Passivität und Aktivität in Thüring von Ringoltingens Roman "Melusine"

Zustandswechsel der Figuren Reymund und Melusine


Hausarbeit, 2015

14 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Der passive und aktive Grundzustand Reymunds und Melusines

Wechsel des Grundzustands: Reymund

Wechsel des Grundzustands: Melusine

Deutungsansätze der Grundzustandswechsel auf Figurenebene

Schluss

Literatur- und Quellenverzeichnis

Einleitung

Die Melusine Thürings von Ringoltingen1 gilt noch heute als einer der ersten Prosaromane des deutschsprachigen Raums. In der mediävistischen Forschung wird der Melusinenroman oftmals als Beispiel für einen frühen Genderroman herangezogen. Andere Forscher, wie Drittenbass, oder Rohr gehen zwar auf die Liebesbeziehung zwischen Reymund und Melusine ein, fokussieren sich hier jedoch allzu sehr auf das Motiv der gestörten Mahrtenehe.

Die vorliegende Arbeit möchte sich von dieser Herangehensweise distanzieren und das Augenmerk auf ein Aktivität-Passivität-Schema auf Figurenebene richten. Zu diesem Zweck wird in einem ersten Schritt die Grundhaltung der Figuren Reymund und Melusine definiert, um dann anschließend dieses Schema anhand der Figuren anzuwenden und zu untersuchen. In einem letzten Schritt möchte diese Arbeit Deutungsansätze für das angewandte Schema liefern. Die Untersuchung des Wechsels der passiven oder aktiven Haltung Reymunds und Melusines, soll zeigen, dass Thüring schon in seiner Figurenkonstruktion den Grundstein für den Verlauf der Handlung gelegt hat. Ähnlich wie Drittenbass hält sich diese Arbeit eng am Text auf, geht dabei jedoch über eine rein semantische Analyse des Dialoges in der Durstbrunnenszene zwischen Reymund und Melusine hinaus. Wenn bei Drittenbass oder Rohr die Brunnenszene als Schlüsselszene identifiziert wird, so kann das für diese Arbeit nicht gelten. Sie mag zwar eine Schlüsselszene zu Beginn der Handlung darstellen, spielt jedoch für den Gegenstand dieser Untersuchung keine große Rolle. Zentrale Szene dieser Arbeit stellt die Klostereintrittsszene dar, in der Melusine Reymund die Entscheidung über den Klostereintritt des Sohnes überträgt. Es soll untersucht werden, inwieweit diese Übertragung der Entscheidung und der damit einhergehende Wechsel von Aktivität der beiden Figuren, eine zentrale Funktion für das Aktivität-Passivität-Schema hat. Da der Gegenstand dieser Arbeit noch nicht ausreichend wissenschaftlich untersucht wurde, ist es erforderlich sich eng am Text zu halten.

Der passive und aktive Grundzustand Reymunds und Melusines

Eines der Merkmale des Melusinenromans Thürings ist der häufige Wechsel zwischen Aktivität und Passivität auf Figurenebene. Besonders an den Handlungstragenden Figuren Reymund und Melusine lässt sich dieser Wechsel von Aktivität und Passivität auf Figuren- und Handlungsebene nachvollziehen.

Um den Zustandswechsel von Aktivität und Passivität zu untersuchen, wird in dieser Arbeit zuerst der Grundzustand beider Figuren definiert. Das heißt, der Zustand, den die jeweilige Figur bei ihrem ersten Auftreten auf chronologischer Handlungsebene innehat, wird dieser Figur als Grundzustand zugewiesen.

Wenn man sich Reymund und Melusine anschaut, stellt man fest, dass es sich bei Reymund um eine zu Beginn der Handlung passive Figur handelt. Er wird auf einer Hochzeit zu Beginn der Handlung von seinem Onkel adoptiert, da sein eigener Vater arm war und deshalb nicht für seine große Familie sorgen konnte.2 Reymund selbst hat kein Mitspracherecht bei der Adoption Lieber Vetter ich sihe wool da ß ir mit Kindern fast beladen seyt nun begere ich von euch da ß ihr mir euwer S 3 Reymunds Vater antwortet welchen Sohn der Graf Emmerich haben den j ngsten genannt Reymund 4 Zu Beginn der Handlung nimmt Reymund eine passive Rolle ein. Die Passivität wird in dieser Arbeit als sein Grundzustand auf Figurenebene betrachtet.

Wenn man bei Reymund von einem von Grunde auf passiven Charakter spricht, dann kann bei seiner Frau Melusine nur von einer aktiven Figur die Rede sein. Um den aktiven Charakter Melusines untersuchen zu können, muss in einem ersten Schritt die chronologische Reihenfolge der Handlung geändert werden. Die Episode des zweiten Riesenkampfes Goffroys mit dem anschließenden Fund der Steintafel5 muss vom Ende der Ausgabe Thürings an den Anfang gestellt werden. Vorbild für diesen Schritt ist die französische Melusinentradition Couldrettes, der Melusines Familiengeschichte ebenfalls an den Beginn seines Werkes stellte. Schaut man sich nun die neu geschaffene Chronologie der Handlung an, so greift Melusine hier erstmals aktiv ins Geschehen ein, indem sie ihre Schwestern überredet den eigenen Vater für den Betrug an der Mutter zu bestrafen.6 Ihre Rolle als aktive Initiatorin der Bestrafung des Vaters, lässt Melusine für die Untersuchung einen aktiven Grundzustand einnehmen. Als Einschränkung muss jedoch erwähnt werden, dass die Figur Melusine durch den Fluch der Mutter auch einen passiven Charakter erhält. Sie ist dazu verdammt zwar aktiv einen Mann zu finden, der sie erlöst, muss jedoch passiv darauf hoffen, dass dieser Mann auch die Bedingungen für eine Ehe mit ihr akzeptiert. Diese Ambivalenz zwischen Passivität und Aktivität spiegelt den Widerspruch innerhalb der Figurenkonstruktion der Melusine wieder.

Wechsel des Grundzustands: Reymund

Als aktiv handelnde Person tritt Reymund kurz nach der Adoption in Erscheinung. Während er mit seinem Onkel auf die Jagd geht, wechselt Reymund von einer passiven Figur auf Handlungsebene zu einer aktiv handelnden Figur. Als der Eber das Lager der beiden im Wald Verirrten angreift rät Reymund sei O Herr behalt euwer 7 , sich in Sicherheit zu bringen, um daraufhin selbst den Eber zu bekämpfen. Als dieser dies ablehnt, ersticht Reymund den Onkel im Eifer des Gefechts aus Versehen.8 Reymund wechselt für kurze Zeit in eine aktive Rolle und ersticht letztendlich den eigenen Onkel. In der darauffolgenden Quellenszene wird Reymunds erneuter Zustandswechsel in die Passivität deutlich. Durch die Tötung des Onkels stürzt er in eine tiefe Lethargie, die ihn in seiner Verzweiflung von der Außenwelt abschottet.9 Von ihm unbemerkt gelangt er, auf dem Rücken seines Pferdes, an den Brunnen, an dem Melusine und ihre Begleiterinnen warten. Der passive Charakter der Figur Reymunds in dieser Szene wird durch den passiven Charakter seiner Handlungen noch verstärkt. Reymund erkennt die Damen gar nicht und unterlässt es in der Folge auch sie zu grüßen. Erst als Melusine die Zügel seines Pferdes greift wird sich Reymund der Situation um ihn herum bewusst. Der damit einhergehende Bruch der höfischen Regeln, drängt Reymund bereits zu Beginn seiner Beziehung zu Melusine in eine defensive, wenn nicht sogar passive Rolle.10 Des Weiteren wird Reymunds Passivität in dieser Szene am Umgang der beiden Figuren untereinander sehr deutlich. Melusine weiß sehr viel über Reymund. Sie nennt ihn schon zu Beginn des Dialogs beim Namen und kann auch präzise die Geschehnisse des Jagdunfalls wiedergeben.11 Der sich in die Ecke gedrängt fühlende Reymund ergibt sich in sein Schicksal. Melusine zu schwören, dass er an keinem Sambstag mir nimmer nachfragen noch mich ersuchen w ll mich den gantzen Tag unbek mmert lassen w12, und Reymund schwört ihr bereitwillig alles was sie von ihm fordert.

Nach seiner Rückkehr nach Potiers erbittet Reymund von seinem Vetter genau die Dinge, die Melusine ihm vorher am Durstbrunnen aufgetragen hatte:

[...]


1 In der Folge nur noch Thüring genannt.

2 Thüring von Ringoltingen: Melusine. [In der Fassung des Buches der Liebe von 1587]. Hrsg. von Roloff, Hans-Gert. Stuttgart 2000, S. 5 f.

3 Thüring von Ringoltingen: Melusine, S. 5.

4 Ebd.

5 Ebd. S. 105-107.

6 Ebd. S. 106.

7 Ebd. S. 9.

8 Ebd.

9 Drittenbass, Catherine: Die Melusine des Thüring von Ringoltingen. Bezaubernde Worte gefährliches Schweigen. Zur Ambivalenz des Dialogs zwischen Reymund und Melusine in der Quellenszene. In: Kulturtopographie des deutschsprachigen Südwestens im späten Mittelalter. Studien und Texte. Hrsg. von Fleith, Barbara und Wetzel, René. Berlin 2009, S. 61-82.

10 Drittenbass: Die Melusine des Thüring von Ringoltingen, S. 67.

11 Thüring von Ringoltingen: Melusine, S. 12.

12 Ebd. S. 14.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Passivität und Aktivität in Thüring von Ringoltingens Roman "Melusine"
Untertitel
Zustandswechsel der Figuren Reymund und Melusine
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Lehrstuhl für Germanistische Mediävistik)
Veranstaltung
PS "Melusine und Fortunatus"
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
14
Katalognummer
V357290
ISBN (eBook)
9783668429475
ISBN (Buch)
9783668429482
Dateigröße
429 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
passivität, aktivität, thüring, ringoltingens, roman, melusine, zustandswechsel, figuren, reymund
Arbeit zitieren
Niklas Plöger (Autor), 2015, Passivität und Aktivität in Thüring von Ringoltingens Roman "Melusine", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/357290

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