Caspar David Friedrich erklärt sein Bild "Kreidefelsen auf Rügen"


Essay, 2011

11 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Ich, Caspar David Friedrich, geboren am 5. September 1774 in Greifswald, nehme mir mit dieser Schrift zur Aufgabe stumpfsinnige Deutungsansätze meines Gemäldes „Kreidefelsen auf Rügen“ endlich zu widerlegen.

Wir schreiben das Jahr 1819, so eben habe ich mein Gemälde „Kreidefelsen auf Rügen“ fertiggestellt und der Öffentlichkeit präsentiert. Wieder einmal fingen die Herren Kunstkritiker und auch so mancher Kunstfreund an, an dem Bild „herumzuinterpretieren“.

Normalerweise sollte ich sie denken lassen was sie mögen und darüber lachen – zweiteres tue ich auch gemeinsam mit meiner Frau – doch dieses Bild ist anders als alle meinen anderen Gemälde zuvor. Es trägt eine besondere Bedeutung für mich und meine Frau inne und kann nicht frei nach dem Motto „Was er immer tat, wird er auch weiterhin tun“ betrachtet werden. (Dies meine ich im Bezug auf Konstruktion und Motive, die meine vorherigen Bilder stets zum Raum für Interpretationen machten).

„Die Kreidefelsen auf Rügen“ sollten lediglich eine schöne Erinnerung an meine Hochzeitsreise darstellen und sollte nur für meine Familie und mich gedacht sein. Meine Frau überredete mich jedoch, nachdem sie das fertiggestellte Werk begutachtet hatte, es doch der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Als Fehlentscheidung will ich dies jetzt nicht bezeichnen, aber das erneut, obwohl ich auch die Skizze zum Bild vorlegte, (was heute auch schon wieder in Vergessenheit geraten ist) so etliches in die Gestaltung hinein gesagt wurde, was so gar nicht vorhanden ist, ärgert mich dennoch.

Gerade weil ich hoffte, mit diesem Bild, der Öffentlichkeit eine andere Seite von mir zeigen zu können. Ich hoffte ihnen zeigen zu können, dass mein Charakter nicht nur auf melancholischen, weltverbesserlichen und todesnahen Gedanken aufgebaut ist.

Ich wollte, dass alle verstehen, dass auch ich eine freudige Seite in mir habe und manchen Freuden des Lebens durchaus nicht abgeneigt bin.

Wahrlich – leugnen kann ich nicht, dass die meisten meiner bisherigen Gemälde einen melancholischen Grundgedanken ausstrahlten.

Doch durch meine Frau wurde auch endlich die lebensfrohe Seite meines Charakters erweckt und das sollte in den „Kreidefelsen auf Rügen“ dargestellt werden.

Diesmal konstruierte ich das Bild nicht nach dem goldenen Schnitt und auch nach keiner anderen Methode und wollte auch keine Aussage damit machen. Auch setzte ich sie nicht wie vorher in meinen Bildern oft deutlich erkennbar, die Landschaft aus Einzelskizzen zusammen. Betrachtet man die Skizze und vergleicht sie mit dem fertigen Gemälde, so sollte auch auffallen, dass ich an der Natur nicht viel verändert habe, die ich skizzierte während mein Schwager und meine Frau hinter mir standen und mich beobachteten.

Doch bevor ich anfange wild darauf los zu schreiben und manches doppelt, anderes gar nicht erwähne, sollte ich meine Gedanken erst einmal ordnen. Denn was bringt es ein wildes Chaos zu produzieren, welches am Ende wieder keiner versteht.

Ich werde am besten damit beginnen all die Interpretationen, die die Herren und Damen so wagen auf mein Bild anzuwenden, aufzuzählen. Ich empfehle stark sich dabei mein Bild vorzustellen oder sich gar davor zu setzen und genau nachzuverfolgen was ich sage. Ebenso mit der Skizze, wobei ich in ihrem Falle gar nicht weiß ob sich überhaupt jemand daran erinnert.

Ich beginne dabei erst einmal mit den Behauptungen, die auf all meine Werke angewendet werden, denen ich im Bezug auf die Kreidefelsen durchaus zustimmen kann. Erst im zweiten Schritt gehe ich dann auf die spezifischen Interpretationen betreffend des Bildes ein.

Meinen gesamten Gemälden, die ich bisher geschaffen habe, wird ein patriotisch-politischer Hintergrund unterstellt. Dies kann ich nicht leugnen. Ich liebe mein Heimatland und dessen wunderschöne Landschaften. Ich brauche nicht wie viele andere Künstler nach Italien reisen, um mich von anderen alten Künstlern und der Natur dort inspirieren zu lassen. Meine Inspiration ist ist mein Land, unsere Natur, die sich so wunderbar jeden Tag aufs Neue zeigt, und meines Erachtens, mit der Italiens durchaus messen kann. Ich möchte jedem Kunstliebhaber zeigen, dass dies so ist und sie dazu anregen unser Land viel mehr zu achten und nicht nach anderen „fremdländischen“ Idealen zu trachten. Unser Land ist alles was wir haben und wir sollten es ehren.

Des Weiteren wird mir ein religiös-protestantischer Hintergrund unterstellt, auch dies leugne ich nicht. Die Natur ist von Gott gegeben und kann wie ein Mensch Gefühle widerspiegeln. Die antiken und römischen Künstler, sowie die Klassizisten erkennen dies nicht. Für sie ist die Natur reinens Beiwerk. Für mich ist sie der Spiegel der Seele. Ich brauche keine Menschen in einem Gemälde zu zeigen um Emotionalität zu wecken. Dies schafft die Natur allein. Durch unterschiedliche Lichteinfälle zum Beispiel. Zwar mag die Einstellung „Gott ist in der Natur“ dem Protestantismus zu widersprechen, der die Natur als Mutter sieht, doch kann die Natur nicht zugleich Mutter und Vater sein? Verbindung aus weltlichem und göttlichem? Können wir vielleicht in ihr allein, die göttliche Gnade erkennen? Ich sage Ja. Und deshalb wird die Natur in meinen Gemälden immer vor den Menschen stehen, da wir alle nur ein Resultat ihrer sind. Auch im hier behandelten Gemälde „Kreidefelsen auf Rügen“ ist das ähnlich, wenn auch nicht so stark ausgeprägt. Die Personen scheinen auch hier, so klein wie sie sind, in der weiten Landschaft zu verschwinden, doch ist der Hintergrund hier noch etwas anders zu deuten. Ich wollte an erster Stelle die Erinnerung an den schönen Tag den wir dort verbrachten und den wunderschönen Ausblick festhalten.

Die Personen, sind eine reine Gedankenstütze. Ich hätte sie ebenso weglassen können, doch wollte ich eben eine besondere Situation des Tages festhalten und, wie ich schon sagte, sollte es eine Art Hochzeitsbild darstellen, und ein Hochzeitsbild ohne Personen, wäre recht erinnerungsarm.

Nun gut – ich komme nun zu den Interpretationen, die sich direkt auf mein Werk „Kreidefelsen auf Rügen“ beziehen. Ich zähle sie zunächst alle auf, um sie dann im nächsten Schritt zu widerlegen.

Die Landschaft auf dem Bild zeigt den Blick von den Kreidefelsen auf Stubbenkammer auf Rügen. Links unten ist der Feuerregenfelsen zu sehen. Die Bäume links und rechts sind von mir hinzugefügt worden. Andere Quellen behaupten, die Kreidefelsen von Rügen seien zwar Vorbild für das Gemälde, die Landschaft an sich jedoch konstruiert, wie ich es bei vielen Gemälden tat.

Die Menschen im Bild sind bedeutungslos und klein und verschwinden nahezu in der Landschaft. Sie werden personifiziert als meine Person, meine Frau und ein unbekannter Mann. Ich knie am Boden, etwa im Mittelpunkt der „gräsernen Plattform“ und habe als Zeichen der Demut vor der Natur meinen Hut neben mir liegen (Vergleiche dazu: „Gebirgslandschaft mit Regenbogen“). Ich schaue in den Abgrund (Abgrund des Todes) und suche Halt im Gras ( Rasche Vergänglichkeit des Lebens). Mein blauer Rock ( Farbe des Glaubens) verbindet mich mit dem Himmel und dem Meer.

Meine Frau, die man links auf der Plattform sieht, trägt ein rotes Kleid (Farbe der Liebe) und hat einen sicheren Platz unter einem verdorrten Strauch eingenommen, der nur wenige belaubte Zweige um ihren Kopf zeigt. (mal wieder Symbol des Todes? Soll es heißen, dass alles um sie herum lebt?). Die Frage die im Raum steht ist, ob sie auf den Abgrund oder die Blumen an selbigem zeigt.

Ihre Geste ist die einzige mitteilende Geste im ganzen Bild: Sie teilt sich uns Männern mit. Ich selber bin dabei in den Abgrund vertieft, die dritte Person, die rechts im Bild zu sehen ist, schaut weit in die Ferne, während sie an einem Baumstumpf lehnt (wieder Symbol des Todes). Der Mann blickt weit ins Meer und auf den Horizont hinaus oder auf die Segelboote (das alles sollen Symbole für den Weg der Seele in den Himmel sein).

Das Meer ist im Mittelpunkt und bildet etwa ein Drittel des Bildes. Gerahmt wird das Meer durch Felsen, die von oben nach unten an Breite zunehmen und den, im Gegensatz dazu stehenden,

Bäumen rechts und links, die von unten nach oben hin breiter werden. Beides zusammen bilden das obere Drittel. Das unterste Drittel bilden die Personen und die „Plattform“ auf der sie stehen.

Die vertikale Achse des Bildes führt nicht durch die Mitte, sondern etwa durch die zwei Segelboote, beziehungsweise durch die Art Zacke, die man beim Untergrund auf dem die Personen sich befinden, sieht. Der Experte wird hier wohl von einer angetäuschten Symmetrie sprechen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Caspar David Friedrich erklärt sein Bild "Kreidefelsen auf Rügen"
Hochschule
Universität Siegen
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
11
Katalognummer
V358023
ISBN (eBook)
9783668430693
ISBN (Buch)
9783668430709
Dateigröße
433 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
caspar, david, friedrich, bild, kreidefelsen, rügen
Arbeit zitieren
Rebecca Myga (Autor), 2011, Caspar David Friedrich erklärt sein Bild "Kreidefelsen auf Rügen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/358023

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