Interkulturelle Kommunikation. Missverständnisse in der verbalen Kommunikation


Bachelorarbeit, 2016
55 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffsbestimmungen: Kultur, Kommunikation, interkulturelle Kommunikation
2.1 Kultur
2.2 Kommunikation
2.3 Interkulturelle Kommunikation

3 Zentrale Charakteristika von Kultur für den Kommunikationsprozess
3.1 Jedes Individuum teilt seine Kultur mit seinen Mitmenschen
3.2 Individuen erlernen Kultur
3.3 Kulturwandel und Kommunikation

4 Unterscheidung von Kultur anhand wesentlicher Aspekte nach Edward T. Hall
4.1 Sprache, materieller Besitz, Verhalten
4.2 Dichte des Informationsnetzes
4.3 Kommunikationstempo und Aktionsketten

5 Kulturvergleichende Studie von Geert Hofstede
5.1 Machtdistanz
5.2 Individualismus versus Kollektivismus
5.3 Maskulinität versus Feminität
5.4 Unsicherheitsvermeidung

6 Ebenen interkultureller Kommunikation und Missverständnisse in der verbalen Kommunikation
6.1 Wahrnehmung
6.2 Denken
6.3 Verbale Kommunikation
6.4 Missverständnisse in der verbalen Kommunikation

7 Verbesserung der interkulturellen Kompetenz
7.1 Interkulturelle Trainings

8 Resümee

9 Literaturverzeichnis
9.1 Internetquellen

10 Anhang

1 Einleitung

Seit 1970 herrscht Krieg und Leid in ganz Afghanistan, sodass das Leben vieler afghanischer Bürger durch den Einmarsch der Sowjetunion und durch den Widerstand verschiedener Gruppen wie den Mudjahiddin und den Taliban geprägt wurde. Frauen die sich „westlich“ kleideten, Beruf und Familie vereinten, mussten sich einem radikalen Regime unterordnen, das sie nach und nach zwang, sich zu verschleiern und ihren Beruf aufzugeben. Wer sich widersetzte und westlich orientiert war, wurde sofort mundtot gemacht. Dies bewegte viele Menschen Afghanistan zu verlassen, mit dem Ziel ein sicheres Leben in Europa zu führen. Viele Flüchtlinge wählten und wählen auch in der gegenwärtigen Zeit den riskanten Fluchtweg über Pakistan, Usbekistan und Russland. Diejenigen, die in einem europäischen Land wie zum Beispiel Deutschland sicher angekommen sind und die Anerkennung als Flüchtlinge erhalten haben, werden mit neuen Schwierigkeiten wie die der sprachlichen Kommunikation konfrontiert: Ohne fremde Hilfe können sie die Formblätter der Behörden nicht ausfüllen, den Ärzten nicht ihr Krankheitsanliegen vermitteln und schließlich sind ihnen auch Regeln, Gesetze und die Kultur in Deutschland fremd. Kumbier (2009) beschreibt dieses Phänomen wie folgt: „Das Leben in einer fremden Kultur gestaltet sich oft genauso wie das Spielen eines Spiels, dessen Regeln man nicht kennt.“ (Kumbier et al., 2009: 73). Auch nach erfolgreicher Integration der Flüchtlinge kann eine Verständigung zwischen Angehörigen unterschiedlicher Kulturen unter Umständen sowohl im alltäglichen als auch im beruflichen Leben mit großen Schwierigkeiten verbunden sein. Durch das fehlende kulturelle Wissen und kulturelle Verständnis des Arbeitnehmers und des Vorgesetzten kann es auf der Arbeitsebene immer wieder zu kommunikativen Missverständnissen oder sogar zu Konflikten kommen, welche die Qualität der Zusammenarbeit stark beeinträchtigt.

Anlässlich der oben genannten Situationen beschäftigt sich diese Arbeit mit der interkulturellen Kommunikation mit einem besonderen Gewicht auf Missverständnisse in der verbalen Ebene der Kommunikation. Dabei wird das Ziel verfolgt, die relevanten Begriffe und Teilaspekte der interkulturellen Kommunikation zu beleuchten sowie die Ursachen von Missverständnissen und Problemen in der verbalen Kommunikation aufzuzeigen. Hierbei ist die Intention darauf aufmerksam zu machen, dass nicht nur kulturelle Unterschiede in der Sprache vorhanden sind, sondern auch in bestimmten Denkmustern und Verhaltensweisen. Aus diesem Grund ist es sehr wichtig für interkulturelle Missverständnisse sensibilisiert zu werden und sich interkulturelle Grundkompetenzen anzueignen.

Im ersten Teil werden die theoretischen Grundlagen, die für das Verständnis der vorliegenden Arbeit relevant sind, vorgestellt und definiert. Hierbei finden der Kultur- und Kommunikationsbegriff sowie der Begriff der interkulturellen Kommunikation besondere Beachtung. Außerdem werden die zentralen Merkmale, die für den Kommunikationsprozess grundlegend sind, erörtert. Anschließend werden bedeutende kulturelle Unterschiede anhand von wesentlichen Faktoren nach Edward T. Hall, dem Begründer der interkulturellen Kommunikation, vorgestellt. Darauf folgt eine kurze Analyse der hier ausgewählten kulturvergleichenden Studie von dem meistzitierten Forscher Geert Hofstede. Dabei werden einige Studienergebnisse und ihre Konzeption anhand von Beispielen beschrieben und veranschaulicht.

Im Schwerpunkt der Arbeit werden die Ebenen der interkulturellen Kommunikation vorgestellt. Es wird erörtert, wie der Mensch in seiner Wahrnehmung und in seinem Denken von seiner Kultur geprägt wird. Des Weiteren werden die Missverständnisse in der verbalen Kommunikation untersucht. Hier wird die Theorie der Professorin Astrid Erll, die sich mit den Problemen auf den verschiedenen Ebenen der Kommunikation auseinandersetzte, ausgeführt.

Nach diesem theoretischen Teil der Arbeit werden im letzten Abschnitt Methoden vorgestellt wie die interkulturelle Kompetenz verbessert werden kann. Dabei wird eine zusammenfassende Darstellung zu dem Phänomen interkulturelle Trainings gegeben, wobei die Ziele und die verschiedenen Trainingstypen erläutert werden. Exemplarisch für die Vielzahl an angebotenen Trainings, wird das Konzept des Culture-Assimilators vorgestellt und abschließend kritisch bewertet

2 Begriffsbestimmungen: Kultur, Kommunikation, interkulturelle Kommunikation

Es erscheint von großer Bedeutung zu bestimmen, wie „interkulturelle Kommunikation“ zu definieren ist. Auf dem Weg der Annäherung an eine Definition, wird dieser Begriff grob in seine lexikalischen Bestandteile zerlegt. Daher werden in den folgenden Kapiteln die Begriffe Kultur und Kommunikation hinsichtlich ihrer relevanten Aspekte für die interkulturelle Kommunikation erörtert.

2.1 Kultur

Der Begriff der Kultur ist nicht eindeutig definiert. Aus diesem Grund existiert auch keine allgemein anerkannte und eindeutige Definition des Kulturbegriffs. Mit Hilfe einer Auswahl an Definitionen aus den interkulturell relevanten Wissenschaftsdisziplinen soll eine Annäherung an den komplexen Begriff der Kultur erfolgen. Zunächst ist es jedoch wichtig den Ursprung des Begriffs „Kultur“ aufzuzeigen, um für die anschließenden Begriffsdefinitionen ein grundlegendes Verständnis zu schaffen. Kultur wird vom lateinischen Begriff „colere“ (=bebauen, bestellen, pflegen) abgeleitet, der zunächst im Allgemeinen die Tätigkeit des Menschen meint, wie er sein Leben mitsamt den Erzeugnissen seines Denkens und Schaffens gestaltet (vgl. Dickebohm :79). Seit dem 17. Jahrhundert fand eine Gegenüberstellung der Begriffe „Kultur“ und „Natur“ statt. Mit „Kultur“ wurde das Schaffen von Etwas aus eigenem Willen und Vermögen eines Menschen bezeichnet, wohingegen „Natur“ ihm vorgegeben ist. In diesem Zusammenhang ist auf eine weitere Unterscheidung hinzuweisen, die noch heute im Deutschen besteht: Der Unterschied zwischen „Kultur“ und „Zivilisation“ (vgl. Broszinsky-Schwabe 2011: 66 f.). Im Gegensatz zu der ideellen Komponente des menschlichen Daseins, die im Kulturbegriff zusammengefasst wird, meint der Begriff „Zivilisation“ die materielle Seite einer Gesellschaft. Seit dem 18. Jahrhundert bezog sich das Gemeinte immer mehr auf die „Kulturprodukte“, womit - vor allem im deutschen Bildungsbürgertum - nur solche „Produkte“ gemeint sind, die als besonders „wertvoll“ gelten (vgl. ebd. 67 f.). Infolgedessen wurde in Deutschland „Kultur“ mit Hochkultur oder Elitekultur synonym verwendet, welche jedoch nur für bestimmte Kreise wie den „Gebildeten“ zugänglich war. Diese Auffassung von Kultur ist noch heute bei deutschen Bildungsbürgern gängig (vgl. Maletzke 1996: 15). Dieser verengte Begriff von Kultur wurde im 20. Jahrhundert durch eine breite Debatte auf wissenschaftlicher und politischer Ebene abgelöst. Folglich wurde 1982 auf der Weltkonferenz Mondicult eine gemeinsame Begriffsdefinition verabschiedet, in der es heißt:

[...] die Konferenz ist dahingehend übereingekommen, dass die Kultur in ihrer umfassendsten Bedeutung heute als Gesamtheit der geistigen und materiellen, der verstandes- und gefühlsmäßig unterschiedlichen Merkmale, die eine Gesellschaft oder eine soziale Gruppe kennzeichnen, angesehen werden kann. Sie umfasst neben den Künsten und der Literatur die Lebensweisen, die Grundrechte des Menschen, die Wertesysteme, die Traditionen und Überzeugungen (Mondiacult 1983: 54, in: Broszinsky-Schwabe 2011: 67 f.).

Es gibt unzählige weitere Definitionen von Kultur, jedoch stützen sich viele Autoren auf die Definition nach dem Organisationsanthropologen Prof. Geert Hofstede. Denn er betont, dass Kultur nicht vererbt, sondern durch das soziales Umfeld erlernt wird. Laut Hofstede ist Kultur:

[...] immer ein kollektives Phänomen, da man sie zumindest teilweise mit Menschen teilt, die im selben sozialen Umfeld leben oder lebten, d.h. dort, wo diese Kultur erlernt wurde. Kultur besteht aus den ungeschriebenen Regeln des sozialen Spiels. Sie ist die kollektive Programmierung des Geistes, die die Mitglieder einer Gruppe oder Kategorie von Menschen von einer anderen unterscheidet (Hofstede 2012: 4).

Hofstede geht weiterhin davon aus, dass sich kulturelle Unterschiede auf verschiedene Weisen manifestieren. Seiner Ansicht nach existieren Kulturmanifestationen in Form von Symbolen, Helden, Werten oder Ritualen. Diese werden als Schalen einer Zwiebel dargestellt (Abb. 1), um die kulturellen Unterschiede zu verdeutlichen (vgl. ebd. 8).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1Das „Zwiebeldiagramm“: Manifestation von Kultur auf verschiedenen Tiefenebenen. (Quelle: Hofstede 2012: 8).

Wie man aus der Abbildung erkennen kann, befinden sich in der äußersten Schicht die Symbole. Der Grund für die äußerste Platzierung liegt darin, dass sie sich schnell entwickeln und somit die alten Symbole ersetzen. Des Weiteren werden Symbole einer Kulturgruppe oft von anderen Gruppen nachgeahmt. Symbole umfassen Bilder, Gesten, Worte und Objekte, die für die Mitglieder derselben Kultur eine bestimmte Bedeutung haben und nur für diejenigen erkennbar sind. Hierbei kann es sich beispielsweise auch um Flaggen, Statussymbole, Kleidung und Sprache handeln (vgl. ebd. 8). Die nächste innere Schale entspricht den Helden, die Eigenschaften besitzen, welche in der Kultur sehr geachtet werden und somit für eine bestimmte kulturelle Gruppe eine Vorbildfunktion haben. Helden können tot oder lebend, historische oder erfundene Personen sein. Zum Beispiel können auch Comicfiguren wie Superman oder Batman in den USA oder Asterix und Obelix in Frankreich als kulturelle Heldenfiguren dienen (vgl. ebd. 9). Die vorletzte innere Schale wird von den Ritualen gebildet, die als kollektive Tätigkeiten angesehen werden. Innerhalb einer Kultur gilt ihre Ausführung als notwendig, aber rein formell gesehen ist sie für das Erreichen des angestrebten Ziels überflüssig. Demnach werden sie um ihrer selbst willen ausgeübt. Beispiele für solche Rituale sind bestimmte Gesten, Zeichen von Respekt, eine spezielle Art der Begrüßung, alltägliche Unterhaltungen und die Art und Weise wie die Sprache in Wort und Schrift verwendet wird (vgl. ebd. 9). Im Zwiebeldiagramm werden Symbole, Helden und Rituale als Praktiken zusammengefasst. Sie sind für einen außenstehenden Beobachter erkennbar, jedoch ist ihre kulturelle Bedeutung dahinter nicht sichtbar (vgl. ebd. 9). Den Kern der Kultur bilden die Werte, die für den Beobachter somit unsichtbar sind. Die Werte einer Person werden dadurch ausgedrückt, inwieweit sie bestimmte Umstände anderen vorzieht. Werte sind Gefühle, die sich zum Plus-oder zum Minuspol hin orientieren, wie zum Beispiel böse oder gut, schmutzig oder sauber, gefährlich oder sicher, moralisch oder unmoralisch etc. Diese Werte werden bereits im frühen Lebensalter erworben (vgl. ebd. 9).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es viele verschiedene Auffassungen darüber gibt, was Kultur ist, doch in den Grundzügen sind sich die Wissenschaftler weitestgehend einig. Im Sinne der modernen Kulturanthropologie wird Kultur „als ein System von Konzepten, Überzeugungen, Einstellungen, Wertorientierungen, die sowohl im Verhalten und Handeln der Menschen als auch in ihren geistigen und materiellen Produkten sichtbar werden.“ (Maletzke 1996: 16). Vereinfacht gesagt ist Kultur die Gestaltung des Selbst und der Umwelt eines jeden Individuums. Im Folgenden wird von Kultur im Sinne der modernen Kulturanthropologie gesprochen.

2.2 Kommunikation

Genauso wie bei der Begriffsbestimmung von Kultur, gibt es auch bei dem Begriff der Kommunikation keine einheitliche Definition. Die Kommunikation wurde vielfach untersucht und definiert. Darunter ist eine kurze, normative Definition nach Payer (2001) zu finden: „[...] Kommunikation [...] [ist] jede Art von Verständigung zwischen Lebewesen und Lebewesen, Lebewesen und Maschine, Maschine und Maschine.“ (Payer 2001 in: Heringer 2014: 11). Diese Definition ist jedoch zu eng gefasst. Keller (1994) formulierte eine weitaus offenere und spezifischere Definition von Kommunikation:

Kommunikation soll jedes intentionale Verhalten genannt werden, das in der Absicht vollzogen wird, dem andern auf offene Weise etwas erkennen zu geben. Kommunizieren in dem hier relevanten Sinne heißt Mitmenschen beeinflussen, und zwar dadurch, dass man dem andern mittels Zeichen (im weitesten Sinne) zu erkennen gibt, wozu man ihn bringen möchte, in der Hoffnung, dass diese Erkenntnis für den andern ein Grund sein möge, sich in der gewünschten Weise beeinflussen zu lassen (Keller 1994: 194 in: Heringer 2014: 12; Klammersetzung im Original).

Jedoch wirft auch diese Definition Fragen auf: Was ist ein „intentionales Verhalten“ und was könnten „offene Weise“ oder „Zeichen im weitesten Sinne“ bedeuten. Prinzipiell kann „Kommunikation [als] ein Vorgang bezeichnet [werden], der auf bestimmten Gemeinsamkeiten zwischen verschiedenen Subjekten beruht (lat. communis = gemeinsam, lat. communicare = gemeinschaftlich tun).“ (Schugk 2014: 3). Folglich bezieht sich der Begriff unter anderem auf einen sozialen Austauschprozess von beispielsweise Informationen, Erfahrungen, Zeichen, Einstellungen und Wissen. Der dynamische Charakter des Kommunikationsbegriffs wird durch die häufige Umschreibung der Begriffe „Verständigung“, „Interaktion“ und „Übertragung“ deutlich (vgl. ebd. 5). Es gibt zahlreiche Modelle über den Kommunikationsprozess, die sich hinsichtlich ihrer inhaltlichen Schwerpunkte unterscheiden. Eines der heute bekanntesten Kommunikationsmodelle ist das Sender-Empfänger-Modell von Claude E. Shannon und Warren Weaver. Das Modell war ursprünglich rein technisch orientiert und behandelte lediglich die Übertragung und den Empfang von Botschaften (vgl. Röhner/Schütz 2016: 17). Das Modell kann als ein „lineares, einseitiges Modell“ (Schugk 2014: 7) betrachtet werden. Somit kann die Kommunikation einfach gesagt „als eine Übertragung einer Nachricht von einem Sender („transmitter“) zu einem Empfänger („receiver“) bezeichnet werden.“ (Ebd. 2014: 7). Das Sender-Empfänger-Modell von Shannon und Weaver beinhaltet sechs Elemente (siehe Abb. 2): Der Kommunikationsprozess beginnt bei der Informationsquelle (Sender). Diese Person übermittelt seine Botschaft durch ein Sendegerät (Kodierer) in Form von Signalen. Ein spezifischer Kanal überträgt die Signale an das Empfängergerät (Dekodierer), der die Signale entschlüsselt. Allerdings kann es eventuell während der Signalübertragung zu Störungen (z.B. Rauschen) kommen (vgl. Röhner/Schütz 2016: 17). „Bei der gesprochenen Sprache ist die Nachrichtenquelle das Gehirn, der Sender die Stimmbänder, die den sich ändernden Schalldruck (das Signal) erzeugen, der durch die Luft (den Kanal) übertragen wird.“ (Ebd. 17).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2 Elemente der Kommunikation nach Shannon und Weaver (1949).

(Quelle: Röhner/Schütz 2016: 18).

Infolgedessen ist Kommunikation ein Austausch von Zeichen und Informationen zwischen Sender und Empfänger, die diese Rollen abwechselnd einnehmen können (vgl. Heringer 2014: 13). Jedoch ist „bei diesem Vorgang [entscheidend], dass beide Seiten einen gemeinsamen Zeichenvorrat besitzen und ihn auch dementsprechend entschlüsseln können.“ (Unger 1997: 299 in: Rothlauf 2006: 140). Aus diesem Grund muss es hierfür teilweise ein übereinstimmendes Zeichen- und Bedeutungswissen (z.B. eine Sprache) geben. „Zum Kodieren gehört ein Kode [...].“ (Heringer 2014: 14). In der Regel besteht ein Kode aus mindestens „zwei Zeichensätzen, deren Elemente einander eindeutig zugeordnet sind.“ (ebd. 14). Heringers Ansicht nach entspricht dieses Kommunikationsmodell nach Shannon und Weaver keiner menschlichen Kommunikation, denn diese ist immer riskant. Im Gegensatz zu technischen Apparaturen, bei denen äußerliche Störfaktoren wie ein Gewitter die Leitungen stören können, ist es nahezu normal, dass z.B. mehrdeutige Aussagen beim Empfänger missverständlich interpretiert werden als intendiert (vgl. ebd. 14). Somit bleibt ein relevanter Aspekt unberücksichtigt und zwar, „dass Botschaften einen Teil ihrer Bedeutung aus dem sozialen Kontext beziehen, vor dem sie erzeugt werden.“ (Scheible 2014: 39).

Gudykunst und Kim (2003) erweitern das Sender-Empfänger-Modell. Sie fassen „Kommunikation“ als einen Interaktionsbegriff auf. Die Störeinflüsse, die eine Botschaft verzerren könnten, werden im Vergleich zum ersten Modell nicht mehr als Rauschen aufgefasst, sondern in kulturelle, soziokulturelle, psychokulturelle Faktoren unterschieden (siehe Abb. 3). Bei diesem Interaktionsmodell wird das Verschlüsseln von Botschaften (Gedanken, Informationen, Erfahrungen, etc.) seitens des Sprechers „Enkodieren“ genannt. Das Interpretieren von Sprachzeichen durch den Empfänger, somit das Entschlüsseln einer Nachricht, wird als „Dekodieren“ bezeichnet. Dieser Vorgang der kommunikativen Mitteilung, Enkodierung und Dekodierung ist ein interaktiver Prozess. Dieser Prozess wird von kulturellen, soziokulturellen, psychokulturellen Faktoren beeinflusst. Beispiele für diese Faktoren können die Kultur, die familiäre Erziehung und die individuelle Erfahrungen sein. Mit der Annahme, dass Person A und B nicht den gleichen kulturellen Hintergrund haben, wird die Nachricht von den jeweiligen Gesprächspartnern unterschiedlich übertragen und interpretiert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3 Interaktionsmodell der interkulturellen Kommunikation. [E = Enkodieren; D = Dekodieren]; (Quelle: Gudykunst/Kim 2003: 45).

Eine erfolgreiche Kommunikation der beiden Gesprächspartner ist nach Gudykunst und Kim davon abhängig, wie sehr sich beide Partner in ihrer Interaktion einander annähern (vgl. Gudykunst/Kim 2003: 45 f.). Damit ist gemeint, dass sie zunächst über den Prozess der Kommunikation ein „Akt des Verstehen-Wollens und des Verstanden-Werden-Wollens“ (Allolio-Näcke et al.: 261) herstellen. Negative Emotionen wie Angst können die Motivation eines Menschen hemmen in Interaktion mit anderen Personen zu treten, da sie zum Beispiel die Reaktion des Gegenübers nicht vorhersehen können.

Mit solchen Aspekten der sozialen Kommunikation zwischen Menschen beschäftigt sich die Wissenschaft der interkulturellen Kommunikation.

2.3 Interkulturelle Kommunikation

Auch der Begriff der interkulturellen Kommunikation ist nicht einheitlich definiert. In einigen Forschungen wird zwischen „interkultureller Interaktion“ und „interkultureller Kommunikation“ unterschieden. Der wichtigste Unterschied beider Kommunikationen ist das Fremderleben der Interaktionspartner. Maletzke bezeichnet alle Formen von Beziehungen als interkulturell,

[...] in denen die Beteiligten nicht ausschließlich auf ihre eigenen Kodes, Konventionen, Einstellungen und Verhaltensformen zurückgreifen, sondern in denen andere Kodes, Einstellungen und Verhaltensweisen erfahren werden. Dabei werden diese als fremd erlebt und definiert (Maletzke 1996: 37).

Demnach ist unter anderem das Ziel der interkulturellen Kommunikation die Werte des Gegenübers zu verstehen und in der Kommunikation miteinzubeziehen, um einen Dialog auf einer gleichgestellten Ebene schaffen zu können. Des Weiteren wird in der wissenschaftlichen Diskussion von einem weiten und engen Begriff gesprochen. „Im engeren Sinne findet interkulturelle Kommunikation direkt zwischen Personen in einer Interaktion statt, in einem weiter gefassten Verständnis ist über den personalen Dialog hinaus die in den Medien thematisierte interkulturelle Kommunikation eingeschlossen.“ (Broszinsky-Schwabe 2011: 36). Hinnenkamp verwendet den Begriff der interkulturellen Kommunikation für all jene „Kommunikationsformen, die die Menschen im interpersonalen Kontakt zum Ausdruck bringen - also zunächst einmal der ganze Bereich der verbalen, vokalen, nonverbalen, paraverbalen und ausdrucksmäßigen Kommunikation.“ (Hinnenkamp 1994: 5; Bindestrich wie im Original). Des Weiteren weist Hinnenkamp dem Begriff der interkulturellen Kommunikation weitere Merkmale zu:

Es gibt unterschiedliche, voneinander unterscheidbare Kulturen. Kultur und Kommunikation stehen in einem Zusammenhang. Kommunikationsteilnehmer sind immer auch Teilnehmer bzw. Teilhaber einer Kultur. Kulturelles spiegelt sich in der Kommunikation wider. Kulturteilhalbe heißt: In einer spezifischen Weise kommunizieren. Gemeinsame Kulturteilhabe erleichtert die Kommunikation, unterschiedliche erschwert sie (Hinnenkamp 1994: 6).

Demnach gilt eine Kommunikation als interkulturell, wenn mindestens zwei Mitglieder aus unterschiedlichen Kulturkreisen kommunizieren und mögliche Schwierigkeiten in der Kommunikation auf die kulturelle Differenz zurückgeführt werden können. Neben der personalen Interaktion bezieht Hans-Jürgen Lüsebrink auch die „medialen Darstellungsformen interkultureller Kommunikation in Film, Fernsehen, Radio, Internet und andere Medien, die Formen der alltagsweltlichen interkultureller Kommunikation gleichermaßen darstellen, stilisieren und prägen, sowie die interkulturelle Ausbreitung von Kommunikationstechnologien und -medien“ (Lüsebrink 2005: 8) ein.

[...]

Ende der Leseprobe aus 55 Seiten

Details

Titel
Interkulturelle Kommunikation. Missverständnisse in der verbalen Kommunikation
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
55
Katalognummer
V358583
ISBN (eBook)
9783668433977
ISBN (Buch)
9783960950677
Dateigröße
707 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Interkulturelle Kommunikation, Interkulturalität, Kommunikation, Missverständnisse, Missverständnis, verbale Kommunikation, Bachelorarbeit, Deutsch als Zweitsprache, Deutsch als Fremdsprache, Kultur, Wahrnehmung, Denken, Astrid Erll, Sprachliche Kompetenz, Inhaltsebene, Beziehungsebene, Interkulturelle Kompetenz, Interkulturelles Training, Geert Hofstede, Edward T. Hall, Edward Hall, Kommunikationsbegriff, Kulturbegriff, DaZ, DaF
Arbeit zitieren
Zohal Darweshi (Autor), 2016, Interkulturelle Kommunikation. Missverständnisse in der verbalen Kommunikation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/358583

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