Muster persuasiver Kommunikation - und ihre Beweismittel, die Argumente - in den Textexemplaren zur Humangenetik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
23 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Exemplarische Einzelanalysen
2.1 Andrea Fischer
2.2 Reinhard Merkel
2.3 Gerhard Schröder

3. Muster persuasiver Kommunikation in den analysierten Texten
3.1 Nominationen (Exkurs)
3.2 Nominationen in den Analysen
3.3 Symbolwörter
3.4 Furchtappelle und Versprechungen

4. Schlussbemerkungen

5. Literaturangaben

6. Anhang

1. Einleitung

Die Debatte um die neuen Möglichkeiten der Gentechnologie wurde in Deutschland mit großer Intensität geführt. Dabei kam es auch in den Reihen der Politiker zu heftigen Meinungsverschiedenheiten, die nicht nur zwischen den Parteien ausgetragen wurden, sondern auch in den Parteien selbst stattfanden.

Im Mittelpunkt dieser Arbeit soll eine Analyse dreier exemplarisch ausgewählter Texte stehen, die im Zuge der Debatte damals entstanden. Es handelt sich dabei um den

Essay eines Philosophen, ein Interview mit einem Politiker und die Bundestagsrede einer Politikerin zum Thema Biopolitik. Untersucht werden soll, inwieweit die Autoren sich sprachlichen Mitteln der persuasiven Kommunikation bedienten. Persuasion soll dabei im folgenden verstanden werden, als die Gesamtheit der sprachlichen Maßnahmen, die darauf zielen, das Verhalten und die Einstellungen der Rezipienten durch Einsatz von informierenden und beeinflussenden Botschaften zu steuern.[1]

Um eine notwendige thematische Eingrenzung vorzunehmen, verwenden ich zur

Analyse vor allem Modelle aus dem Forschungsbereich Politische Kommunikation/ Politische Linguistik.

Der Hauptteil der Arbeit ist der Einzelanalyse der genannten drei Texte gewidmet. Sie sollen auf (sprachliche) Belege persuasiver Kommunikation untersucht werden. Da es sich um eine primär empirische Arbeit handelt, wird auf eine separate Erläuterung zur Methodik verzichtet. Soweit dies als nötig erscheint, wird in diesem Teil aber kurz auf die verwendeten Analysemodelle eingegangen.

Anhand der Ergebnisse soll dann anschließend ausgewertet werden, inwieweit gemeinsame Muster persuasiver Kommunikation feststellbar sind und wo unter Umständen Unterschiede bestehen.

2. Exemplarische Einzelanalysen

2.1 Andrea Fischer vor dem Deutschen Bundestag

Gegenstand der folgenden Analyse ist die Rede Andrea Fischers vor dem Deutschen Bundestag, die sie dort am 31.05.2001 hielt. Es folgte ein leicht gekürzter Abdruck in der F.A.Z. vom 1.6.2001 unter dem Titel „Wir sind für Gentechnik. Aber nicht auf Kosten des Embryos.“[2] Da es sich bei dem Text ursprünglich um eine Rede handelt, die vor dem Bundestag gehalten wurde, unterscheidet ihn zunächst einmal von vielen anderen Texten der Suhrkampausgabe, die hier Verwendung finden. Als Emittent kommt bei einer Bundestagsdebatte nur ein Politiker in Frage. Politiker richten sich mit ihren sprachlichen Handlungen oft an mehrere Adressaten gleichzeitig, in einem stärkeren Maße als die zum Beispiel ein Wissenschaftler tut, der für ein Fachmagazin einen Artikel schreibt und dessen (anvisierte) Rezipienten sich wesentlich genauer einfassen lassen. Eine Rede im Bundestag ist beispielsweise gleichzeitig an die Mitglieder der eigenen Partei (bzw. der eigenen Koalition/ Fraktion etc.) gerichtet, an die Mitglieder anderen Parteien und an die Bürger „draußen im Land“.[3] Dies wird auch in der hier analysierten Rede deutlich. Das Personalpronomen „ich“ findet sich sieben mal im Text, „wir“ dagegen 36 mal. Neben der parlamentarischen Aussprache, die als Verfahrensschritt hin zum Gesetzgebungsverfahren dient, geht es darum, politische Werbung zu betreiben, also die eigene Position positiv darzustellen und die des Gegners abzuwerten. Darüber hinaus hat die Debattenrede die Funktion der innerparteilichen Profilierung. Fischers häufiger Gebrauch von „wir“ soll zeigen, dass sie nicht nur als einzelne Politikerin spricht, sondern auch ihre Fraktion vertritt.[4] Fehlende Geschlossenheit innerhalb einer Fraktion – also das Bestehen unterschiedlicher Meinungen zu einem Referenzthema – werden von den Medien als Schwäche einer Partei interpretiert und so als negative Botschaft an die Wähler weitergegeben.

Die Bioethikdebatte unterscheidet sich hierin insofern, dass in ihr häufiger kontroverse Meinungen auch innerhalb der Fraktionen festzustellen waren, bzw. sich „Koalitionen“ fraktionsübergreifend bildeten.

Im folgenden Abschnitt wird versucht anhand einer Argumentationsanalyse Muster persuasiver Kommunikation in Fischers Rede aufzudecken. Die Beweismittel von Versprechungen, Furchtappellen, negativen Botschaften und Handlungsempfehlungen sind mitunter in Argumenten eingefasst. Im weiteren Kontext handelt es sich dabei um argumentativ-kommunikative Faktoren, die persuasive Kommunikation möglich machen. Sie sollen im folgenden anhand Grünerts Argumentationsmodells freigelegt werden.[5]

Fischer INFORMIERT im ersten Teil ihrer Rede über die Entwicklungen und Trends der Genforschung der letzten Jahre. Auf einer weiteren Ebene dient dieser Abschnitt der KAUSATION/ RETROSPEKTIVE. Sie stellt heraus, dass die Technik „schon sehr, sehr vielen Menschen“ [5] geholfen habe, drückt die Bewunderung gegenüber dieser neuen Technik aus [11] und stellt die Besonderheit [14] dieser heraus. Dass es sich um eine besondere Entwicklung in der Forschung handelt, dient Fischer zugleich als Einführung der DESTINATION, als die Notwendigkeit sich mit dem Gegenstand intensiv auseinander zu setzen, wozu sie AUFRUFT [15]. Bisher ist die Rede weitgehend neutral gehalten, der AUFRUF sich der Gentechnik zu stellen, verrät noch nichts über die Intention der Sprecherin. Dies ändert sich in zweiten Teil ihrer Rede:

Selbstverständlich werden wir alle entstehenden Entscheidungen unter der Prämisse treffen, dass wir die Chancen auf Heilung nutzen wollen. Niemand, der sich an dieser Diskussion beteiligt, ist gegenüber den Hoffnungen auf Hilfe vonseiten der Schwerkranken unempfindlich [16,17].

Ein Hauptvorwurf, den Befürworter einer Änderung des Embryonenschutzgesetzes den Verfechtern dieses machen, ist der, die Hoffnungen Kranker auf neue Heilmethoden zu vernachlässigen. Der Redeteil dient der BEHAUPTUNG, dass auch Verfechter des Embryonenschutzgesetzes dem Leid Kranker nicht unbeteiligt gegenüber stehen. Gleichzeitig betont Fischer aber, dass Heilung allein kein Maßstab für (ethische) Entscheidungen sein kann und darf [18]. Damit leitet sie argumentativ zu einer NEGATIVEN KONSEKUTION über. Sie argumentiert, dass eine Orientierung allein am Maßstab der Heilung, die Grenzen, die vor dem Lebensrecht anderer Menschen bestehen, auflösen würden.

Wenn Heilung der alleinige Maßstab wäre, dann gäbe es keine Grenzen, die wir aus Respekt vor dem Lebensrecht eines anderen Menschen ziehen müssten. Hier eine angemessene Lösung zu finden, das ist unsere Aufgabe [19].

Die NEGATIVE KONSEKUTION dient hier also zur Entfaltung eines FURCHTAPPELLS, nämlich der Prophezeiung einer Welt, in der Menschen ohne Respekt behandelt werden und dem Lebensrecht des Einzelnen keinen Wert beigemessen wird. Dieses wird verdeutlicht, indem dem Furchtappell positiv-evaluierte NOMINATIONEN wie Respekt und Lebensrecht gegenüber gestellt werden. Der nächste Teil dient vor allem der LEGITIMATION der vertretenen Meinung. Es wird BEHAUPTET, dass es sich bei der PID um einen eher randständigen Bereich in der Biotechnik handelt, folglich nicht für den Erfolg in der Forschung maßgeblich sei [24+25]. Dies dient dazu, ein weiteres gegnerisches Argument zu entkräften, nämlich neuen Forschungsmethoden durch eine restriktive Politik den Weg abzuschneiden. Die Beteuerung sich keiner Diskussion zu entziehen SIGNALISIERT Verhandlungsbereitschaft und ist zusammen mit dem Hinweis, die Grünen seien eine weltanschaulich nicht gebundene Partei [31], vor allem als EIGENWERBUNG für die Partei zu verstehen. Neben der vertikalen Argumentationsstruktur – also RETROSPEKTIVE/ KAUSATION>DESTINATION>PROSPEKTIVE/ KONSEKUTION – zieht Fischer hier noch eine horizontale Struktur in ihre Argumentation ein. Trotz „weltanschaulicher Ungebundenheit“ sei ihre Partei durch das verfassungsrechtliche Gebot der Wahrung der Menschenwürde verbunden. Die Nomination Menschenwürde [31] dient der MOTIVATION ihrer Argumentation, es handelt sich um die Generalisierung parteilicher Haltungen als allgemein und gesamtgesellschaftlich anerkannte Werte.[6] Im nächsten Teil wiederholt Fischer noch einmal ihre Argumentation, jetzt aber expliziter und direkter. Dies dient vor allem der SPEZIFIKATION der DESTINATION. Eltern, die als Träger einer Erbkrankheit Angst haben, diese könne sich auf das Kind übertragen, werden als Beispiel angeführt [32]. Fischer macht sich die identifikatorische und solidarisierende Funktion der Personalpronomina zunutze und wechselt von „wir“ zu „ich“. Mit dem Satz Wir, auch ich ganz persönlich, verstehen gut die Angst der Eltern [33] wiederholt sie die rhetorische Figur der Entkräftung eines gegnerischen Arguments bzw. Vorwurfs durch Nennung und Widerlegung. Es folgt wieder eine NEGATIVE KONSEKUTION, auch hier expliziter als die erste. Eine unbeschränkte Zulassung der PID, so Fischer, führe dazu, dass Kinder nach ihren gesundheitlichen Merkmalen ausgewählt würden [34]. Im Gegensatz zum ersten Argumentationsstrang schließt sich hier gleich eine POSITIVE KONSEKUTION an. Fischer VERSPRICHT Eltern mit behinderten Kindern zu unterstützen und APPELLIERT an andere, es ihr gleich zu tun [39]. Anschließend begründet sie, warum hier das Beispiel der PID gewählt wurde. Sie vertritt die Meinung, dass Ausgehend aus der Erfahrung (KAUSATION) bei einer Etablierung der PID davon auszugehen sei, dass Eltern unter Druck gerieten, kein behindertes Kind zu bekommen. Auch hier folgt der NEGATIVEN KONSEKUTION eine POSITIVE KONSEKUTION in Form des APPELLS, ein Kind unabhängig von Form und Gestalt zu lieben [46]. Befürworter der PID werfen deren Gegner oft vor, die bereits bestehende Praxis des Schwangerschaftsabbruchs in der Abtreibung zu ignorieren. Fischer greift dieses Argument hier auf, um es zu WIDERLEGEN. Sie argumentiert, dass bei der PID keine Notlage vorläge und somit auch keine Lebensansprüche gegeneinander abgewogen werden könnten [50]. Fischer BEHAUPTET, dass ihre Haltung vielmehr dem Geist des reformierten §218 des StGB entspräche, der keinen Schwangerschaftsabbruch aufgrund von genetischen Merkmalen vorsieht. Mit der Verwendung der Nomination eugenische Indikation [53] zum Referenzobjekt PID führt Fischer einen in der Gesellschaft stark negativ-evaluierten Begriff ein. In der sonst an negativ-evaluierten Nominationsausdrücken armen Rede, fällt dies umso mehr auf. Dies dient ihr zur Kritik an der FREMDGRUPPE, der sie vorhält, mit einer neuen Debatte um den § 218 eben dieser eugenischen Indikation[7] wieder Vorschub zu leisten [54]. Am Schluss ihrer Rede geht Fischer noch auf die Stammzellenforschung ein. Ähnlich wie in den vorherigen Argumentationsschritten zeichnet sie sowohl NEGATIVE als auch POSITIVE KONSEKUTIONEN auf. Im letzten Satz ihrer Rede APPELLIERT Fischer an die Zuhörer, sich ihrer Freiheit zur Selbstbeschränkung bewusst zu werden [76].

[...]


[1] Vgl. Fischer Lexikon. Publizistik Massenkommunikation. Hg. von Elisabeth Noelle-Neumann, Winfried Schulz und Jürgen Wilke. Frankfurt a.M. 2002, S. 407-421.

[2] Aufgrund besagter Kürzung findet hier der Originaltext Eingang: Quelle: www.andrea-fischer.de (Stand: 04.01.2005). Im folgenden wird der zitierte Text durch eckige Klammern und die Satznummer kenntlich gemacht. Der entsprechend durchnummerierte Text ist der Arbeit beigefügt.

[3] Girnth, Heiko: Sprache und Sprachverwendung in der Politik. Eine Einführung in die linguistische Analyse öffentlich-politischer Kommunikation. Tübingen, 2002, S. 31.

[4] Girnth verwendet hierfür die Bezeichnungen EIGENGRUPPE und FREMDGRUPPE. Im politischen Diskurs ist der einzelne Politiker zugleich Repräsentant einer bestimmten Partei, mit der er im Idealfall die gleichen Einstellungsstrukturen und Bewertungsmaßstäbe teilt. Dabei lassen sich grob, je nach Standpunkt, eine positiv bewertete EIGENGRUPPE und eine negativ bewertete FREMDGRUPPE unterscheiden.

[5] Grünert, Horst: Sprache und Politik. Untersuchungen zum Sprachgebrauch der „Paulskirche“. Berlin 1974, S. 31.

Im Mittelpunkt Grünerts Argumentationsmodells steht die DESTINATION, also der thematisierte Gegenstand. Argumentiert wird auf einer vertikalen Ebene in der Kategorie KAUSATION, die als kausale Herleitung historischer Fakten, Ereignisse und Handlungen dient. Die KONSEKUTION stellt auf der gleichen Ebene die (sowohl negativen als auch positiven) Folgen von Ereignissen, Entscheidungen und Handlungen dar. Auf der horizontalen Ebene finden die Kategorien FUNDATION und MOTIVATION Verwendung, wobei erstere, parteilich-programmatische Standpunkte und Begründungszusammenhänge in den Kontext der DESTINATION stellt und letztere, die Generalisierung parteilicher Haltungen mit allgemein erstrebenswerten und gesamtgesellschaftlich akzeptierten Werte anstrebt.

[6] Nominationsausdrücke werden hier kurz als NOMINATION gekennzeichnet. Darunter sollen Ausdrücke verstanden werden, die über das reine referieren hinausgehen und so gleichzeitig das in der Rede stehende Referenzobjekt bewerten. Insbesondere in Texten mit informativ-persuasiver Funktion werden Nominationsausdrücke gebraucht, die dem Zweck der Einstellungsmodifikation dienen.

[7] Einer der Auslöser, die zum so genannten Philosophenstreit führten, war die Rede von Peter Slotterdijk, die dieser im Juli 1999 im bayrischen Schloß Elmau gehalten hatte. Im darauf folgenden Diskurs wurde der Vorwurf laut, Slotterdijk hätte sich in seiner Rede eines „eugenisch-rassistischen“ Vokabulars bedient, wie es im Sprachgebrauch der Nationalsozialisten Verwendung fand.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Muster persuasiver Kommunikation - und ihre Beweismittel, die Argumente - in den Textexemplaren zur Humangenetik
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Deutsche Philologie)
Veranstaltung
HS Überzeugungsstrategien
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
23
Katalognummer
V35831
ISBN (eBook)
9783638356367
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit analysiert anhand dreier exemplarischer Texte der Bioethikdebatte den Gebrauch von Mustern persuasiver Kommunikation (Überzeugungsstrategien). Zur Analyse wurden hauptsächlich Analysemodelle aus dem Bereich Politische Kommunikation/Politische Linguistik verwendet.
Schlagworte
Muster, Kommunikation, Beweismittel, Argumente, Textexemplaren, Humangenetik
Arbeit zitieren
Jörg Walter (Autor), 2005, Muster persuasiver Kommunikation - und ihre Beweismittel, die Argumente - in den Textexemplaren zur Humangenetik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/35831

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