Faszination Daily Soap. Umsetzung von Figurenkonzepten und Funktionen von Soap Operas für ihre Zuschauer.


Hausarbeit, 2000

27 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Genredefinition

3. Wirklichkeitsdarstellung

4. Bildung und Funktion von Stereotypen

5. Die Figurenkonzepte als Identifikationsangebot
5.1 Die Traumgirls
5.2 Die Mädchenschwärme
5.3 Die Intriganten
5.4 Die Leidenden
5.5 Die Übermütter
5.6 Die Vaterfiguren
5.7 Die Karrierefrauen
5.8 Die Bösewichte

6. Funktion für den Rezipienten
6.1 Vergleichs- und Identifikationspotential
6.2 Orientierung
6.3 Parasoziale Funktion
6.4 Eskapismus
6.5 Unterhaltung

7. Motivation zur Rezeption
7.1 Formale Gestaltungsmittel
7.2 Inhaltliche Mittel
7.3 Bindung durch Emotionen

8. Fazit

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Fernsehen, so heißt es, ist ein Fenster zur Welt. Dabei erfindet es auch seine eigenen Welten: TV entführt uns in `Die Straßen von San Francisco´ und lässt uns - jeden Sonntag vor dem `Weltspiegel´ - teilhaben am Schicksal der Familie Beimer. In guten wie in schlechten Zeiten möchte es vor allem unserer Unterhaltung dienen.“[1]

Doch Unterhaltung ist nur eine Leistung, die das Fernsehen erbringt. Fernsehen lässt uns in fremde Welten eintauchen, es gibt uns die Möglichkeit, mal in die Haut eines anderen Menschen zu schlüpfen oder uns mit dargestellten Personen zu vergleichen. Fernsehen übernimmt heutzutage eine ausgeprägte Orientierungsfunktion den Zuschauern, und besonders den Jugendlichen gegenüber. Es dient somit nicht nur der Ausbildung und Pflege von Trends, sondern wird auch zur Vermittlungsinstanz von Werten und Normen, erhält Vorbildfunktion.

Eine ganze Reihe von Serien, die sich in den letzten Jahren im deutschen Fernsehen etablierten, haben diesen Orientierungscharakter. Diese Serien, die entweder wöchentlich oder sogar täglich ausgestrahlt werden, sprechen unterschiedliche Alters- und Zielgruppen an und gehören mit zu den beliebtesten Programmangeboten. Gemeint sind deutsche Soap Operas wie `Verbotene Liebe´, `Marienhof´, `Gute Zeiten, schlechte Zeiten´ oder auch die `Lindenstraße´.

Dieses Genre ist zentraler Kern meiner Ausarbeitung. Im Folgenden werde ich den theoretischen Aufbau von Soap Operas darstellen und erläutern, welche Funktion Figurenstereotypen in Serien haben, wie sie in der Theorie angelegt sind und anhand von Beispielen zeigen, wie sie in der Praxis umgesetzt werden. Im zweiten Teil gehe ich auf weitere Funktionen der Daily Soap für ihre Zuschauer ein und versuche darzustellen, mit welchen Mitteln das Genre es immer wieder schafft, seine Zuschauer zum Einschalten zu motivieren. Abschließend werde ich anteilig den tatsächlichen Einfluss von Soap Operas auf das wirkliche Leben seiner Zuschauer kritisch betrachten.

2. Genredefinition

Bei der Definition des Genres Serien muss grundsätzlich berücksichtigt werden, dass es unterschiedliche Formen von Fortsetzungsgeschichten gibt, auch wenn allen gemeinsam ist, dass sie mehrteilig sind. Prinzipiell unterscheidet man zwischen dem Mehrteiler, der Reihe (series) und der Serie (serial).

Der Mehrteiler erzählt eine in sich abgeschlossene Geschichte vom Anfang bis zum Ende. Die lediglich im Hinblick auf das Ende der Erzählung zukunftsorientierte Handlung wird dabei in meist vier bis zwölf Folgen geschildert. In der Reihe werden einzelne Abschnitte aus dem Leben der Protagonisten erzählt. In der Regel ist die Handlung innerhalb einer Folge abgeschlossen, sodass Folgen auch unabhängig voneinander bestehen und konsumiert werden könnten.

Die Serie dagegen erzählt eine offene, zukunftsorientierte Geschichte, die auf Unendlichkeit angelegt ist. Diese Struktur wird in den Soap Operas und besonders in den Daily Soaps aufgegriffen.

Die einzelnen Formen des Genres unterscheiden sich natürlich auch noch in anderer Hinsicht voneinander. Doch da ich mich in der nachfolgenden Ausarbeitung speziell auf die Soap Opera beziehe, möchte ich nur diese Serienform ausführlicher beschreiben.

Die Geschichte der Soap Opera begann in den 30er Jahren in Amerika, wo täglich im Radio Fortsetzungshörspiele zur Bewerbung von Waschmittel-produkten gesendet wurden. Zielgruppe dieser von Waschmittelkonzernen finanzierten Beiträge waren vorwiegend Hausfrauen. Mitte der 50er Jahre wurde die Soap Opera nun auch in Deutschland im Fernsehen gezeigt. Seit der Etablierung der kommerziellen Programme im deutschen Fernsehen in den 80er Jahren nahm die Zahl der täglich ausgestrahlten Serien stetig zu.

Die Daily Soap ist eine langlaufende Serie, die durch die Form der neverending story keinerlei inhaltliche Geschlossenheit aufweist. Jede Folge besteht aus mehreren parallel zueinander verlaufenden Handlungssträngen, von denen allenfalls einer mit einer vorläufigen (Problem-) Lösung abschließt. Die Handlung ist insgesamt endlos und zukunftsorientiert.

Jede Folge einer Daily Soap schließt mit einem Cliffhanger ab. Hierbei werden stets emotional aufgeladene oder besonders spannende Situationen von der Kamera festgehalten, die die Neugier der Zuschauer auf die nächste Folge wecken sollen. Handlungsinhalte der Soap sind Lebens- und Alltagsprobleme der Protagonisten wie Beruf, Geld, Macht, Freundschaft, Krankheit, Sexualität, Kriminalität oder Schicksalsschläge.

Die in den Daily Soaps dargestellten Personen und Familien sind meistens Menschen aus dem durchschnittlichen bis oberen Mittelschichtsmilieu. Es gibt einen zentralen Kern von Charakteren, auf den ich im weiteren noch detailliert eingehen werde. Die auftretenden Darsteller lassen sich, bewusst leichtgemacht, in „gut“ und „böse“, „beliebt“ und „unbeliebt“ kategorisieren. Sie sind gleich stark gewichtet, es gibt somit keine Hauptdarsteller im klassischen Sinn.

Der Bekanntheitsgrad der Schauspieler und ihre Gage sind entsprechend gering. Ebenso kostengünstig ist die Produktion einer Folge, da auch die gesamte Ausstattung nicht sehr aufwendig ist und vorwiegend in geschlossenen Räumen bzw. Studios gedreht wird.

Gesendet werden Daily Soaps hauptsächlich im Nachmittagsprogramm oder am frühen Abend. Die Sendelänge variiert zwischen 30 und 60 Minuten.

Neben der Daily Soap gibt es noch die sogenannte prime time serial, die einmal pro Woche in den Abendstunden ausgestrahlt wird. Im Gegensatz zur eher weiblichen Zielgruppe aus der Unter- und Mittelklasse der Daily Soaps wird hier mehr ein männliches Publikum angesprochen.

Das Genre Serien ist außerordentlich vielfältig. Der Vollständigkeit halber möchte ich auch die Variationen des oben beschriebenen Genres, nämlich Krankenhaus-, Familien-, Arzt-, Krimi-, Western-, Science Fiction-Serien und ethnische Serien (mit farbigen Mittelpunktsfiguren) nennen.

3. Wirklichkeitsdarstellung

Die Geschichten, die in den Serien erzählt werden, wirken bei unkritischer Betrachtung sehr realitätsnah. Das wird zum einen dadurch erreicht, dass das Leben der dargestellten Personen parallel zu dem der Zuschauer verläuft. Eine neue Folge einer Serie fängt meistens nicht da an, wo die letzte aufgehört hat. Das Dasein der Protagonisten geht folglich in der Zwischenzeit ebenso weiter wie das Leben der Zuschauer.

Zum anderen vermitteln die von den Protagonisten in der Handlung aufgegriffenen sozialen und räumlichen Aspekte einen weiteren Bezug zur Realität. Das Leben der dargestellten Personen orientiert sich im Hinblick auf Werte und Normen an dem realen Leben der Zuschauer. Es gibt in den Serien soziale Gemeinschaften wie Familien, Ehen, Hausgemeinschaften oder Freundschaften, wobei jede Gemeinschaft für sich an einen bestimmten Raum gebunden ist. Bei der `Lindenstraße´ ist es die gleichnamige Straße, bei der Serie `Verbotene Liebe´ ist es für die Familie von Anstetten das Schloss Friedenau.

Alle Handlungen und Geschehnisse in der Serie werden so gezeigt, als betrachte man die Realität. Durch sie wird eine fiktionale Welt konstruiert, ohne dass man der Serie ihre Konstruiertheit anmerken soll. „Der Zuschauer soll den Eindruck gewinnen, es sei in der Serie wie im Leben, nur zugespitzter, kompakter, schneller, direkter“.[2]

Voraussetzungen hierfür sind die psychologische Glaubwürdigkeit der fiktiven Erzählung, die Wahrscheinlichkeit von Abläufen und deren Schlüssigkeit. Werden diese Voraussetzungen erfüllt, lebt der Zuschauer in dieser fiktiven Welt. Die fiktionale und soziale Realität muss nicht identisch sein mit der des Zuschauers. Wichtig ist nur, dass sich die Serienrealität an die bewussten und unbewussten Bedürfnisse, Wünsche und Phantasien ihrer Rezipienten anlehnt.[3]

Die Serie wird für den Zuschauer attraktiv, da ihm Gelegenheit gegeben wird, einen Bezug zur eigenen gesellschaftlichen Wirklichkeit herzustellen. Er setzt sich mit Themen und Problemen auseinander, die seinen eigenen Erfahrungen entsprechen. So werden Identifikationsmöglichkeiten geboten und es können auch Vergleiche angestellt werden zwischen der eigenen Meinung bzw. Einstellung und der des Protagonisten. Die Serie lädt intensiv zur Auseinandersetzung mit ihren sowohl positiv als auch negativ besetzten Figuren ein. Wie solche Figurentypen entstehen und wie das klassische Figurenkonzept einer Daily Soap aufgebaut ist, möchte ich in den nächsten Abschnitten erläutern.

4. Bildung und Funktion von Stereotypen

F. Tornabene definiert Stereotype als Vorurteile, die der Mensch zunächst über das Sammeln von Erfahrungen im alltäglichen persönlichen Umgang mit Menschen, Dingen und Sachverhalten bildet. Der Mensch wird jedoch nicht nur durch eigene Erkenntnisse geprägt sondern ebenso durch Fremdinformationen von Bekannten, Familie oder aber auch durch die Medien. Halten diese Fremdinformationen einer Überprüfung durch die Wirklichkeit nicht stand und werden aber trotzdem beibehalten, dann handelt es sich um Vorurteile.

Aufgrund unserer Sehgewohnheiten ist es uns möglich, Personen, die wir im Kino auf der Leinwand sehen oder im Fernsehen betrachten, als Repräsentanten eines bestimmten Typus zu identifizieren. Oft erkennen wir schon am Aussehen oder an der Kleidung, welche Rolle bzw. welchen Typ der Schauspieler darstellen soll. Das kann sogar soweit führen, dass wir manche Schauspieler gar nicht erst in der Rolle des „Bösen“ sehen wollen, weil sie in früheren Filmen eigentlich immer nur das „Gute“ personifiziert haben oder Schauspieler, von denen wir bisher nur komische Filme gesehen haben, können wir uns nicht mehr in einer ernsthaften Rolle vorstellen.

Die Frage ist, wie es dazu kommt, dass der Zuschauer so agiert. Film und Fernsehen haben in den letzten Jahren dazu beigetragen, dass solche Typen in Form von Stereotypen, deren Vertreter immer wieder auftauchen und sich trotz individueller Unterschiede im Grunde alle gleichen, die Spielhandlung beherr-schen. Zu den stereotypen Ausprägungen der Rollen kommen verstärkend noch die stereotypen Handlungsmuster und Darstellungsweisen hinzu.[4]

Stereotype und Klischees weisen Merkmalskombinationen auf, die Vorurteile widerspiegeln und verstärken können. Neben den Figurenstereotypen, die für den Zuschauer insofern eine Orientierungsfunktion haben, als dass eigene Erfahrungen im Umgang mit der Umwelt bestätigt oder hinterfragt werden können, haben die narrativen Handlungsstereotypen die Funktion, den fiktiven Alltag als wirklich darzustellen. Wiederholungen von alltäglichen Gepflogen-heiten und routinierten Abläufen haben auf den Zuschauer einen beruhigenden und stabilisierenden Effekt.

5. Die Figurenkonzepte als Identifikationsangebot

Der Zuschauer soll sich mit den in den Serien dargestellten Personen identifizieren. Dabei gibt es in den Seifenopern nicht, wie bei den meisten Filmen, einen Helden, der als Identifikationsfigur vorgesehen ist, sondern mehrere Hauptfiguren, die als solche fungieren. Eine solche Identifikation wird in Seifenopern nicht unbedingt durch besondere heldenhafte Eigenschaften erreicht, sondern vielmehr durch das häufige Auftreten der jeweiligen Person. Aber auch filmische Mittel wie Schuss und Gegenschuss dienen zur Identifikation, da sich der Zuschauer so in die Handlung hineinversetzt fühlt.[5] Um dem Zuschauer eine leichtere Einteilung der Charaktere zu ermöglichen, werden Personen gewählt, die sich leicht durchschauen lassen. Der Zuschauer soll sie direkt einordnen können, sie im Figurenkonzept positionieren. So wird eine schnelle Zuordnung zu Gut oder Böse erreicht. Um dieser Intention gerecht zu werden, setzt man bewusst keine tiefsinnigen, komplizierten Charaktere ein.

[...]


[1] http://www.tvspielfilm.de/specials/tvgeschichte/

[2] Knut Hickethier. Die Fernsehserie und das Serielle des Fernsehens. Lüneburg 1991, Seite 31

[3] vgl. Lothar Mikos. Es wird dein Leben! Familienserien im Fernsehen und im Alltag der Zuschauer. Münster (MAkS Publikationen) 1994, Seiten 213 - 214

[4] vgl. Francesco Tornabene. Die Bilder in unseren Köpfen. In Tilmann P. Gangloff, Stephan Abarbanell (Hrsg.). Liebe, Tod und Lottozahlen. Fernsehen in Deutschland: Wer macht es? Was bringt es? Wie wirkt es? Hamburg, Stuttgart (J.F. Steinkopf Verlag) 1994, S. 56 ff.

[5] vgl. Uwe Boll. Die Gattung Serie und ihre Genres. Aachen (Alano-Verlag) 1994, Seite 49 ff.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Faszination Daily Soap. Umsetzung von Figurenkonzepten und Funktionen von Soap Operas für ihre Zuschauer.
Hochschule
Universität Siegen  (Medien-Planung, -Entwicklung und -Beratung)
Veranstaltung
Einführung in den Medienstudiengang
Note
1,3
Autor
Jahr
2000
Seiten
27
Katalognummer
V3577
ISBN (eBook)
9783638122061
Dateigröße
590 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Detaillierte Erarbeitung von Figurenkonzepten in Serien, Funktionen von Soap Operas für den Rezipienten, Genredefinition, Sozialisationseffekten und Identifiktionspotentialen. 164 KB
Schlagworte
Daily Soap, Figurenkonzepte, Serien, Funktion von Soap Operas für den Rezipienten, Soaps, Marienhof, Verbotene Liebe, Lindenstraße
Arbeit zitieren
Jette Pauck (Autor), 2000, Faszination Daily Soap. Umsetzung von Figurenkonzepten und Funktionen von Soap Operas für ihre Zuschauer., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/3577

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