Bindungsstil-Dimensionen und ärgerbezogene Reaktionen und Ziele in sozialen Interaktionen von Erwachsenen


Diplomarbeit, 2004

158 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Die Bindungstheorie von John Bowlby
2.1 Der theoretische und experimentelle Hintergrund der Bindungstheorie
2.1.1 Einleitung
2.1.2 Das Instinktverhalten
2.2 Das Verhaltenssystem
2.2.1 Adaption, Anpassung, Angepasstheit, Umwelt der Angepasstheit
2.2.2 Angepasstwerden und der Prozess der Anpassung
2.2.3 Die Umwelt der evolutionären Angepasstheit
2.2.4 Instinktverhalten und dessen Vermittlung durch Verhaltenssysteme
2.2.5 Exkurs: Affekt, Gefühl und Emotion
2.2.6 Prozesse, die durch Gefühlsempfindungen erfasst werden
2.2.7 Die Einteilung interpretierten Inputs in Kategorien
2.3 Bindungsverhalten
2.3.1 Das Wachstum des Bindungsverhaltens im Verlauf der ersten Lebensjahre: Phasen der Entwicklung
2.3.2 Der weitere Verlauf des Bindungsverhaltens beim Menschen: Zusammenfassung und Ausblick
2.3.3 Die Funktion des Bindungsverhaltens
2.3.4 Bindung vermittelnde Verhaltensformen und ihre Organisation beim Menschen
2.3.5 Aktivierung und Beendigung von zielkorrigierten Systemen, die Bindungsverhalten vermitteln
2.3.6 Die Veränderungen mit zunehmenden Alter

III. Bindungsstile im Erwachsenenalter und ihre Dimensionen: Messung des Konstruktes „Bindung“

IV. Aspekte der Bindungsentwicklung
4.1 Einleitung
4.2 Die Bedeutung der Emotionen für die Entwicklung und Organisation des Bindungsverhaltenssystems
4.3 Weitere Aspekte der Bindungsentwicklung
4.4 Bindungstypen (nach Ainsworth et al., 1978 und Main, 1995 )
4.5 Emotionale Ausdrucksmuster der Bindungstypen
4.6 Physiologisches Modell der Stressbewältigung (Bewältigungsmodell)

V. Emotionsregulationsmodelle: Der aktuelle Forschungsstand
5.1 Modelle
5.1.1 Das sieben Ebenenmodell von Thompson
5.1.2 Ist Emotionsregulation gleich Coping?
5.1.3 Bridges und Grolnick: Unterscheidung zwischen Emotionsregulation und Coping
5.2 Interaktive Regulationsstrategien als Entwicklungsfaktor
5.3 Von der interpsychischen zur intrapsychischen Emotionsregulation: Vier Phasen
5.5 Emotionsregulation im Jugendalter
5.5.1 Einleitung
5.5.2 Bewertung, Reaktion und Ziel

VI. Emotionsregulation: Ärger
6.1 Die Emotion Ärger
6.1.1 Einleitung
6.2 Die bewertende Einschätzung der Situation
6.2.1 Der Ansatz von Scherer
6.2.2 Der Ansatz von Lazarus und Smith
6.2.3 Der Ansatz von Averill
6.3 Formen der Ärgerreaktion und zielgerichteter Ärger
6.3.1 Einleitung: Ausdruck und Reaktion
6.3.2 Exkurs: Empirische Studien zur Ärgerreaktion und zielgerichtetem Ärger: Averill und Nell
6.3.2.1 Ärgerreaktionen
6.3.2.2 Zielgerichteter Ärger
6.3.3 Zielgerichteter Ärger: Die Bewältigungsziele nach Weber
6.3.4 Fazit: Zielgerichtete Ärgerreaktionen

VII. Hypothesenbildung
7.1 Ungerichtete Hypothesen nach den Kategorien
sichere vs. unsichere Bindungsrepräsentation
7.1.1 Die sichere Bindungsrepräsentation
7.1.2 Unsichere Bindungsrepräsentation
7.2 Gerichtete Hypothesen
7.2.1 Überkategorial
7.2.2 Sichere Bindungsrepräsentation
7.2.3 Ängstliche Bindungsrepräsentation
7.2.4 Ängstlich-vermeidend gebundene Personen
7.2.5 Der vermeidende Bindungsstil

VIII. Methode
8.1 Stichproben
8.1.1 Hauptstichprobe
8.1.2 Nebenstichprobe (Vorteststichprobe)
8.2 Eingesetzte Verfahren
8.2.1 Der Bindungsfragebogen von Grau (BinFB)
8.2.1.1 Einleitung
8.2.1.2 Der BinFB
8.2.1.3 Exkurs: Kategoriale oder dimensionale Messung?
8.3 Die Anwendung des BinFB
8.4 Ärgerbezogene Reaktionen und Ziele (AERZ)
8.4.1 Einleitung
8.4.2 Die Anwendung des AERZ
8.4.2.1 Die sechs Ärgerreaktionsskalen
8.4.2.2 Ärgerbezogene Verhaltensziele
8.4.3 Teststatistische Kennwerte der Skalen
8.5 Testverfahren

IX. Ergebnisse
9.1 Deskriptive Maßzahlen der Stichprobe
9.2 Effektive Reaktionen
9.2.1 ANOVA (Konfidenzintervall 95%)
9.2.2 Effektive Reaktionen (Konfidenzintervall 90%)
9.3 Ineffektive Reaktionen
9.4 Die Reaktionsziele
9.4.1 Assertive Ziele
9.4.1.1 ANOVA
9.4.1.2 Tukey-Test ( a = 0,10)
9.4.2 Defensive Ziele
9.4.2.1 ANOVA
9.4.2.2 Tukey-Test ( a = 0,10)
9.4.3 Selbstbezogene Ziele
9.4.3.1 ANOVA
9.5 Hypothesenvergleich

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Das Kontinuum der Umweltstabilität und -labilität von biologischen Charakteren nach Bowlby (1975)_

Abbildung 2: Verfeinerung der Systeme, die für das Instinktverhalten Verantwortlichkeit zeichnen nach Bowlby (1975)

Abbildung 3: Die Rolle der Einschätzungsprozesse nach Bowlby (1975)

Abbildung 4: Die Notwendigkeit bzw. Nichtnotwendigkeit der Bewusstheit der Prozesse nach Bowlby (1975)

Abbildung 5: Die Doppelfunktion der Emotionen in der Verhaltensorganisation nach Bowlby (1984)

Abbildung 6: Kortisolreaktion im Alter von 3, 6 und 9 Monaten in Abhängigkeit von mütterlicher Feinfühligkeit während einer freien Spielsituation (nach Spangler et al. 1994)

Abbildung 7: Verhaltensweisen der vier Bindungstypen in der Fremde-Situation

Abbildung 8: Allgemeines Modell der Emotionsregulation

Abbildung 9: Das Affektsystem nach Krause (1998)

Abbildung 10: Zusammenhang zwischen Bindungsstilen und Bindungsdimensionen

Abbildung 11: Häufigkeiten der Bindungsstile in der Hauptstichprobe

Abbildung 12: Mittelwerte des ineffektiven Reaktionsziels „Brüten“

Abbildung 13: Mittelwerte des assertiven Reaktionsziels „Durchsetzung allgemeiner sozialer Normen“

Abbildung 14: Mittelwerteverteilung „Vermeidung von Konflikten“

Abbildung 15: Mittelwerteverteilung „Abschätzung von Kosten“

Abbildung 16: Hypothesenvergleich

Abbildung 17: Mittelwerte der ineffektiven Reaktionssubskalen der vier Bindungsstile im Vortest

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Definition der Begriffe „Affekt, Gefühl und Emotion“ nach Bowlby (1975)

Tabelle 2: Bedingungen, die Bindungsverhalten aktivieren, deren Erscheinungsformen und Intensitätsbeeinflussung

Tabelle 3: Zusammenhang zwischen Bindungsstilen und Bindungs- dimensionen nach Grau (1999a)

Tabelle 4: Kortisolanstieg in Abhängigkeit der Bindungsmuster in fünf Studien (unter Anwendung der Fremde-Situation) nach Spangler 1999

Tabelle 5: Intragruppen-Korrelation zwischen negativen emotionalen Ausdruck während der Trennung und der Widervereinigung und Kortisolreaktion in der Fremde-Situation nach Spangler und Schieche 1998, in Spangler 1999

Tabelle 6: Korrelationen zwischen den AERZ-Skalen und STAXI (Studie 2, N = 159), PANAS und TMMS (Studie 3, N = 174) nach Weber 2003

Tabelle 7: Interkorrelationen zwischen den Reaktions- und Ziel-Skalen in Studie 3 nach Weber 2003, (* p < .05, ** p < .01)

Tabelle 8: Ergebnis einer einfaktoriellen ANOVA mit der abhängigen Variablen „Bindungsstil“ und der Faktorvariablen „Effektive Ärgerreaktion“ (Feedback, Distanzierung, Humor)

Tabelle 9: Tukey HSD Test bei einem Signifikanzniveau von a = 0,10 für die effektiven Skalen (Feedback, Distanzierung und Humor)

Tabelle 10: Ergebnis einer einfaktoriellen ANOVA mit der abhängigen Variablen „Bindungsstil“ und der Faktorvariablen „Ineffektive Ärgerreaktion“ (Ausbruch, Brüten, Unterwerfung)

Tabelle 11: Tukey HSD Test bei einem Signifikanzniveau von 0,10 für die ineffektiven Skalen: Ausbruch, Brüten und Unterwerfung

Tabelle 12: Ergebnis der einfaktoriellen ANOVA mit der abhängigen Variablen „Bindungsstil“ und der Faktorvariablen „Assertive Ärgerreaktionsziele“ (Durchsetzung sozialer Normen, Durchsetzung persönlicher Standards)

Tabelle 13: Tukey HSD Test bei einem Signifikanzniveau von 0,10 für die assertiven Skalen: „Durchsetzung allgemeiner sozialer Normen“ und „Durchsetzung persönlicher Standards“

Tabelle 14: Ergebnis der einfaktoriellen ANOVA mit der abhängigen Variablen „Bindungsstil“ und der Faktorvariablen „Defensive Ärgerreaktionsziele“

Tabelle 15: Tukey-Test auf Signifikanz (unabhängige Variable: „Vermeidung von Konflikten“ und „Abschätzung von Kosten“); a = 0,05

Tabelle 16: Tukey-Test auf Signifikanz (unabhängige Variable: „Vermeidung von Konflikten“ und „Abschätzung von Kosten“); a = 0,10

Tabelle 17: Ergebnis der einfaktoriellen ANOVA mit der abhängigen Variablen „Bindungsstil“ und den Faktorvariablen „Regulation von Affekten“ und „Schutz des Ansehens“

Tabelle 18: Tukey-Test auf Signifikanz (unabhängige Variable: „Regulation von Affekten“ und „Schutz des Ansehens“); a = 0,05

Tabelle 19: Die Mittelwerte der Reaktionssubskalen des AERZ in dem Vorversuch „Mentale Vorstellung eines Bindungsstiles“

Tabelle 20: Ergebnis des T-Tests für unabhängige Stichproben für die Testvariable „ineffektive Ärgerreaktionsformen“ und die Gruppierungsvariable „Bindungstyp“

Tabelle 21: Ergebnis des T-Tests für unabhängige Stichproben für die Testvariable „assertive Ziele“ und die Gruppierungsvariable Bindungstyp „sicher und vermeidend“

I. Einleitung

Das Bindungsverhalten zwischen Mutter und Kind bzw. zwischen der Bindungsperson und dem Kind, wurde in vielen Studien und Forschungsarbeiten eingehend untersucht (vgl. dazu Ainsworth, Blehar, Waters, E. & Wall, 1978; Bowlby, 1975, 1976, 1983, 1985, 1995, 2001; Hazan & Shaver, 1987; Bartholomew, 1990; Main, Kaplan & Cassidy, 1985).

Die immer wieder auftauchenden Fragen lauten: Wie entsteht das Band der Bindung zwischen Kind und seiner Bindungsperson, wie entwickeln sich die sog. inneren Arbeitsmodelle der Bindung - die Partnerschaft zwischen Mutter und Kind und wie äußert sich diese Bindungserfahrung im Erwachsenenalter - z.B. in sozialen Interaktionen?

Wegweisend sind dabei die Arbeiten von John Bowlby. Mit der Entwicklung der Bindungstheorie, der kontinuierlichen Erweiterung seiner Forschung, seinem psychoanalytischen und ethologischen Blickwinkel, gelang ihm ein Grundmodell, das die Reichhaltigkeit der menschlichen Beziehungsmuster auf eine fundamentale Grundstruktur zurückführt, ohne sich dabei dem Vorwurf der Simplifikation auszusetzen. Das Erbe der Evolution ist in uns wirksam und wir kommen auf die Welt mit einem aktivierungsfähigen Bindungsverhaltenssystem, das aber nicht nach andauernder Aktivierung drängt, sondern in bestimmten Situationen eine zufriedenstellende Reaktion der Umwelt, genauer der Bindungsperson verlangt, um dadurch deaktiviert zu werden.

Andauernde Aktivation spiegelt das Unvermögen der Umwelt wieder diese Aufgabe zu leisten.

Die Grundmuster der Bindungserfahrung werden manifest in inneren Arbeitsmodellen und bleiben ein Leben lang stabil, sie bestimmen das Handeln des Erwachsenen mit – sie sind mit Bowlby’s Worten umweltstabil. Das bedeutet nicht, dass das Individuum keine Möglichkeit besitzt diese Modelle dahingehend zu verändern, dass es veränderte Handlungsmuster zeigen kann.

Wie sonst könnten wir dann lernen z.B. mit frühen traumatischen Ereignissen umzugehen oder durch die Erkenntnis neue Denkstrukturen nutzen?

Wenn aber dieses Arbeitmodelle so grundlegend und überdauernd sind, sei es in ihrer „Urform“ oder bereits modifiziert, dann interessiert zudem die Frage, wie sie die Handlung eines erwachsenen Menschen mitbestimmen. In dieser Arbeit liegt der Forschungsschwerpunkt insbesondere auf dem Zusammenspiel von Bindungsdimensionen - Angst vor Verlust - Bowlby: Angst vor Alleingelassenwerden - und Vermeidung von Nähe), als zugrundeliegende Kontinuen der Bindungsstile und den Handlungsmustern (Bowlby: zielkorrigierte Verhaltensweisen mit vorhersagbarem Ergebnis) in Ärgerepisoden.

Auch hier zeigen sich bestimmte Grundmuster der Motivation, Emotionalität, affektiven Regulierung und kognitiven Bewältigung und Bewertung. Daher ist es logisch eine Beziehung zwischen einem bestimmten Bindungsstil und einer bestimmten Reaktion bzw. einem bestimmten Ziel des Individuums in einer Ärgersituation anzunehmen. Dieser Nachweis wird im empirischen Teil dieser Arbeit erfolgen.

Im theoretischen Teil wird die Bindungstheorie dargestellt, das Affektsystem und Theorien zur Emotionsregulation vom Säuglingsalter bis zur Adoleszenz und spezifisch zur Emotion „Ärger“.

Aus den theoretischen Darlegungen leiten sich Hypothesen ab, die im empirischen Teil verifiziert oder falsifiziert werden.

Es existieren mehrere englischsprachige (vgl. Brennan, Clark & Shaver, 1998; Simpson, 1990) und deutschsprachige (vgl. Asendorpf, Banse, Wilpers & Neyer, 1997; Grau, 1999a, Höger & Buschkämper, 2002) Fragebogen zur Bindungsmessung bei Erwachsenen. Bis auf den Ansatz von Höger und Buschkämper, die drei Dimensionen unterscheiden, gehen die meisten Autoren davon aus, dass sich die Vielzahl von bindungsrelevanten Aspekten in zwei Dimensionen zusammenfassen lässt. Eine zweifaktorielle Faktorenlösung ergab sich beim Fragebogen von Grau (1999a), während bei den Fragebogen von Asendorpf et al.(1997) und Simpson (1990) eine im Vergleich dazu um 45° rotierte Lösung resultierte. Aufgrund der Ergebnisse der Faktorenanalyse formulierte Grau (1999a) zwei Kurzskalen „Angst vor Trennung “ und „Vermeidung von Nähe “ (Kurzbezeichnungen „Angst“ und „Vermeidung“).

Von Weber & Titzmann (2003) wurde eine neues Verfahren zur Erfassung ärgerbezogenen Verhaltens von Erwachsenen entwickelt, der Fragebogen zu ärgerbezogenen Reaktionen und Zielen (AERZ).

Ausgehend von kognitiven Emotionstheorien und empirischen Befunden zum Ärger wurden insgesamt 6 Reaktions- und 6 Ziel-Skalen mit je vier Items theoretisch abgeleitet. Die AERZ-Skalen sind zur Erfassung des habituellen Verhaltens konzipiert (vgl. Weber & Titzmann, 2003), sie wurden aber auch zur Erfassung des aktuellen Verhaltens (vgl. Vollmann, Weber & Wiedig, 2004a) sowie zur Fremdeinschätzung eingesetzt (vgl. Weber, Wiedig, Freyer & Gralher, 2004b).

Anhand dieser Fragebogen werden in der Diplomarbeit Beziehungen zwischen den Bindungsstilen und der in Ärgerepisoden gezeigten Emotionsregulation nachgewiesen. Die Forschungsfrage lautet: „Unterscheiden sich die vier Bindungsstile – sicher, ängstlich, vermeidend und ängstlich-vermeidend – signifikant in ihren Ärgerreaktionen und den damit verfolgten Ärgerzielen“?

Dazu dienen zwei Fragebogen: der Bindungs-Fragebogen (BinFB) von Ina Grau (vgl. Grau, 1999a; Grau, Clashausen & Höger, 2003) zur Erfassung der Bindungsdimensionen und Bindungsstilfindung und der AERZ (Ärgerbezogene Reaktionen und Ziele) zur Messung der Motivation, Absichten und Wünsche in Ärgersituationen von Hannelore Weber (vgl. Weber & Titzmann, 2003; Weber, 2004a+b).

II. Die Bindungstheorie von John Bowlby

2.1 Der theoretische und experimentelle Hintergrund der Bindungstheorie

2.1.1 Einleitung

Bowlby begann erst mit etwa fünfzig Jahren die Hauptgedanken seiner Bindungstheorie zu formulieren. Ausgehend von der eigenen Forschung, erkannte er, dass Kinder, die früh von einem Elternteil (besonders der Mutter) getrennt oder gar zu Waisen wurden, intensive psychische Schmerzen und Qualen erlitten. Mögliche Folgen konnten kurzfristiger Natur sein, nicht selten aber sich zu Neurosen im Kindes- und Jungendalter entwickeln und langfristig die psychische Gesundheit des Erwachsenen beeinträchtigen.

Welcher hochsensible Mechanismus war es, der dabei gestört wurde?

Wie entsteht die Bindung zwischen Bezugsperson und Kind und wie sind die möglichen Langzeitfolgen der Trennung zu erklären?

Diese Fragen bewegten Bowlby und er versuchte sie einerseits aus der Sichtweise der Psychoanalyse heraus zu beantworten (vgl. Holmes, 2002, S.82), andererseits fesselte ihn der ethologische Blickwinkel - Autoren wie Konrad Lorenz (z.B. Lorenz, 1984) und Tinbergen (z.B. Tinbergen, 1972).

Bowlby nutzt zur Beweisführung seiner Theorie Beobachtungsdaten über das Verhalten von Kleinkindern zusätzlich zu Material aus Patientenbehandlungen. Er tritt Kritikern dieser Direktbeobachtung u.a. mit dem Argument entgegen, dass der Reichtum des sich ergebenden Materials allzu gerne unterschätzt wird. Diese Daten besitzen Relevanz „für viele Zentralbegriffe unserer Disziplin – Liebe, Hass und Ambivalenz, Sicherheit, Angst und Trauer – (vgl. Bowlby, 1975, S. 21). Bowlby ist es wichtig, dass neben den Daten aus der analytischen Behandlung auch die Daten, die sich aus Direktbeobachtung ergeben, ernstgenommen werden, denn beide in Verbindung gebracht können einander ergänzen und so die Einsichten in das seelische Leben verbessern: „Mit beiden Augen zu sehen ist besser als nur mit einem einzigen“ (ebd., S. 22).

Die Bindungstheorie lenkt die Aufmerksamkeit auch auf den Forschungsbereich der Ethologie. Aus ihr können neue Begriffe entnommen werden, die von der Verhaltensforschung aufgrund der Beobachtung von Mitgliedern anderer Arten als der des Menschen entwickelt wurden. Hier erweisen sich die Reaktionen von Mitgliedern in ähnlichen Situationen bei An- oder Abwesenheit der Mutter, die Entwicklung sozialer Bande zwischen Jungtier und Muttertier und innerhalb der Artgenossen als wesentlich für das Verständnis des menschlichen Handelns und der Entwicklung von pathologischen Verhaltensmustern: „Ethologische Daten und Begriffe befassen sich also mit Phänomenen, die denen, die wir als Analytiker im Menschen zu verstehen suchen, zumindest vergleichbar sind“ (ebd., S. 22).

Natürlich darf nicht einfach von einer Spezies auf die andere geschlossen werden, besonders nicht auf die des Menschen. Es zeigen sich aber unübersehbare anatomische und physiologische Gemeinsamkeiten in der Säuglingsernährung, der Fortpflanzung und der Ausscheidung mit nichtmenschlichen Gattungen. Daher wäre es nach Bowlby doch „seltsam, wenn wir keines der Verhaltensmerkmale, die dazu gehören, mit diesen Teilen“ (ebd., S. 23). Es wird sich in der weiteren Ausarbeitung dieser Arbeit zeigen, ob Bowlby hierbei einem naturalistischen bzw. phänomenologischen Fehlschluss unterliegt oder sich diese biopsychologischen Vorgänge zumindest in Teilen beim Menschen wiederfinden lassen. Wenden wir uns nun dem ersten Hauptkomplex in der Herleitung der Bindungstheorie zu:

dem Instinktverhalten.

2.1.2 Das Instinktverhalten

Instinkt und Reflexhierarchien sorgen für den geordneten Ablauf zielgerichteten Verhaltens. Dabei ist zwischen instinktivem und motiviertem Verhalten zu unterscheiden, wobei aber auch Gemeinsamkeiten nicht zu übersehen sind:

Beide hängen von variablen internen Zuständen des Organismus (wie z.B. dem Hormonspiegel) ab.

Instinktreaktionen sind vererbte Phänotypen und vom Vorhandensein angeborener exogener Schlüsselreize und endogener Reize abhängig, die es ermöglichen den Schlüsselreiz als solchen zu erkennen (vgl. Birbaumer & Schmidt, 2003, S. 612).

Ein innerer Triebauslösemechanismus wird durch einen angeborenen Auslösereiz aktiviert, läuft dann automatisch ab, wird deaktiviert, wenn keine weitere Reizung von außen erfolgt oder/und dem inneren Bedürfnis genüge getan ist, also der eingeleite Mechanismus „zufriedenstellend“ abgelaufen ist.

Mit anderen Worten: Der Säugling verspürt das innere Bedürfnis nach Nahrungsaufnahme aufgrund von einem Hungergefühl, die Nahrungssuche beginnt, die mütterliche Brust wird als Schlüsselreiz zur Nahrungsaufnahme dargeboten und als solcher erkannt, der Säugling „sucht“ sie auf, saugt, der Hunger wird gestillt, der Mechanismus der Nahrungssuche und -aufnahme mit all seinen begleitenden Emotionen wie Angst oder Wut wird beendet.

Das sollte der natürliche Weg sein.

Bowlby beschreibt Verhaltensweisen, die i. a. R. als instinktiv bezeichnet werden und vier Merkmale aufweisen (vgl. Bowlby, 1975, S. 49 f):

1. Sie Besitzen ein ähnliches Muster bei allen Mitgliedern einer Art oder allen Mitgliedern eines Geschlechts dieser Art.
2. Sie bestehen aus einer Verhaltensfolge mit gewöhnlich einem voraussehbarem Verlauf.
3. Einige der eintretenden Folgen tragen deutlich dazu bei, das Überleben des Individuums oder die Erhaltung der Art zu gewährleisten.
4. Viele solcher Verhaltensweisen entwickeln sich häufig auch dann, wenn sich die Gelegenheiten zur Erlernung überhaupt nicht oder kaum bietet.

Es stellt sich unweigerlich die Frage, ob solche Verhaltensweisen angeboren oder erlernt oder erworben werden. Für Bowlby ist diese Diskussion wenig gewinnbringend und realitätsfern. Ein biologisches Merkmal (morphologisch, physiologisch oder verhaltensmäßig) ist als Produkt der genetischen Gegebenheiten und der Umwelt anzusehen. Daraus ergibt sich der Verzicht der Begriffe „angeboren“ und „erworben“ zugunsten einer neuen Terminologie.

Er bezieht sich dabei auf die Terminologie von Hinde (1959) und

spricht von biologischen Charakteren, die entweder in ihrer Entwicklung wenig durch eine Umweltveränderung beeinflusst wurden, also umweltstabil sind oder solche, die sich leicht durch solche Veränderungen beeinflussen lassen, ergo umweltlabil sind (vgl. ebd., S. 50).

Abbildung 1 zeigt das Kontinuum der Umweltveränderbarkeit. Es besteht vom Umweltstabilen zum Umweltlabilen. Was bisher als angeboren postuliert wurde findet sich am stabilen Pol, all das, was gemeinhin als erworben bezeichnet wurde in den Bereich zwischen dem stabilen und dem labilen Pol. Bowlby schreibt zum instinktiven Verhalten:

„Verhalten, das normalerweise als instinktiv bezeichnet wird, ist umweltstabil oder wenigstens so lange stabil, als die Umwelt sich innerhalb eines Bereichs hält, in dem die Art gewöhnlich zuhause ist. In einer solchen Umwelt tritt es in vorhersagbarer Form bei allen Mitgliedern der Art auf und wird deshalb oft als >artspezifisch< bezeichnet“ (ebd., S. 50).

stabiler Pol labiler Pol

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Das Kontinuum der Umweltstabilität und -labilität von biologischen Charakteren

(nach Bowlby, 1975).

Er tritt Kritikern entgegen, die der Ansicht sind, dass es beim Menschen letztendlich kein instinktives Verhalten gibt, sondern er sich als Spezies Mensch durch enorme Vielfältigkeit und Veränderbarkeit in seinem Verhalten über Kulturen hinweg kennzeichnet. Bowlby aber verneint nicht die Variabilität des menschlichen Handelns. Doch dieses ist nicht unendlich variabel und es lassen sich gewisse Gemeinsamkeiten über alle Grenzen der menschlichen Kulturen hinweg aufzeigen.

Beispiele dafür sind die Paarung, die Aufzucht von Kleinkindern und die Bindung der Kinder an ihre Eltern.

„Diese lassen sich am besten als der Ausdruck eines gemeinsamen Bauplans lesen oder auch, da sie alle deutlich dem Überleben dienen, als Beispiele von Instinktverhalten“ (ebd., S. 51).

Damit erweist sich das menschliche Instinktverhalten trotzdem nicht als stereotype Abfolge von Bewegungssequenzen, sondern als „ideosynkratische Leistung eines spezifischen Individuums in einer spezifischen Umwelt“ (ebd., S. 51). Dieser Leistung liegt ein erkennbares Muster zugrunde und mehrheitlich auch ein voraussehbares Ziel. Im Laufe der Evolution erhielt der Mensch mehr Möglichkeiten und Mittel zum Ereichen derselben Ziele. Diese Erweiterung schließt aber nicht das Vorhandensein von Grundmustern aus, jedoch der Mensch kann, insofern seine Umwelt es zulässt und er über ausreichend Erfahrung, Wissen und Kompetenzen verfügt, den Weg zum Ziel aus einem Pool von Operationen entnehmen und selbst im Handeln die Zielrichtung noch verändern. Jedoch liegen allen nur denkbaren Mitteln zum Ziel, allen Handlungen, allen Bewegungen usf. eine Grundstruktur inne, die, wenn auch oft schwierig, aber doch erkennbar ist:

„Die frühe Form ist nicht überholt, sie wird modifiziert, verfeinert und erweitert, bestimmt jedoch noch immer das Grundmuster“ (ebd., S. 51) und kennzeichnet das Instinktverhalten des Menschen.

Das Grundmuster der Operationen, aber eben nicht zwingend die Variabilitätsmöglichkeit derselben! Bowlby spricht von prototypischen Strukturen als frühen Formen, die der Spezies Mensch und anderen tierischen Arten gemeinsam sind und dass die heutige Grundstruktur eine abgeleite Form der frühen darstellt (vgl. dazu Abb. 2).

Ein zugrundeliegender Prototyp[1]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

TIER MENSCH

Abb. 2: Verfeinerung der Systeme, die für das Instinktverhalten

Verantwortlichkeit zeichnen (nach Bowlby, 1975).

Die Grundstruktur des menschlichen Instinktverhaltens ist abgeleitet von einem Prototyp, den wir mit anderen tierischen Arten gemeinsam haben. Je weiter die Entwicklung in der Evolution zum Menschen hin stattfand, desto stärker hat sich diese Grundstruktur verfeinert und erweitert. Deren Entfaltung in einer offenen Reaktion ist aber abhängig vom jeweiligen Individuum, seinem kognitiven Wissensstand, seinen Erfahrungen, seiner inneren Motivation, seiner Umwelt usf.

Ein System, das im allgemeinen umwelt stabil ist, kann durch Umweltfaktoren dennoch beeinflusst werden:

„Es ist allerdings gut bekannt, dass das Instinktverhalten der Mitglieder einer Art (mit geringen Ausnahmen) einem gemeinsamen Grundplan gehorcht, dass aber die spezifische Ausprägung bei einzelnen Individuen oft sehr charakteristisch und sogar ungewöhnlich sein kann“ und einige Zeilen weiter schreibt Bowlby:

„Instinktverhalten ist nicht vererbt; was vererbt wird, ist das Potential, bestimmte Arten von Systemen, die hier Verhaltenssysteme genannt werden, zu entwickeln, deren Wesen und Ausprägungen sich zu einem gewissen Grad, je nach der Umwelt, in der die Entwicklung stattfindet, unterscheiden (Bowlby, 1975, S. 55).

Wie sind diese Verhaltenssysteme strukturiert? Wie arbeiten diese zusammen? Welche Auswirkung hat das Resultat eines Systems auf die Funktionsweise des anderen? Vor der Beantwortung dieser Fragen sind aber zunächst einige zentrale Begriffe zu klären.

2.2 Das Verhaltenssystem

2.2.1 Adaption, Anpassung, Angepasstheit, Umwelt der Angepasstheit

Ein biologisches System entsteht nicht ad hoc, sondern es entwickelt sich stufenweise in der Zeit und der Umwelt. Das System passt sich an die es umgebende Umwelt an. Im Gegensatz dazu steht das von Menschen geschaffene System, das ausschließlich für eine bestimmte Umwelt geplant wurde. Aber das Ganze gestaltet sich komplexer als dies auf den ersten Blick erscheinen mag. Bei biologischen Systemen finden sich Bedingungen, die zu einem Angepasstsein führen: das Angepasstwerden und der Prozess der Anpassung.

2.2.2 Angepasstwerden und der Prozess der Anpassung

Der Zustand der Angepasstheit kennzeichnet sich durch drei Bedingungen: erstens durch eine organisierte Struktur, zweitens durch ein bestimmtes erreichbares Ergebnis und drittens durch eine Umwelt, in der die besagte Struktur dieses Ergebnis erzielen soll (vgl. Bowlby, 1975, S. 61):

„ Wenn die organisierte Struktur ein spezifisches Ergebnis zu erreichen vermag, während es in einer spezifischen Umwelt wirksam ist, nennt man die Struktur umweltangepasst. Somit gehört die Eigenschaft der Angepasstheit zur Struktur; ihre Definition enthält die Bezugnahme sowohl auf ein spezifiziertes Ergebnis als auch eine spezifische Umwelt“[2] (ebd., S. 61).

Der Prozess der Anpassung bezieht sich auf eine Strukturveränderung: Die Struktur kann sich dahingehend verändern, dasselbe Ergebnis in einer anderen Umwelt zu erzielen oder das Ergebnis zu verändern, bei gleicher Umwelt.

Nicht selten wird zwischen diesen beiden Begriffen Angepasstheit (als Zustand) und Anpassung (als Prozess) nicht explizit unterschieden und sogar beide Begriffe gleichgesetzt, um den Zustand zu beschreiben.

Zwischen beiden ist jedoch per definitionem ein entscheidender Unterschied: Angepasstheit bezieht sich auf einen Zustand, bei dem die Struktur in einer spezifischen Umwelt ein spezifiziertes Ziel zu erreichen vermag. Anpassung hingegen auf einen Prozess, bei dem die Struktur sich selbst verändert, um bei veränderter Umwelt das gleiche Ergebnis zu erreichen oder ein neues Ergebnis bei gleicher Umweltsituation.

Die Anpassung biologischer Strukturen hat letztendlich immer die Erhaltung der Art zum Ergebnis.

„Das biologische Angepasstsein einer biologischen Struktur, sei sie morphologisch, physiologisch oder verhaltensmäßig, wird als Ergebnis dessen betrachtet, dass die natürliche Auswahl in einer spezifischen Umwelt zur erfolgreichen Fortpflanzung und deshalb zur Erhaltung oder zu besser angepassten Varianten geführt hat und gleichzeitig auch zur weniger erfolgreichen Fortpflanzung und damit zum Ausfall weniger angepassten Varianten“ (Bowlby, 1975, S. 64).

Nochmals: Unser Ziel ist es ein Verständnis des menschlichen Instinktverhaltens zu gewinnen. Daher gehen wir nun dazu über, die Umwelt, genauer die stabile Umwelt der Angepasstheit, in der sich die umweltstabilen Komponenten des menschlichen Verhaltensrepertoires entwickelten, zu betrachten.

2.2.3 Die Umwelt der evolutionären Angepasstheit

Bowlby geht von der Annahme aus, dass bei den meisten Tierarten die Umwelt, in der sich ihr Verhaltensapparat entwickelt und angepasst hat, kaum von der heutigen unterscheidet. Demgegenüber steht der Mensch mit seinen vielfältigen Möglichkeiten seine Umwelt, in der er lebt, selbst zu variieren.

Daher kann mit großer Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass alle Umwelten des heutigen Menschen nicht denen gleichzusetzen sind, in welchen sich seine umweltstabilen Verhaltenssysteme entwickelt haben.

Die sog. Ur-Umwelt, mit ihren Schwierigkeiten und Gefahren stellen Selektionsfaktoren dar, die sich auf die allmähliche Entwicklung seines Verhaltensapparates auswirkten.

Über diesen Verhaltensapparat verfügt der Mensch noch heute.

Damit ist die Ur-Umwelt auch die Umwelt seiner evolutionären Angepasstheit (vgl. ebd., S. 68).

Die Möglichkeit der Anpassung des menschlichen Verhaltenapparates an alle derzeitigen Arten von Umwelten ist zwar grundsätzlich nicht auszuschließen, aber auch nicht einfach als gegeben anzunehmen und muss (so Bowlby) als noch nicht geklärt angesehen werden.

2.2.4 Instinktverhalten und dessen Vermittlung durch Verhaltenssysteme

Ein Kennzeichen komplexerer biologischer Regelsysteme ist, dass sie die Fähigkeit besitzen zwischen einem Sollwert und einem aktuellen Istwert unterscheiden zu können und so über das Feedback in der Lage sind korrigierend einzugreifen, wenn es zu signifikanten Abweichungen kommt. Wird ein Sollwert unter- oder überschritten, dann setzt ein Mechanismus ein der gegensteuert, um den Sollwert schnellstmöglich wiederherzustellen. Bei Verhaltenssystemen, die hier (in der Theorienherleitung) relevant sind, ermöglicht das Feedback die potentielle Diskrepanz zwischen einer Anfangsanweisung und der Wirksamkeit der ablaufenden Handlung festzustellen. Solche Systeme werden zielgerichtete Systeme genannt. Aber nicht alle Verhaltenssysteme, weisen diese Verfeinerung auf. Manche sind wesentlich einfacher.

Die Erbkoordination (fixed action patterns) ist ein solches einfaches System. Als strukturiertes Bewegungsmuster ist sie vergleichbar einem Reflex; jedoch mit dem Unterschied, dass die Aktivationsschwelle bei der Erbkoordination je nach Zustand des Organismus variiert.

Das Zentralnervensystem ist fähig solche durchaus komplexeren Bewegungsprogramme auch selbstständig, d.h. ohne ständige periphere Information abzuwickeln. Erbkoordinationen könnten sich mittels Lernerfahrungen ausgebildet haben. Ethologen postulieren die Möglichkeit, dass sie auf genetischer Information beruhen (vgl. Bischof, 1997, S. 147).

Flexibilität im Verhalten entsteht, wenn die Erbkoordination z.B. mit einer einfachen Bewegungsabfolge gekoppelt ist, die auf das Feedback aus der Umwelt angewiesen ist (vgl. Bowlby, 1975, S. 75).

Das Ergebnis des Verhaltens kann dabei ein voraussehbares Ergebnis aufweisen, jedoch ist es dadurch nicht zwangsläufig zielgerichtet. Wie ist nun zielgerichtetes Verhalten von anderem Verhalten seiner Wesensart nach zu unterscheiden?

Bowlby definiert zielgerichtetes Verhalten als Verhalten mit einem gesetzten Ziel (set goal):

„Das bedeutet entweder ein zeitlich begrenztes Ereignis oder einen andauernden Zustand, was beides durch das Funktionieren von Verhaltenssystemen, deren Struktur der Diskrepanz zwischen Anfangsanweisung und Ausführendes ablaufenden Verhaltens Rechnung trägt, zustande kommt. Es muss betont werden, dass bei dieser Definition ein gesetztes Ziel weniger ein Gegenstand in einer Umwelt ist als vielmehr entweder eine spezifizierte motorische Leistung – etwa das Singen eines Liedes – oder die Anknüpfung einer spezifizierten Beziehung von kurzer oder langer Dauer zwischen dem Tier und einem Gegenstand oder Bestandteil seiner Umwelt“ (ebd., S. 76).

Erst damit, so Bowlby, ist sichergestellt, dass der Begriff „Ziel“ auf ein zeitlich begrenztes Ereignis beziehbar ist, als auch „die Interaktion[3] eines Tieres mit einem Teil seiner Umwelt beinhaltet“ (vgl. ebd., S. 77), da in diesem Zusammenhang „Ziel“ nicht auf ein Objekt in seiner Umwelt angewendet werden darf. Nur auf diesem Hintergrund kann von zielgerichtetem Verhalten und besser noch von zielkorrigiertem Verhalten gesprochen werden, da letzteres von einem System gesteuert und korrigiert wird unter Einbeziehung von Diskrepanzen, die sich zwischen der laufenden Leistung und dem gesetzten Ziel ergeben (vgl. ebd., S. 77). Daher kann ein voraussehbares Ergebnis ein gesetztes Ziel oder ein nicht gesetztes Ziel sein und gesetzte Ziele stellen eine Klasse von voraussehbaren Ergebnissen dar, deren Vorhersage in Abhängigkeit steht von einer Anzahl von Bedingungen und sich verfälscht mit deren Veränderung.

2.2.3 Exkurs: Affekt, Gefühl und Emotion

Affekt, Gefühl und Emotion stellen für Bowlby i. a. R „eine Phase in der intuitiven Einschätzung der eigenen organismischen Zustände und Handlungsantriebe oder der Aufeinanderfolge der vom Individuum erfahrenen Umweltsituationen“ dar (vgl. ebd., S. 107). Diese Einschätzungsprozesse, insofern sie bewusst werden, bilden ein Warnsystem für die inneren Zustände, Antriebe und Situationen und können als Gefühl empfunden werden. Zusätzlich vermitteln sie durch den sie begleitenden emotionalen Ausdruck, die Körperhaltung und Bewegungsansätze der Umgebung, Informationen über den inneren Zustand des Individuums.

Wichtig bei dieser Auffassung ist, dass wie eben skizziert, die Einschätzungsprozesse empfunden oder nicht empfunden werden können und dabei drei unterschiedliche Rollen spielen.

Abb. 3 verdeutlicht diese Rollen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3 Die Rolle der Einschätzungsprozesse (nach Bowlby, 1975).

Die erste Rolle nach Bowlby ist das Einschätzen der sich verändernden Umweltsituationen und organismischen Zustände, einschließlich der Neigung zum Handeln. Diese Prozesse spielen bei der Verhaltensteuerung eine wichtige Rolle, unabhängig davon ob sie empfunden oder nicht empfunden werden – bewusst oder nicht bewusst sind.

Die Funktion als Warnsystem bildet die zweite Rolle, die der Übermittlung von Informationen an die Umwelt, die Rolle des Kommunikationsdienstes mit anderen Lebewesen, dient (vgl. ebd., S. 107).

Nur die zweitgenannte bedarf der Bewusstwerdung ihrer Prozesse, die beiden anderen nicht. Abbildung 4 verdeutlicht diesen zweiten Schritt der Überlegungen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Die Notwendigkeit bzw. Nichtnotwendigkeit der Bewusstheit der

Prozesse (nach Bowlby, 1975).

Bowlby vertritt die Auffassung, dass die drei Begriffe Affekt, Gefühl und Emotion nicht als einzelne, getrennte Einheiten angesehen werden sollten, ebenso wenig könne von einem Affekt, einem Gefühl oder einer Emotion gesprochen werden. Er sieht ein Gefühl als eine Eigenschaft, „die gewisse mit Verhalten verbundene Prozesse von Zeit zu Zeit besitzen. Bezeichnungen, die Empfindungen, Gefühle und Emotionen konkretisieren, werden daher als unzulässig betrachtet“ (ebd., S. 108). Tabelle 2 veranschaulicht die von Bowlby verwendete Terminologie, bei der Herleitung seiner These zur Rolle der Affekte, Gefühle und Emotionen.

Tabelle 1: Definition der Begriffe „Affekt, Gefühl und Emotion“ (nach Bowlby, 1975).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.2.6 Prozesse, die durch Gefühlsempfindungen erfasst werden

Über die Sinnesorgane erhält der Organismus sinnliche Daten aus Umweltereignissen und solche, die vom inneren Zustand des Organismus ausgehen. Diese Datenmenge wird unmittelbar eingeschätzt und interpretiert. Anschließend kann ihre Relevanz für das Handeln bestimmt werden. Liegt eine Relevanz vor kommen viele andere Faktoren der Bewertung hinzu bevor eine koordinierte Handlung erfolgt. Der Bewertungsprozess endet aber nicht mit dem Beginn der Handlung, sondern der Verlauf und die Konsequenzen der Handlung werden weiterhin beurteilt.[4]

Nun scheint es so zu sein (vgl. ebd., S. 112), dass einige, aber nicht alle dieser Einschätzungsprozesse in ihrem Verlauf einen Punkt erreichen, an dem sie auch empfunden werden. Während jedoch die Bewertung ein fester Bestandteil jedes funktionierenden Steuerungssystems ist und je feiner das System entwickelt ist, umso mehr Bewertung auftritt, so mündet aber nicht jede Bewertung in eine Empfindung. Ebenso können die Ausdifferenzierungen beider einander stark unterscheiden. Ein sensorischer Input mag nur grob unterschieden werden und das, was empfunden wird nur grob differenziert sein, im anderen Fall aber der Input sehr fein unterschieden und interpretiert werden und das Empfundene sich als äußerst differenziert erweisen.

Die grobe Einteilung von Input in z.B. Angenehm oder Unangenehm resultiert aus dem Vergleich von Input mit internen Stellenwerten oder Maßstäben, von denen einige ein Leben lang umweltstabil bleiben, öfters jedoch mit dem Zustand des Organismus und seiner Erfahrung wechseln, also umweltlabil sind (vgl. ebd., S.113).

Ist der interpretierte Input als Angenehm oder Unangenehm eingeschätzt, erfolgen i.a.R. bestimmte Verhaltensweisen: was als angenehm bewertet wird, wird wahrscheinlich beibehalten oder aufgesucht, dasjenige was als unangenehm empfunden, wird wahrscheinlich reduziert oder vermieden.

Die Einschätzung umfasst nach Bowlby zwei Hauptphasen (vgl. ebd., S. 114):

1. Den Vergleich des Inputs mit Maßstäben, die im Organismus während der Dauer von dessen Leben entwickelt werden (und)
2. Dem Auswählen gewisser allgemeiner Verhaltensweisen anstelle von anderen, und zwar im Blick auf die Resultate der vorher angestellten Vergleiche.

Augrund der Tatsache, dass viele Vergleichsmaßstäbe und viele der einfacheren Verhaltensformen von Annäherung und Rückzug, die auf das Vergleichen folgen, umweltstabil sind, können viele dieser Verhaltensformen als instinktiv bezeichnet werden.

2.2.4.1 Die Einteilung interpretierten Inputs in Kategorien

Der sensorische Input aus der Umwelt wird nicht nur in die groben Kategorien „Angenehm“ und „Unangenehm“, „Schön“ und „Scheußlich“ eingeteilt, sondern teilweise viel genauer unterschieden. Für die Herleitung der Bindungstheorie sind jene Kategorien entscheidend, die die Aktivierung der Verhaltenssysteme signalisieren, welche für Instinktverhalten verantwortlich sind.

„Wenn eine solche Kategorisierung erfolgt, empfindet das Subjekt wahrscheinlich eine Emotion – Alarm, Angst, Ärger, Hunger, Lust, Kummer, Schuld oder ähnliche Gefühle, je nachdem, welches Verhaltenssystem aktiviert wird“ (ebd., S. 114).

Dabei ist es auch möglich eine Emotion als Alternative zur Verhaltensaktivierung zu empfinden. Für Bowlby ist es wahrscheinlich, dass bereits der Vorgang der Kategorisierung einer Person, eines Objektes oder einer Situation als „geeigneter Auslöser einer Verhaltensform emotionell erfahren wird“ (vgl. ebd., S. 115) und somit die Emotion lange vor einer potentiellen Handlung auftritt.

Sie ist demnach nicht an die offene Handlungsausführung gekoppelt, sondern bereits der Prozess der Kategorisierung von sensorischem Input, im Sinne ihrer Eignung als Auslöser bestimmter Verhaltensweisen, kann durch Emotionen gefärbt sein.

Diese Tatsache beschränkt sich aber nicht nur auf den Input aus der Umwelt. Ebenso kann der sensorische Input aus dem Organismus als ein geeigneter Auslöser eines Verhaltenssystems für Instinktverhalten kategorisiert werden und somit Emotionen auslösen.

Gefühl, Aufmerksamkeit und Bewusstsein gehen dabei Hand in Hand. Starke Gefühle, insofern sie nicht zu intensiv sind, treten i.a.R zusammen mit gespannter Aufmerksamkeit, genauer Urteilskraft und überlegter – wenn auch nicht unbedingt gut beurteilter – Verhaltensplanung auf. Die Ergebnisse werden registriert und aus ihnen gelernt (vgl. ebd., S. 118). Die gefühlsmäßige Empfindungsbereitschaft erweist sich bei den Einschätzungsprozessen von großer Bedeutung für das zum Ausdruck kommende Verhalten.

2.3 Bindungsverhalten

Aufbauend auf die in den voranliegenden Abschnitten skizzierte Instinkttheorie, postuliert Bowlby das Band zwischen Mutter und Kind als

„Produkt der Aktivität einer Anzahl von Verhaltenssystemen, deren voraussehbares Ergebnis die Nähe zur Mutter ist“ (ebd., S. 172).

Aufgrund der Komplexität und langen Entwicklungszeit dieser Systeme, kann im ersten Lebensjahr des Kindes bezüglich des Fortschritts nur schwerlich eine Feststellung getroffen werden, jedoch im zweiten Lebensjahr zeigt das Kind deutlich Bindungsverhalten und es sieht so aus, als wird zunächst beim Kind eher eine gewisse Ganzheit von Verhaltenssystemen aktiviert, insbesondere beim Weggehen der Bindungsperson. Auch im dritten Lebensjahr bleibt eine leichte Aktivierbarkeit die Regel. Erst danach nimmt diese allmählich ab und die Nähe der Mutter wird nicht mehr zwingend gesucht. Zusätzlich erfahren sie weitere Veränderungen in der Adoleszenz und danach.

„Dem Bindungsverhalten wird unter den sozialen Verhaltensweisen dieselbe Wichtigkeit beigemessen wie dem Paarungsverhalten und dem Elternverhalten. Es wird ihm eine spezifische biologische Funktion zugesprochen, eine Funktion, die bisher wenig Beachtung gefunden hat“ (ebd., S. 173).

Das ist m.E. mit der gewichtigste Unterschied zu anderen Theorien, da hier nicht auf „Bedürfnisse“ und „Triebe“ Bezug genommen, sondern das Bindungsverhalten auf die Aktivierung bestimmter Verhaltenssysteme zurückgeführt wird, diese Systeme sich dann selbst im Kleinkindalter als „Resultat einer Wechselbeziehung mit der Umwelt seiner evolutionären Angepasstheit entwickeln, besonders der Wechselbeziehung mit der wichtigsten Figur in dieser Umwelt, nämlich der Mutter“ (ebd., S. 173).

Nahrung spielt bei ihrer Entwicklung eine untergeordnete Rolle, wohl aber stellt die Mutternähe ein gesetztes Ziel dar in der Ausbildung der Verhaltenssysteme, die für eine Bindung verantwortlich sind; diese sind so organisiert, dass ein Kind dazu tendiert, die Nähe der Mutter beizubehalten.

2.3.1 Das Wachstum des Bindungsverhaltens im Verlauf der ersten Lebensjahre: Phasen der Entwicklung

Bereits mit vier Monaten reagiert das Kind auf die Mutter anders als auf andere Personen. Es zeigt aber noch kein Bindungsverhalten, da hierfür ein Verhalten notwendig ist, dass die Nähe zur Bindungsfigur aktiv aufrechterhält (vgl. ebd., S. 190). Dies ändert sich mit ca. 6 Monaten: Das Kind schreit, wenn die Mutter das Zimmer verlässt und begrüßt sie mit einem Lächeln, Ausbreiten der Arme und Freudeschreien. Insofern der Vater sich durch regelmäßige Anwesenheit in der Vergangenheit ausgezeichnet hat, wird auch er im Alter zwischen 6 und 9 Monaten mit Freude begrüßt, wenn er den Raum betritt, ein Nachfolgen wie bei der Mutter, kann i.a.R. aber erst nach 9 Monaten festgestellt werden und diese Nachfolgetendenz erweitert sich im späteren Verlauf auch auf andere, zufällig anwesende Erwachsene. Bowlby schreibt zur weiteren Entwicklung des Bindungsverhaltens:

„Obwohl reichlich Beweise dafür vorliegen, dass die Art der Pflege, die ein Kind von der Mutter erfährt, eine wichtige Rolle in Hinblick darauf spielt, wie sich sein Bindungsverhalten weiterentwickelt, so darf doch nie

vergessen werden, dass das Kind im großen Umfang selbst die Initiative zur Interaktion ergreift und deren Form beeinflusst“ (ebd., S. 193).

Im folgenden wird die Entwicklung der Bindung konkretisierend in Phasen gegliedert, wobei Bowlby explizit darauf hinweist, dass diese in ihrem Verlauf nicht klar abgegrenzt werden können (vgl. ebd., S. 247).

1. Phase: Orientierung und Signale ohne Unterscheidung der Figur

(Geburt bis 8/12 Wochen)

In dieser Phase besitzt das Baby noch nicht oder nur sehr begrenzt die Fähigkeit Personen voneinander zu unterscheiden. Es zeigt Verhaltensweisen wie „Mit-den-Augen-Verfolgen, Greifen, Lächeln und Schwätzeln“, die dazu dienen das Verhalten der Bindungsperson dahingehend zu beeinflussen, dass die Nähe zu ihr aufrechterhalten bleibt.

2. Phase: Orientierung und Signale, die sich auf eine (oder mehrere) unterschiedene Person (Personen) richten (bis etwa 6 Monate)

Das freundliche Verhalten der ersten Phase wird nun immer mehr auf die Bindungsperson, meist die Mutter, gerichtet. Die Entwicklung des Bindungsverhaltens ist in dieser Phase stark abhängig von den weiteren Umweltbedingungen.

3. Phase: Aufrechterhaltung der Nähe zu einer unterschiedenen Figur durch Fortbewegung und durch Signale

(ab dem 6./7. Monat bis 2./3. Lebensjahr)

Das Kind erweitert sein Repertoire an Reaktionen gegenüber der Bindungsperson gewaltig und nutzt sie zunehmend als Ausgangsbasis für seine Umwelterkundungen. Es unterteilt die Personen darin in über- und untergeordnete Bindungsfiguren, dabei rufen Fremde Vorsichtreaktionen hervor und ab einem bestimmten Zeitpunkt Alarm- und Rückzugreaktionen.

„Während dieser Phase werden einige der Systeme, die das Verhalten eines Kindes gegenüber seiner Mutter vermitteln, auf einer zielkorrigierten Basis organisiert, und damit tritt seine Bindung an die Mutterfigur für alle deutlich in Erscheinung“ (ebd., S. 248).

4. Phase: Bildung einer zielkorrigierten Partnerschaft

(wahrscheinlich ab dem 2. bzw. 3. Lebensjahr)

Die Näheregulation in der Phase 3 basiert auf einfach organisierten, zielkorrigierten Systemen, die eine rudimentär entwickelte kognitive Landkarte verwenden. Durch Beobachtung des Verhaltens der Bindungsfigur und der eigenen Möglichkeiten dieses zu beeinflussen, samt der daraus resultierenden Ergebnisse, gewinnt das Kind Einblick in die von der Bindungsfigur gesetzten Ziele und Pläne. Die kognitive Landkarte wird weit komplexer in Phase 4 und die eigenen Verhaltensmöglichkeiten i.d.R. weit flexibler.

„Man könnte mit anderen Worten sagen, dass das Kind Einblick in die Gefühle und Motive seiner Mutter gewinnt“ (ebd., S. 249).

Die Beziehung zwischen Mutter und Kind wird wesentlich komplexer, es entwickelt sich, so Bowlby, eine Partnerschaft.

Ab welcher Phase nun das Kind als gebunden bezeichnet werden kann ist letztendlich nicht zu klären. Sicher ist, dass es in Phase 1 nicht und in Phase 3 eindeutig gebunden ist.

2.3.2 Der weitere Verlauf des Bindungsverhaltens beim Menschen: Zusammenfassung und Ausblick

Nach dem 1. Lebensjahr taucht eine Veränderung bei den Umständen unter denen Bindungsverhalten ausgelöst wird auf, nicht jedoch in der Häufigkeit seines Auftretens. Das Kind erhält durch seine kognitive und motorische Entwicklung neue Möglichkeiten einen bevorstehenden Weggang der Mutter zu erfassen und diesem aktiv entgegenzuwirken (vgl. ebd., S. 194). Erst mit Ende des dritten Lebensjahres kommt es zu einer quantitativen Veränderung: Von nun ab akzeptieren die Kinder das Weggehen und Wegbleiben der Mutter besser und können sich sogar mit untergeordneten Bindungsfiguren sicher fühlen, wenn diese Figuren im Beisein der Mutter zuvor kennengelernt wurden, das Kind gesund ist und es die Sicherheit verspürt zu wissen, wo seine Mutter ist und jederzeit mit ihr Kontakt aufnehmen kann.

In den nächsten Jahren geht das Bindungsverhalten in seiner Häufigkeit und Intensität weiter zurück, bleibt jedoch ein Hauptaspekt des Verhaltens. Erst mit der Adoleszenz können andere Erwachsene an Wichtigkeit die eigenen Eltern übertreffen und die interindividuellen Unterschiede im Bindungsverhalten können beträchtlich werden: Von dem Extrem der Unfähigkeit und Nicht-Willentlichkeit sich von den Eltern zu lösen bis hin zum anderen Extrem, derer sich völlig von ihnen lösen.

Die große Mehrheit zwischen diesen Polen behält ein stabiles Band der Bindung zu den Eltern, ohne sich neuer Verbindungen zu verschließen, bis hin ins Erwachsenenalter. An einem gewissen Zeitpunkt richtet sich dann das Bindungsverhalten nicht mehr auf ältere oder gleichaltrige Personen, sondern auf Mitglieder der jüngeren Generation, was bedeut, dass es mit dem Erwachsenenalter nicht endet, sondern i.a.R. eine direkte und natürliche Fortsetzung des Bindungsverhaltens der Kindheit ist und da natürlich in diesem Zusammenhang auch nicht als regressiv bezeichnet werden kann (vgl. ebd., S. 197). Dazu Bowlby:

„Dass Bindungsverhalten im Erwachsenenleben eine direkte Fortsetzung des Bindungsverhaltens der Kindheit ist, wird durch jene Umstände ausgewiesen, die dann das erwachsene Bindungsverhalten besonders leicht auslösen können. Wenn sie krank oder in Not sind, stellen Erwachsene oft große Ansprüche an andere, bei plötzlicher Gefahr oder in Unglücksfällen sucht der Mensch fast immer die Nähe einer bekannten Person, zu der er Zutrauen hat. (...) Wenn man Bindungsverhalten bei einem Erwachsenen als regressiv bezeichnet, vergisst man die lebenswichtige Rolle, die dasselbe von der Wiege bis zum Grabe im Menschenleben spielt“ (ebd., S. 197).

2.3.3 Die Funktion des Bindungsverhaltens

Die Funktion des Bindungsverhalten ist das Schützen und Beschütztwerden vor Raubtieren (vgl. ebd., S. 212).

Die biologische Funktion kann wie folgt beschrieben werden:

„Sie ist die Konsequenz, die im Lauf der Evolution das betreffende Verhalten der biologischen Ausrüstung einer Art einverleibt hat. Diese Einverleibung geschieht infolge eines Vorteils (im Sinne des Überlebens und des differentiellen Zuchterfolgs), den das Verhalten den Individuen verleiht, die es besitzen“ (ebd., S. 212).

Diese Auffassung wird durch drei Beweisgruppen unterstützt: Erstens durch Beobachtungen vieler Säugetierarten, bei denen ein isoliertes Tier mit größerer Wahrscheinlichkeit einem Raubtier zum Opfer fällt als Mitglieder der Gruppe. Zweitens wird Bindungsverhalten besonders leicht und intensiv ausgelöst bei Tieren, die wegen ihres Alter, ihrer Größe oder ihres Zustandes - wie Jungtiere, schwangere Weibchen oder Kranke - besonders raubtiergefährdet sind. Drittens wird Bindungsverhalten in spezifisch hoher Intensität ausgelöst in Alarmsituationen, in denen ein Raubtier gewittert oder erwartet wird (vgl. ebd., S. 214).

2.3.4 Bindung vermittelnde Verhaltensformen und ihre Organisation beim Menschen

Bei Menschen wird Bindungsverhalten durch mehrere Verhaltensweisen vermittelt. Dazu gehören Schreien und Rufen, Babbeln und Lächeln, Sich-Anklammern, nichtnäherndes Saugen und Fortbewegung zwecks Annähern, Nachfolgen und Suchen. Diese Verhaltensweisen lassen sich allgemein in die zwei Hauptklassen „Signalverhalten“ und „Annäherungsverhalten“ gruppieren (vgl. ebd., S. 229). Signalverhalten bewirkt hierbei, dass die Mutter zum Kind zurückkommt, Annäherungsverhalten, dass das Kind zur Mutter kommt.

Die Organisation dieser Verhaltensweisen folgt den bereits beschriebenen Kriterien der zielkorrigierten und der nicht zielkorrigierten Organisationsweisen. Beide Arten führen, insofern sie in einer Umwelt der evolutionären Angepasstheit aktiviert werden, i.a.R. zu einem voraussehbaren Ergebnis.

Zur Erinnerung: Im Fall des zielkorrigierten Systems folgt das voraussehbare Ergebnis auf die Aktivierung, weil das System die Diskrepanz zwischen dem gesetzten Ziel und der Leistung feststellt. Im anderen Fall, da kein gesetztes Ziel vorhanden ist und keine Diskrepanz zur Leistung festgestellt werden kann, ist das voraussehbare Ergebnis als das Resultat verschiedener Aktionen, in einer Sequenz und bestimmten Situation ablaufend, anzusehen.

Die Verhaltenssysteme, die Bindung vermitteln, können in beiden genannten Formen organisiert sein. Zu Beginn der menschlichen Entwicklung, nach der Geburt, kommen mit großer Wahrscheinlichkeit fast ausschließlich nicht zielkorrigierte Formen vor, besonders im ersten Lebensjahr gewinnen die zielkorrigierten an Bedeutung und dominieren letztendlich. Zwei Beispiele für nicht zielkorrigierte Verhaltenssysteme, die die Nähe zur Mutter als voraussehbares Ergebnis haben:

I. Lächeln
- Baby (14 Monate) nach kurzer Abwesenheit der Mutter:
- Lächeln bei deren Wiederkehr

- Mutter/Bindungsperson:
- Reaktion auf Lächeln: geht zum Kind

(Lächeln, Reden, auf den Arm nehmen etc.)

- voraussehbares Ergebnis des Babylächelns: größere Nähe zur Mutter
- nicht zielkorrigierte Verhaltensweise des Babys, da das Erzielen des Ergebnisses das Lächeln nicht in regelmäßiger Weise verändert;

(sondern Erbkoordination durch Anblick des mütterlichen Gesichtprofils)

II. Schreien

- Baby schreit in seiner Umwelt der evolutionären Angepasstheit

(= in der Hörweite der reaktionsbereiten Mutter)

- voraussehbares Ergebnis: Mutter kommt zum Kind
- nicht zielkorrigierte Verhaltensweise des Babys, da keine Variation im Schreien, je nachdem, wie weit die Mutter weg ist, kommt oder geht

Erst um etwa den 1. Geburtstag finden sich dann kompliziertere Bindungsverhaltenssysteme.

Verlässt die Mutter das visuelle Beobachtungsfeld des Kindes bzw. die Kontaktnähe zu ihm, dann wird das Kind von einem System gesteuert, durch welches es mittels Sich-Annähern, mit entsprechender Zielkorrektur, wieder in Sichtweite oder Kontaktnähe der Mutter zu gelangen versucht. Die Aktivation dieses Systems endet i.a.R. erst mit dem Erreichen des Zieles (vgl. ebd., S. 235).

Auf Fortbewegung oder Rufen kann eine weitere Form des Bindungsverhaltens folgen: das Armausstrecken oder das Händegreifen. Somit können Bindungsverhaltenweisen als Kette organisiert sein und das nächste Glied wird ausgelöst, wenn (wie in diesem Beispiel) die Distanz auf ein Maß verringert werden konnte, die die weitere Bindungsverhaltensweise zulässt (vgl. ebd., S. 236). Bevor die weitere Entwicklung des Bindungsverhaltens erläutert werden kann, ist zunächst dessen Aktivierung und Beendigung zu betrachten.

2.3.5 Aktivierung und Beendigung von zielkorrigierten Systemen, die Bindungsverhalten vermitteln

Bindungsverhalten wurde definiert als das Aufsuchen und Aufrechterhalten der Nähe zu einem anderen Lebewesen. Das von Bowlby vorgeschlagene Modell ist ein „Start-Stop-Modell“. Die Beendigungsbedingungen verändern sich dabei stark mit der großen Variationsbreite in der Aktivierungsintensität.

„Wenn die Systeme intensiv aktiv sind, kann nur der Kontakt mit der Mutter sie beenden. Sind die Systeme weniger aktiv, so genügt vielleicht der Anblick der Mutter oder ein Geräusch von ihr, und die Nähe zu einer untergeordneten Bindungsfigur kann dann als Alternative zur Mutter genug sein. Diese Variation in den Beendigungsbedingungen lassen sich in ein Spektrum fassen, das von „angespannt“ bis zu „entspannt“ reicht“ (ebd., S. 241).

Zwei der einfachsten Bedingungen, die Bindungsverhalten aktivieren, sind zum einen, wie bereits angeführt, die Entfernung der Mutter vom Kind und zum anderen das Verstreichen einer Zeitspanne.

Aus Kindergartenbeobachtungen zeigt sich, dass zweijährige Kinder i.d.R. trotz zufriedener Beschäftigung von Zeit zu Zeit nachsehen, wo die Mutter sich aufhält. Dieses Bindungsverhalten ist periodisch aktiviert und von niedriger Intensität (vgl. ebd., S. 241; Grossmann et al., 2003, S. 223 ff).

Andere Bedingungen, die Bindungsverhalten aktivieren, sowie dessen Erscheinungsform und wie sie die Intensität seines Auftretens beeinflussen zeigt Tabelle 2. (nach Bowlby, 1969, S. 242 f).

Tabelle 2.: Bedingungen, die Bindungsverhalten aktivieren, deren Erscheinungsformen und Intensitätsbeeinflussung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wenn die Mutter die Nähe zum Kind nicht aufrecht zuhalten vermag, dann bleibt das Kind in Alarmbereitschaft und richtet sein Verhalten darauf, die Nähe (wieder)herzustellen.

2.3.6 Die Veränderungen mit zunehmenden Alter

Wie bereits geschildert, wird das Bindungsverhalten i.a.R. nach dem dritten Lebensjahr weniger häufig und mit geringer Intensität gezeigt. Nach der Bindungstheorie folgt diese Veränderung aus der Grundsätzlichkeit, dass dieses Verhalten im Allgemeinen dann weniger leicht aktivierbar ist und der Intensitätsgrad, mit dem es aktiviert wird, niedriger liegt (vgl. ebd., S. 243). Daher werden auch die Beendigungsbedingungen leichter erreichbar und Bedingungen, die zuvor intensives Bindungsverhalten bewirkt hatten, lösen dann weniger intensives Verhalten aus.

Die Gründe warum Bindungsverhalten weniger leicht und weniger intensiv aktiviert wird, liegen wahrscheinlich einerseits in den Erfahrungen, die dem Kind bis zu diesem Alter wiederfuhren und daher erscheinen ehemals unvertraute Situationen vertrauter und somit weniger alarmierend.

Andererseits könnten Veränderungen des endokrinen Gleichgewichts ebenso dafür mitverantwortlich sein (vgl. ebd., S. 244).

Mit zunehmenden Alter mindert sich die Aktivierbarkeit des Bindungsverhaltens weiter und zusätzlich stehen dem Individuum immer mehr Bedingungen der Beendigung zur Verfügung, von denen viele rein symbolisch sein können wie eine Fotografie, ein Brief oder ein Telefonat und der Aufrechterhaltung des Kontaktes dienen.

III. Bindungsstile im Erwachsenenalter und ihre Dimensionen: Messung des Konstruktes „Bindung“

Bei Kindern handelt es sich bei der primären Bezugsperson in den meisten Fällen um die Mutter, bei Erwachsenen erfüllt der Lebens- oder Ehepartner in vielen Fällen am besten das Bedürfnis, sich an einen anderen Menschen zu binden und darin gefühlte Sicherheit zu finden.

In welcher Weise jemand Bindungen eingeht und ob er in ihnen die Nähe zum Partner sucht und das dafür nötige Vertrauen entwickelt, hängt nach der Bindungstheorie mit den Erfahrungen zusammen, die er/sie in seinem/ihrem Leben mit Bindungspersonen, insbesondere der Mutter, gemacht hat (vgl. Bowlby, 1975; 1983).

Nach der Bindungstheorie sind Bindungen, mit deren Hilfe ein Gefühl der Sicherheit (wieder)erlangt werden kann, auch bei Erwachsenen wichtig und notwendig, wobei meist der Partner - aber auch Freunde, Bekannte, Arbeitskollegen und ggf. (vor allem im späteren Verlauf) auch die eigenen Kinder - die wichtigste Bindungsperson darstellt.

Die Bindungstheorie von Bowlby wird von Hazan und Shaver (1987) auch zur Beschreibung von Bindungen in Partnerschaften herangezogen und empirisch überprüft. Partnerschaften haben einiges mit der Mutter-Kind-Beziehung gemein: Meist stellt der Partner die wichtigste Bezugsperson dar, an die man sich bei Problemen wendet und für die man intensive Gefühle empfindet. Die Trauer bei einer Trennung vom Partner ist mit den kindlichen Gefühlen bei einer Trennung von der Mutter durchaus vergleichbar (vgl. Bowlby, 1983), ebenso die Angst vor Verlust bei einer drohenden Trennung (vgl. Shaver & Hazan, 1987; Shaver, Hazan & Bradshaw, 1988).

[...]


[1] Bowlby diskutiert die Möglicht mehrer, aber weniger Prototypen. Der Ausgangspunkt eines Prototyps beeinträchtigt die Theorienbildung (nach Meinung des Verfassers) jedoch nicht.

[2] Hervorhebungen durch den Verfasser.

[3] Hervorhebung durch den Verfasser.

[4] Bowlby spricht von „bewertenden Einschätzungsprozessen“. Nach Meinung des Verfassers der treffende Ausdruck.

Ende der Leseprobe aus 158 Seiten

Details

Titel
Bindungsstil-Dimensionen und ärgerbezogene Reaktionen und Ziele in sozialen Interaktionen von Erwachsenen
Hochschule
Universität des Saarlandes
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
158
Katalognummer
V35707
ISBN (eBook)
9783638355346
Dateigröße
1064 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bindungsstil-Dimensionen, Reaktionen, Ziele, Interaktionen, Erwachsenen
Arbeit zitieren
Markus Trottno (Autor), 2004, Bindungsstil-Dimensionen und ärgerbezogene Reaktionen und Ziele in sozialen Interaktionen von Erwachsenen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/35707

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