Vom kleinen Feuerdrachen Zion. Antisemitischer Antizionismus in der DDR


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017
27 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Definition - Antisemitischer Antizionismus

2 Strukturelle Nähe - Marxismus-Leninismus und Antisemitismus

3 Ebenen eines Nichtverhältnisses - Der Antizionismus der DDR
3.1 Geopolitischer Pragmatismus
3.2 Anerkennung und Legitimation

4 Antisemitischer Antizionismus in der DDR
4.1 Die antizionistischen "Säuberungen" von 1952/53
4.2 Zwischen Schuldabwehr und Propaganda

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Im November 1984 erschien in der DDR-Kinderzeitschrift "Die ABC-Zeitung" das Märchen vom kleinen "Feuerdrachen Zion", der ohne Not und nur aus Undankbarkeit und Habgier heraus das Land der "Kinder Palästinas" (Basedow 1984: 18) zerstört. Unter Rückgriff auf explizit antisemitische Stereotype stellte der Artikel den Nahostkonflikt nicht nur vereinfacht, sondern als alleinig von Israel zu verantworten dar. Da die ABC-Zeitung das propagandistische Organ des Zentralrates der Freien Deutschen Jugend (FDJ) und mithin parteinah war, lag dieser antizionistischen Darstellung sicherlich kein ärgerliches Versehen, wohl aber eine direkte oder indirekte Vorgabe der ostdeutschen Staatsführung zugrunde. Dass eine solch einseitige Verzerrung der politischen Realitäten in Nahost auch tatsächlich beabsichtigt war, erklärt sich aus der dezidiert israelfeindlichen Politik, die von der SED bis in die späten 1980er Jahre betrieben wurde. Verwundern muss indes, dass sich diese antizionistische Agitation nur wenige Jahre nach dem Ende der Shoah im marxistisch-leninistischen deutschen Teilstaat mit traditionellen antisemitischen Feindbildern schmückte, verstand sich die DDR doch in ihrem Selbstverständnis als genuin antifaschistischer Staat, der die deutsche judenfeindliche Vergangenheit endgültig hinter sich gelassen habe. In der folgenden Arbeit soll diesem vermeintlichen Widerspruch nachgespürt werden. Während zunächst eine Antwort auf die Frage gefunden werden muss, weshalb und inwiefern die DDR ein antizionistischer Staat war, ist im Anschluss daran zu untersuchen, weshalb und inwieweit sich der jedenfalls in der öffentlichen Debatte tabuisierte klassische Antisemitismus in einer ausdrücklichen Feindschaft gegen Israel wiederfinden konnte (vgl. Voigt 2008). Ziel der folgenden Ausführungen ist es also nicht, etwaige antisemitische und antizionistische Tendenzen innerhalb der Bevölkerung oder Versäumnisse im historischen und gesellschaftlichen Umgang mit dem millionenfachen Mord an den europäischen Juden aufzudecken. Wohl aber soll dargestellt werden, dass die DDR ein Land war, in dem sich aus politischen und ideologischen Gründen etwas herausbilden konnte, das als "antisemitischer Antizionismus" (Haury 2016: 11) bezeichnet werden muss.

Um das Thema angemessen bearbeiten zu können, wird nach einer ausführlichen Definition des Begriffes "antisemitischer Antizionismus" und einer kurzen Darstellung der strukturellen ideologischen Nähe von Marxismus-Leninismus sowie Antisemitismus und Antizionismus eine Auseinandersetzung mit den Gründen für die erklärte Feindschaft der DDR gegenüber Israel folgen. Erst danach kann hinreichend aufgezeigt werden, auf welche Weise und weshalb der Antizionismus der DDR die Grenzen zum Antisemitismus überschritten hat.

1 Definition - Antisemitischer Antizionismus

Bevor in den folgenden Kapiteln mit dem Begriff "antisemitischer Antizionismus" gearbeitet werden kann, ist es notwendig, ihn genau zu definieren. Dafür empfiehlt sich eine Herleitung.

Der Zionismus beschreibt die Summe aller Bestrebungen und Bewegungen, die sich für die Etablierung, Legitimierung und Beibehaltung eines jüdischen Staates in Palästina einsetzen (vgl. Goldberg 1996: 3). Da die Errichtung eines solchen Nationalstaates am 14. Mai 1948 historische Realität geworden ist, muss unter dem Begriff "Antizionismus" dementsprechend die rigorose Feindschaft gegen Israel verstanden werden, "welche nicht notwendigerweise mit der ohnehin unrealistisch erscheinenden Forderung nach Aufhebung der staatlichen Existenz verbunden sein muss" (Pfahl-Traughber 2006). Beinhaltet der Antizionismus im Gegensatz zu einer wie auch immer gerechtfertigten Kritik am politischen Agieren Israels (etwa aus menschen- oder völkerrechtlichen Gründen) immer auch ein generelles Ressentiment dem jüdischen Staate an sich gegenüber, so ist er dennoch nicht mit Antisemitismus gleichbedeutend.[1] Letzterer ist die "Sammelbezeichnung für alle Einstellungen und Verhaltensweisen, die den als Juden geltenden Einzelpersonen und Gruppen aufgrund dieser Zugehörigkeit negative Eigenschaften unterstellen, um damit eine Abwertung, Benachteiligung, Verfolgung oder Vernichtung ideologisch zu rechtfertigen" (Pfahl-Traughber 2016: 177). Mögen Antizionisten auch noch so einseitig oder undifferenziert gegen Israel polemisieren, so macht sie das noch nicht zu prinzipiellen Feinden von "Juden als Juden" (Klug 2004: 224). Die Schwelle zum Antisemitismus übertritt der Antizionismus erst dort, wo er die pauschale Verdammung Israels durch Rückgriff auf judenfeindliche Stereotype rechtfertigt oder betreibt, seien diese nun religiös, sozial, politisch, nationalistisch, ideologisch oder rassisch motiviert (vgl. Pfahl-Traughber 2007: 4-11). Mithin kann nur bei einem Nachweis von Einstellungen oder Stigmatisierungen, die allen oder generell den Juden unterstellt werden, von einem "antisemitischen Antizionismus" gesprochen werden (vgl. Pfahl-Traughber 2016: 180).

Bisweilen werden die Begriffe "antizionistischer Antisemitismus" (vgl. Pfahl-Traughber 2006 et al.) und "antisemitischer Antizionismus" (vgl. Haury 2016: 11 et al.) synonym verwendet, obwohl sie nicht identisch sind. Der Unterschied liegt darin, dass beim ersteren der Antisemitismus die Grundidee ist, auf die sich antizionistische Argumentationsketten beziehen. Vor allem im rechtsextremen Milieu wird Israel daher nicht als Staat an sich, sondern als Staat der Juden abgelehnt. Der antisemitische Antizionismus hingegen ist eher in linksextremen Kreisen verbreitet. Dort bedient sich die antizionistische Kritik an Israel als vermeintlich aggressive Okkupationsmacht im Nahen Osten antisemitischer Stereotype.

Da sich der Antizionismus der DDR-Führung nicht rassisch gegen Juden an sich, sondern gegen die Zionisten als ideologisch gefährliche Feinde "freiheitsliebender" Völker richtete, wird in der vorliegenden Arbeit der Begriff "antisemitischer Antizionismus" verwendet. Wäre Israel ein sozialistischer Staat gewesen und hätte sich geopolitisch positiv an der Sowjetunion orientiert, wäre es in der DDR kaum zur antizionistischen Propaganda gekommen. Wie im Kapitel 3 noch zu zeigen sein wird, folgte die SED-Führung in ihrer Israel-Politik einem Pragmatismus, der sich an der Blockbildung im Kalten Krieg ausrichtete und einer grundsätzlich antisemitischen Kernmotivation entbehrte.

2 Strukturelle Nähe - Marxismus-Leninismus und Antisemitismus

Dass es in der DDR überhaupt zu einem Phänomen wie dem antisemitischen Antizionismus kommen konnte, verwundert zunächst, identifizierte sich doch der Arbeiter- und Bauernstaat mit dem Marxismus-Leninismus,[2] für den ethnische oder religiöse Zugehörigkeiten von Menschen eigentlich keine Rolle spielten. Mag sich die marxistisch-leninistische Ideologie auch gegen jüdische Bankiers oder gegen die jüdische Religion gerichtet haben, so wandte sie sich nicht gegen das genuin Jüdische an sich, sondern gegen das genuin Kapitalistische und Religiöse (vgl. Pfahl-Traughber 2016: 184, 200). Wie also sind antisemitisch-antizionistische Tendenzen in der DDR vor einem solchen Hintergrund erklärbar?

Der Antisemitismusforscher Thomas Haury arbeitet anschaulich eine bemerkenswerte strukturelle Nähe von Marxismus-Leninismus und Antisemitismus heraus. Zum einen gehe der Marxismus-Leninismus von einer feindlichen Dichotomie aus, der zufolge einem moralisch bösen, parasitären und ausbeutenden Finanzkapital ein moralisch gutes, produktives, werktätiges und ausgebeutetes Volk gegenüberstehe. Diese Dichotomie erreiche ihre folgerichtige Zuspitzung in der generalisierten Gegnerschaft eines angenommenen Weltimperialismus' zu den weltweit um ihre Freiheit bemühten, aber unterdrückten Völkern. Zum anderen personalisiere der Marxismus-Leninismus den Kapitalismus hin zu einem physisch greifbaren Feind, der verschwörerisch in der Person einiger weniger Finanzoligarchen das Schicksal der gesamten Welt beeinflusse. Schließlich forciere der Marxismus-Leninismus einen extremen Nationalismus, der die unterdrückten Nationen nicht nur von weltverschwörerisch agierenden Feinden von außen bedroht sieht, sondern auch von inneren Gegnern, die als national fremd, nicht dazugehörig und subversiv gedacht werden (vgl. 2016: 11-33; vgl. Haury 2002).

Diese Charakteristika des Marxismus-Leninismus lassen sich auch im Antisemitismus finden. Während der soziale Antisemitismus die Juden in die Nähe von bösen und parasitären Finanzkapitalisten rückt, die durch ihr wirtschaftliches Vorgehen das produktive und moralisch gute Volk ausbeuten, erklärt der politische Antisemitismus die Juden zu einer weltweit agierenden homogenen Gruppe, die angeblich hinter den Kulissen von Wirtschaft und Politik mit dem Ziel agieren, die Weltherrschaft zu erlangen. Durch den nationalistischen Antisemitismus wird "der Jude" an sich als gefährlicher Volksfeind identifiziert, der ethnisch und kulturell fremd bleibe und kosmopolitisch (also antinational) so agiere, dass er die ihn beheimatende Nation von Inneren heraus zersetze (vgl. Haury 2016: 11-33; Pfahl-Traughber 2007: 4-11).

Hier liegt die ideologische Begründung dafür, dass in der DDR ein antisemitischer Antizionismus möglich werden konnte. Dass sich die Politik Ostberlins niemals gegen das jüdische Volk an sich richtete, hängt mit dem Begriff "Volk" zusammen, der im Marxismus-Leninismus explizit positiv besetzt war. Folglich widersprach es der Ideologie, ein ganzes Volk zu einem Feind abzuklassifizieren (vgl. Haury 2016: 31). Der Antizionismus hingegen folgte der oben beschriebenen marxistisch-leninistischen Dichotomie, indem er die Zionisten auf der Seite der Weltimperialisten und mithin der gefährlichen Volksfeinde verortete. Dass antizionistische Vorstellungen in der DDR bisweilen mit antisemitischen Hand in Hand gehen konnten, ergab sich spätestens aus der Gründung des "imperialistischen" Israels als dezidiert jüdischer Staat. Ließ der Marxismus-Leninismus einen reinen Antisemitismus ideologisch nicht zu, ermöglichte er diesen hingegen dort, wo er sich mit dem Feindbild des Zionismus verband.

3 Ebenen eines Nichtverhältnisses - Der Antizionismus der DDR

Nachdem auf den vorangegangenen Seiten der Begriff des antisemitischen Antizionismus' und dessen strukturelle Nähe zum Marxismus-Leninismus dargestellt wurden, soll in diesem Kapitel betrachtet werden, worauf sich der Antizionismus der DDR gründete. Diese grundlegende Darstellung ist notwendig um zu verstehen, weshalb die DDR-Staatsführung ihren Antizionismus mit antisemitischen Feindbildern und Stereotypen verbinden konnte.

Da bis zum Ende des Arbeiter- und Bauernstaates auf staatlicher Ebene keine offiziellen Kontakte zwischen beiden Ländern bestanden, darf von einem "Nichtverhältnis" (Voigt 2008) zwischen der DDR und Israel gesprochen werden. Basis dieses Nichtverhältnisses war die von DDR-Seite aus gepflegte generelle Verdammung Israels, deren Motivation vor dem Hintergrund zweier größerer Zusammenhänge verdeutlicht werden muss: Auf der einen Seite handelte die DDR auf der Basis eines geopolitischen Pragmatismus', der ihre Einbindung in die außenpolitischen Vorgaben der Sowjetunion sowie die allgemeine Frontstellung im Kalten Krieg zu berücksichtigen hatte (vgl. Müller 2009). Auf der anderen Seite verfolgte die DDR ihre staatliche Anerkennung durch die arabischen Staaten sowie ihre ideologische Legitimation als der "bessere deutsche Staat", die sich aus dem politischen Erbe des Nationalsozialismus' ergab (vgl. Voigt 2008). Während die DDR die BRD als direkte Nachfolgerin Hitler-Deutschlands betrachtete, musste sie ihr eigenes Selbstverständnis als antifaschistischer Staat von allen Spuren der mörderischen Vergangenheit loslösen.

3.1 Geopolitischer Pragmatismus

Der Antizionismus der DDR folgte stets den außenpolitischen Richtlinien der UdSSR, die als einer der ideologischen Hauptakteure des Kalten Krieges ihre Politik immer auch auf ihre Satellitenstaaten und mithin die DDR übertragen hatte (vgl. Müller 2009). So verwundert es auch nicht, dass nach der staatlichen Anerkennung Israels im Jahre 1948 durch die UdSSR auch fast alle (bestehenden und noch zu gründenden) Ostblockstaaten dem Kurs aus Moskau folgten. Der von der SU zunächst unterstützte sozialistische jüdische Nationalismus sollte insbesondere die britischen Interessen im Nahen Osten durchkreuzen und das internationale Prestige der Sowjetunion durch das Wohlwollen der jüdischen Gemeinden (insbesondere in den USA) erhöhen. Durch die Hilfe zur Etablierung eines fortschrittlichen Staates mit sozialistischen Elementen hoffte Stalin zudem auf die Anerkennung der UdSSR als Großmacht mit weltweitem Mitspracherecht. (vgl. Bachmann 2011: 111-120). Während die arabischen Nationen als feudalistisch und reaktionär galten (vgl. Klatt 2015), ging der Kreml davon aus, der neu gegründete Staat würde sich an die Sowjetunion anlehnen, und unterstützte Israel im Zuge des Palästinakrieges mit immensen Waffenlieferungen. Dieser politischen Agenda folgend hatte auch das ostdeutsche "Kollaborationsregime" (Mommsen 1994: 31) in der SBZ bereits im April 1948 die ersten offiziellen Kontakte zu jüdischen Repräsentanten in Palästina aufgenommen (vgl. Voigt 2008). Doch Ende der 1940er Jahre kam es von sowjetischer Seite zu einem kompletten Umschwung in der Nahost-Politik hin zu einem entschieden pro-arabischen Kurs. Dieser zielte auf die Gewinnung der arabischen Länder als Verbündete gegen ein westliches Verteidigungsbündnis (vgl. Bachmann 2011: 151-166). Neben der (überraschenden) politischen Westorientierung der Regierung von David Ben Gurion war insbesondere die von Golda Meir[3] formulierte Forderung nach Ausreisegenehmigungen für sowjetische Juden Grund für den Interessenwandel im Nahen Osten (vgl. Bachmann 2011: 133-150). Stalin sah auch in der enormen Begeisterung vieler russischer Juden für den neuen Staat Israel die innere Sicherheit seines Landes bedroht und bezog in seine paranoide "Säuberungswelle" gegen angebliche innere Feinde nun auch Zionisten mit ein (vgl. Voigt 2008).

Die DDR-Regierung folgte dieser Kampagne gegen Zionismus und Kosmopolitismus (vgl. Haury 2016: 17), die erst mit Stalins Tod endete (vgl. Benz 2016: 77). Bezogen sich diese so genannten "Säuberungen" der Jahre 1952/53 noch hauptsächlich auf innere Feinde, richtete sich der Antizionismus der DDR - darin wieder dem sowjetischen Vorbild folgend - danach primär gegen Israel selbst, das von Moskau als Vasallenstaat des Weltimperialismus eingestuft und mithin ideologisch dem feindlichen Lager zugerechnet worden war (vgl. Haury 2005). Die einst als sozialistische Errungenschaft gelobten Kibbuzim wurden von der DDR-Führung kurzerhand zu "kapitalistischen Genossenschaften" (BI-Lexikon 1992) erklärt. Der marxistisch-leninistischen Dichotomie und dessen Verklärung für den Begriff "Volk" folgend (vgl. Kapitel 2), wurden die vormals "feudalistischen und reaktionären" arabischen Staaten nun zu brutal unterdrückten Völkern erhoben, die von den antidemokratischen Aggressionshandlungen der herrschenden "zionistischen Großbourgeoisie an einer fortschrittlichen Bewegung gehindert werden. Die internationale Solidarität vor allem der sozialistischen Staaten aber versuche, dies zu verhindern (vgl. BI-Lexikon 1992). Nach DDR-Verständnis seien Zionisten wenig mehr als "reaktionäre, nationalistische, rassistische, konterrevolutionäre, antisoziale und antisowjetische politische Vereinigungen, die auf der Grundlage der zionistischen Ideologie, wie Chauvinismus, Rassismus und Expansion, von reaktionären, imperialistischen Kreisen zur Verschärfung der internationalen Lage, zur Schürung des Antisowjetismus und des Antikommunismus und zum Kampf gegen die sozialistischen Staaten und die nationale Befreiungsbewegung" (Wörterbuch der MfS 1993: 465f) vorgingen. Israel wurde zur imperialistischen und ausbeutenden Militärmacht erklärt, die dem unterdrückten, freiheitsliebenden palästinensischen Volk gegenüberstehe (vgl. Haury 2016: 22). Dem Land wurde somit der Status eines Staates mit einem Staatsvolk aberkannt; fortan hieß es nur noch vom "Projekt des Imperialismus" und vom "Hauptwerkzeug [...] im Kampf gegen die Befreiungsbewegung der arabischen Völker" (Herms 1974: 159).

Diese von der Sowjetunion vorgegebene politische Richtung gegen Israel wurde bis zum Ende des Kalten Krieges beibehalten und von der immer loyalen DDR-Parteiführung befolgt.[4] Somit darf als gesichert behauptet werden, dass sich der Antizionismus der DDR an dem außenpolitischen Kurs der UdSSR ausrichtete, deren Vorbild- und Führungsrolle stets beschworen wurde (vgl. Müller 2009).[5] Der Historiker Wolfgang J. Mommsen hat diese politische Anpassung der DDR an russische Vorgaben mit Recht sogar so zugespitzt, dass die "Geschichte der DDR in erster Linie als Geschichte der sowjetischen Herrschaft über ganz Ostmitteleuropa zu sehen" sei und "erst in zweiter Linie als Teil der deutschen nationalen Geschichte" (1994: 28).

3.2 Anerkennung und Legitimation

Der Antizionismus der DDR erklärt sich aber nicht nur aus der Befolgung sowjetischer Vorgaben und der Blockbildung im Kalten Krieg heraus, sondern hängt auch mit dezidierten Eigeninteressen zusammen. Wie in diesem Kapitel zu zeigen sein wird, richteten sich diese Eigeninteressen insbesondere auf die lange Zeit verwehrt gebliebene internationale Anerkennung der DDR durch nicht-sozialistische Länder[6] sowie auf ihre staatliche Legitimation als deutscher Teilstaat (vgl. Müller 2009). Letztere war eng an eine Verdrängung der (Mit-)Schuld an der Shoah und eine Ablehnung jedweder Wiedergutmachungsleistungen gebunden.

Im Zusammenhang mit der ideologischen Blockbildung im Kalten Krieg stand auch die außenpolitische staatliche Anerkennung der DDR durch nicht-sozialistische und blockfreie Länder. Insbesondere durch die Hallstein-Doktrin - der zufolge keine diplomatischen Beziehungen zu einem Land unterhalten werden durften, das die DDR anerkannte - hatte die BRD versucht, ihren Anspruch als alleiniger legitimer deutscher Staat durchsetzen. Die daraus folgende politische Isolation wollte die DDR insbesondere durch diplomatische Beziehungen zu den arabischen Staaten beenden, was ihr größtenteils auch gelang (vgl. Voigt 2008). Ihre Solidarität mit diesen Ländern (sowie der palästinensischen PLO) stellte die DDR nicht nur durch eine propagandistische Überhöhung, sondern auch durch eine umfassende militärische Unterstützung derer nationaler Befreiungsbewegungen (vgl. Herms 1974: 159) gegen Israel unter Beweis (vgl. Herf 2016).[7] Dass eine solch Politik gegen den "Aggressorstaat" mit seinem "rassistischen, kolonialistischen und aggressiven Wesen" (Bator 1984: 157) folgerichtig war, ergab sich auch daraus, dass die DDR Israel als einen der Hauptakteure gegen ihre eigene staatliche Anerkennung identifizierte. Diese Haltung lässt sich in einer DDR-Broschüre nachweisen, in der es über "zionistische Gruppierungen" heißt, sie richten "ihre Hauptangriffe gegen die internationale Anerkennung der DDR“ (zit. n. Timm 1997: 250). Die Verweigerung einer solchen Anerkennung auf internationaler Ebene wurde in der Tat von Israel unterstützt. Diese resultierte indes nicht allein auf der offenen militärischen Unterstützung der "Feinde Israels" durch die SED-Führung (vgl. Timm 1997: 279).[8] Als im Jahre 1973 die Aufnahme der DDR in die Vereinten Nationen verhandelt werden sollte, legte Israel als Vollmitglied ein Veto ein und erklärte dies auf der UN-Vollversammlung unter anderem damit, dass sich Ost-Berlin "niemals der Verantwortung für den Nationalsozialismus gestellt habe" (zit. n. Voigt 2008).

[...]


[1] Dass Antizionismus und Antisemitismus nicht gleichzusetzen sind, ergibt sich bereits aus der Tatsache, dass es zahlreiche jüdische Gruppierungen und Organisationen gab und gibt, die sich aus religiösen, sozialen, humanitären oder politischen Gründen heraus explizit gegen den Zionismus und mithin den Staat Israel aussprechen und aussprachen (vgl. Grill 2011).

[2] Der Marxismus-Leninismus fungierte bis zum Ende des Realsozialismus als offizielle Staatsideologie nicht nur der UdSSR, sondern auch ihrer Satellitenstaaten und mithin der DDR (vgl. Haury 2016: 12).

[3] Golda Meir war von 1948 bis April 1949 die erste Botschafterin Israels in Moskau.

[4] Stalin hatte kurz vor seinem Tod die Beziehungen zu Israel ganz abgebrochen. Diese waren im Sommer 1953 für wenige Jahre wieder aufgenommen, ab dem Sechstagekrieg 1967 und der Niederlage der arabischen Armeen aber dauerhaft eingestellt worden. Danach kam es zu einer von der Sowjetunion beschlossenen massiven Aufrüstung der arabischen Staaten gegen Israel, die von der SED-Führung besonders engagiert umgesetzt wurde (vgl. Herf 2016).

[5] Die politische und ideologische Anpassung zeigte sich auch in dem Umstand, dass zwischen Ende 1945 bis zum 31.12.1948 in der SBZ das erste deutsche Wiedergutmachungsgesetz existiert hatte. Dieses wurde im Zusammenhang mit der sowjetischen Abkehr von Israel außer Kraft gesetzt (vgl. Schüler 1993: 118-138).

[6] Die staatliche Anerkennung der DDR auf internationaler Ebene erfolgte erst ab Beginn der 1970er Jahre.

[7] So heißt es in einer gemeinsamen Erklärung von Walter Ulbricht und dem damaligen ägyptischen Staatspräsidenten Gama Abdel Nasser im Jahre 1965, dass beide Seiten die "aggressiven Pläne des Imperialismus" verurteilten, "nach denen Israel als gegen Rechte des arabischen Volkes und dessen Kampf für Befreiung und Fortschritt gerichtete Speerspitze geschaffen wurde, um seinen Zielen zu dienen“ (zit. n Timm 1997: 186).

[8] Dass die militärische Unterstützung der Gegner Israels allein schon antisemitisch sei, wie es Jeffrey Herf in seiner Studie nahelegt (vgl. 2016), muss verneint werden, denn die DDR wandte sich mit ihrer Front nicht gegen "die Juden" an sich. Zudem unterstützte die DDR auch muslimische Länder, die nicht mit Israel, sondern miteinander im Krieg lagen (bspw. Iran und Irak, 1980-88).

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Vom kleinen Feuerdrachen Zion. Antisemitischer Antizionismus in der DDR
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Geschichts- und kulturwissenschaftliches Institut)
Veranstaltung
Antisemitismus und Antizionismus: Juden und Israel
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
27
Katalognummer
V358686
ISBN (eBook)
9783668436213
ISBN (Buch)
9783668436220
Dateigröße
582 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Antisemitismus, Antizionismus, DDR, Zion, Kalter Krieg, UdSSR, Judentum, Shoah, Holocaust, Nationalsozialismus, Kommunismus
Arbeit zitieren
Dominik Jesse (Autor), 2017, Vom kleinen Feuerdrachen Zion. Antisemitischer Antizionismus in der DDR, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/358686

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