Im November 1984 erschien in der DDR-Kinderzeitschrift "Die ABC-Zeitung" das Märchen vom kleinen "Feuerdrachen Zion", der ohne Not und nur aus Undankbarkeit und Habgier heraus das Land der "Kinder Palästinas" (Basedow 1984: 18) zerstört. Unter Rückgriff auf explizit antisemitische Stereotype stellte der Artikel den Nahostkonflikt nicht nur vereinfacht, sondern als alleinig von Israel zu verantworten dar. Da die ABC-Zeitung das propagandistische Organ des Zentralrates der Freien Deutschen Jugend (FDJ) und mithin parteinah war, lag dieser antizionistischen Darstellung sicherlich kein ärgerliches Versehen, wohl aber eine direkte oder indirekte Vorgabe der ostdeutschen Staatsführung zugrunde. Dass eine solch einseitige Verzerrung der politischen Realitäten in Nahost auch tatsächlich beabsichtigt war, erklärt sich aus der dezidiert israelfeindlichen Politik, die von der SED bis in die späten 1980er Jahre betrieben wurde. Verwundern muss indes, dass sich diese antizionistische Agitation nur wenige Jahre nach dem Ende der Shoah im marxistisch-leninistischen deutschen Teilstaat mit traditionellen antisemitischen Feindbildern schmückte, verstand sich die DDR doch in ihrem Selbstverständnis als genuin antifaschistischer Staat, der die deutsche judenfeindliche Vergangenheit endgültig hinter sich gelassen habe. In der folgenden Arbeit soll diesem vermeintlichen Widerspruch nachgespürt werden. Während zunächst eine Antwort auf die Frage gefunden werden muss, weshalb und inwiefern die DDR ein antizionistischer Staat war, ist im Anschluss daran zu untersuchen, weshalb und inwieweit sich der jedenfalls in der öffentlichen Debatte tabuisierte klassische Antisemitismus in einer ausdrücklichen Feindschaft gegen Israel wiederfinden konnte (vgl. Voigt 2008). Ziel der folgenden Ausführungen ist es also nicht, etwaige antisemitische und antizionistische Tendenzen innerhalb der Bevölkerung oder Versäumnisse im historischen und gesellschaftlichen Umgang mit dem millionenfachen Mord an den europäischen Juden aufzudecken. Wohl aber soll dargestellt werden, dass die DDR ein Land war, in dem sich aus politischen und ideologischen Gründen etwas herausbilden konnte, das als "antisemitischer Antizionismus" (Haury 2016: 11) bezeichnet werden muss.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Definition - Antisemitischer Antizionismus
2 Strukturelle Nähe - Marxismus-Leninismus und Antisemitismus
3 Ebenen eines Nichtverhältnisses - Der Antizionismus der DDR
3.1 Geopolitischer Pragmatismus
3.2 Anerkennung und Legitimation
4 Antisemitischer Antizionismus in der DDR
4.1 Die antizionistischen "Säuberungen" von 1952/53
4.2 Zwischen Schuldabwehr und Propaganda
Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den vermeintlichen Widerspruch zwischen dem offiziellen Antifaschismus der DDR und der gleichzeitigen Verbreitung antisemitischer Stereotype im Rahmen der antizionistischen Staatsdoktrin. Das primäre Ziel ist es, aufzuzeigen, wie politisch motivierte Israelfeindschaft in ein antisemitisches Weltbild überging, um die eigene NS-Vergangenheit abzuwehren und eine neue Staatslegitimation aufzubauen.
- Strukturelle ideologische Nähe von Marxismus-Leninismus und Antisemitismus
- Geopolitischer Pragmatismus und außenpolitische Bindung der DDR an die Sowjetunion
- Die antizionistischen "Säuberungen" der Jahre 1952/53 im Inland
- Antisemitische Propaganda in den Medien am Beispiel des "Feuerdrachen Zion"
- Instrumentalisierung des Nahostkonflikts zur Schuldabwehr und NS-Relativierung
Auszug aus dem Buch
4.1 Die antizionistischen "Säuberungen" von 1952/53
Antisemitische Tendenzen im Antizionismus der DDR-Staatsführung zeigten sich zum ersten Mal offen vor dem Hintergrund der so genannten "Parteisäuberungen" der Jahre 1952 und 1953.
Mit seinen antizionistischen Verfolgungen, die bereits 1948 begonnen hatten und ihren Höhepunkt nach der Aufdeckung einer angeblichen jüdischen Ärzteverschwörung erreichten, hatte Stalin einen Kurs vorgegeben, der den seit Jahren andauernden ostblockweiten Repressalien einen offen antisemitischen Anstrich verlieh. Waren es auch immer wieder andere Gruppierungen, deren gesellschaftliche oder politische Eigenständigkeit in repressiven Phasen aufgelöst werden sollte (vgl. Haury 2016: 17), richteten sich die Säuberungswellen von 1952/53 explizit gegen Zionisten und jene, die man dafür hielt. Das bekannteste Beispiel stellte der Schau-Prozess gegen den ehemaligen KP-Generalsekretär Rudolf Slánský in Prag dar, dem zionistisch-imperialistische Spionage vorgeworfen wurde (vgl. Haury 2016: 16). Wie im Kapitel 3.1. gezeigt wurde, hingen die antizionistischen Verfolgungen mit Stalins Interessenwandel im Nahen Osten und seinen Unterwanderungsängsten durch Zionisten zusammen, die sich aus der West-Orientierung Israels und der Begeisterung vieler russischer Juden für den jungen jüdischen Staat ableiteten.
Die SED, die der sowjetischen KPdSU als "Partei neuen Typs" nacheiferte und jedweden Dissens in den eigenen Reihen bekämpfte (vgl. Voigt 2008), folgte den ostblockweiten Vorgaben. Bereits seit 1948 hatte die Partei in immer schärferer marxistisch-leninistischer Form eine dichotome Weltsicht propagiert, der zufolge "ehrliche Völker" von einem verschwörerischen "Weltimperialismus" angegriffen werden, wobei insbesondere das deutsche Volk in seiner Existenz von einem "internationalen Finanzkapital" bedroht sei (zit. n. Haury 2016: 21). Im Zusammenhang mit Moskaus Unterwanderungshysterie und ihren eigenen Machtansprüchen rief die SED nun zur "revolutionäre[n] Wachsamkeit" (Dokumente III 1952: 102) gegenüber "Saboteuren" (Dokumente III 1952: 744), "Schädlingen" (Dokumente 1951: 196), "Volksfeinden" (Dokumente 1951: 196), "feindlichen und entarteten Elementen" (Dokumente 1951: 85) auf, die es zu entlarven und zu bekämpfen galt.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Thematik der DDR-Israelfeindschaft und die Problemstellung des antisemitischen Antizionismus im Kontext des Antifaschismus.
1 Definition - Antisemitischer Antizionismus: Klärung der Begrifflichkeiten und Abgrenzung zwischen Antizionismus und Antisemitismus unter Berücksichtigung ideologischer Schwachstellen.
2 Strukturelle Nähe - Marxismus-Leninismus und Antisemitismus: Analyse der ideologischen Schnittmengen zwischen marxistisch-leninistischer Dichotomie und antisemitischen Feindbildern.
3 Ebenen eines Nichtverhältnisses - Der Antizionismus der DDR: Untersuchung der geopolitischen Zwänge und des Strebens nach staatlicher Anerkennung als Hauptmotivatoren der DDR-Politik.
3.1 Geopolitischer Pragmatismus: Darstellung der Unterordnung unter sowjetische Vorgaben im Kontext des Kalten Krieges und der Blockbildung.
3.2 Anerkennung und Legitimation: Erörterung der DDR-Strategie, durch Israelfeindschaft eine eigene, schuldfreie Identität und internationale Anerkennung zu erzwingen.
4 Antisemitischer Antizionismus in der DDR: Zusammenführung der Analysen zur Entlarvung der antisemitischen Instrumentalisierung in der DDR-Außenpolitik.
4.1 Die antizionistischen "Säuberungen" von 1952/53: Detaillierte Betrachtung der stalinistisch inspirierten Schauprozesse und Säuberungswellen gegen vermeintliche zionistische Feinde.
4.2 Zwischen Schuldabwehr und Propaganda: Untersuchung der medialen Hetze und der psychologischen Mechanismen der Schuldfreiheit durch Opfer-Täter-Umkehr.
Schlüsselwörter
DDR, Antizionismus, Antisemitismus, Marxismus-Leninismus, Israel, SED, Shoah, Antifaschismus, Ideologie, Kalter Krieg, Schuldabwehr, Staatslegitimation, Zionismus, Propaganda, Paul Merker
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die antizionistische Staatsdoktrin der DDR und analysiert, wie diese mit antisemitischen Stereotypen aufgeladen wurde, obwohl der Staat sich offiziell als antifaschistisch definierte.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Ideologie des Marxismus-Leninismus, der sowjetischen Außenpolitik, dem Prozess der deutschen Vergangenheitsbewältigung (bzw. deren Vermeidung) und der instrumentellen Nutzung von Israelbildern.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie und warum die DDR ihren Antizionismus zur moralischen Selbstentlastung von der nationalsozialistischen Vergangenheit und zur politischen Legitimation gegenüber der BRD nutzte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine politikwissenschaftliche und historische Analyse, die auf einer Auswertung von Dokumenten, Parteibeschlüssen, zeitgenössischen Medienberichten und der Fachliteratur basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung ideologischer Nähe von Marxismus und Antisemitismus, die Analyse geopolitischer und innenpolitischer Motive der DDR sowie die Untersuchung konkreter Säuberungswellen und der medialen Propaganda gegen Israel.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich vor allem mit den Begriffen DDR, Antizionismus, Antisemitismus, SED, Shoah-Verdrängung und ideologische Legitimation beschreiben.
Warum war der Antizionismus in der DDR nicht nur eine politische Haltung?
Weil er im Verlauf der Zeit explizit auf antisemitische Feindbilder zurückgriff, um durch eine moralische Relativierung der NS-Verbrechen eine eigene, "saubere" nationale Identität aufzubauen.
Welche Rolle spielte Paul Merker in diesem Zusammenhang?
Paul Merker wurde zum prominenten Opfer der Säuberungen 1952/53, da er sich für eine Wiedergutmachung an Juden aussprach und somit den Legitimationsanspruch der DDR als rein antifaschistischer Staat durchkreuzte.
Was bedeutet "sekundärer Antisemitismus" im Kontext der DDR?
Es ist ein spezifisch deutscher Mechanismus, bei dem durch Schuldabwehr nach dem Holocaust das Verhältnis von Opfern und Tätern umgekehrt wird, um die eigene psychische Last der NS-Vergangenheit zu erleichtern.
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- Dominik Jesse (Author), 2017, Vom kleinen Feuerdrachen Zion. Antisemitischer Antizionismus in der DDR, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/358686