Zu Günther Grass' Wenderoman "Ein weites Feld"


Hausarbeit, 2003
43 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. DER AUTOR UND SEIN WERK
1.1. Grass und die deutsche Einheit

2. DIE STRUKTUR DES ROMANS
2.1. Inhalt und Aufbau
2.2. Die Figurenkonstellation
2.3. Die Erzählperspektive: „Wir vom Archiv“
2.4. Die deutsche Einheit: „Ein weites Feld“
2.5. Intertextuelle Referenzen

3. DER TOPOS DER FAMILIE IN Ein weites Feld
3.1. Die Familie Wuttke
3.2. Fonty und Madeleine

4. Ein weites Feld UND DIE „WENDE“
4.1. Die Rezeption: eine hitzige Debatte

5. ERGEBNISSE: EIN „Wenderoman“ IN HISTORISCHER PERSPEKTIVE

LITERATURVERZEICHNIS
1. PRIMÄRLITERATUR
2. SEKUNDÄRLITERATUR
2.1. Zu dem „Wenderoman“ und der deutschen Literatur nach 1990
2.2. Zu Günter Grass und Ein weites Feld

1. DER AUTOR UND SEIN WERK.

Da Grass als Autor allgemein bekannt ist und, anders als bei Loest und Brussig, über sein Leben und Werk bereits unzählige Monographien und kritische Texte geschrieben worden sind, werde ich mich in diesem Abschnitt nur kurz mit dieser Thematik beschäftigen und ausschließlich die wichtigsten Elemente seiner Biographie und seiner literarischen Produktion in Betracht ziehen[1], die für meine Arbeit von Bedeutung sind.

Günter Grass gilt weltweit als der bedeutendste deutsche Autor der Gegenwart und als der wichtigste Repräsentant der deutschen Literatur in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Den Höhepunkt seiner langen, schon in den 50er Jahren begonnenen Karriere als Schriftsteller bildet sicherlich das Jahr 1999, als Grass, nach zahlreichen Nominierungen, für sein Werk Mein Jahrhundert (1999) den Nobelpreis für Literatur bekam. Trotz dieser internationalen Anerkennung ist er in Deutschland ein umstrittener und stark kritisierter Schriftsteller: Seit der Blechtrommel (1959) verursacht die Veröffentlichung seiner Werke immer wieder große Debatten und öffentliche Diskussionen. Das letzte Beispiel dafür stellt gewiss das enorme Echo auf seinen Roman Ein weites Feld dar, der 1995 das Medieninteresse monopolisierte und in der Öffentlichkeit eher aus politischen, denn aus ästhetischen Gründen verurteilt wurde[2]. Dieses Phänomen hat sicherlich mit der Tatsache zu tun, dass Grass nicht nur brisante aktuelle Themen in seine Werke miteinbezieht, sondern auch damit, dass er politisch immer sehr engagiert gewesen ist. Dieses Engagement charakterisiert sein öffentliches Image seit den 60er Jahren, als er begann, die SPD und ihren damaligen Kandidaten Willy Brandt in den Bundestagswahlkämpfen zu unterstützen. Er gehört zu einer Generation von deutschen sozialdemokratischen Intellektuellen, wie zum Beispiel auch Heinrich Böll und Siegfried Lenz, die die politische Kultur der Bundesrepublik Jahrzehnte lang stark beeinflusst haben. Sein öffentliches Engagement, das in vielen hunderten Essays, Briefen, Reden und Zeitungsartikeln dokumentiert ist, ist dennoch in Deutschland für einen Schriftsteller einmalig.

Obwohl Grass eigentlich Wert auf die Trennung beider Rollen, der des Schriftstellers und der „des politischen Redners oder Aufklärers“[3], legt und er mehrmals auf die Unabhängigkeit seiner literarischen Werke von seiner politischen Arbeit hingewiesen hat, sind nahezu alle seine wichtigsten Texte mehr oder weniger von seiner politischen Auffassung geprägt[4]. Grass´ literarische Produktion ist in besonderer Weise auch von seiner Lebensgeschichte beeinflusst: Seine Biographie ist exemplarisch für die einer ganzen Generation, die sich, in ihrer Jugend während der nationalsozialistischen Diktatur von der Propaganda hatte begeistern lassen und die nach dem Krieg und den Nürnberger Prozessen mit dieser Verantwortung weiter leben und neu anfangen musste[5].

Günter Grass wurde am 16. Oktober 1927 in Danzig geboren. Die vor dem Ersten Weltkrieg noch deutsche Stadt war seit 1920 Freistaat und weitgehend von Polen eingeschlossen. Grass´ Eltern waren, wie der Großteil der Bevölkerung, deutsch orientiert und sein Vater trat 1936 in die NSDAP ein. Am Anfang des Zweiten Weltkriegs wurde Danzig „erobert“ und in das Dritte Reich eingegliedert. Mit siebzehn wurde Grass zur Wehrmacht und später auch zum Kriegsdienst eingezogen: am Ende des Krieges geriet er in amerikanische Gefangenschaft, wurde jedoch bald entlassen. Zwischen 1948 und 1952 studierte er Bildhauerei und Grafik, erst in Düsseldorf und später in Berlin. Zu dieser Zeit entstanden auch seine ersten Gedichte, die einige Jahre später, 1955, in Akzente – Zeitschrift für Dichtung erschienen. Zwischen 1956 und 1958 wohnten Grass und seine Frau Anna in Paris; hier entstand Die Blechtrommel, dessen Manuskript unter anderem auch den Preis der Gruppe 47 bekam. Der Roman erschien 1959. Wichtige Daten sind auch 1961 und 1963, als seine Novelle Katz und Maus und der Roman Hundejahre erschienen. Damit war die „Danziger Trilogie“ vollbracht[6], die Grass großen Ruhm, aber zugleich auch zahlreiche Kritiken einbrachte.

1961 begann Grass´ politisches Engagement: Zwischen 1961 und 1972 unterstützte er „allein und ohne Absprache mit der Partei“[7] Willy Brandt im Wahlkampf. In dieser Zeit vernachlässigte er seine Tätigkeit als Schriftsteller, um sich voll und ganz auf die Politik zu konzentrieren. Einen der Höhepunkte seiner politischen Karriere stellte sicherlich das Jahr 1970 dar, als er mit Bundeskanzler Willy Brandt nach Warschau zur Unterzeichnung des Deutsch-Polnischen Vertrages fuhr. Die Zusammenarbeit mit der SPD charakterisierte auch die folgenden Jahre: 1982 trat er in die SPD ein. Erst 1992 trat er aus der Partei aus, um gegen ihre Asylpolitik zu protestieren.

1979 ließ er sich von seiner Frau Anna Grass scheiden, um kurze Zeit später die Organistin Ute Grunert zu heiraten. Zwischen 1983 und 1986 war er Präsident der Berliner Akademie der Künste.

Ende der achtziger Jahre äußerte er sich in mehreren Gesprächen und Essays gegen eine deutsche Wiedervereinigung. Diese kritische Position gegenüber der Einheit markierte auch seine weiteren öffentlichen Auftritte und viele seiner Werke[8] in den neunziger Jahren; dafür wurde er auch in den Medien von Politikern, Historikern und Literaturkritikern, aber auch von einfachen Bürgern angegriffen.

1999 bekam er schließlich, nach einer Vielzahl literarischer Auszeichnungen[9], für seinen Roman Mein Jahrhundert den Nobelpreis für Literatur.

Günter Grass kann sicherlich als ein interdisziplinärer Künstler, als ein „Multi-Talent“[10] bezeichnet werden: Er ist Bildhauer, Graphiker, Romancier, Dramatiker, Lyriker und hat sich auch lange als Politiker betätigt. Sein Hauptbetätigungsfeld ist jedoch die Literatur. Seine literarische Produktion und sein literarisches Spektrum sind außergewöhnlich umfangreich: Er hat Kurzprosa, Gedichte, Romane, Novellen, Erzählungen, absurde Theaterstücke, Essays, Ballettlibretti, ein Zeitstück, Briefe und Wahlreden geschrieben[11]. Alle seine Texte anzusprechen würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen; aus diesem Grund habe ich mich entschlossen Grass´ Werk in unterschiedliche Phasen zu gliedern[12]. In diesem Sinn kann, sehr schematisch und skizzenhaft, seine Produktion in fünf verschiedene Abschnitte aufgeteilt werden, die unterschiedlichen Interessen und thematischen Schwerpunkten entsprechen. Um sich ein Bild von Grass´ Produktion zu machen, ist es sinnvoll, diese Phasen kurz zu erwähnen[13].

In der ersten Phase seiner Produktion (1955-1959) konkurriert das Schreiben bei Grass noch mit der Bildhauerei; Literatur ist für ihn eine Nebenbeschäftigung. Seine ersten literarischen Versuche sind Gedichte, Kurzprosa und „absurde“ Theaterstücke. Die zwei wichtigsten Werke dieser Zeit sind Die Vorzüge der Windhühner (1956), eine Gedichtsammlung, und Hochwasser (1957), ein Theaterstück in zwei Akten.

Eine zweite Phase der Grassschen Produktion stellt Neuhaus in den Jahren 1959 bis 1963 fest: Hier entstehen Grass´ bekanntesten Werke der „Danziger Trilogie“. Die Parallelen zwischen den Romanen Die Blechtrommel (1959), Hundejahre (1963) und der Novelle Katz und Maus (1961) bilden vor allem die Zeit- und Erzählstrukturen und das gemeinsame Thema: die Darstellung der Nazizeit aus der Perspektive von Beteiligten. Alle drei Werke, aber vor allem Die Blechtrommel, haben große Resonanz in der Kritik gefunden. Seine Autorität als Epiker, Romanautor und engagierter Literat beruht hauptsächlich auf diesen Texten.

Zwischen 1963 und 1972 hat sich Grass´ ganz auf die Politik konzentriert: Neben vielen politischen Essays und Artikeln schreibt er jedoch auch literarische Texte. Sie sind sehr stark von seinem politischen Engagement geprägt. Werke wie die Theaterstücke Die Plebejer proben den Aufstand (1966) und Davor (1969), die Gedichtsammlung Ausgefragt (1967) oder der Roman örtlich betäubt (1969) werden unter anderem aus diesem Grund von der Kritik negativ aufgenommen. Trotz dieser negativen Urteile entwickelt sich Grass in dieser Phase zu einer Figur des öffentlichen Lebens, der als Schriftsteller, aber auch für seine politischen Ideen und seine öffentlichen Auftritte anerkannt wird. Auch in der Erzählung Aus dem Tagebuch einer Schnecke (1972), in der die Schnecke mit ihrer Langsamkeit und Geduld als Symbol für weises politisches Handeln gilt, äußert er sich über sein politisches Kredo. Mit diesem Werk schließt er seine intensive Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus ab, die alle seine früheren Texte charakterisierten.

Ab 1977 wendet sich Grass Themen zu, die über eine spezifisch deutsche Relevanz weit hinausgehen. Zu dieser vierten Phase gehören Werke wie Der Butt (1977) und Die Rättin (1986). In dieser Phase dominieren thematisch vor allem Motive, die mit dem Umweltschutz und der Bedrohung der Menschheit durch atomare Aufrüstung, Umweltzerstörung und Überbevölkerung zu tun haben.

Die letzte Phase, die hier erwähnt wird und die, schematisch gesehen, die neuere Entwicklung seiner langjährigen literarischen Produktion charakterisiert, bildet die Periode zwischen 1989 und 1995. In mehreren Reden und Gesprächen, aber, noch wichtiger, auch in einigen literarischen Werken, reagiert Günter Grass drastisch auf den Mauerfall, die Währungsunion und die deutsche Einheit. Sein negatives Urteil über den Verlauf der deutschen Wiedervereinigung kommt unmittelbar nach dem 3. Oktober besonders heftig zum Ausdruck. Bereits 1990 erscheint Ein Schnäppchen namens DDR, eine Sammlung von Reden, in denen der Autor den gesamten Prozess der Wiedervereinigung verurteilt und ihn sogar als „Kolonialisierung der DDR“ bezeichnet[14]. Grass´ politische Aussagen, die in diesem Band enthalten sind, werden später auch literarisch verarbeitet: Die staatliche Einheit wird in der Erzählung Unkenrufe (1992) in historischer Perspektive gesehen und als sehr gefährlich verworfen. Im Gedichtband Novemberland. 13 Sonette (1993) findet seine Kritik mit ganz direktem Bezug und ohne Fiktionalisierung statt. Diese Werke bilden die Vorbereitung für Ein weites Feld, der 1995 diese Phase abschließt.

Da die Kenntnis dieser Phase von Grass´ Produktion und seiner Position gegenüber der deutschen Einheit für die Interpretation von Ein weites Feld eine zentrale Rolle spielen, beschäftige ich mich im nächsten Kapitel näher damit.

1.1. Grass und die deutsche Einheit.

Wie schon erwähnt, ist Grass ein politisch sehr engagierter Autor, der nie gezögert hat, sein politisches Kredo zu äußern und sich aktiv in die deutsche Politik einzumischen. Besonders interessant sind in dieser Hinsicht auch seine Ideen bezüglich der „Wende“ und der deutschen Einheit, die auch den politischen Hintergrund für seinen, von der Literaturkritik scharf kritisierten Roman Ein weites Feld bilden.

Grass´ Position in Bezug auf die deutsch-deutsche Frage ist schon in den 70er Jahren sehr deutlich. In einer Rede vom Mai 1970 schließt er nicht nur die Vereinigung aus, sondern er warnt sogar davor:

Deutsche Einheit, so lehrt uns die Geschichte, hat, in der Mitte Europas und bis in die Welt hinein wirksam, immer wieder landläufige Krisen zum überregionalen Konflikt auswuchern lassen. Deutsche Einheit hat sich zu oft als Bedrohung für unsere Nachbarn erwiesen […]. Hingegen ist deutsche Einigung dann möglich, wenn sie sich der Projektion Einheit enthält, ja, weitergehend, wenn sie Verzicht auf Einheit als Voraussetzung für die Einigung begreift.[15]

Diese Position, in der die Einheit in historischer Perspektive gesehen wird, stützte sich auf seine Überzeugung, der deutsche Einheitsstaat sei die Voraussetzung für Auschwitz gewesen[16]. In dieser Rede taucht auch seine Vorstellung einer „deutschen Kulturnation“ auf, einer nicht politischen, sondern eher kulturellen Identität Deutschlands, die er auch später als eine reale Alternative zum Einheitsstaat betrachtet.

Grass´ Kritik an der deutschen Einheit verstärkt sich im Laufe der Jahre und erreicht in den vielen Reden unmittelbar nach 1989 ihren Höhepunkt:

Es ist so: Ich fürchte mich nicht nur vor dem aus zwei Staaten zu einem Staat vereinfachten Deutschland, ich lehne den Einheitsstaat ab und wäre erleichtert, wenn er - sei es durch deutsche Einsicht, sei es durch Einspruch der Nachbarn – nicht zustande käme.[17]

Grass´ programmatische Aussagen über die Wiedervereinigung bilden das Hauptthema des im November 1990 erschienen Bandes Ein Schnäppchen namens DDR[18], in dem unterschiedliche Reden aus dem Jahr 1990 gesammelt werden. Besonders wichtig sind vor allem die zwei Reden Kurze Rede eines vaterlandlosen Gesellen (gehalten am 2. Februar 1990) und Ein Schnäppchen namens DDR (gehalten am 2. Oktober 1990). Obwohl nach der Publikation dieses Bandes die Einheit schon vollzogen war, äußert der Schriftsteller hier erneut in sehr deutlicher Weise seine scharfe Kritik am Vereinigungsprozess, die jetzt hauptsächlich auf zwei Positionen zurückzuführen ist: seine Warnung vor einem großen Deutschland als Übermacht in Europa und die Ablehnung der direkten Übertragung des kapitalistischen wirtschaftlichen Systems der Bundesrepublik auf die DDR[19]. Diese zweite Auffassung ist besonders interessant: Grass versteht die Vereinigung als platten “Prozess der deutschen Markterweiterung“[20]. Damit vertritt er die Position vieler Linksintellektueller, die die Herbstrevolution als eine Chance demokratischer Erneuerung der DDR begrüßt hatten, und, enttäuscht über die nationale Entwicklung, die Wiedervereinigung als Ausdehnung der kapitalistischen BRD-Wirtschaft auffassten. Was mit einer Revolution angefangen hatte, erweist sich zum Schluss nur als schlichte finanzielle Operation. Besonders deutlich bezieht sich Grass´ Kritik auf die Einführung der D-Mark in der DDR, die als erste Etappe einer „wirtschaftlichen Kolonialisierung“ verstanden wird:

Der Einbruch der D-Mark in die DDR trifft eine unvorbereitete Wirtschaft und eine, was die Tücken und Vorteile der Marktwirtschaft betrifft, ahnungslose Bevölkerung […]. Die Folgen sind abzusehen: ohnehin angeschlagene Firmen machen sofort Pleite, andere Produktionsstätten, die saniert werden könnten, sind bald darauf zahlungsunfähig, neue Betriebe wagen erst gar nicht den ungleichen Wettbewerb […]. Ich sage, diese überstürzte Währungsunion, der keine vorbereitende Belebung der heimischen Wirtschaftskraft vorausging, ist ein Trug, der sich am Ende als Betrug erweisen wird […].[21]

Er befürchtet, dass wenige „Wendehälse“, westdeutsche Unternehmer, die mit einer „Raubrittermentalität“ im Osten investieren, von der zu schnell realisierten Einheit profitieren und sich bereichern.

Der Kanzler Helmut Kohl wird von Grass im Text persönlich für das „Desaster“ und für die vorausgesehene fehlgeleitete wirtschaftliche Entwicklung verantwortlich gemacht („Der will als Einigungskanzler die Geschichte bebildern […]“[22] ).

Solche Äußerungen charakterisieren, literarisch umgedeutet, auch viele seiner Werke der 90er Jahre, von Unkenrufe bis Novemberland. Auch in Ein weites Feld bilden sie das Hauptthema. In der folgenden Analyse wird sich jedoch herausstellen, dass Grass im Roman, obwohl er sein unbarmherziges Urteil über die Einheit durchscheinen lässt, zugleich seine frühere Position an vielen Stellen auch zu mildern schafft. Durch die Einführung von mehren Figuren[23], die den Einheitsstaat anders beurteilen, gelingt es ihm vielmehr, unterschiedliche Positionen und positive sowie negative Aspekte der deutschen Wiedervereinigung darzustellen.

2. DIE STRUKTUR DES ROMANS.

2.1. Inhalt und Aufbau.

Anders als in den beiden vorangegangenen Werken, insbesondere in Loests Nikolaikirche, bildet die äußere Handlung in Ein weites Feld nicht den Mittelpunkt des Romans. Fern von jedem Anspruch, eine realistische Geschichte erzählen zu wollen, verzichtet der Autor hier vielmehr auf „eine alles konzentrierende und lückenlos integrierende konfliktbestimmte Haupthandlung“[24], um die Überlegungen der Hauptfigur ins Zentrum seines Textes zu stellen. Obwohl eigentlich die deutsche Wiedervereinigung im Roman als Hauptthema dominiert, bleibt sie dennoch nur im Hintergrund und wird nicht direkt thematisiert: Die wichtigsten Etappen dieses historischen Prozesses bilden die Kulisse, den Hintergrund für Grass´ politischen, sowie historischen und literarischen Diskurs. In diesem Sinn bildet das äußere Geschehen nur einen Bruchteil des eigentlichen Romanstoffs: Viel wichtiger als die Handlung selbst sind die zahlreichen Hinweise, intertextuellen Referenzen, historischen Parallelen und komplexen Zusammenhänge, die sich hinter der einfachen Geschichte verbergen. Die äußere Handlung des 781 Seiten langen Romans kann dementsprechend in einer sehr knappen Inhaltsangabe zusammengefasst werden. Die beiden Hauptfiguren Theo Wuttke, alias Fonty, und Hoftaller spazieren im Dezember 1989 durch Berlin und tauschen Gedanken über den Fall der Mauer und die kommende Einheit aus. Ende Dezember feiert Fonty, der genau hundert Jahre nach Theodor Fontane geboren ist, seinen 70. Geburtstag. Einige Monate später heiratet Fontys Tochter Mete den Bauunternehmer Grundmann, einen „Wessi“, der jedoch kurze Zeit später bei einem Autounfall stirbt. Überfordert von den vielen Aufregungen, aber vor allem von der neuen politischen Situation, mit der er nicht zurechtkommt, erleidet Fonty 1990 eine „Nervenpleite“; erst nach einem Genesungsurlaub in Hiddensee und auf Rügen wird er wieder gesund. Zurück in Berlin bekommt er Besuch von seiner Enkelin Madeleine Aubron aus Frankreich, von deren Existenz er bis dahin nichts wusste. Sie ist die Enkelin seiner früheren französischen Geliebten, die er 1944 kennen gelernt hatte und mit der er nur eine kurze Affäre gehabt hat. Großvater und Enkelin kommen sich sofort sehr nah. Zwischen 1990 und 1991 arbeitet er noch für die Treuhand, bevor er entlassen wird und, Ende 1991, mit Madeleine ins Zentralmassiv abtaucht.

[...]


[1] Für weitere Materialien über Grass´ Leben und Werk siehe auch: Brandes, Ute: Günter Grass. Berlin: Volker Spiess Verlag, 1998; Pelster, Theodor: Günter Grass. Stuttgart: Reclam, 1999; Moser, Sabine: Günter Grass. Romane und Erzählungen. Berlin: Erich Schmidt Verlag, 2000.

[2] Weiteres dazu im Kap. 7.4.1. Die wichtigsten Phasen dieser Diskussion beschreibt Oskar Negt in seiner Dokumentation Der Fall Fonty. „Ein weites Feld“ von Günter Grass im Spiegel der Kritik. Göttingen: Steidl, 1996.

[3] Moser (2000), S. 11.

[4] Ein deutliches Beispiel dafür stellt sicherlich Ein weites Feld, aber auch Unkenrufe (1992) oder Die Rättin (1986) dar.

[5] „Als Neunzehnjähriger begann ich zu ahnen, welch eine Schuld unser Volk wissend und unwissend aufgehäuft hatte, welche Last und Verantwortung meine und die folgende Generation zu tragen haben würde“. (Zitiert aus: Pelster, Theodor: Günter Grass. Stuttgart: Reclam, 1999. S. 15). Dieses Schuldbewusstsein des Autors bildet nicht nur den Schlüssel für sein Werk, sondern auch die Erklärung für seine Ablehnung eines wiedervereinten Deutschlands (siehe Kap 7.1.1.).

[6] Erst in den siebziger Jahren hat sich für diese drei Werke die Bezeichnung „Danziger Trilogie“ etabliert. Damit wird vor allem der innere Zusammenhang der Texte betont. Vgl. Brandes (1998), S. 21.

[7] Zitiert aus: Pelster (1999), S. 22.

[8] Mit dieser Thematik beschäftige ich mich ausführlicher im Kapitel 7.1.1.

[9] Grass erhielt unter anderem den Georg-Büchner Preis (1965), den Premio Letterario Viareggio (1978), den Internationalen Feltrinelli-Preis (1982), den Großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste (1994) und den Thomas-Mann Preis (1996)

[10] Brandes (1998), S. 7.

[11] Ich beziehe mich hier auf Neuhaus, Volker: „Günter Grass“, in: KLG.

[12] Vgl. Neuhaus, Volker: „Günter Grass“ in: KLG.

[13] Weiteres dazu in: Pelster (1999) und Brandes (1998).

[14] Vgl. Grass, Günter: Ein Schnäppchen namens DDR. Letzte Reden vorm Glockengeläut. Frankfurt am Main: 1990. S. 25 und 58.

[15] Günter Grass: Deutschland – zwei Staaten – eine Nation? Zitiert aus Neuhaus (2002), S. 443.

[16] Siehe z.B. Günter Grass: Ein Schnäppchen namens DDR. Letzte Reden vorm Glockengeläut. Frankfurt am Main: Luchterhand, 1990. S. 13.

[17] Ebd., S.7.

[18] Günter Grass: Ein Schnäppchen namens DDR. Letzte Reden vorm Glockengeläut. Frankfurt am Main: Luchterhand, 1990.

[19] Vgl. auch Neuhaus (2002), S. 437.

[20] Grass (1990), S. 59.

[21] Ebd., S. 23.

[22] Ebd., S. 20.

[23] Das deutlichste Beispiel dafür ist sicherlich Madeleine, Fontys Enkelin, die, aus französischer Sicht, die Wiedervereinigung positiv beurteilt. Auch Fonty selbst urteilt die „Wende“ nicht nur negativ.

[24] Schwan, Werner: „Günter Grass: Ein weites Feld – mit Neugier und Geduld erkundet“. In: Poetica. Nr. 28 (1996). S. 432-464. Hier S. 442.

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Zu Günther Grass' Wenderoman "Ein weites Feld"
Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
43
Katalognummer
V35771
ISBN (eBook)
9783638355926
ISBN (Buch)
9783640888856
Dateigröße
616 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
GÜNTER, GRASS´, Wenderoman, Feld
Arbeit zitieren
MA Davide Bonmassar (Autor), 2003, Zu Günther Grass' Wenderoman "Ein weites Feld", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/35771

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