Symbolischer Interaktionismus nach Blumer und Phänomenologische Soziologie nach Schütz. Ein Theorienvergleich


Hausarbeit, 2017
34 Seiten, Note: 1,0
Marc Liesenberg (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Methodik / Vorgehen

3. Symbolischer Interaktionismus: Herbert Blumer
3.1. Die drei grundlegenden Prämissen des Symbolischen Interaktionismus:
3.2. Die sechs Kernvorstellungen

4. Soziologische Phänomenologie und Strukturen der Lebenswelt: Alfred Schütz
4.1. Husserl und die Schütz‘ Lebenswelt:
4.2. Wissensvorrat:
4.3. Weil und Zu- Motive:

5. Verhältnis der Theorien zueinander:
5.1. Gegenstand und Aufgabe: Was folgt „normativ“ aus den Ansätzen?
5.2. Zentrale Begrifflichkeiten:
5.2.1. „Sinn“ und „Bedeutung“:
5.2.2. „Erfahrung“ und „Bedeutung“:
5.3. Aufbau und wichtige Elemente beider Theorien: Wie ist das Verhältnis der Ansätze in Generellen?
5.3.1. Planende Elemente: „Handlungslinie“ und „Handlung“ in „Um- zu“ und „Weil“- Motiven:
5.3.2. Interpretative Elemente:

6. Schluss

7. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Betrachtet man den Zustand der Soziologie als Disziplin so zeigt sich das Problem einer heterogenen und unübersichtlichen Wissenschaft. Es gibt eine Vielzahl unterschiedlichster Theorien und unterschiedlichster Methoden.[1] Es zeichnet sich das Bild eines „[…] multiparadigmatischen Zustands der Soziologie […]“[2] ab. So ist es der Soziologie als Disziplin in der Vergangenheit „[…] wenig gelungen, über ihre verschiedenen Paradigmen hinweg konzeptuell weithin geteilte Beschreibungs- bzw. Erklärungsprobleme zu etablieren.“[3] Dabei handelt es sich um ein langjähriges Problem: Bereits in den 70er Jahren versuchte man, auf den Kasseler Soziologen Tagen[4], dem Problem beizukommen und mittels eines Theorienvergleichs Ordnung in die divergierenden Theorien und die ihnen zu Grunde liegenden Paradigmen zu bringen, und auch gegenwärtig ist die unübersichtliche Ausdifferenzierung theoretischer Grundannahmen und Methoden Gegenstand der Arbeit einiger Soziologen, die dem Problem mit unterschiedlichen Lösungsansätzen zu begegnen versuchen: So plädierte beispielsweise Andreas Balog für einen leistungsorientierten Umgang mit Theorien[5], Hartmut Esser für die Dringlichkeit einer integrativen Sozialtheorie und Frank Welz für eine Re-Konzeptualisierung des Umgangs mit klassischen Texten.[6]

Die unübersichtlich gewordene Ausdifferenzierung und die gleichzeitige Heterogenität der verschiedenen Ansätze ist ein Problem, welches sich auch auf die qualitative Sozialforschung erstreckt. Folgt man der Definition von Flick, Kardorff und Steinke, so dient „Qualitative Sozialforschung“ eher als „Oberbegriff“ zur Subsumierung verschiedenster Forschungsansätze sowie ihrer jeweiligen theoretischen Annahmen, Gegenstandsverständnisse und methodischen Fokusse, denn als kohärenter Forschungsansatz.[7] Die Pluralität qualitativer Theorien ist dabei eng verknüpft mit der Geschichte des Fachs: So zeigt ein Blick in die Vergangenheit, dass die verschiedenen qualitativen Ansätze nicht linear einspurig, sondern, im deutschen wie im englischsprachigen Raum, durch divergierende Entwicklungslinien entstanden sind. Die Vielzahl verschiedener Schulen mündete in einer Vielzahl unterschiedlicher theoretischer Grundlagen und methodischer Ansätze. In der Selbstreflexion der Soziologie als Wissenschaft - wie auch in der Qualitativen Sozialforschung im Einzelnen - zeigt sich also ein deutlicher Mangel an kohärenten Theorien und Methoden.[8]

Das Problem der diversen, heterogenen und teils divergierenden Theorie- und Methodenansätze der unterschiedlichen Schulen lässt sich in dieser Hausarbeit sicherlich nicht lösen. Dennoch möchte sich die vorliegende Hausarbeit der Thematik des Theorienpluralismus annehmen und zwei Theorien der Qualitativen Forschung mittels eines Vergleichs gegenüberzustellen. Durch den Vergleich sollen Relationen zwischen verschiedenen Theorien bzw. Grundannahmen herausgestellt werden.

Als zu untersuchende Theorien sollen (1) der Symbolische Interaktionismus nach Herbert Blumer und (2) die Soziologische Phänomenologie nach Alfred Schütz miteinander verglichen werden.

Zu Beginn soll daher kurz auf das methodische Vorgehen eingegangen werden, mit der versucht werden soll, die beiden Theorien gegenüberzustellen. In einem zweiten Schritt werden die Theorien in einem Abriss dargestellt, um in einem dritten Schritt schließlich das Verhältnis der beiden Theorienansätze zueinander herauszuarbeiten.

2. Methodik / Vorgehen

Vorliegende Hausarbeit bezieht sich für das Vorgehen des Vergleichs auf die Vorgaben von Rainer Geshoff: Dieser merkt an, dass es keine einheitliches oder erprobtes Verfahren für einen Vergleich zweier Theorien gebe, dennoch seien einige Dinge zu beachten. Entlang der Definition von Rainer Geshoff, der sich intensiv mit der Möglichkeit und den Voraussetzungen von Vergleichen zwischen verschieden und ähnlich gelagerten sozialwissenschaftlichen Theorien auseinandergesetzt hat, hat ein Vergleich das Herstellen von Relationswissen zum Ziel.

„Vergleichen ist Herstellen von Relationswissen: Feststellungen zu mindestens zwei Gegenständen werden anhand eines Vergleichsgesichtspunktes (synonym: Vergleichskriteriums) in ein Verhältnis gesetzt, so dass Relationswissen entsteht.“[9]

Dabei können Vergleichsgesichtspunkte nicht als vorausgesetzt betrachtet werden. Haben sie einen ähnlichen Problembezug so lassen sie sich auf ein „Besser-oder-Schlechter“ vergleichen, liegt kein gemeinsamer Problembezug vor, so müssen die Theorien erst auf ihr Grundverhältnis überprüft werden.[10]

Trotz intensiver Recherche konnte kein vertiefender Vergleich der beiden Theorien in englischer oder deutscher Sprache gefunden werden. Arbeiten, die sich mit Theorien auseinandersetzen, beschränken sich vornehmlich auf eine reine Darstellung dieser. Zwar wird eine pauschale Ähnlichkeit des Symbolischen Interaktionismus und der Soziologischen Phänomenologie attestiert, worin diese Ähnlichkeit doch konkret besteht und wie diese ausgemacht wurde, bleibt unbeantwortet. Es fehlen somit ein Verweis und/oder ein Vergleich, welche Aufschluss über die grundlegende Beziehung beider Theorien zueinander geben.

Vorliegende Hausarbeit geht deshalb davon aus, dass das Grundverhältnis beider Theorien zueinander nicht eindeutig geklärt bzw. durch Recherche nicht zu ermitteln ist. Es wird sich daher auf eine Klärung des Grundverhältnisses konzentriert.

Eine Untersuchung auf ein „Besser- oder- Schlechter“ müsste in einem direkten empirischen Vergleich geschehen, der die Erklärungsmöglichkeiten und die Erklärungskraft der beiden Theorien anhand eines gemeinsamen Fallbeispiels bzw. gemeinsamer Fallbeispiele aufzeigt.

Auf einen solchen empirischen Vergleich soll jedoch aufgrund des ungeklärten Verhältnisses der beiden Theorien verzichtet werden. Die vorliegende Hausarbeit beschränkt sich auf einen theoretischen Rahmen und widmet sich der Ermittlung des Grundverhältnisses beider Theorien.

Grundverhältnisse sind, nach Geshoff, „[…] Verhältnisse der Gleichheit bzw. Alternativität.“[11] Dies erfordere zudem eine Begriffsbestimmung – verstehen die Verfasser unter zentralen Begrifflichkeiten, wie beispielsweise dem Begriff „sozial“, dasselbe oder gehen sie von unterschiedlichen Definitionen aus. Die Begriffsbestimmung ist wesentlich für die Bestimmung des Grundverhältnisses: Geht man davon aus, dass „[…] eine sozialwissenschaftliche Theorie ein sinnhafter Zusammenhang aus von spezifischen Orts- und Zeitangaben losgelosten Aussagen ist, dann kommt den Begriffen insofern eine grundlegende Bedeutung zu, als Aussagen aus ihnen gebildet werden und ein Vergleich derselben einen Vergleich der Begriffe voraussetzt.“[12]

In der vorliegenden Hausarbeit soll daher besonders auf die Bedeutung zentraler Begrifflichkeiten Rücksicht genommen werden.

Im weiteren Verlauf dieser Arbeit sollen folgende Fragen geklärt werden:

a) Welcher „normative Aspekt“[13] resultiert aus dem Ansatz: Was ist Gegenstand der Analyse? Worin bestehen die zentralen Fragestellungen, welchen Anforderungen muss eine Erklärung entsprechen und zeigen die Theorien in diesem Aspekt Relationen?
b) Was sind zentrale Begriffe der Theorien und kann man sie in Verbindung setzen oder schließen sie sich gegenseitig aus?
c) Welche Grundannahmen vertreten die verschiedenen Ansätze? In welchen Elementen einen sie sich gegebenenfalls?

3. Symbolischer Interaktionismus: Herbert Blumer

Im Folgenden soll ein kurzer Abriss des Symbolischen Interaktionismus nach Herbert Blumer vorgenommen werden. Dazu werden die drei Grundprämissen des Ansatzes, sowie die sechs Kernvorstellungen aufgezeigt. Grundlage des Abrisses ist der Aufsatz „Der Methodologische Standort des symbolischen Interaktionismus“ von Herbert Blumer, in einer deutschen Ausgabe 2013 herausgegeben von Heinz Bude und Michael Dellwing, übersetzt aus dem Amerikanischen von Michael Dellwing unter Mitarbeit von Viola Abermet.

3.1. Die drei grundlegenden Prämissen des Symbolischen Interaktionismus:

Der Symbolische Interaktionismus beruht, nach Blumer, auf drei Prämissen: (1) Die erste Prämisse besagt, dass „[…] Menschen Dingen gegenüber auf der Grundlage der Bedeutung handeln, die diese Dinge für sie besitzen.“[14] (2) Die zweite Prämisse des Symbolischen Interaktionismus besagt, dass „[…] die Bedeutung solcher Dinge von der sozialen Interaktion, die man mit seinen Mitmenschen eingeht, ausgeht oder aus ihr erwächst.“[15] (3) Die dritte Prämisse besagt, dass „[…] diese Bedeutungen in einem, interpretativen Prozess, den die Person in ihrer Auseinandersetzung mit den ihr begegnenden Dingen benutzt, gehandhabt und abgeändert werden.“[16]

3.2. Die sechs Kernvorstellungen

Den Prämissen gehen sechs Grundannahmen voraus, die Blumer auch als Kernvorstellungen beschreibt: (1) Die Beschaffenheit der menschlichen Gesellschaft oder des menschlichen Zusammenlebens, (2) die Beschaffenheit sozialer Interaktion, (3) die Beschaffenheit von Objekten, (4) der Mensch als handelnder Organismus, (5) die Beschaffenheit menschlichen Handelns und (6) die Verkettung von Handlungen.

1) Der ersten Kernvorstellung nach, bestehen „[…] [m]enschliche Gruppen und Gesellschaften [ ] im Grunde nur in der Handlung. […] Das Leben in jeder menschlichen Gesellschaft besteht notwendigerweise in einem fortlaufenden Prozess des Aufeinander-Abstimmens der Aktivitäten ihrer Mitglieder.“[17] Daraus folgt für ein wissenschaftliches Vorhaben, welches die Beschreibung und Erklärung von Gesellschaft bzw. gesellschaftlicher Phänomene in den Fokus fasst, dass dieses stets „[…] mit der Beschaffenheit sozialer Handlungen übereinstimmen [muss].“[18] Wissenschaftliche Betrachtung muss soziale Handlungen, als Grundelement von Gesellschaft, rekonstruieren um dem Anspruch der Empirie gerecht zu werden.
2) Die zweite Kernvorstellung, die Beschaffenheit sozialer Interaktion, besagt, dass „[…] Gesellschaften aus Individuen bestehen, die interagieren.“[19] Menschen müssen, in der Interaktion miteinander, „[…] darauf achtgeben, was der jeweils andere tut oder tun wird; sie sind gezwungen, ihr Handeln so auszurichten oder ihre Situation so zu handhaben, dass sie zum Rahmen der Dinge, denen sie Beachtung schenken, passen.“[20] Die Aktivitäten anderer werden hierbei von Blumer als „positive Faktoren“ aufgefasst, die für die eigenen Aktivitäten und die eigene Entwicklung herangezogen werden. „Handlungen anderer können die eigenen Pläne bekräftigen, sie können ihnen entgegenstehen oder sie verhindern, sie können eine Abänderung solcher Pläne erforderlich machen, und sie können einen sehr unterschiedlichen Set solcher Pläne verlangen.“[21] Man versucht dabei, die […] eigene Handlungsabsicht in gewisser Hinsicht mit den Handlungen anderer in Einklang zu bringen.“[22] Handlungen finden auf der Grundlage von Reziprozität statt: Einzelne Individuen beeinflussen sich in ihren Handlungen gegenseitig und reagieren auch stets unter Einbeziehung der „Anderen“.

Interaktion findet dabei auf zwei Ebenen statt: Auf der Ebene der „nicht- symbolischen Interaktion“ und der Ebene der „symbolischen Interaktion“.

Die Ebene der „nicht-symbolischen Interaktion“ meint hierbei das direkte Antworten auf Handlungen anderer, ohne diese zu interpretieren. Dieser drückt sich am ehesten in reflexartigen Reaktionen aus, d.h. in unbewusste Reaktionen auf Gesten, wie körperliche Bewegungen, Gesichtsausdruck, etc.

Die Ebene des „symbolischen Interaktionismus“ beinhaltet die Interpretation der Handlungen und die symbolische Interaktion auf der Grundlage bewusst wahrgenommener Gesten. Gesten vermitteln der Person, die sie wahrnimmt, einen Hinweis auf die Absicht und den Verlauf einer bevorstehenden Handlung und können beispielsweise „[…] in Form von Wünschen, Anordnungen, Befehlen, Winke und Erklärungen zum Ausdruck kommen.“[23] Gesten sind somit ein Teil oder Aspekt einer ablaufenden Handlung. „Der Reagierende organisiert seine Reaktion auf der Grundlage dessen, was die Gesten ihm bedeuten; die Person, die die Gesten setzt, bringt sie als Indikatoren oder Zeichen für das vor, was sie zu tun gedenkt, wie für das, was der Reagierende tun soll oder was sie ihm zu verstehen geben möchte.“[24]

Dabei kann eine bewusst wahrgenommene Geste drei Dinge anzeigen: Erstens: Was die angesprochene Person tun soll, zweitens: Was die vermittelnde Person zu tun beabsichtigt bzw. tun könnte und drittens: Was für gemeinsame Handlungen erwünscht bzw. möglich sind. Eine Rollenübernahme ist auf allen Interaktionsebenen unerlässlich. Nur dadurch, dass die an einer solchen Interaktion beteiligten Personen die Rolle des anderen einnehmen, um die intendierte und erwünschte Handlung nachzuvollziehen – also den „gemeinten Sinn“ und die Wirkung hinter der Geste zu verstehen -, sei Interaktion überhaupt erst möglich.

3) Die dritte Kernvorstellung besagt, dass die verschiedenen „Welten“, die für Menschen und Gruppen existieren, aus Objekten besteht. Diese Objekte sind, laut Blumer, Ergebnisse der symbolischen Interaktion. Zu den Objekten ist dabei alles zu zählen, was angezeigt werden kann, alles, auf was man hinweisen oder auf das man sich beziehen kann. Dies lässt eine Unterteilung in drei Gruppen zu: Physikalische Objekte z.B. Tische, Bäume, etc.; Soziale Objekte z.B. Studenten, Priester, ein Präsident, etc. und Abstrakte Objekte z.B. moralische Prinzipien, oder Ideen wie Ausbeutung oder Gerechtigkeit.

Die Bedeutung von Objekten ist dabei keine den Dingen innewohnende Bedeutung, wie beispielsweise in der traditionellen Position des Realismus in der Philosophie, oder eine von „außen“ durch eine Person an die Dinge herangetragene Bedeutung, die auf grundlegenden Elementen der Psyche beruht, wie „[…] Empfindungen, Gefühle, Ideen, Erinnerungen Motive und Einstellungen.“[25]

Vielmehr geht für den Symbolischen Interaktionismus, wie in der zweiten grundlegenden Prämisse festgehalten, die Bedeutung der Dinge aus dem Interaktionsprozess zwischen verschiedenen Menschen hervor.

„Die Bedeutung eines Dinges für eine Person ergibt sich aus der Art und Weise, in der andere Personen ihr gegenüber in Bezug auf dieses Ding handeln.“[26] Man lerne allmählich die Bedeutung von Objekten, dadurch, dass sie einem vorgelebt bzw. durch andere angezeigt würden. „Ihre Handlungen dienen der Definition dieses Dinges für die Person. Für den Symbolischen Interaktionismus sind Bedeutungen daher soziale Produkte, sie sind Schöpfungen, die in den und durch die definierenden Aktivitäten miteinander interagierender Personen hervorgebracht werden.“[27]

Aus dem Prozess des gegenseitigen Anzeigens gehen gemeinsame Objekte hervor, die für eine bestimmte Gruppe eine gleiche Bedeutung haben und gleich wahrgenommen werden. Dies kann bedeuten, dass Menschen die zwar denselben räumlichen Standort besitzen, aufgrund ihrer unterschiedlichen Gruppenzugehörigkeit jedoch einen anderen Bezug zu den Objekten haben. Die Umwelt bzw. die Welt einer Person besteht zunächst nur aus Objekten, die sie wahrnehmen und die sie kennen. Die Bedeutung zu diesen Objekten prägt dabei ihr Handeln. Umgekehrt muss man, wenn man das Handeln einer Person verstehen möchte, die Bedeutung nachvollziehen, die diese zu bestimmten Objekten hat.

Die Bedeutung von Objekten ist dabei nicht statisch, sondern wird in einem dynamischen Prozess der Interaktion immer wieder neu ausgehandelt.

Änderungen in der Bedeutung von Objekten, bedeuten – gemäß der ersten Prämisse - eine Änderung der Handlungsgrundlage von Menschen. Änderungen der Handlungsgrundlage bedeuten eine Änderung für die – eingangs zur dritten Kernvorstellung erwähnten- verschiedenen „Welten“, die für Menschen und Gruppen existieren. Eine Änderung der Bedeutung von Objekten, bedeutet somit eine Änderung der „Welten“ der Menschen.

4) Der Mensch als handelnder Organismus bildet die vierte Kernvorstellung des Symbolischen Interaktionismus. Sie besagt, dass der Mensch ein Wesen ist, welches von seinem Charakter auf soziale Interaktion ausgelegt ist: Er kann anderen Menschen etwas anzeigen und er kann solche Anzeigen interpretieren. Dies kann er tun, da er über ein „Selbst“ verfügt. Der Handelnde kann sich selbst als Objekt sehen: Betrachtet er sich als Objekt, kann er nachvollziehen, wie andere ihn als Person wahrnehmen. Er leitet sein Handeln anderen gegenüber dann auf der Grundlage dessen, wie er sich selbst sieht ab. Wie andere Objekte auch, bildet sich das „Objekt-Selbst“ durch soziale Interaktion heraus. Hierbei definieren andere Personen die eigene Position. Dies geschieht, in Anlehnung an die Erkenntnisse Meads, durch eine Rollenübernahme: Man versetzt sich in die Position anderer und betrachtet sich selbst. Dies kann die Perspektive eines Einzelnen sein, was Mead mit dem Begriff „play“ beschreibt, die Position einer bestimmten, organisierten Gruppe, was nach Mead das Stadium des „game“ kennzeichne, bis hin zur Perspektive einer abstrakten Gemeinschaft, die als „generalisierter Anderer“ bezeichnet werden kann.

Auch ermöglicht das Selbst die Interaktion mit dem eigenen Individuum. Blumer beschreibt dies als eine Art inneren Dialog, indem die „[…] Person sich selbst als eine Person anspricht und darauf antwortet.“[28] Er zeigt sich in diesem Prozess selbst etwas an und identifiziert sich als eine bestimmte Art von Objekt. Das wach verbrachte Leben besteht, laut Blumer, aus einem „[…] Ablauf solchen Anzeigens, das die Person sich selbst gegenüber vornimmt, das sie benutzt, um ihre Handlungen auszurichten.“[29]

5) Die Beschaffenheit menschlichen Handelns bildet die fünfte Kernvorstellung des Symbolischen Interaktionismus. Sie geht davon aus, dass die Fähigkeit des Menschen, sich selbst etwas anzuzeigen, seinem Handeln einen spezifischen Charakter verleihe. Der Einzelne interpretiert seine eigene Handlung im Hinblick auf Bedeutungen der Handlungen anderer und verändert bzw. bestätigt seinen Handlungsplan. Anders formuliert, besteht das Handeln des Menschen darin, dass er, die „[…] verschiedenen Dinge die er wahrnimmt, in Betracht zieht und auf der Grundlage der Interpretation dieser Dinge eine Handlungslinie entwickelt.“[30]

Die Dinge die der Handelnde dabei zu berücksichtigen hat, -sind, nach Blumer, „[…] seine Wünsche und Bedürfnisse, seine Ziele […]“, die verfügbaren Mittel zur Umsetzung seines Handlungsplans, die „[…] Handlungen und die antizipierten Handlungen anderer, sein Selbstbild und das wahrscheinlichste Ergebnis einer bestimmten Handlungslinie.“[31] Verhalten wird durch das innere Anzeigen, als auch die Interpretation des Angezeigten geformt und gesteuert.

Die Aktivität der Menschen besteht darin, dass sie „[…] einem ständigen Fluss von Situationen begegnen, in denen sie handeln müssen, und dass ihr Handeln auf der Grundlage dessen aufbaut, was sie wahrnehmen, wie sie das Wahrgenommene einschätzen und interpretieren und welcher Art geplanter Handlungslinie sie entwerfen.“[32]

Ein Konzept, welches Handlungen durch eher deterministische Faktoren wie, beispielsweise soziale Regeln, Motive oder Rollenerfordernisse beeinflusst sieht, lehnt Blumer ab, da es der Prozessartigkeit des Handelns nicht gerecht werde. Um den Handelnden in seiner Handlung zu verstehen, müsse man, den Definitionsprozess des Handelnden erschließen.

Soziale Gebilde, wie beispielsweise Organisationen oder Institutionen - aber auch das Menschliche Zusammenleben im Generellen - bestehen, nach Blumer, „[…] immer aus Individuen, die ihre Handlungslinien aneinander anpassen.“[33] Dabei braucht es jedoch keine Betrachtung der individuellen Komponenten, um das kollektive und gemeinsame Handeln zu studieren.

Handlungen entstünden zwar in einem (individuellen) Interpretationsprozess, in Situationen in denen die Gesamtheit handelt, beispielsweise, so Blumer, wenn die Gesamtheit einer Armee an einem Feldzug teilnehme, seien es aber interpretierende Interaktionen einer Vielzahl von Menschen.

Alle Menschen bauen ihr Handeln auf einer Interpretation dessen auf, was in ihrem Tätigkeitsfeld geschieht. „Der Interpretationsprozess läuft ab, indem die Teilnehmer sich gegenseitig etwas anzeigen und nicht nur jeder sich selbst etwas anzeigt. Gemeinsames Handeln ist ein Ergebnis eines solchen Prozesses interpretierender Interaktion.“[34]

6) Als sechste und letzte Kernvorstellung führt Blumer die Verkettung von Handlungen an. Dies meint das Aufeinander- Abstimmen von Handlungslinien durch das ein gemeinsames Handeln entsteht. Gemeinsames Handeln besitzt dabei einen eigenen Charakter, es sei mehr als die bloße Zusammenfassung der verschiedenen einzelnen Handlungen.

Dabei gibt es routinierte, gemeinsame Handlungen: "Der überwiegende Teil sozialen Handelns in einer menschlichen Gesellschaft, besonders in einer in sich gefestigten Gesellschaft, besteht in der Form sich wiederholender Muster gemeinsamen Handelns. In den meisten Situationen, in denen Menschen in Bezug aufeinander handeln, haben sie im Voraus ein festes Verständnis, wie sie selbst handeln wollen und wie andere handeln werden. Sie haben gemeinsame und vorgefertigte Deutungen dessen, was von der Handlung des Teilnehmers erwartet wird, und dementsprechend, ist jeder Teilnehmer in der Lage, sein eigenes Verhalten durch solche Deutungen zu steuern."[35]

Bei sich wiederholenden gemeinsamen Handlungen muss die kollektive Handlung immer wieder durch jede einzelne Wiederholung von neuem gebildet werden. Es gibt bei Blumer keine festen Lebensordnungen im Sinne von Regeln, Normen, Werten und Sanktionen: Gesellschaft besteht aus Handlungen, Handlungen liegen Bedeutungen zugrunde, Bedeutungen sind dynamisch und veränderbar und werden von Menschen geschaffen - Der Mensch schafft sich somit seine eigene Welt.

Auch thematisiert Blumer hier die „ausgedehnte Verbindung von Handlungen“: Blumer nennt diese Netzwerke von Handlungen oder Institutionen. Netzwerke von Handlungen seien zum Beispiel in der Arbeitsteilung gegeben: Beispielsweise der Weg eines Möbelstücks vom Fällen eines Baumes bis hin zum Verkauf.

Auch hier betont Blumer erneut die Sichtweise seines Ansatzes: „Ein Netzwerk oder eine Institution funktioniert nicht automatisch aufgrund irgendeiner inneren Dynamik oder aufgrund von Systemerfordernissen; sie funktionieren, weil Personen in verschiedenen Positionen etwas tun - und zwar ist das, was sie tun, ein Ergebnis der Art und Weise, in der sie die Situation definieren, in der sie handeln müssen.“[36]

Dabei ist jedoch zu beachten, dass „[…] jeder Fall gemeinsamen HandeIns, gleichgültig, ob es erst neu entwickelt war oder schon lange bestand, notwendigerweise aus dem Hintergrund früherer Handlungen der Teilnehmer hervorgeht. Eine neue Art gemeinsamen Handelns entsteht nie unabhängig von einem solchen Hintergrund.“ [37] Handeln ist immer im Kontext der Biografie des Handelnden zu sehen: Jeder bringt seinen Fundus an individuellen Bedeutungen und Interpretationen mit in die Interaktion. Diese entstammen dem Erlebten.[38]

[...]


[1] Siehe dazu: Greshoff, Rainer/ Lindemann, Gesa/ Schimank, Uwe: Theorienvergleich und Theorienintegration – Disziplingeschichtliche und methodische Überlegungen zur Entwicklung eines paradigmenvermittelnden „conceptual framework“ für die Soziologie. Gefunden auf: https://www.uni-oldenburg.de/fileadmin/user_upload/sowi/ag/ast/download/dp/ast-dp-1-07.pdf (zuletzt aufgerufen: 10.09.2016).

[2] Zitat: Eds. S. 2.

[3] Zitat: Eds. S. 2.

[4] Siehe dazu: Hondrich, Karl Otto/ Matthes, Joachim (Hrsg.): Theorienvergleich in den Sozialwissenschaften. Darmstadt 1978. S. 314 ff.

[5] Siehe dazu: Balog, Andreas: Theorienvielfalt in der Soziologie. In: SWS-Rundschau (43.Jg.) Heft 2/2003: 167 – 181. Gefunden auf: http://www.sws-rundschau.at/archiv/SWS_2003_2_Balog.pdf (zuletzt aufgerufen 08.10.2016).

[6] Siehe dazu: Shuter, Barbara: Wissenschaftssoziologie in der Soziologie. In: Maasen, Sabine/ Kaiser, Mario/ Reinhart, Martin (Hrsg.): Handbuch Wissenschaftssoziologie. S. 430 -432.

[7] Vgl. dazu: Flick, Uwe/ von Kardorff, Ernst/ Steinke, Ines: Was ist Qualitative Forschung? Einleitung und Überblick. In: Flick, Uwe/ von Kardorff, Ernst/ Steinke, Ines (Hrsg.): Qualitative Forschung. Ein Handbuch. Hamburg 2000. S. 13-26.

[8] Siehe dazu: Kneer, Georg / Schroer, Markus: Soziologie als multiparadigmatische Wissenschaft. Eine Einleitung. In: Kneer, Georg / Schroer (Hrsg.): Handbuch Soziologische Theorien. S. 7- 17.

[9] Zitat: Greshoff, Rainer: Methodische Überlegungen zum Theorienvergleich in den Sozialwissenschaften. In: Benseler/Blanck/ Greshoff/ Loh: Alternativer Umgang mit Alternativen. S. 126.

[10] Siehe dazu: Eds. S. 126.

[11] Zitat: Eds. S. 126.

[12] Zitat. Eds. S. 129.

[13] Siehe dazu: Balog, Andreas: Theorienvielfalt in der Soziologie. In: SWS-Rundschau (43.Jg.) Heft 2/2003: 167 – 181. Gefunden auf: http://www.sws-rundschau.at/archiv/SWS_2003_2_Balog.pdf (zuletzt aufgerufen 08.10.2016).

[14] Zitat: Blumer, Herbert: Der Methodologische Standort des symbolischen Interaktionismus. Aufsätze zu einer Wissenschaft der Interpretation. (Hrsg.) Bude, Heinz/ Dellwing, Michael. Berlin 2013 S. 64.

[15] Zitat: Blumer. S. 64.

[16] Zitat: Eds. S. 64.

[17] Zitat: Blumer. S. 70.

[18] Zitat: Eds. S. 70.

[19] Zitat: Eds. S. 70.

[20] Zitat: Eds. S. 72.

[21] Zitat: Eds. S. 72.

[22] Zitat: Eds. S. 70.

[23] Zitat: Blumer. S. 73.

[24] Zitat: Eds. S. 73.

[25] Zitat: Blumer. S. 66

[26] Zitat: Eds. S. 67.

[27] Zitat. Eds. S. 67.

[28] Zitat: Blumer. S. 78.

[29] Zitat: Eds. S. 79.

[30] Zitat: Eds. S. 81.

[31] Zitat: Eds. S. 81.

[32] Zitat: Blumer. S. 82.

[33] Zitat: Eds. S. 82.

[34] Zitat. Eds. S. 83.

[35] Zitat: Blumer. S. 97-98.

[36] Zitat: Eds. S. 100.

[37] Zitat: Blumer. S.100.

[38] Vgl. Abels, Heinz: Interaktion, Identität, Präsentation. Kleine Einführung in interpretative Theorie der Soziologie. Wiesbaden 2010. S. 56.

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Symbolischer Interaktionismus nach Blumer und Phänomenologische Soziologie nach Schütz. Ein Theorienvergleich
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
34
Katalognummer
V358036
ISBN (eBook)
9783668430020
ISBN (Buch)
9783668430037
Dateigröße
692 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
symbolischer, interaktionismus, blumer, phänomenologische, soziologie, schütz, theorienvergleich
Arbeit zitieren
Marc Liesenberg (Autor), 2017, Symbolischer Interaktionismus nach Blumer und Phänomenologische Soziologie nach Schütz. Ein Theorienvergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/358036

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