet, dass im Traum sich Triebe kundtun, die im Wachleben unterdrückt werden.“ (ebd,: 13) Die umfangreichste Arbeit aus dieser Zeit stammt von Aristoteles, der den Traum als das Seelenleben während des Schlafes sieht und ihm damit einen Platz in der Psychologie zuweist. Aristoteles sinniert zum Beispiel als erster darüber, ob der Mensch immer träumt und sich dann nur nicht mehr an den Traum erinnern kann und er ist auch der erste, der die schnelle Augenbewegung während des Schlafes (heute REM genannt) dokumentiert. (vgl. ebd.: 13)

Im Mittelalter entstehen lexikonartig angelegte Traumbücher, die sich auf symbolische Traumdeutungen beschränkten und hauptsächlich unterhaltenden Charakter haben. Auch in der Renaissance und der Aufklärung spielt die Beschäftigung mit dem Traum nur eine nebensächliche Rolle, da der Rationalismus dieser Epochen hauptsächlich methodisch und nicht gegenständlich orientiert ist. Trotzdem gibt es einige erwähnenswerte Arbeiten, so beschäftigt sich beispielsweise Albertus Magnus (um 1200 - 1280) mit telepathischen Träumen; Arnold von Villanova (um 1235 - 1311) untersucht den diagnostischen Nutzen von Träumen; Salah al-Din al-Safadi (? - 1362) erforscht den Unterschied von Träumen bei angeborener und erworbener Blindheit; Georg Berkeley (1685-1753) registriert eine Diskrepanz zwischen den Zeitverhältnissen im Traum- und im Wachzustand und Immanuel Kant (1724-1804) sieht Träume als mögliche Heilmittel an. (vgl. ebd.: 14)

Im 19. Jahrhundert verschwindet der Traum fast vollständig aus dem Bewusstsein der Gesellschaft: man findet ihn noch bei den romantischen Schriftstellern, aber in der Medizin, die sich in dieser Zeit hauptsächlich auf Physik und Chemie gründet, wird dem Traum kaum noch Beachtung geschenkt. Daher ist es umso beachtenswerter, dass Sigmund Freud (1856 – 1939), der selbst in dieser Tradition steht, sich für die Träume seiner Patienten zu interessieren beginnt. (vgl. ebd.: 14) Diese begannen häufig während ihrer Sitzungen bei Freud von ihrem Träumen zu erzählen und führten Freud somit zu der Erkenntnis, „den Traum wie ein Symptom zu behandeln und durch die Methode der freien Assoziation die ihm zugrundeliegenden unbewussten Elemente aufzusuchen.“ (Köhler: 169)

2.2. Sigmund Freuds Traumtheorie

Freud beginnt seine Traumdeutung mit folgenden Worten

,,Auf den folgenden Blättern werde ich den Nachweis erbringen, daß es eine psychologische Technik gibt, welche gestattet, Träume zu deuten, und daß bei Anwendung dieses Verfahrens jeder Traum sich als ein sinnvolles Gebilde herausstellt, welches an angebbarer Stelle in das seelische Treiben des Wachens einzureihen ist. Ich werde ferner versuchen, die Vorgänge klarzulegen, von denen die Fremdartigkeit und Unkenntlichkeit des Traums herrührt, und aus ihnen einen Rückschluß auf die Natur der psychischen Kräfte ziehen, aus deren Zusammen- oder Gegeneinanderwirken der Traum hervorgeht." (Freud: 19)

Hier wird der erste wichtige Grundgedanke der Freudschen Traumtheorie festgehalten: Freud geht - im Gegensatz zur Medizin und Psychologie seiner Zeit - davon aus, dass jeder Traum einen Sinn hat. Das Verzerrte und Fremdartige, das unsere Träume oft kennzeichnet, ist Folge von Entstellungen, die an ihrem ursprünglichen Sinn vorgenommen worden sind. Freud erarbeitet nun eine Strategie, mit deren Hilfe wir vom manifesten Trauminhalt (= der Traum, wie wir ihn nach dem Aufwachen erinnern) zu seinem versteckten Sinn, dem latenten Traumgedanken gelangen können. Die latenten Traumgedanken sind in der Regel unbewusste Wünsche, die aus verschiedenen Gründen von der Traumzensur nicht zum Bewusstsein vorgelassen werden. Die einzige Möglichkeit, diese Traumzensur zu umgehen, ist die Entstellung der latenten Traumgedanken. Diese Entstellung erledigt die Traumarbeit. Sie verdichtet mehrere Vorstellungen zu einer einzigen oder verschiebt die Betonung oder bedient sich verschiedener Symbole (vgl. Tögel: 41). Dies bedeutet, dass der Traum die verkleidete Erfüllung eines unbewussten, sprich unterdrückten oder verdrängten Wunsches ist (vgl. Köhler: 181).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Schematische Darstellung von Freuds Traumauffassung (Tögel: 41)

Um diese unbewussten Wünsche aufzuspüren, muss der Prozess der Traumarbeit rückgängig gemacht werden. Dies erledigt die Traumdeutung, die ein der Traumarbeit entgegengesetzter Vorgang ist. Freud ist nun der Auffassung, dass man jeden Traum deuten kann, wenn man die Mechanismen der Traumarbeit kennt. Hier setzen oft die Kritiker Freuds an, weil diese Mechanismen Raum für willkürliche Auslegungen schaffen würden (vgl. Tögel: 41). Ein zweiter häufig genannter Kritikpunkt ist, dass Freud den tatsächlichen Traum, so wie wir ihn träumen, außer Acht lässt (vgl. ebd.: 42).

Desweiteren untersucht Freud die Traumquellen, d.h. die Frage, was eigentlich einen Traum auslöst. Er führt drei Traumquellen an: (a) kurz vorher Erlebtes, oft sogar vom Traumtag selbst; (b) Erlebnisse/ Eindrücke aus der Kindheit sowie (c) äußere Reize (z.B. Kirchenglockengeläut) und innere Reize (z.B. Durst), die - wenn sie nicht so stark sind, dass sie zum Aufwachen führen - in den Traum eingearbeitet werden (vgl. Freud: 38 ff). Außerdem definiert Freud verschieden Arten von Träumen. Die erste Gruppe sind Träume vom infantilen Typus, bei denen ein unverdrängter Wunsch unverhüllt dargestellt wird. Damit sind vor allem Kinderträume gemeint, bei Erwachsenen treten sie eher selten auf. Die zweite Gruppe umfasst Träume, die einen verdrängten Wünsch verhüllt zum Ausdruck bringen. Laut Freud sind das die Mehrheit der menschlichen Träume und diese Träume bedürfen der Analyse und Deutung, wenn man ihren Sinn verstehen möchte. Zur letzten Gruppe zählt Freud alle Träume, die Unlust bis Angst hervorrufen und im Extremfall zum Erwachen führen. Hier wird ein verdrängter Wunsch ohne oder in nur ungenügender Verhüllung dargestellt, hier hat die Traumarbeit nicht richtig funktioniert und somit ersetzt die Angst die Traumentstellung und unterbricht den Traum (Köhler: 210).

Abschließend soll noch kurz die Funktion erläutert werden, die Freud dem Traum zuschreibt. Er spricht vom Traum als "Hüter des Schlafes". Die Aufgabe des Traumes ist es, den Schlaf zu gewährleisten, indem er die vom Unbewussten im Schlaf freigelassenen verdrängten Wünsche durch die Traumarbeit entstellt, damit sie keine Erregung auslösen und zum Erwachen des Träumenden führen (vgl. Freud: 562ff).[1]

3. Rosa Chacel

3.1. Leben und Werk

Rosa Chacel wird am 3. Juni 1898 in Valladolid geboren. Im März 1908 zieht ihre Familie nach Madrid in das Maravillas-Viertel, um im Hause ihrer Großmutter mütterlicherseits zu leben. Ihre Mutter beginnt sehr zeitig sie zu unterrichten, mit 3 Jahren kann Rosa schon lesen. Aufgrund ihres labilen Gesundheitszustandes besucht sie nur kurz eine Schule und wird danach bis zu ihrem 12. Lebensjahr von ihrer Mutter beschult. Von 1910 bis 1915 besucht sie zwei Schulen, zuerst die Escuela de Artes y Oficios und dann die Escuela del Hogar y Profesional de la Mujer. Von 1915 bis 1918 studiert sie bildende Kunst an der Escuela Superior de Bellas Artes de San Fernando. Hier lernt sie ihren zukünftigen Mann Timoteo Pérez Rubio kennen, den sie 1921 heiratet. Durch ein gründliches Selbststudium im Madrider Ateneo, das u.a. die Werke von Platon, Kant, Schopenhauer, Nietzsche, Balzac und Dostojewski umfasst, öffnet sich ihr die Welt der Literatur.

Aus beruflichen Gründen ihres Mannes begeben sich beide nach Italien, hier entsteht Rosa Chacels erster Roman Estación. Ida y Vuelta, den sie 1930 nach ihrer Rückkehr in Madrid veröffentlicht. Im gleichen Jahr kommt ihr Sohn Carlos zur Welt. Nach Ausbruch des Bürgerkrieges 1936 begibt sie sich ins Exil und gelangt mit ihrem Sohn über Barcelona und Valencia 1937 nach Paris. Hier beginnt Rosa Chacel mit der Arbeit an ihrem Roman Memorias de Leticia Valle und einigen Erzählungen, die später in dem Band Sobre el piélago veröffentlicht werden. Über Stationen in Griechenland, Marseille und Genf gelangt sie 1940 mit ihrer Familie nach Bordeaux und bricht dann 1940 von dort nach Südamerika auf. Zwischen 1940 und 1959 pendelt sie zwischen Rio de Janeiro und Buenos Aires hin und her und veröffentlicht mehrere Beiträge in verschiedenen argentinischen Zeitschriften. 1941 erscheint ihr Roman Teresa und um 1950 beginnt sie an ihrem Hauptwerk La Sinrazón zu schreiben, an dem sie ungefähr 10 Jahre lang bis zu seiner Veröffentlichung 1961 arbeitet. 1959 erhält Rosa Chacel ein Stipendium der Guggenheim Foundation und lebt daraufhin 2 Jahre in New York. Hier arbeitet sie an ihrem Essay Saturnal und hält etliche Vorträge an Universitäten.

Von 1961 bis 1963 lebt sie in Spanien und Frankreich. Diese Zeit ist von finanziellen Nöten, Schwierigkeiten mit spanischen Verlagen, Depressionen und einer damit einher-gehenden Schreibhemmung geprägt. Im Mai 1963 kehrt sie nach Rio de Janeiro zurück, setzt ihre Arbeit an dem in New York begonnenem Essay Saturnal fort und beginnt in den darauffolgenden Jahren an ihrer Autobiographie Desde el amanecer und dem Werk La confesión zu schreiben. Rosa Chacels zweite Spanienreise 1971 ist im Bezug auf die Veröffentlichung ihrer Werke von mehr Erfolg gekrönt: zwischen 1972 und 1974 erscheinen sechs ihrer Werke bei verschiedenen spanischen Verlagen. Ein Stipendium der Fundación March ermöglichen ihr den Aufenthalt in Spanien und die Arbeit an ihrem Roman Barrio de Maravillas, und da ihren Werken nun in Spanien Anerkennung und Aufmerksamkeit zuteil werden, hält sie sich in Rio nur noch besuchsweise auf. Nach dem Tod ihres Mannes 1977 lässt sie sich endgültig in Madrid nieder. 1987 erhält sie den Premio Nacional de las Letras, 1989 die Ehrendoktorwürde der Universität von Vallodolid und stirbt 1994 in Madrid.

[...]


[1] Alle biographischen Daten wurden entnommen aus: Knapp, Hanna (2008). Avantgarde und Psychoanalyse in Spanien: José Ortega y Gasset, Salvador Dalí, Rosa Chacel und ihre Rezeption der Theorien Sigmund Freuds. Hamburg: Verlag Dr. Kovač, S. 147-156 und URL: http://escritoras.com/escritoras/escritora [Stand 06.10.2011]

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Details

Titel
Der Einfluss der Freudschen Traumtheorie auf das Werk von Rosa Chacel
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Romanistik)
Veranstaltung
Traumdiskurse (Hauptseminar)
Note
2
Autor
Jahr
2011
Seiten
18
Katalognummer
V356937
ISBN (eBook)
9783668428898
ISBN (Buch)
9783668428904
Dateigröße
576 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
einfluss, freudschen, traumtheorie, werk, rosa, chacel
Arbeit zitieren
Konstanze Riedel-Stiegler (Autor), 2011, Der Einfluss der Freudschen Traumtheorie auf das Werk von Rosa Chacel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/356937

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