„Fernsehen, so heißt es, ist ein Fenster zur Welt. Dabei erfindet es auch seine eigenen Welten: TV entführt uns in `Die Straßen von San Francisco´ und lässt uns - jeden Sonntag vor dem `Weltspiegel´ - teilhaben am Schicksal der Familie Beimer. In guten wie in schlechten Zeiten möchte es vor allem unserer Unterhaltung dienen.“1
Doch Unterhaltung ist nur eine Leistung, die das Fernsehen erbringt. Fernsehen lässt uns in fremde Welten eintauchen, es gibt uns die Möglichkeit, mal in die Haut eines anderen Menschen zu schlüpfen oder uns mit dargestellten Personen zu vergleichen. Fernsehen übernimmt heutzutage eine ausgeprägte Orientierungsfunktion den Zuschauern, und besonders den Jugendlichen gegenüber. Es dient somit nicht nur der Ausbildung und Pflege von Trends, sondern wird auch zur Vermittlungsinstanz von Werten und Normen, erhält Vorbildfunktion.
Eine ganze Reihe von Serien, die sich in den letzten Jahren im deutschen Fernsehen etablierten, haben diesen Orientierungscharakter. Diese Serien, die entweder wöchentlich oder sogar täglich ausgestrahlt werden, sprechen unterschiedliche Alters- und Zielgruppen an und gehören mit zu den beliebtesten Programmangeboten. Gemeint sind deutsche Soap Operas wie `Verbotene Liebe´, `Marienhof´, `Gute Zeiten, schlechte Zeiten´ oder auch die `Lindenstraße´.
Dieses Genre ist zentraler Kern meiner Ausarbeitung. Im Folgenden werde ich den theoretischen Aufbau von Soap Operas darstellen und erläutern, welche Funktion Figurenstereotypen in Serien haben, wie sie in der Theorie angelegt sind und anhand von Beispielen zeigen, wie sie in der Praxis umgesetzt werden. Im zweiten Teil gehe ich auf weitere Funktionen der Daily Soap für ihre Zuschauer ein und versuche darzustellen, mit welchen Mitteln das Genre es immer wieder schafft, seine Zuschauer zum Einschalten zu motivieren. Abschließend werde ich anteilig den tatsächlichen Einfluss von Soap Operas auf das wirkliche Leben seiner Zuschauer kritisch betrachten.
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1 http://www.tvspielfilm.de/specials/tvgeschichte/
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Genredefinition
3. Wirklichkeitsdarstellung
4. Bildung und Funktion von Stereotypen
5. Die Figurenkonzepte als Identifikationsangebot
5.1 Die Traumgirls
5.2 Die Mädchenschwärme
5.3 Die Intriganten
5.4 Die Leidenden
5.5 Die Übermütter
5.6 Die Vaterfiguren
5.7 Die Karrierefrauen
5.8 Die Bösewichte
6. Funktion für den Rezipienten
6.1 Vergleichs- und Identifikationspotential
6.2 Orientierung
6.3 Parasoziale Funktion
6.4 Eskapismus
6.5 Unterhaltung
7. Motivation zur Rezeption
7.1 Formale Gestaltungsmittel
7.2 Inhaltliche Mittel
7.3 Bindung durch Emotionen
8. Fazit
Zielsetzung und Themenfelder
Die vorliegende Arbeit untersucht den theoretischen Aufbau von Soap Operas und die spezifischen Funktionen von Figurenstereotypen. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie diese Elemente in der Praxis umgesetzt werden, welche weiteren Funktionen Daily Soaps für ihr Publikum erfüllen und wie das Genre durch narrative sowie technische Mittel eine dauerhafte Bindung der Zuschauer erreicht.
- Strukturelle Analyse des Genres Soap Opera
- Klassifizierung und Funktion von Figurenkonzepten
- Psychologische Aspekte der Identifikation und parasozialen Interaktion
- Formale und inhaltliche Mittel zur Motivationssteigerung
- Kritische Reflexion des Einflusses auf den Zuschaueralltag
Auszug aus dem Buch
5.3 Die Intriganten
Die Intriganten, überwiegend weiblicher Natur, handeln rational-kalkulierend. Sie sind egoistisch, ungerecht und rücksichtslos. Sie intrigieren ständig und nehmen dabei auch keine Rücksicht auf diejenigen, die sie lieben und ihnen vertrauen. Ihren charakterlich schlechten Kern verstecken sie häufig hinter einem angenehmen Äußeren, und oft setzen sie auch hemmungslos körperliche Reize ein, um an ihr sorgfältig geplantes Ziel zu gelangen. Trotz aller Lügen und Täuschungen erreichen sie nur selten, was sie wollen und sind daher oft mit sich selbst unzufrieden. Freundlichkeit ist bei den Intriganten nie ehrlich gemeint, sondern nur Mittel zum Zweck; es ist sehr unwahrscheinlich, dass sie sich innerhalb einer Serie zum Positiven wandeln. Sie bleiben sich und ihrem schlechten Charakter treu und sorgen so immer wieder für neue Verwicklungen. Dadurch wird die endlose Erzählmaschinerie der Soap ebenfalls angetrieben.
Beim Rezipienten lösen die Intriganten oft ambivalente Gefühle aus: Einmal Furcht durch die Kompromisslosigkeit ihrer Ränke und oft auch Mitleid für ihre Opfer. Der Zuschauer erfährt aber häufig später Genugtuung, weil die rücksichtslose Vorgehensweise der Intriganten meistens von Misserfolg gekrönt ist und bewertet das als ihre gerechte Strafe.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung des Themas und der Forschungsfragen bezüglich der Funktion von Soap Operas und ihrer Figurenstereotypen.
2. Genredefinition: Differenzierung zwischen verschiedenen Serienformen und historische Einordnung der Soap Opera.
3. Wirklichkeitsdarstellung: Analyse, wie Soaps durch Realitätsnähe und psychologische Glaubwürdigkeit eine fiktionale Welt konstruieren.
4. Bildung und Funktion von Stereotypen: Untersuchung der Entstehung von Vorurteilen und ihrer Bedeutung als Orientierungshilfe.
5. Die Figurenkonzepte als Identifikationsangebot: Detaillierte Vorstellung von acht archetypischen Figurenkonzepten in deutschen Soaps.
6. Funktion für den Rezipienten: Beleuchtung der sozialen Funktionen wie Identifikation, Orientierung und parasoziale Interaktion.
7. Motivation zur Rezeption: Darstellung der formalen und inhaltlichen Gestaltungsmittel, die zur Zuschauerbindung beitragen.
8. Fazit: Kritische Betrachtung des Einflusses von Soap Operas auf den Zuschaueralltag und Differenzierung der Rezeptionstypen.
Schlüsselwörter
Soap Opera, Daily Soap, Figurenkonzepte, Stereotype, Identifikation, Zuschauerbindung, Fernsehserien, Medienwirkung, parasoziale Interaktion, Erzählstrukturen, Klischees, Rezeptionsforschung, Genredefinition, Unterhaltung, Serienalltag.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Faszination von Daily Soaps und analysiert deren theoretischen Aufbau, insbesondere die zentrale Rolle von Figurenstereotypen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die Definition von Soap-Genres, die psychologische Funktion von Figuren-Archetypen, die Bindungsmechanismen an das Format sowie den Einfluss der Serien auf die Lebenswelt der Zuschauer.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, zu erläutern, wie Figurenstereotypen in Soaps angelegt sind, welche Funktionen sie erfüllen und mit welchen Mitteln das Genre die Zuschauer erfolgreich zur wiederkehrenden Rezeption motiviert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine medienwissenschaftliche Analyse, die theoretische Ansätze der Serienforschung mit konkreten Fallbeispielen aus bekannten deutschen Produktionen wie "Marienhof" und "Verbotene Liebe" verbindet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Figuren-Typologie, eine Untersuchung der Funktionen (z.B. Eskapismus, Orientierung) und eine Analyse technischer Mittel wie Kameraeinstellungen und Erzählstrukturen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den Kernbegriffen gehören Soap Opera, Identifikation, Figurenkonzepte, Zuschauerbindung, Stereotype und mediale Realitätskonstruktion.
Wie unterscheidet die Autorin zwischen den verschiedenen Rezeptionstypen?
Es werden vier Typen identifiziert: der emotional involvierte "Soap-Junkie", der rein unterhaltungsorientierte Zuschauer, der distanzierte skeptische Zuschauer und der unaufmerksame Zuschauer.
Wie werden Intriganten im Figurenkonzept charakterisiert?
Intriganten werden als rational-kalkulierende Charaktere beschrieben, die durch ihr Handeln die endlose Erzählmaschinerie vorantreiben und beim Zuschauer ambivalente Gefühle zwischen Furcht und Genugtuung auslösen.
Warum ist das Prinzip der "neverending story" so erfolgreich?
Dieses Prinzip erzeugt eine langfristige Erwartungshaltung und tägliche Vertrautheit, wodurch die Serie fest in das Alltagsgeschehen der Zuschauer integriert wird.
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- Jette Pauck (Author), 2000, Faszination Daily Soap. Umsetzung von Figurenkonzepten und Funktionen von Soap Operas für ihre Zuschauer., Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/3577