Am Ausgangspunkt der Arbeit steht die Frage, wie sich in Bernhards autobiographischem Werk "Wahrheitsrigorismus" (H. Gross) und Sprachskepsis zueinander verhalten. Die Arbeit bietet einen Überblick über den Forschungsstand sowohl im Hinblick auf Bernhards literarische Praxis sowie seine medial ausgeweitete Autorschaft als auch auf die literaturwissenschaftliche Debatte um die literarische Form der Autobiographie.
„Die Wahrheit, denke ich, kennt nur der Betroffene, will er sie mitteilen, wird er automatisch zum Lügner. Alles Mitgeteilte kann nur Fälschung und Verfälschung sein, also sind immer nur Fälschungen und Verfälschungen mitgeteilt worden. [...] Das Gedächtnis hält sich genau an die Vorkommnisse und hält sich an die genaue Chronologie, aber was herauskommt, ist etwas ganz anderes, als es tatsächlich gewesen ist."
Die Vermischung von Fiktion und Faktizität in Bernhards Werk und in der Rezeption haben immer wieder zu Irritationen, Skandalen und Gerichtsprozessen geführt. In der Bernhard-Forschung ist man sich einig, dass von einer engen Beziehung von literarischer Inszenierung und individueller Stilisierung im autobiografischen Werk auszugehen ist. Andererseits sind in einigen von Bernhard als fiktional betitelten Texten "tiefere Einblicke in das unverstellte Selbstbild des Autors" zu erkennen.
Ausgangspunkt meiner Hausarbeit soll obiges Zitat aus Bernhards autobiografischem Werk "Der Keller" sein und die Frage, wie sich Bernhards „Wahrheitsrigorismus“ mit der im obigen Zitat geschilderten Sprachskepsis vereinbaren lassen?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Vorgehensweise
1.2. Hypothesen
1.3. Forschungsstand
2. Begriffsklärung
2.1. Fiktionalität vs. Faktizität in der Autobiographie
2.1.1. Autobiographie
2.1.2. Fiktionalität
2.1.3. Autofiktion
2.2. Sprachskepsis und Sprachkrise in der Literatur
2.3. Sprachspiele in der Philosophie – Ludwig Wittgenstein
2.4. Konstruktivismus als Ausweg?
3. Thomas Bernhard
3.1. Der „öffentliche Thomas Bernhard“
3.1.1. Die Kunstfigur „Bernhard als Autor“
3.1.2. Bernhards Positionen im literarischen Feld
3.2. Die historische Figur „Thomas Bernhard“
4. Thomas Bernhard – Grenzgänger zwischen Fiktion und Faktizität
4.1. aus sprachskeptischer Perspektive nach Hugo von Hofmannsthal
4.2. aus sprachphilosophischer Perspektive nach Ludwig Wittgenstein
4.3. aus konstruktivistischer Perspektive nach Heinz von Glasersfeld / Heinz von Foerster und Paul Watzlawick
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwiefern Thomas Bernhards autobiografisches Werk als Inszenierung seines Künstlermythos verstanden werden kann. Dabei wird analysiert, wie Bernhard die Spannungsfelder zwischen Fiktion und Faktizität sowie seinen eigenen Wahrheitsrigorismus durch sprachkritische, sprachphilosophische und konstruktivistische Ansätze bearbeitet.
- Autobiografisches Schreiben zwischen Faktizität und Fiktionalität
- Sprachskepsis bei Hugo von Hofmannsthal und Ludwig Wittgenstein
- Konzept des Radikalen Konstruktivismus und subjektive Wahrnehmung
- Selbstinszenierung der Kunstfigur „Bernhard als Autor“
- Spannungsverhältnis zwischen „öffentlichem“ und historischem Thomas Bernhard
Auszug aus dem Buch
Die Kunstfigur „Bernhard als Autor“
„Einer, der das Schreiben als Lebensaufgabe so ernst nimmt, kann vielleicht gar nicht mehr »außerliterarisch« auftreten – da zumindest nicht, wo es um Kunstausübung, um Literatur, um Theater geht.“
Die Selbstinszenierung als Autor mittels stilisierter Autobiografie kennen wir schon von Goethe und seinem bezeichnenden Werk Aus meinem Leben: Dichtung und Wahrheit. Diese Möglichkeit der Selbstinszenierung erfordert jedoch eine etablierte Position im literarischen Feld: Bernhard war bei der Veröffentlichung von Die Ursache bereits vierundvierzig Jahre alt und mehrfach ausgezeichneter Preisträger. Im Briefwechsel mit Unseld zeigen sich Bernhards „Sprachkunstwerke und Selbstinszenierungen, in denen sich der Autor als von einer undankbaren Welt gebeutelter Geistesmensch darstellt“. Nach Schütte bilden diese „bösartigen, pathetischen, großsprecherischen wie auch nicht selten komischen [...] Briefzeugnisse einen integralen Bestandteil des literarischen Werks.“ Wie auch alle Interviews mit Bernhard eine „eminent theatralische Inszenierungen“ des Autors darstellen, der sich Fragen nach seinem Privatleben oder seiner Arbeitsweise durch Wortspiele und Blödeleien entzog. „Das Versteckspiel [...] verrät aber indirekt viel über die Notwendigkeit, sich in der Öffentlichkeit einen „Schutzpanzer“ anzulegen.“ Und man muss sich die Frage stellen, ob „die immense Resonanz [...] nicht darauf zurückzuführen ist, dass – verkürzt aber nicht unzutreffend ausgedrückt – jemand endlich das aussprach, was man dachte, aber selber nie in den Modi der Übertreibung und der Pauschalierung ausgedrückt hätte.“ Der normbrüchiger Autor Bernhard, prämierter Schriftsteller und manischer Ich-Erzähler wurde die inszenierte Kunstfigur „Bernhard als Autor“. Oder wie Fellinger es formulierte: „Thomas Bernhard gibt Thomas Bernhard.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Vermischung von Fiktion und Faktizität in Bernhards Werk und definiert die Forschungsfrage bezüglich der Vereinbarkeit seines „Wahrheitsrigorismus“ mit seiner Sprachskepsis.
2. Begriffsklärung: Dieses Kapitel definiert zentrale Termini wie Autobiografie, Autofiktion, Sprachskepsis, Sprachspiele und Konstruktivismus, um den theoretischen Rahmen der Untersuchung abzustecken.
3. Thomas Bernhard: Hier erfolgt eine Abgrenzung zwischen dem medial inszenierten „öffentlichen Thomas Bernhard“ als Kunstfigur und der historischen Persönlichkeit des Autors.
4. Thomas Bernhard – Grenzgänger zwischen Fiktion und Faktizität: In diesem Hauptteil wird Bernhards Umgang mit Fiktion und Wahrheit anhand sprachkritischer, sprachphilosophischer und konstruktivistischer Perspektiven detailliert analysiert.
5. Fazit: Das Fazit verifiziert die aufgestellten Hypothesen und bestätigt, dass die Autobiografie als literarische Inszenierung zur Ausformung des Künstlermythos beigetragen hat.
Schlüsselwörter
Thomas Bernhard, Autobiografie, Fiktionalität, Faktizität, Sprachskepsis, Sprachspiele, Radikaler Konstruktivismus, Künstlermythos, Inszenierung, Wahrheit, Lüge, Selbstbild, Literaturwissenschaft, Philosophie, Sprachkrise
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das autobiografische Werk von Thomas Bernhard und hinterfragt das Spannungsverhältnis zwischen Wahrheit, Fiktion und der bewussten Inszenierung seiner öffentlichen Person als Schriftsteller.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die literarische Selbstinszenierung, die theoretische Auseinandersetzung mit Sprachskepsis (Hofmannsthal, Wittgenstein) und der Einfluss des Konstruktivismus auf das Selbstverständnis des Autors.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es zu klären, inwiefern Bernhards Autobiografie als gezielte Inszenierung des Künstlermythos fungiert und wie sich sein Anspruch auf „Wahrheit“ mit der Konstruktion fiktionaler Texte deckt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer literaturwissenschaftlichen Analyse, die den Primärtext (die Autobiografie) unter Einbeziehung philosophischer und konstruktivistischer Theorien sowie der existierenden Bernhard-Forschung untersucht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert Bernhard aus drei Perspektiven: sprachskeptisch, sprachphilosophisch nach Wittgenstein und konstruktivistisch nach von Glasersfeld, von Foerster und Watzlawick, um Bernhards Umgang mit der Wirklichkeit aufzuzeigen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Thomas Bernhard, Autobiografie, Fiktionalität, Sprachskepsis, Konstruktivismus und die Inszenierung des Künstlers.
Warum ist die Unterscheidung zwischen der „Kunstfigur“ und der „historischen Figur“ für Bernhard so relevant?
Weil Bernhard im öffentlichen Raum und in seinen autobiografischen Schriften bewusst mit Identitäten spielte, um sich zu schützen und gleichzeitig eine spezifische Außenwirkung als kompromissloser Autor zu erzeugen.
Inwieweit spielt die „Sprachskepsis“ eine Rolle in Bernhards Schreiben?
Die Sprachskepsis dient bei Bernhard als Basis seiner „poetischen Kunst“; er bezweifelt die Fähigkeit der Sprache, die Welt objektiv abzubilden, und nutzt dies, um durch Übertreibung und Antithetik neue „Wahrheiten“ zu konstruieren.
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- Martina Wirth (Author), 2016, Thomas Bernhard. Autobiographie als Inszenierung des Künstlermythos?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/357341