Armut im Kindesalter. Auswirkungen auf Freizeitgestaltung und gesellschaftliche Teilhabe in der späten Kindheit


Bachelorarbeit, 2016
86 Seiten, Note: 1,6
Lisa Bepunkt (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Armutsbegriffe
2.1 Armut in Deutschland
2.2 Armutsrisiko
2.3 Relative Armut
2.4 Absolute Armut
2.5 Der Lebenslagenansatz
2.6 Armutsmessung

3 Die Lebensphase späte Kindheit
3.1 Grundbedürfnisse von Kindern
3.2 Das Entwicklungsstadium der Grundschulkinder

4 Die Kinderarmut
4.1 Welche Ursachen kann Armut haben?
4.2 Auswirkungen für die Kinder und die Bedeutung für den Entwicklungsprozess

5 Wege aus der Kinderarmut
5.1 Mögliche Ressourcen der Kinder
5.2 Welche Möglichkeiten ergeben sich durch das Umfeld und die Politik?
5.3 Bedeutung der Sozialen Arbeit

6 Fazit

7 Anhang
7.1 Gesprächsleitfaden
7.2 Gesprächsprotokoll I
7.3 Gesprächsprotokoll II

8 Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1 Armutsrisiko (60%-Grenze) nach Altersspannen

Tabelle 2 Zusammenhang von Herkunft und Freizeittyp

Tabelle 3 Mitgliedschaft in einem Verein oder Teilnahme an einer festen Gruppe

Tabelle 4 Mitgliedschaften an Sport- oder Musikgruppen nach Herkunftsschicht

1 Einleitung

„Kinderarmut ist in Deutschland ein Massenphänomen, und das Problem wird tendenziell größer: Über 1,9 Millionen Menschen unter 18 Jahren lebten Ende 2015 in Hartz-IV-Haushalten, 52.000 mehr als 2014. Damit waren 14,7 Prozent aller Kinder auf die staatliche Grundsicherung angewiesen. Diese Statistik der Bundesagentur für Arbeit wird in einer neuen Studie der Bertelsmann-Stiftung ausgewertet. Die Expertinnen haben zudem den Stand der Forschung über die Folgen von Kinderarmut in Deutschland untersucht. Ihr Schluss: Wir wissen zu wenig über die Langzeitfolgen.“ (Fdi/Dpa 2016).

Arme bzw. benachteiligte Kinder sind mir des Öfteren schon begegnet. Doch habe ich mir noch nie wirklich ernsthafte Gedanken darüber gemacht, ob die Familien sich nun einfach nur nicht viele Luxusgüter leisten können oder ob die Armut noch andere Facetten hat, als nur die finanzielle. Im Laufe meiner studentischen Ausbildung ist das Thema Armut erst einmal so richtig präsent für mich geworden. Aus dieser Präsenz entwickelte sich dann vor allem das Interesse für Kinder, die von Armut betroffen oder bedroht sind und was diese für ihr Alltagsleben und ihre Entwicklung überhaupt bedeutet. Diesem Interesse möchte ich mit dieser Arbeit nachgehen. Zum einen kann ich dadurch mein eigenes Wissen erweitern und bin in meinem späteren Berufsleben bei Konfrontation mit dieser Thematik mehr sensibilisiert, zum anderen sollen damit aber auch Leser angeregt werden, sich zukünftig mit dieser Problematik auseinanderzusetzen.

Die Thematik Kinderarmut ist ein komplexes Feld, mit zahlreich unterschiedlichen Aspekten, die aus Armut entstehen oder die Lage der Kinder zusätzlich (sowohl negativ als auch positiv) beeinflussen können. Da die gesamte Breite in dieser Arbeit nicht in ihrer Fülle festgehalten werden kann, soll der Fokus auf folgender Frage liegen: Bringt finanzielle Armut eine mangelnde sinnvolle Freizeitgestaltung und Teilhabe an der Gesellschaft von Kindern im Alter von sechs bis elf mit sich?

Die Freizeitgestaltung soll in dieser Auseinandersetzung eine besondere Rolle spielen, da mir im Laufe der Literaturrecherche aufgefallen ist, dass dieser Lebensbereich in der Kinderarmutsforschung noch immer eher eine nebensächliche Rolle spielt. Viel öfter ist der Zusammenhang zwischen Armut und Bildung oder Gesundheit Gegenstand der Studien und Berichte. Wie sich in dieser Arbeit später noch herausstellen wird, beschränkt sich die Freizeitgestaltung keineswegs nur auf das Hier und Jetzt des Kindes. Die Art und Weise der Beschäftigung hat weitreichende Folgen für die Kinder und ihre Entwicklung. Welche das sind, soll in dieser Arbeit möglichst umfassend beleuchtet werden.

Die Altersspanne der späten Kindheit habe ich gewählt, da vor allem mit Eintritt in die Grundschule ein großer Entwicklungsschritt stattfindet. Die Kinder in dieser Lebensphase werden allmählich eigenständiger, verbringen mehr Zeit ohne Beaufsichtigung und entwickeln ein Verständnis für ihre Lebenslage, bzw. die ihrer Familie. Um sich entsprechend entwickeln zu können, benötigen sie ausreichend altersgemäße Förderung durch ihr Umfeld. Diese findet, neben der Schule, vor allem in der Freizeit statt, wo die Kinder ihren eigenen Interessen und Stärken nachgehen können.

Um einen Einstieg in die Thematik zu finden, soll der allgemeine Begriff Armut erst einmal in einzelne wichtige Bestandteile unterschieden werden. Dazu wird die Armutssituation in Deutschland anhand von Zahlen veranschaulicht, um sich einen Überblick über die Verhältnisse schaffen zu können, bevor weitere relevante Begrifflichkeiten erläutert werden, wie das Armutsrisiko, zu diesem Faktoren, die Armut begünstigen können, vorgestellt werden. Auch die wichtigsten Armutskonzepte, wovon das der relativen Armut und das Lebenslagenkonzept für diese Arbeit am bedeutendsten sind, und die Armutsmessung, die hier vor allem auf dem Konzept der relativen Armut beruht, werden vorgestellt.

Vor dem Hauptteil wird die Lebensphase der späten Kindheit (von sechs bis elf Jahren) mit ihren wichtigsten Merkmalen kurz erläutert, da diese Zielgruppe für diese Arbeit hauptsächlich von Bedeutung ist. Als wichtig gelten für mich hierbei die Grundbedürfnisse, diese zusammengefasst verdeutlichen sollen, was für Kinder in dieser Altersspanne wichtig ist, und das Entwicklungsstadium allgemein, welches noch einmal mehr zeigen soll, mit welchen Entwicklungsveränderungen die Kinder allgemein schon umgehen und welche Entwicklungsaufgaben sie meistern müssen. Hält man dies im weiteren Verlauf im Hinterkopf, kann man sich annähernd vorstellen, mit welchen Hürden Kinder konfrontiert werden, die zusätzlich ein Armutsrisiko aufweisen.

Der Hauptteil beinhaltet die Thematik der Kinderarmut. Um diese möglichst vollständig begreifen zu können, sollte zunächst Wissen über mögliche Ursachen, in solch eine Lebenslage zu geraten, vorhanden sein. Diese Ursachen können auf die familiäre Situation zurückgehen, spezieller auf den sozialen Status und der Ressourcen der Eltern. Sie umfassen dabei nur die häufigsten, können also nicht als vollständig verstanden werden, da es in jeder individuellen Familie unterschiedlichste Ursachen geben kann.

Im Folgenden soll es dann um die Auswirkungen für die Kinder und die Konsequenzen für die weitere Entwicklung gehen. Zunächst anhand daran, wie und durch was Kinder die Armut überhaupt wahrnehmen und im wichtigsten Punkt, wie die Armut sich auf die Freizeit und gesellschaftliche Teilhabe auswirkt. Für letzteres nutze ich in erster Linie die World Vision Kinderstudie 2013, den Vierten Armuts- und Reichtumsbericht und eine qualitative Untersuchung von Chassé, Rasch und Zander als Grundlage und ziehe anschließend zwei Gespräche in Chemnitzer Horteinrichtungen vergleichend zu den Ergebnissen hinzu. Ein kurzes Zwischenfazit hält die wichtigsten Erkenntnisse aus diesem Kapitel fest.

Der Schlussteil soll sich dann mit Ansätzen und Gedanken dazu befassen, wie die Kinderarmut gemindert werden kann. Erwähnenswert schienen mir hierbei kindliche Ressourcen, die auf Resilienz[1], Bewältigungsmuster und -strategien begrenzt werden. Die weiteren Möglichkeiten zur Minderung von Kinderarmut unterteilen sich im Folgenden zunächst in allgemeine gesellschaftliche wie politische Möglichkeiten. Die dort aufgeführten Gedanken können nur beispielhaft aufzeigen, wie vielseitig die Akteure sind oder sein können, die etwas dazu beitragen können. Dieser Punkt ist jedoch in keiner Weise vollständig zu diskutieren, deshalb finden sich in diesem Kapitel nur die meiner Ansicht nach wichtigsten Gedanken.

Der letzte Punkt dieses Kapitels soll die Möglichkeiten und die Bedeutung der Sozialen Arbeit präzisieren. Dies ist zum einen im Kontext meiner zukünftigen beruflichen Tätigkeit von besonderer Bedeutung, zum anderen, weil Soziale Arbeit, besonders die Kinder- und Jugendhilfe, eine große Bedeutung für die betroffenen Kinder, aber auch für die Akteure der direkten und entfernten Umgebung, hat oder haben könnte. Aufgrund der Komplexität kann auch hierbei nicht vertiefend auf einen Handlungsweg eingegangen werden, um möglichst annähernd die Bandbreite präsentieren zu können.

Den Abschluss dieser Arbeit sollen meine Schlussgedanken zur Thematik und zu meiner Erarbeitung dieser Arbeit sowie die Beantwortung der oben gestellten Frage gestalten.

2 Armutsbegriffe

Armut ist „eine extreme Erscheinungsform von sozialer Ungleichheit“ (Zander 2010, S. 122) in unserer Gesellschaft. Der Begriff wird häufig auch für soziale Armut, Bildungsarmut, emotionale Armut u.w. verwendet. Die Komplexität wird hierbei zum Teil deutlich (vgl. Laubstein, Holz, Seddig 2016, S. 19). Ursachen, aber auch Handlungsmöglichkeiten, liegen vor allem auf der gesellschaftspolitischen Ebene (vgl. Zander 2010, S. 122).

Der Begriff wird durch die Gesellschaft konstruiert und ist mit deren Norm- und Wertvorstellungen verbunden. Welchen Indikatoren nach eine Person unter Armut leidet, hängt von dem andauernden gesellschaftlichen Definitionsprozess ab. Sprechen wir von Armut, beziehen wir uns aber meist auf das relative Armutskonzept (vgl. Hübenthal 2009, S. 8), welches in Kapitel 2.3 vorgestellt wird.

Armut ist ein vielschichtiger Begriff (vgl. Böhmer, Heimer 2008, S. 7). Weitere relevante Begriffe für ein allgemeines Verständnis von Armut werden im Folgenden erläutert.

2.1 Armut in Deutschland

Als von Armut bedroht gelten in Deutschland alle Personen, die unter 60% des mittleren Äquivalenzeinkommens[2] (s. Kapitel 2.6) verdienen.

Die Bevölkerungsgruppe, die am häufigsten von Armut betroffen ist, sind Erwerbslose mit 58% (2014). Auch die Kinderarmut ist in Deutschland mit 19% im Jahr 2014 sehr hoch. Rund die Hälfte der betroffenen Kinder leben bei alleinerziehenden Elternteilen, deren Armutsquote bei 42% liegt (vgl. Der Paritätische Gesamtverband 2016a)[3].

2014 lag die Zahl der Betroffenen in Deutschland bei 12,5 Millionen. Das sind 15,4 % der Gesamtbevölkerung. Zwar ging die Quote in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern zurück, doch stieg sie in Nordrhein-Westfalen weiterhin an. Dieses Bundesland zeigt bis jetzt die schlechteste Entwicklung auf. Die höchste Armutsquote hat 2014 Bremen mit 24,1% und die niedrigste Baden-Württemberg mit 11,4% (vgl. Der Paritätische Gesamtverband 2016, S. 18f.). Die Zahlen weisen zwar einen großen Unterschied auf, werden sie aber auf die jeweiligen Einwohnerzahlen übertragen, so liegt Baden-Württemberg aufgrund einer größeren Bevölkerung vor Bremen[4] (vgl. Der Paritätische Gesamtverband 2016, S. 18).

In Sachsen liegen 18,5% der Bevölkerung unter dem soziokulturellen Existenzminimum und gelten damit nach der relativen Einkommensarmut als arm, bzw. gefährdet. Das sind rund 750.170 von 4,084 Mio. Menschen. Seit 2013 sind die Zahlen in Sachsen um 0,3% gesunken (vgl. ebd., S. 18f.).

2.2 Armutsrisiko

Wo vor einigen Jahren noch von Armutsbetroffenheit gesprochen wurde, ist nun von Armutsrisikobetroffenheit die Rede (vgl. Hübenthal 2009, S. 9). Verschiedene soziodemografische Faktoren beeinflussen dabei das Risiko. Es gibt verschiedene Bevölkerungsgruppen in Deutschland, die ein höheres aufweisen als andere. Dies sind bspw. Alleinerziehende, weil sie mit weniger Einkommen sich und ihr/e Kind/er versorgen müssen oder Erwerbslose, weil sie kein Einkommen verdienen und auf staatliche Hilfe angewiesen sind. Diese Hilfen berechnen sich nach Bedarfen und sollen ‚nur‘ das Überleben sichern. Die Gruppierung mit den größten Folgen sind die Kinder, denn sie sind und tragen das Risiko; wie Kinder Alleinerziehender, Kinder in ausländischen Familien, Kinder in Familien mit SGB-II-Leistungsbezug und Kinder ohne ein vollzeiterwerbstätiges Haushaltsmitglied (vgl. Böhmer, Heimer 2008, S. 8). Kinderreiche Familien bzw. Alleinerziehende haben weniger finanzielle Mittel für jedes Mitglied zur Verfügung. Die Kinder selbst werden in die jeweiligen Familien hineingeboren. Sind die Eltern der Kinder arm, so sind es voraussichtlich auch die Kinder, solange sie kein eigenes Einkommen haben und auf die Eltern, bzw. staatliche Hilfe angewiesen sind.

In Deutschland müssen derzeit deutlich mehr Kinder von Hartz IV leben, als Erwachsene, und das obwohl selbst Kinder mit nur einem vollzeiterwerbstätigen Elternteil ein relativ niedriges Risiko für Armut tragen. Dieses steigt aber durch die Tatsache, dass Kinder unter 15 Jahren nicht erwerbstätig sind. In den meisten Fällen betrifft das Risiko vor allem Paare mit zwei oder mehr Kindern. Trotz einer Vollzeiterwerbstätigkeit fällt durch die Anzahl der Familienmitglieder ohne Ressourcen das Äquivalenzeinkommen niedriger aus (vgl. ebd, S. 8ff.).

Eine weitere Erklärung, neben der hohen Kinderzahl, ist eine Erwerbstätigkeit im Niedriglohnsektor. Die sogenannten ‚working poor‘ arbeiten zwar oftmals sogar Vollzeit, verdienen aber zu wenig Geld, um den gesellschaftlichen Lebensstandard zu erreichen.

Für Kinder ist es schwer aus einer prekären Lebenslage herauszukommen, da noch andere Faktoren, wie Bildung oder Gesundheit, mitwirken und die Armut verfestigen können. Sie verbleiben im schlimmsten Fall über Generationen als abgehängtes Prekariat[5] in der unteren Schicht der Gesellschaft, wenn die Lebenssituation immer wieder vererbt wird.

2.3 Relative Armut

Die relative Armut erzeugt eine Lebenslage unter dem soziokulturellen Existenzminimum in Relation zur Gesamtgesellschaft. Demnach ist von Armut bedroht, wer so wenig Einkommen erzielt, dass die in dem jeweiligen Land geltenden Lebensstandards, die als Minimum gelten, nicht geleistet werden können. Der Begriff wird somit „als ein Maß sozialer Ungleicheinheit definiert.“ (Hübenthal 2009, S. 8). Ab einem bestimmten Maß der Abweichung vom Durchschnittseinkommen der Gesellschaft liegt eine Armutslage vor (vgl. ebd.). Die Schwelle bilden 60% des mittleren Einkommens der gesamten Gesellschaft.

Das Konzept bezieht sich ausschließlich auf das Einkommen eines Haushaltes und wird daher auch als relative Einkommensarmut bezeichnet. Doch ein geringes Haushaltseinkommen kann sowohl Ursache als auch Folge von Armut sein (vgl. Böhmer, Heimer 2008, S. 7).

Der Grundgedanke ist, dass in unterschiedlich wohlhabenden Gesellschaften die relative Armutsgrenze unterschiedlich ist, je nach gesellschaftlicher Ausgrenzung und mangelnder Teilhabe. Armut zeichnet sich damit nicht erst durch sehr prekäre Lebenslagen ab (vgl. Der Paritätische Gesamtverband 2016, S. 9).

Eine Kritik an dem Indikator des Haushaltsnettoeinkommens in Relation zu den Lebensstandards ist jedoch zu äußern. Nicht nur das Einkommen zwischen verschiedenen Personen ist differenziert, auch die Kosten für den gesellschaftlich (immer wieder neu) festgelegten Lebensstandard sind unterschiedlich. Eine Familie mit Einkommen über der Schwelle kann sich nicht zwingend auch den gesellschaftlichen Lebensstandard leisten (und umgekehrt), aufgrund regional höherer Preise (vgl. Sächsisches Staatsministerium für Soziales und Verbraucherschutz 2014, S. 21f.). Die Unterschiede können bereits zwischen zwei benachbarten Städten immens groß sein, bspw. aufgrund sehr unterschiedlich hohen Kita-Gebühren (vgl. Kuschnik 2013). Die Aussagekraft dieses Konzepts sei deshalb kritisch zu betrachten.

2.4 Absolute Armut

Während in Deutschland hauptsächlich von der relativen Armut die Rede ist, gibt es in Ländern mit unzureichenden sozialen Absicherungen eine noch risikoreichere Form. Die absolute Armut beschreibt eine besonders prekäre Lebenslage. Es fehlt den Betroffenen an grundlegenden, lebensnotwendigen Gütern, wie Nahrungsmittel, Kleidung, medizinische Versorgung und/oder Unterkunft (vgl. Markstein 2007, S. 15).

Entwicklungs- und Schwellenländer sind überwiegend davon betroffen. In Deutschland wird die Frage nach dem Auftreten von absoluter Armut hauptsächlich verneint, gibt es doch in unserem Land für jeden existenzielle Absicherungsmöglichkeiten. Geißler sagt dazu kritisch:

„Armut ist in entwickelten Gesellschaften keine Frage des physischen Überlebens mehr – wie noch in Ländern der Dritten oder Vierten Welt -, sondern eine Frage des angemessenen Lebens“ (Geißler 2004, S.27, zit. n. Markstein 2007, S. 15).

Auch wenn es uns in Deutschland insgesamt wohl ergeht, so treffen wir hin und wieder doch auf vorhandene absolute Armut im eigenen Lande. Schätzungsweise 335.000 Menschen leben 2014 laut der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. (BAG W) ohne Wohnung. Die Zahl der Menschen ohne jeglichen Wohnraum auf der Straße beträgt (2014) 39.000. Beide Zahlen weisen einen drastischen Anstieg (+18% und +50%) seit 2012 auf. Ausgehend von der Gesamtgruppe der Betroffenen schätzt die BAG W (2014) die Zahl der Minderjährigen auf 9%, also 29.000. Wenn sozial- und wohnungspolitisch gesehen in den nächsten Jahren keine Änderungen auftreten, erwartet die BAG W bis 2018 einen Anstieg der Wohnungslosen, somit von absoluter Armut betroffenen Menschen, auf knapp 540.000. Die steigenden Zuwanderungszahlen beeinflussen diese Schätzung dabei nicht maßgeblich (vgl. BAG W 2015).

Allein die Notwendigkeit der Tafeln in Deutschland, die im Sinne der Nahrungsmittelversorgung der Bedürftigen agieren, beweist die Tatsache der vorhandenen absoluten Armut in Deutschland. Dass hier politisches Handeln dringend erforderlich ist, steht außer Frage, kann in dieser Arbeit, in dem Kontext der absoluten Armut, aber nicht weiter verfolgt werden.

2.5 Der Lebenslagenansatz

„Armut ist mehr als der Mangel an Geld. Sie beraubt Menschen ihrer materiellen Unabhängigkeit und damit der Fähigkeit, über ihr Leben und das ihrer Kinder selbst zu entscheiden.“ (Laubstein, Holz, Seddig 2016, S. 19).

Armut und Armsein, das bedeutet Leben unter dem soziokulturellen Existenzminimum, mit wenig Geld auskommen, sich wenig Wünsche erfüllen können, wenig materielle und kulturelle Mittel zur Verfügung haben.

Damit einher gehen nicht nur weniger Möglichkeiten der Freizeitgestaltung, sondern auch verminderte Chancen zur Teilhabe am sozialen Leben. Armut ist eine Existenzlage, die ein sehr hohes Exklusionsrisiko in der Gesellschaft aufweist (vgl. Beisenherz 2002, S. 238).

Die finanziellen Mittel einer Person spielen in unserer Gesellschaft zwar eine große Rolle, wenn es um die Bestimmung der Lebenslage geht, aber gerade Kinder verfügen nur selten, bzw. nicht über ausreichend eigenes Geld und sind finanziell von ihren Eltern abhängig. Doch Handlungsräume, auch die der Erwachsenen, lassen sich nicht allein durch Geld bestimmen. Einkommensarmut lässt zwar Schlüsse über die Handlungsspielräume zu, erklärt aber nicht die Disparitäts- und Deprivationserfahrungen[6], die vor allem Kinder erleben (vgl. Alt, Bayer 2012, S. 103).

Während bei der relativen Einkommensarmut, wie der Name schon sagt, das Einkommen Indikator zur Messung von Armut ist, zählen zur Lebenslage noch weitere Unterversorgungslagen und deren voneinander abhängige Wechselwirkung[7]. Zu den Unterversorgungslagen gehören nach Hetzer (1929) beispielsweise Lebensbereiche, wie Wohnen, Arbeit, Bildung, Gesundheit und soziokulturelle Teilhabe. Nach diesem Verständnis liegt dann Armut vor, wenn in unterschiedlichen Lebensbereichen ein gesellschaftlich festgelegtes Niveau oder ein Standard unterschritten wird und Handlungs- und Entwicklungsspielräume[8] beschränkt sind (vgl. Zander 2010, S. 123). Eine Kumulation von Beschränkungen und Benachteiligungen, auch multiple Deprivation[9] genannt, kann sehr tiefgreifende Auswirkungen für die Familien haben.

Alt und Bayer fassen den Begriff Lebenslage treffend zusammen: Lebenslagen sind „all diejenigen Aspekte (Dimensionen) […], die Kinder sowohl in der Gegenwart als auch in der Zukunft nachhaltig beeinflussen. Die Relevanz bestimmter Lebenslagen ist weder ein für allemal festgelegt, noch in seinen relativen Bedeutungen selbstverständlich, sie sind in ihren Wichtigkeiten immer bereits ein Ausdruck gesellschaftlicher Wertigkeiten.“ (Alt, Bayer 2012, S. 102).

Der Lebenslagenansatz ist ein mehrdimensionales Armutsverständnis und beinhaltet die sozialen, kulturellen, materiellen und gesundheitlichen[10] Dimensionen und die drei Lebenslagentypen ‚Wohlergehen‘ (keine entwicklungsrelevanten Einschränkungen), ‚Benachteiligung‘ (ein oder zwei Defizite erkennbar, die Entwicklung gefährden) und die ‚multiple Deprivation‘ (mindestens drei der vier Dimensionen sind beeinträchtigt und machen eine positive Entwicklung unwahrscheinlich; vgl. Laubstein, Holz, Seddig 2016, S. 40).

Geringes Einkommen ist häufig Auslöser für Unterversorgungen in den genannten Lebensbereichen, weshalb das Haushaltseinkommen ebenfalls berücksichtigt wird. Der Lebenslagenansatz ist allerdings schwieriger zur Armutsmessung einsetzbar, da die verschiedenen Lebensbereiche keine einheitlichen Grenzen zulassen und somit einzeln operationalisiert werden müssten. Zudem ist das Empfinden immer subjektiv. Anhand der jeweiligen Ausmaße der Dimensionen lassen sich jedoch Armutsverhältnisse vermuten.

Das Lebenslagenkonzept wurde in erster Linie in Bezug auf Erwachsene formuliert, denn das Problem der Kinderarmut wird erst seit den 1990ern thematisiert (Zander 2010, S. 123). Da die Armut der Eltern sich aber fast automatisch auch auf die Kinder überträgt, weil diese mit den finanziellen Mitteln der Eltern auskommen müssen, ist es relativ unkompliziert dieses Konzept auch auf Kinder zu beziehen.

Für die Kinder zählen vor allem Aspekte wie Wohnung, Kleidung, Ernährung, Erholung (Unterhaltung, Bewegung und Ruhe), Körperpflege, Familie, Erziehung, Krankenpflege und Weitere (vgl. ebd., S. 112). Ohne eine gewisse Lebenslage und finanzielle Stütze der Eltern können diese Lebensbereiche der Kinder nicht ausreichend versorgt werden.

Im Kontext dieser Arbeit ist der Lebenslagenansatz bedeutungsvoll, da die Auswirkungen von Armut auf die Freizeitgestaltung und gesellschaftliche Teilhabe erfasst werden sollen und diese Aspekte Lebenslagen bilden, die für die kindliche Entwicklung im Grundschulalter von Bedeutung sind. Das Konzept wird somit hauptsächlich im Kapitel 4.2 die Grundlage bilden.

2.6 Armutsmessung

So wie es unterschiedliche Definitionen von Armut gibt, so gibt es verschiedene Methoden die Armutsquoten einer Bevölkerung zu messen. Das in Deutschland am häufigsten verwendete Armutskonzept ist das der relativen Armut. Um diese zu bestimmen, ist die finanzielle Situation eines Haushaltes von Bedeutung. Von relativer Armut ist bedroht, wer unter 60%[11] des mittleren Äquivalenzeinkommens des jeweiligen Landes erhält. Dabei ist es wichtig zu wissen, wie sich die finanziellen Mittel auf die einzelnen Mitglieder eines Haushaltes verteilen. Es wird bei der Messmethode der relativen Einkommensarmut davon ausgegangen, dass ein Haushalt mit zwei Erwachsenen teurer ist, als ein Haushalt mit Kindern bis zu einer bestimmten Anzahl. Solche Aspekte werden ins Verhältnis zueinander gesetzt, um vergleichen zu können. Durch das Äquivalenzeinkommen kann errechnet werden, wie viel finanzielle Mittel eine Person des Haushaltes allein zur Verfügung stehen haben müsste. Die Mitglieder erhalten dabei allerdings nicht dieselbe Wertigkeit (für Bedarfe). Kinder unter 14 Jahren erhalten den niedrigsten Wert von 0,3, da sie theoretisch die wenigsten Bedarfe haben, Personen über 14 Jahren den Wert 0,5 und die erste erwachsene Person den Wert 1[12]. Um das äquivalenzgewichtete Haushaltsnettoeinkommen[13] zu bestimmen, werden diese Äquivalenzwerte addiert und dann durch das zur Verfügung stehende Haushaltsnettoeinkommen dividiert. Die Armutsgrenze richtet sich dabei jeweils nach dem Haushaltsmodell und wird höher, je mehr Personen in dem Haushalt leben, bzw. je älter die Kinder des Haushaltes sind (steigendes Alter = steigender Bedarf). Aus allen erhobenen Äquivalenzeinkommen eines Landes wird dann der Median bestimmt, von diesem wiederum 60% die Armutsgrenze bilden. Dies waren 2014 in Deutschland bei einem Singlehaushalt 917€ im Monat und bei einem Paar mit zwei Kindern (zwischen 6 und 14 Jahren) 1.926€ im Monat. (vgl. Der Paritätische Gesamtverband 2016, S. 9f.).

In der Theorie ist es Bedingung, dass das verfügbare Haushaltsnettoeinkommen von allen Mitgliedern eines Haushaltes gemeinsam verwendet wird. Demnach müsste es bei Familien mit mehreren Kindern Ersparnisse, bzw. ein höheres Äquivalenzeinkommen geben, da Kinder ja einen niedrigeren Bedarf an finanziellen Mitteln haben. In der Realität ist jedoch oft davon auszugehen, dass das Mitglied mit dem Haupteinkommen Mittel über dem eigentlichen Bedarf beansprucht. Genauso ist es zweifelhaft, ob Kinder tatsächlich weniger Bedarfe haben als Erwachsene (vgl. Markstein 2007, S. 16f.).

Je nach Datenquelle[14] lag 2010 bis 2011 die Armutsrisikoquote der unter 18-Jährigen bei 16% bis 20%[15]. Am häufigsten erwähnt wird das Ergebnis des EU-SILC von 2011 mit 15,7%. (vgl. Pupeter, Schneekloth 2013, S. 95).

3 Die Lebensphase späte Kindheit

Schon vor dem Grundschulalter sind Kinder fähig eigene Entscheidungen zu fällen und selbst zu wissen, was ihnen gut tut. Sie sind in der Lage ihren Alltag zu gestalten, weil sie Interessen, Wünsche und individuelle Aneignungsweisen, ihre Lebenssituation wahrzunehmen und sie zu bewältigen, besitzen (vgl. Zander 2010, S. 118; Alt, Bayer 2012, S. 100f.). Kinder sind deshalb als selbstständige Persönlichkeiten anzusehen.

Im Rahmen der Armutsforschung gilt es immer, das Alter der Kinder in Bezug auf ihr Handeln zu berücksichtigen. In dieser Arbeit wird die Altersspanne zwischen sechs und elf Jahren vordergründig betrachtet. In vielerlei Literatur wird diese Spanne als späte Kindheit[16] bezeichnet (vgl. Zander 2010, S.118).

3.1 Grundbedürfnisse von Kindern

Die Grundbedürfnisse von Kindern erstrecken sich über mehrere Aspekte. Beständige und liebevolle Beziehungen sind besonders wichtig. Kinder entwickeln darüber Mitgefühl und Vertrauen und bilden aus emotionalen Bindungen heraus ihr moralisches Verständnis über richtig oder falsch (vgl. Epp 2011, S. 1).

Gesundheitsfürsorge, bzw. das Bedürfnis nach Sicherheit und körperlicher Unversehrtheit, ist für das gesamte Leben wichtig. Dazu zählen medizinische Aspekte (Vorsorge), Bewegung aber auch Erholung (vgl. ebd., S. 2).

Für die individuelle Entwicklung sind persönliche Erfahrungen grundlegend. Es entwickelt eigene Interessen, eine individuelle Persönlichkeit und entdeckt Talente und Begabungen, die es von der Umwelt zu erkennen und zu fördern gilt (vgl. ebd., S. 3). Aber auch entwicklungsgerechte Erfahrungen gehören zu den Bedürfnissen, um vor allem die einzelnen Entwicklungsaufgaben meistern zu können, wie ab einem bestimmten Alter mehr Verantwortung zu übernehmen oder Hürden auch selbstständig zu überwinden. Jedes Kind durchgeht diese Entwicklungsschritte dabei in seinem eigenen Tempo. Sie anzutreiben und stark zu beeinflussen, genauso aber auch sie übermäßig zu verwöhnen, sollte vermieden werden, da es Selbstüber- oder -unterschätzung hervorrufen kann. Zwar soll das Kind Freiräume erfahren, andererseits benötigt es gewisse sinnvolle Grenzen und Strukturen. Diese dienen vor allem der sicheren Erkundung des Umfeldes und der Entwicklung von eigenen Strukturen und müssen auf Fürsorge und Zuwendung aufbauen (vgl. Epp 2011, S. 4f.).

Mit zunehmendem Alter, spätestens in der Grundschule, kommt der Gruppe von Gleichaltrigen eine größere Bedeutung zu. Stabile, unterstützende Freundschaften bilden die Basis für das Erlernen sozialer Kompetenzen und Verantwortung (vgl. ebd., S. 6). Kinder aus sozial schwachen Familien treffen häufig erst in der Grundschulzeit mit Regelmäßigkeit auf Gleichaltrige. Laut der World Vision Kinderstudie (2013) besuchten nur 16% der benachteiligten Kinder eine Kinderkrippe und 78% einen Kindergarten. Für Familien anderer sozialer Schichten gehört der Kindergarten schon längst zum Standard (vgl. Pupeter, Schneekloth 2013, S. 104). Kindern, die keinen Kindergarten besuchen, geht eine Vielzahl an Erfahrungen mit Gleichaltrigen vor dem Grundschulalter verloren.

Das Bedürfnis nach Zukunftssicherung ergibt sich in gewisser Weise aus allen übrigen Grundbedürfnissen der Kinder. Damit die Zukunft gesichert ist, muss durch Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft eine Ebene geschaffen werden, die der gesamten Menschheit eine Zukunft bietet und die Persönlichkeit der Kinder positiv gestaltet (vgl. Epp 2011, S. 7).

Kinder dieses Lebensalters sind zwar weiterhin emotional sehr abhängig von ihren Eltern und weiteren Bezugspersonen, trotzdem möchten sie mit steigenden Kompetenzen ihre Leistungen beweisen, mehr Verantwortung übernehmen, gemeinsam etwas erarbeiten und Neues kennenlernen (vgl. Deutscher Kinderschutzbund, S. 91). Das Bedürfnis nach emotionalen, gefestigten Bindungen zu Bezugspersonen bleibt also bestehen. Diese Beziehungen geben den Kindern vor allem Sicherheit, Vertrauen und Geborgenheit. Kinder mit guten Bindungen trauen sich mehr zu und sind selbstsicherer, als Kinder mit unstabilen Bindungen.

3.2 Das Entwicklungsstadium der Grundschulkinder

Da die späte Kindheit das Alter von sechs bis elf Jahren umfasst, ist es schwierig die Entwicklung für jedes Alter dieser Phase einheitlich zu definieren. Die Übergänge sind fließend und bei jedem Kind zu unterschiedlichen Zeitpunkten auftretend. Die Entwicklungsstadien sind somit als umfassend zu verstehen und nicht zwingend auf jedes Kind gleichen Alters zutreffend (vgl. Zander 2010, S. 118).

Mit Eintritt in die Grundschule beginnt für alle Kinder ein ganz neuer Lebensabschnitt. Institutionell gesehen endet mit diesem Ereignis die mittlere Kindheit. Sie lernen das Lesen und Schreiben und können sich ganz selbstständig Informationen beschaffen. Sie können sich ab sofort über Sprache und Texte ihr Wissen aneignen und lernen nun nicht mehr hauptsächlich durch Ausprobieren. Kohnstamm (2001) sagt, dass Kinder, die lesen können, unabhängiger werden, gleichzeitig aber auch ungeschützter an der Kultur teilnehmen, die sowohl positive als auch negative Aspekte bergen kann (vgl. Deutscher Kinderschutzbund , S. 90).

Die Alltagswelten der Kinder zeigen zwar mehrere Gemeinsamkeiten mit denen ihrer Eltern, weil sie in vielen Bereichen des Lebens schlichtweg abhängig von den elterlichen Ressourcen (ökonomisch, kulturell, sozial und emotional) sind, aber sie verbringen in diesem Lebensalter immer mehr Zeit fern von Aufsicht (vgl. Alt, Bayer 2012, S. 101).

Der Freundeskreis bietet den Kindern ein eigenständiges soziales Kapital getrennt von Interaktionen mit Erwachsenen. Kontakt zu Gleichaltrigen kann für Kinder eine kompensatorische Funktion besitzen (vgl. ebd., S. 105).

Der Eintritt in die Schule bedeutet für viele Kinder vielzählige neue Anforderungen und Belastungen zu bewältigen. Es gibt Kinder, für diese der Übergang mit Stress und Anpassungsproblemen verbunden ist, und Kinder, die durch bereits erworbene soziale und persönliche Ressourcen ganz andere Fähigkeiten besitzen und den Übergang bewältigen, bzw. ihn als keine Belastung empfinden (vgl. Alt, Barquero, Lange 2008, S. 28f.).

Lothar Böhnisch (1997) meint ebenfalls, dass Grundschulkinder sich nicht mehr durchgängig unter der Aufsicht ihrer Eltern und deren Erziehung befinden. Die Erfahrungsräume, die sie dadurch erlangen, können sie räumlich aber auch sozial selbstständiger bestimmen. Parallel dazu bildet die Grundschule einen wichtigen Bezug, gibt ihnen zeitliche Strukturen vor, bietet Kontinuität, gleichzeitig auch Abwechslung und gibt Lernziele in verschiedenen Bereichen vor. Kinder profitieren dabei nicht nur von den Entwicklungsbereichen Schreiben, Lesen, Rechnen und Körperkoordination, sondern lernen auch Sozialverhalten und relevante spezifische Regeln der Gesellschaft[17] (vgl. Zander 2010, S. 119).

Neben den außerschulischen Erfahrungsorten ist immer noch die Familie ein wichtiger Bezugspunkt im Alltagsleben der Kinder. Sie besitzt die Aufgabe einen emotionalen und sozialen Ausgleich zu schaffen, also „Räume für kindliches Eigenleben, freies Spiel und offene soziale Kontakte zu erhalten oder zu eröffnen.“ (ebd.). Die Eltern-Kind-Beziehung, Geschwisterbeziehungen, Erziehungsstile und das Familienklima, sowie kulturelle, soziale und materielle Ressourcen der Familie bilden die wichtigste Grundlage für den hohen sozialisatorischen[18] Stellenwert dieser Lebenswelt (vgl. ebd., S. 120).

Das Spielverhalten der Kinder weist ebenfalls Veränderungen auf. Sie spielen weniger unrealistische Imaginationsspiele (So tun als ob), sondern vermehrt Rollenspiele, die soziale, alltägliche Züge aufweisen (Vater-Mutter-Kind, Schule). Erlebtes wird von den Kindern so verarbeitet[19]. Doch nicht nur sozial orientierte sondern auch Wettbewerbsspiele (Fanger, Verstecken, Fußball) finden vermehrt statt. Grundsätzlich besitzen die Kinder eine ausgeprägte Bewegungslust. Sie wollen vor allem Fähigkeiten, wie das Schwimmen und Fahrradfahren erlernen, mit Freunden Fußballspielen oder Inliner fahren. Die Interessen, vor allem im Freien, richten sich nun überwiegend nach solchen Aktivitäten (vgl. Deutscher Kinderschutzbund, S. 91ff.). Das kindliche Spiel ist vor allem eine Art Lebensbewältigung. Sie verarbeiten Erlebtes und spielen unrealistische Fantasien nach (weil sie im Spiel alles sein können was sie wollen). Damit wirken sie dem Sozialisationsdruck entgegen und erfreuen sich an ihrer eigenen Welt, in der sie selbst bestimmen können (vgl. ebd., S. 94).

Nachdem nun die wichtigsten Lebenswelten der späten Kindheit erwähnt wurden, wird es nun kurz um kindliche Entwicklungsaufgaben gehen. Für diese definierte Havighurst (1956) drei Ursprünge: die körperliche Entwicklung der Kinder, die gesellschaftlichen Erwartungen und Ansprüche und die subjektiven Wünsche und Werte. Entwicklungsaufgaben in der späten Kindheit sind Beziehungen zu Gleichaltrigen und Freundschaften zu schaffen, Rollenverhalten (männliches / weibliches) auszutesten, kognitive Kompetenzen und Denkmuster zu entwickeln, grundlegende Fertigkeiten, wie Lesen, Schreiben und Rechnen zu erlernen, Umgang mit dem sozialen System der Schule und die Bildung von Gewissen, Moral und Werten. Nach dieser Aufzählung lässt sich feststellen, dass Kinder in ganz unterschiedlichen Bereichen (geistige, moralische, soziale und emotionale Entwicklung) Aufgaben leisten müssen (vgl. Zander 2010, S. 121f.). Dieser Ausschnitt soll nur einen Teil der Anforderungen an die kindliche Entwicklung aufzeigen und ein Verständnis dafür vermitteln.

4 Die Kinderarmut

Armut, die im Kindesalter auftritt, ist eine besonders prekäre Lebenslage. Auswirkungen für Erwachsene sind nicht automatisch dieselben der Kinder. Die Folgen können geringer sein (gerade dann, wenn Eltern selbst verzichten, um ihren Kindern einen gewissen Standard zu bieten) oder aber sie können viel schlimmer sein, da Defizite in bereits wenigen Lebenslagen die kindliche Entwicklung negativ beeinflussen und die Teilhabe am sozialen Leben erschweren können.

[...]


[1] (Widerstandsfähigkeit)

[2] Bedarfsgewichtetes Pro-Kopf-Einkommen.

[3] Datengrundlage ist der Mikrozensus (vgl. Der Paritätische Gesamtverband 2016a), eine nationale Befragung durch Zufallsstichprobe und Teilnahmepflicht.

[4] Einwohnerzahlen: Baden-Württemberg: 10,88 Mio., Bremen: 671.000

[5] Abgehängtes Prekariat: die Zugehörigen der unteren sozialen Herkunftsschicht, die wenig Chancen haben sozial aufzusteigen.

[6] Ungleichheits- und Entbehrungserfahrungen der Kinder.

[7] Alt und Bayer (2012) gehen davon aus, dass Benachteiligungen ineinandergreifen und sich wechselseitig verstärken können (vgl. Alt, Bayer 2012, S. 104).

[8] (materielle Grundversorgung, soziale Netze und soziales Beziehungsgefüge, Bildungs- und Erfahrungsmöglichkeiten, Erholung, Freizeit und Förderung von Fähigkeiten und Entscheidungsmöglichkeiten)

[9] Einzelne Faktoren müssen noch keine Gefahren bilden, aber treten mehrere ein, so ist die Entwicklung der Kinder durchaus gefährdet. (vgl. Beisenherz 2002, S. 315).

[10] Sozial: Kommunikation und Austausch in Familie, Netzwerken und Sozialbeziehungen; soziale Integration. Kulturell: Bildungsweg; Lern- und Erfahrungsmöglichkeiten in (familiärer) Freizeit. Materiell: Ausstattung an Gütern; Teilnahme am altersentsprechenden Konsum. Gesundheitlich: Risikofaktoren, psychisch und physischer Zustand und (nicht) gesunde Verhaltensweisen (vgl. Laubstein, Holz, Seddig 2016, S. 44).

[11] Seit 2001 wird von der 60% Grenze ausgegangen. Vorher basierte die Armutsgrenze auf 50% des Medianäquivalenzeinkommens und das Haushaltsäquivalenzeinkommen wurde nach der alten OECD-Skala berechnet. Durch diese Veränderung fiel der Anteil der armen Kinder niedriger aus, in der Gesamtbevölkerung stieg die Armut jedoch an (vgl. Hübenthal 2009, S. 9).

[12] (nach der OECD Skala)

[13] (alle Einkommen, inklusive Kindergeld, Kinderzuschlag, Wohngeld und sonstige Leistungen)

[14] Erhoben werden die Daten zur Armutsmessung in Deutschland hauptsächlich durch die Einkommens- und Verbraucherstichprobe (EVS), das Sozioökonomische Panel (SEOP), der European Union Statistics on Income and Living Conditions (EU-SILC) und dem Mikrozensus (vgl. Hübenthal 2009, S. 10).

[15] Die unterschiedlichen Ergebnisse entstehen durch verschiedene Methoden, die bei den Studien angewandt werden.

[16] Zustande kommt sie allerdings durch die institutionellen Zusammenhänge (Krippe – frühe Kindheit, Kindergarten/Vorschule – mittlere Kindheit, Grundschule/Hort – späte Kindheit) und deren Vorgaben. Viele AutorInnen unterscheiden keine Mittlere Kindheit. Aufgrund der unterschiedlichen und vielfältigen Entwicklungsstadien gerade in der sehr frühen Kindheit scheint es jedoch sinnvoll, um die Phasen differenzierter zu betrachten (vgl. Zander 2010, S. 118).

[17] Gemeint sind allgemein gültige und bekannte Regeln der Höflichkeit wie ‚Guten Tag‘, ‚Auf Wiedersehen‘ oder ‚Bitte‘ und ‚Danke‘, aber auch andere (vgl. Zander 2010, S. 119).

[18] (die Sozialisation betreffend, Anpassung an gesellschaftliche Werte und Normen)

[19] Dies ist ein Beispiel dafür, wie wichtig die Vorbildfunktion der Erwachsenen ist.

Ende der Leseprobe aus 86 Seiten

Details

Titel
Armut im Kindesalter. Auswirkungen auf Freizeitgestaltung und gesellschaftliche Teilhabe in der späten Kindheit
Hochschule
Hochschule Mittweida (FH)  (Soziale Arbeit)
Note
1,6
Autor
Jahr
2016
Seiten
86
Katalognummer
V358401
ISBN (eBook)
9783668451537
ISBN (Buch)
9783960950721
Dateigröße
1336 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziale Arbeit, Sozialpädagogik, Grundschule, Grundschüler, Kind, Kinder, Armut, arm, Kinderarmut, gesellschaftliche, Teilhabe, benachteiligt, Benachteiligung, wissenschaftlich, empirisch, Studien, Literaturarbeit, Auswirkungen, Hobby, Interesse, Eltern, Beziehung, Hort, Bildungspaket, sozial, Inklusion, Entwicklung, späte Kindheit, Kindheit, finanzielle Mittel, relative Armut, Lebenslagenansatz, Armutsrisiko, Konzept, Grundbedürfnis, Entwicklungsstadium, Ursachen, sozialer Status, Mitgliedschaft, Teilnahme
Arbeit zitieren
Lisa Bepunkt (Autor), 2016, Armut im Kindesalter. Auswirkungen auf Freizeitgestaltung und gesellschaftliche Teilhabe in der späten Kindheit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/358401

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