Die Prädestinationsgedanken in der Theologie Martin Luthers


Seminararbeit, 2003

23 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die geschichtliche Entwicklung der Prädestinationsgedanken

2. Prädestinationstheologie Martin Luthers
2.1. Prädestinationslehre in der Schrift "Vorlesung über den Römerbrief"
2.2. Prädestinationslehre in der Schrift "Vom unfreien Willen"
2.2.1. Gottesbild
2.2.1.1. Unerforschlicher Wille Gottes
2.2.1.2. Unwiderstehlichkeit des Willens und Vorherwissens Gottes
2.2.1.3. Wo kommt das Böse her?
2.2.1.4. Wie geht der Mensch mit solchen Gott um
Zusammenfassung
2.2.2. Wille der Menschen
2.2.2.1. Die Definition
2.2.2.2. Frei durch die Gnade
2.2.2.3. Nutzen der Lehre vom unfreien Willen
Zusammenfassung
2.2.3. Die Prädestinationsgedanken
2.2.3.1. Gott verstockt
2.2.3.2. Das fromme Leben
2.2.3.3. Vorherbestimmung und Vorherwissen Gottes
2.2.3.4. Erwählung und Glaube
2.2.3.5. Luthers Zusammenfassung

Zusammenfassung zu der Schrift "Vom unfreien Willen"

Zusammenfassung und Schluss

Literaturverzeichnis

"Die Erwählungslehre ist die Summe des Evangeliums, weil dies das Beste ist, was je gesagt und gehört werden kann: daß Gott den Menschen wählt und also auch für ihn der in Freiheit Liebende ist." K. Barth

Einleitung

In der christlichen Lehre nimmt die Prädestinationslehre eine der schwersten und unklarsten Stellungen ein. Mehrere halten diese Lehre für eine verschwommene, rätselhafte und sogar absonderliche. Den anderen scheint es, sie sei ein Versuch aus dem Ressort der menschlichen Vernunft hervor zu springen. Man nimmt allgemein an, dass solche theologischen Nuancen ganz wenig praktische Anwendung haben. Diese Lehre erleidet wahrscheinlich mehr Spott als alle anderen theologischen Lehren insgesamt.

Weil aber die Heilige Schrift mehr oder weniger Hinweise auf diese Lehre in sich impliziert, haben die suchenden Christen keine andere Wahl, als diese Angelegenheit grundsätzlich zu recherchieren, um eine sinnvolle Erkenntnis in diesem Gebiet zu gewinnen.

In erster Linie versuchen wir den Begriff der Prädestination eindeutig zu definieren. Sehr oft wird den Terminus der Prädestination mit Vorherbestimmung und Erwählung in einer Reihe gestellt.[1]

M. Erickson platziert die Prädestination in die Mittellage zwischen Vorherbestimmung und Erwählung. Dabei heißt Vorherbestimmung der Willen Gottes über alles, was geschieht, sei es das Schicksal eines einzelnen Menschen, oder des ganzen Staates. Prädestination bezieht sich auf Gottes Entscheidung hinsichtlich des ewigen Lebens oder des ewigen Todes. Erwählung ist eine Wahl der bestimmten Menschen für das ewige Leben, demzufolge die affirmative Seite der Prädestination.

Im Rahmen dieser Arbeit sind diese Begriffe vom Sinn her nicht zu unterscheiden. Es wird die Stellungnahme vertreten, dass Gott durch seine Vorherbestimmung erwählt und umgekehrt. Prädestination ist aber ein entsprechender aus dem Latein stammender Terminus, der von den Kirchenvätern gebraucht wurde.

Das Ziel dieser Arbeit bestehet darin, die Stellungnahme des großen Denkers der letzteren Jahrhunderts, Doktor Martin Luther, zu der Frage der Prädestination zu erleuchten.

Der erste Teil der Arbeit wird den historischen Hintergrund beschreiben und einen kurzen Exkurs in die geschichtliche Entwicklung der Prädestinationslehre geben.

Im zweiten Teil wird der Aufbruch der lutherischen Theologie im Rahmen der Lehre betrachtet.

1. Die geschichtliche Entwicklung der Prädestinationsgedanken

Um die Prädestinationslehre wird immer viel gestritten. Die Annahme der verschiedenen Stellungen und Formen der Lehre hängt sehr stark von den anderen Vorgängen in der Theologie und in der kulturellen Umgebung insgesamt ab. Deswegen wird es von Nutzen sein, von den ursprünglichen Wurzeln her die Entwicklung der Lehre zu betrachten.

Die Entstehung der Lehre in der christlichen Theologie kommt hauptsächlich aus paulinischen Gedanken. Obwohl man auch in den anderen Schriften der Bibel mehr oder weniger Hinweise auf die Prädestination finden kann, dient die inhaltreiche Aussage Paulus über den "Erwählungsvorsatz" (toi/j kata. pro,qesin klhtoi/j ou=sin) in Röm 8, 28f zum Anstoß aller weiteren Diskussionen.

Die erste systematische Ausarbeitung und Zuordnung der Begriffe Erwählung, Vorherbestimmung und Berufung hat Origines durchgeführt. Nach Origines ist die Erwählung ein Akt des göttlichen Vorauswissens. "Danach sieht Gott das künftige Verhalten der Menschen voraus und richtet danach die Vorherbestimmung ihrer Wege zum Heil oder zum Verderben ein".[2]

Die ersten Auseinandersetzungen um die Prädestinationslehre entstanden in der Zeit von Augustin. In der früheren Gemeinde herrschte das Bekenntnis, dass die Menschen doch alle Sünder sind und bedürftigen die Gnade Gottes. Aber daraus wurden keine logischen Konsequenzen geführt. Die persönlichen Erfahrungen Augustins, die mit der Wirkung der Gnade Gottes verbunden waren, ermöglichten ihm genauer als den anderen Zeitgenossen diese biblische Lehre zu begreifen. Die Vorstellungen Augustins hinsichtlich des Zustandes des Menschen formierten sich schon in der früheren Stufe seiner theologischen Tätigkeit. Nach Augustin fing Adam in der Voraussetzung der absoluten Freiheit zu leben an. Sein Wille und Handlung wurden nur durch die der Natur des Menschen entsprechenden Faktoren begrenzt. Deshalb existierte für Adam die Möglichkeit sich vom Guten abzuwenden. Durch die Sünde wurde aber die Natur des Menschen befleckt. Nun, weil Adam Neigung zum Bösen erworben hatte, gab er diese Anfälligkeit zur Sünde seiner Nachkommenschaft weiter. Als Folge verlor der Mensch die Fähigkeit sich dem Bösen zu widerstehen und das Gute zu tun. Nach Augustin bedeutet das nicht, dass der Wille der Menschen total gelähmt ist, sondern, dass nun der Mensch unfähig ist diesen Willen so zu benutzen, wie es Gott von ihm erwartet. Ohne Gottes Hilfe vermag der Mensch nicht das Gute zu wählen.

Im Verlauf des pelagianischen Streites arbeitete Augustin die Theorie der Prädestination aus.[3] Er wies wieder auf die Schuld Adams zurück, und streckte sie auf die ganze Menschheit aus. Alle Menschen beginnen ihr Leben in einem äußerst verdorbenen Zustand. Der Mensch ist frei zu wählen, aber die Wahl besteht nur darin, welche Sünde er zu begehen hat. Wenn der Mensch nur dann das Gute tut, wenn Gott ihn dazu bewegt, dann tut er das nur dann, wenn Gott es will. Alles liegt also nicht in unserem Wollen, sondern nur im Gottes Wollen. Dann hängt alles vom Ratschluss Gottes ab. Gott hat beschlossen, einigen seine Gnade zu erweisen. Und das hat Er vor der Grundlegung der Welt getan. Er hat eine bestimmte Zahl der Menschen erwählt, die der Zahl der abgefallenen Engel entspricht.

In seiner Schrift an Simplician, erklärte Augustin: "Die Grundlagen bzw. das Motiv der Prädestination Gottes werden nicht mehr als eine Erwählung verstanden, d.h. als eine zeitliche Erwählung zur Glorie als Folge des Geschenks des Glaubens und der Rechtfertigung und der Führung eines gerechten Lebens in Zusammenarbeit mit der Gnade, sondern die Erwählung selbst wird in dem ewigen Prädestinationsbeschluß Gottes begründet".[4] Augustin behandelt die Erwählung als einen Akt Gottes, "der in der Ewigkeit, vor aller Zeit stattfindet, entsprechend der schon bei Paulus (Röm 8,29) vollzogenen Unterscheidung zwischen Erwählung und Vorherbestimmung einerseits, Berufung anderseits".[5]

Augustin selbst lehnt die Bestimmung zum Verderben ab. Nach ihm bedeutet das aber nicht, dass indem Gott einige erwählt, um ihnen seine Gnade zu schenken, gleichzeitig etliche Menschen auch zur Verdammnis bestimmt. Aus der gesamten Masse der Menschen, von denen alle nur die Verdammnis verdienen, wählt Gott einige, die gerettet werden.

Manche Kritiker Augustins zeigen aber an, dass solche Ansicht den Grundgedanke der doppelten Prädestination bilden kann.[6]

Mit seinen Ansichten über die Frage nach der Prädestination beeinflusste Augustin das ganze abendländische Denken für mehre Jahrhunderte. Immer und immer blickt man in den Äon des Kirchenvaters hinein und griff auf seine Ideen zurück.

Nach dem Tode Augustins, trotz der Annahme vieler seiner Auffassungen, herrschte im theologischen Denken eher halbaugustinische Anschauung bezüglich der Prädestination. Die Synode von Orange bekannte entschlossen die Unfähigkeit der Menschen allein Erlösung zu erlangen und die Notwendigkeit der Gnade Gottes, beharrte aber nicht auf der absoluten Prädestination und auf der unüberwindlichen absoluten Kraft der Gnade. Diese Position dominierte bis zum IX. Jahrhundert. Der Mönch Gottschalk (gest. ca. 868) grübelte über eine der Lektüre Augustins und kam zur paradox gesteigerten Auffassung von der Prädestination. "Er hat, indem er die uneingeschränkte Freiheit und Allwirksamkeit Gottes wahren wollte, Augustins Position noch zuspitzend und damit vergröbernd behauptet, auch das Böse, das die zur Verdammnis praedestinierten Menschen täten, sei von Gott vorausbestimmt".[7]

In der Periode vom XI. bis XIII. Jahrhundert verfochten manche großen Theologen die augustinische Position. Dazu gehören Anselm von Canterbury, Petrus Lombardus und Thomas von Aquino.

Thomas von Aquino war ein Anhänger Augustins in diesen Fragen und meinte, Gott wolle, dass einige Menschen gerettet werden, die anderen aber nicht. Er unterschied zwischen dem allgemeinen Willen Gottes zu der universalen Rettung und seinem besonderen Willen, nach dem einige zu den Erwählten werden, und die anderen zu den Verworfenen. "Da durch die göttliche Vorsehung die Menschen auf das ewige Leben hingereiht sind, so gehört es also auch zur göttlichen Vorsehung zu dulden, daß etliche dieses Ziel verfehlen. Das heißt 'Verwerfung'".[8]

Thomas ordnete auch seine Prädestinationslehre dem Gesichtspunkt der völligen Unabhängigkeit des Willens Gottes unter, aber auch bei ihm ist die Einbeziehung der Verdienste gegeben als vorherbestimmter Voraussetzung für die vollendete Seligkeit.

"Gott hat im Voraus die Ordnung geschaffen, einem die Herrlichkeit aus Verdienst zu geben und: Gott hat im Voraus eingerichtet, einem die Gnade zu geben, damit er die Herrlichkeit verdient".[9]

Die nächste Seite der Geschichte der Prädestinationslehre gehört Martin Luther, dem auch diese Arbeit gewidmet ist.

2. Prädestinationstheologie Martin Luthers

In der Zeit der Reformation spielte die Prädestinationslehre eine besondere, zentrale Rolle. Alle Reformatoren des 16. Jahrhunderts kamen in scharfen Gegensatz zum Pelagianismus und zur Selbstgerechtigkeit in Übereinstimmung mit den Kirchenvätern und Apostel Paulus zum Dogma der doppelten Prädestination, die die ewige Bestimmung aller Menschen verkündigt.[10]

In den Laienkreisen ist die Theorie und Lehre der Prädestination so stark mit dem Namen von J. Calvin verbunden, dass die Tatsache kaum geachtet wird, dass Luther die identischen Ansichten hatte.

Der geistliche Vater Luthers J. von Staupitz war ein Augustiner-Mönch, der in augustinischen Ideen beharrte und sie verbreitete. Der jüngere Luther vertrat eine Ansicht, dass die Prädestination auf das Vorauswissen Gottes gegründet ist. Gott weiß, was ein Mensch tun wird voraus und darauf gründet er seine Erwählung. Aber gemäß der Untersuchung der Bibel und der Schriften Augustins veränderte Luther seine Ansichten. Und schon in seinem Kommentar zum Brief an die Römer hält Luther die Position Augustins fest.[11] Dabei war die Prädestinationslehre für Luther untrennbar vom sola gratia Prinzip und anderen zentralen Dogmen der Reformation.

"Wie tief dieser Gegensatz zwischen Moderne und Reformation sei, das musste Erasmus von Luther, das mussten die Leugner der Prädestination von Calvin erfahren. Das sola gratia und die Prädestination meinen ein und dasselbe: dass das wahrhaft Gute allein in Gottes, nicht in des Menschen Macht liegt."[12]

Teilweise kam die reformatorische Sicht auf die Prädestination in der Lehre vom unfreien Willen zum Ausdruck. E. Kähler schrieb über Luther in diesem Zusammenhang: "Wesentliche Bedeutung gewann die Prädestination für ihn aber erst, als er sie als Voraussetzung für die Bedingungslosigkeit der Rechtfertigung erkannte, womit die völlige Entwertung des freien Willens im Heilsgeschehen verbunden war, Trost und Demütigung zugleich".[13]

Luther hat leider keine "Summa Theologiae" hinterlassen. Es besteht kein Geheimnis darin, dass Martin Luther kein großer Systematiker war. Deswegen fällt es immer schwer seine Theologie als Ganze darzustellen. "Die bisherigen Darstellungen von Luther Theologie unterscheiden sich voneinander so sehr, dass man zuweilen fragen möchte, ob es tatsächlich die Theologie eines und desselben Mannes ist, die jeweils geschildert werden soll".[14] Trotzdem wird es in dieser Arbeit gewagt, aus den Schriften Luthers seine "Summa Praedestinatione" zu gewinnen.

Die zwei grundlegenden Werke Luthers, in welchen er die Prädestinationsgedanken anfasst, sind seine "Vorlesung über den Römerbrief" (1515/1516)[15] und "Vom unfreien Willen" (De Servo Arbitrio) (1525)[16]. Die beiden Schriften legen auch den

Grund zu dieser Arbeit.

[...]


[1] B. Warfield behauptet, dass die Wahl zwischen diesen Termini nur von der persönlichen Neigung abhängt. Vgl. Warfield 1929, 4.

[2] Pannenberg 1993, Bd. 3, 478.

[3] Vgl. Эриксон 1999, 771.

[4] McSorley 1967, 76.

[5] Pannenberg 1993, Bd 3, 479.

[6] Vgl. Мак-Грат 1998, 402.

[7] Moeler 2000, 153.

[8] Thomas von Aquin 1985, 1,23,3, 182.

[9] a. a. O., 1,23,5, 186.

[10] Vgl. Schirrmacher 2002, Bd 1., 132.

[11] Vgl. Эриксон 1999, 774. Lohse 1988, 28.

[12] Luthard 1921, 45.

[13] Kähler, 20.

[14] Lohse 1988, 238f.

[15] D. Martin Luthers Werke: kritische Gesamtausgabe (WA), 56, 3-523. Vgl.: Luther-W Bd. 1, 107ff.

[16] D. Martin Luthers Werke: kritische Gesamtausgabe (WA), 18, 600-787. Vgl.: Luther-W Bd. 3, 151ff.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die Prädestinationsgedanken in der Theologie Martin Luthers
Hochschule
Theologische Hochschule Friedensau  (Theologische Hochschule)
Veranstaltung
Reformationsgeschichte
Note
1,7
Autor
Jahr
2003
Seiten
23
Katalognummer
V35837
ISBN (eBook)
9783638356411
ISBN (Buch)
9783656661672
Dateigröße
618 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Prädestinationsgedanken, Theologie, Martin, Luthers, Reformationsgeschichte
Arbeit zitieren
Dimitry Husarov (Autor), 2003, Die Prädestinationsgedanken in der Theologie Martin Luthers, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/35837

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