Ein Sumpf zieht am Gebirge hin,
Verpestet alles schon Errungene
Den faulen Pfuhl auch abzuziehn,
Das letzte wär das Höchsterrungene;
Diese Worte eröffnen die - literaturwissenschaftlich äußerst kontrovers diskutierte - letzte Rede Fausts vor seinem Ableben, welche, eben weil sie die letzten Ausführungen eines zeitlebens nach Erfahrung, Genuss und letztlich Macht strebenden Gelehrten markiert, besonderer Aufmerksamkeit bedarf. Als Schlusswort eines Menschheitsdramas, welches heut als das zentrale Werk der deutschen Dichtung gehandelt und zugleich in den Kanon der Weltliteratur eingeordnet wird, scheint ein stark akzentuierendes, ja möglicherweise programmatisches Fazit mehr als plausibel. Doch beanspruchte Goethe mit jenen letzten Worten tatsächlich ein visionäres Zukunftsbild, ja eine Ideologie als realisierbare Gesellschaftstheorie zu erschaffen? Zumindest ist dies eine weit verbreitete Auffassung! Noch heut wird der ‚Schlussmonolog’ an vielen Schulen Deutschlands als „Vision einer künftigen Gesellschaft“ behandelt. In der DDR beispielsweise wurde der ‚Monolog’ mehrfach politisch instrumentalisiert und nicht selten als Goethes Prophezeiung einer sozialistischen Gesellschaftsordnung dargestellt.
Doch kann Fausts letzte Rede unter Berücksichtigung des szenischen Kontextes diesem Anspruch überhaupt gerecht werden, sind die letzten Worte Fausts bei diesen Deutungen überhaupt als Teil des Ganzen beachtet? Wird bei diesen Deutungen nicht vielmehr der Inhalt des Monologes gegen die szenische Darstellung isoliert, die Rede quasi separat, inhaltlich autark und somit inadäquat gedeutet? Neue Literaturwissenschaftler gehen jedenfalls von letzterem aus. Demgemäß ist ein komplett neues, alten Deutungen oft gänzlich entgegengesetztes Bild des fünften Aktes geschaffen. Auch wenn dieses neuartige Verständnis die öffentliche, ‚populärwissenschaftliche’ Leserschaft bisher nur sporadisch berührt, so ist es doch in Fachkreisen heute nahezu etabliert.
Unter der zentralen Fragestellung: ‚Inwiefern kann das Erfahrungs-, Genuss- und später auch Machtstreben Fausts die im ‚Schlussmonolog’ angedeutete Sättigung erfahren?’, wird Fausts Entwicklung durch die Analyse seines stetig anwachsenden Machthungers im fünften Akt dargestellt. Dabei wird aufgezeigt, dass Goethe die Figur Faust bewusst als amoralischen Wert konstituiert und somit die Gültigkeit des im ‚Endmonolog’ inhaltlich Dargestellten mittels grotesker Verzerrung weitgehend relativiert.
Inhaltsverzeichnis
1 Ein Wort zum Beginn
1.1 Der ‚Schlussmonolog’ im wissenschaftlichen Disput
1.2 Grundriss der Untersuchung
1.3 Erste Deutung
2 Faust als negativer Wert
2.1 Philemon und Baucis contra Faust – Aufeinandertreffen zweier Welten
2.2 Zerstörung der alten Ordnung in divergenter Bewertung
3 Fausts idealistische Perspektive
3.1 Die Erblindung
3.2 ‚Endmonolog’
3.2.1 Szenischer Kontext
3.2.2 Inhalt und Deutung
3.2.2.1 Gefahren der Naturgewalten
3.2.2.2 Fausts Hinwendung zum „höchsten Augenblick“
4 Fazit
4.1 Fausts Hochgefühl in der Relation
4.2 Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht kritisch den „Schlussmonolog“ in Goethes „Faust II“. Ziel ist es, unter der Leitfrage, inwieweit das Erfahrungs-, Genuss- und Machtstreben Fausts eine Sättigung erfährt, den Charakter Fausts im fünften Akt zu analysieren. Dabei wird hinterfragt, ob Goethes Werk als visionäres Zukunftsbild oder vielmehr als polemische Kulturkritik an der aufkommenden kapitalistischen Gesellschaftsordnung zu verstehen ist.
- Analyse von Fausts zunehmendem Machthunger und dessen negativer Konnotation im fünften Akt.
- Gegenüberstellung von Fausts idealistischer, entfremdeter Perspektive und der „begrenzten Idylle“ von Philemon und Baucis.
- Untersuchung der moralischen Legitimation von Fausts Handeln und seiner bewussten Immunisierung gegen Verantwortung.
- Deutung der physischen Erblindung Fausts als notwendige Konsequenz seines Realitätsverlustes.
- Einordnung des „höchsten Augenblicks“ als subjektives, trügerisches Empfinden.
Auszug aus dem Buch
Faust als negativer Wert
Die Szene Offene Gegend steht der Szene Palast antagonistisch entgegen; es treffen in ihnen zwei komplett differenzierte Geisteshaltungen aufeinander. Auf der einen Seite steht das der römischen Mythologie entstammende Ehepaar Philemon und Baucis, welches eine Art Gesinnung der Genügsamkeit, der begrenzten Idylle als Glück repräsentiert, auf der anderen Seite steht Faust, der, von seiner anwachsenden politischen Einflussnahme unbeeindruckt, langsam eine Art Omnipotenzstreben entwickelt.
So hat Goethe menschliche Grundhaltungen einander gegenübergestellt, Grundhaltungen einer alten, untergehenden Welt und einer mit Macht heraufkommenden modernen, die sich in Faust und Mephisto verkörpert.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Ein Wort zum Beginn: Das Kapitel führt in die wissenschaftliche Kontroverse um den „Schlussmonolog“ ein und hinterfragt dessen traditionelle Deutung als programmatisches Zukunftsbild.
2 Faust als negativer Wert: Hier wird Faust durch den Kontrast zum Ehepaar Philemon und Baucis als destruktiver Egozentriker gezeichnet, dessen Streben die alte, naturverbundene Ordnung vernichtet.
3 Fausts idealistische Perspektive: Dieses Kapitel analysiert Fausts Erblindung als notwendige Folge seines Realitätsverlustes und deutet den „Endmonolog“ als idealistisches Konstrukt.
4 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Fausts „höchster Augenblick“ kein moralisch verdienter Lohn ist, sondern ein drastisches Fehlurteil, das Goethes kritische Haltung zur gesellschaftlichen Entwicklung widerspiegelt.
Schlüsselwörter
Goethe, Faust II, Schlussmonolog, Philemon und Baucis, Machtstreben, Ideologie, Kulturkritik, Kapitalismus, Erblindung, Realitätsverlust, Unendlichkeit, Idealismus, Moral, Irrtum, Streben.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich kritisch mit Fausts „Schlussmonolog“ in Goethes „Faust II“ und hinterfragt die traditionelle, oft idealisierende Interpretation dieser letzten Rede.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind Fausts Machtstreben, die Gegenüberstellung von althergebrachter Genügsamkeit und moderner Fortschrittsgesellschaft sowie die Frage nach der moralischen Legitimation von Fausts Handeln.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Es soll untersucht werden, ob Fausts Entwicklung im fünften Akt und der von ihm beanspruchte „höchste Augenblick“ als tatsächliche Sättigung seines Strebens zu werten sind oder ob Goethe hier eine subtile Kritik übt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung basiert auf einer literaturwissenschaftlichen Analyse des Dramentextes, unter Einbeziehung des szenischen Kontextes und relevanter Forschungsliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert Fausts Verhalten gegenüber Philemon und Baucis, die Bedeutung der physischen Erblindung für Fausts Realitätsbezug und die inhaltliche Dekonstruktion seines „Endmonologs“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Kulturkritik, Idealismus, moralische Ambivalenz, Machtstreben und Realitätsverlust charakterisieren.
Welche Rolle spielt die Szene „Offene Gegend“ für die Argumentation?
Sie dient als antagonistischer Kontrastpunkt zur Szene „Palast“, um Fausts destruktives Omnipotenzstreben gegenüber der begrenzten, aber glücklichen Lebensweise von Philemon und Baucis zu verdeutlichen.
Warum wird Fausts Erblindung im Text als kritischer Wendepunkt gewertet?
Die Erblindung markiert das Ende von Fausts visuellem Realitätsbezug und schließt ihn in einer reinen, subjektiven Geistigkeit ein, wodurch er erst zum Idealisten wird, der die Realität nicht mehr erfassen kann.
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- Michael Steinmetz (Author), 2004, Die Relativierung des "höchsten Augenblicks" in Goethes "Faust 2", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/35875