Geriatrische Notfallversorgung in den Notaufnahmen der Stadt Berlin

Herausforderung aufgrund des Krankenhausplans 2016


Hausarbeit, 2015
35 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Abkürzungsverzeichnis

II Abbildungsverzeichnis

III Tabellenverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Thematische Hinführung
1.2 Zielsetzung und Fragestellung
1.3 Beschreibung der Vorgehensweise
1.4 Verwendete Methodik

2 Notfallmedizinische Begriffe
2.1 Definition des Notfalls
2.2 Definition der Notfallmedizin
2.3 Definition der Notaufnahme
2.4 Definition der Notfall-Triage
2.5 Notfall-Triage-Systeme in deutschen Notaufnahmen
2.5.1 Emergency Severity Index
2.5.2 Manchester Triage System

3 Bergriffe aus dem Kontext Geriatrie
3.1 Definition der Geriatrie
3.2 Definition des geriatrischen Patienten
3.3 Versorgungsformen Geriatrie
3.4 Geriatrische Screening- und Assessmentverfahren

4 Soziodemographische Entwicklung
4.1 Soziodemographische Entwicklung in Deutschland
4.2 Soziodemographische Entwicklung in Berlin

5 Notfallmedizinische Versorgung in Berlin
5.1 Klinische Notfallmedizin und Notfallkrankenhäuser in Berlin
5.2 Inanspruchnahme der Notaufnahmen in Berlin
5.3 Wachsende Inanspruchnahme geriatrischer Patienten in den Notaufnahmen

6 Handlungsbedarf stationäre geriatrische Notfallversorgung
6.1 Verfügbarkeit geriatrisch qualifizierter Mediziner
6.2 Potenzielles Konfliktfeld Geriatrie und Notfallmedizin
6.3 Herausforderung geriatrische Patienten in Notaufnahme
6.4 Anpassungsmaßnahmen für geriatrisch ausgerichtete Notfallaufnahmen
6.6 Kritik etablierter Triage-Systeme für geriatrische Patienten

7 Geriatrische Screening-Instrumente in Notaufnahmen
7.1 Identification of Seniors at Risk
7.2 Triage Risk Screening Tool (TRST)
7.3 Der Silvercode
7.4 InterRAI Emergency Screener
7.5 Weitere Screening-Instrumente
7.6 ISAR-Screening als Konsens der geriatrischen Fachgesellschaften

8 Zusammenfassung, Diskussion und Ausblick

IV Literaturverzeichnis

I Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

II Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Manchester Triage System

Abbildung 2: Identification of Seniors at Risk

III Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Struktur der Notfallmedizin in Berlin

Tabelle 2: Abgrenzungskriterien der Geriatrie

Tabelle 3: Geriatrisch qualifizierte Ärztinnen und Ärzte in Deutschland

1 Einleitung

Die adäquate medizinische Behandlung und Versorgung einer zunehmend älteren Bevölkerung stellt einen medizinisch wichtigen Auftrag und zeitgleich eine bedeutende gesellschaftliche Herausforderung dar.

1.1 Thematische Hinführung

In den Industriestaaten lässt sich eine deutliche Zunahme der Konsultationen in den Notaufnahmen in den vergangenen Jahren feststellen. Insbesondere die städtischen Ballungsräume sind von dieser Tendenz geprägt. Dabei ist insbesondere der Anteil notfälliger Aufnahmen bezogen auf die gesamte Zahl stationärer Fälle von 33,7 Prozent im Jahr 2005 auf 41,5 Prozent in 2012 gestiegen. [vgl. Deutsches Ärzteblatt, 2014].

Wie darzustellen sein wird, arbeitet die stationäre Notfallmedizin unter besonderen Rahmenbedingungen, die zwar von Interdisziplinarität geprägt, aber im Besonderen durch begrenzte Mittel (Zeitmanagement, Finanzierungslücken) und der Notwendigkeit zur Priorisierung gekennzeichnet ist [vgl. Deutsches Ärzteblatt, 2015].

Die Stadt Berlin stellt einen urbanen Ballungsraum dar, deren Notaufnahmen insbesondere auch die Versorgung altersmedizinischer Patienten gewährleistet. Der neu zu verabschiedende Krankenhausplan 2016 fordert die Implementierung geriatrischer Expertise in den Notaufnahmen der Stadt. Insofern handelt es sich bei der thematischen Fokussierung auf die geriatrische Notfallversorgung in Berlin um ein hochaktuelles gesundheitspolitische Problematik mit zeitgleich vielfältigen offenen Fragen.

Im Rahmen des 15. Kardiologie Symposiums am 16.01.2015 wurde in einer gesundheitspolitischen Diskussion die notfallmedizinische Versorgung geriatrischer Patienten in Berlin interdisziplinär diskutiert [vgl. Bach et al., 2015]. Es wurde insbesondere mit Hinblick auf die anstehende Verabschiedung des Berliner Krankenhausplans 2016 mit zunehmenden Anforderungen an bislang fehlende Konzepte für geriatrische Patienten diskutiert, inwieweit Notaufnahmen die Identifikation geriatrischer Patienten und die Einbringung geriatrischer Expertise in Notaufnahmen implementieren können.

1.2 Zielsetzung und Fragestellung

In dieser Arbeit soll die Leistungserbringung und Inanspruchnahme der Berliner Not-aufnahmen im Kontext des demographischen Wandels dargestellt und die kapazitätsbezogenen und fachlichen Anforderungen bezogen auf geriatrische Patienten beleuchtet werden. Bezogen auf die Anforderungen durch den neuen Krankenhausplan 2016 soll auf mögliche Screening-Verfahren für geriatrische und kognitiv beein-trächtigte Patienten eingegangen werden. Diskutiert werden soll abschließend die Frage inwieweit spezifischen geriatrischen Bedarfen aufgrund von Notaufnahme-Screenings entsprochen werden kann. Der Fokus auf geriatrische Patienten ergibt sich aus der Besonderheit dieser Hochrisikogruppe im Kontext der Notfallmedizin und deren hohen Anteil am Notfallaufkommen.

Die Eingrenzung der Thematik auf die Stadt Berlin ergibt sich aufgrund der Aktualität der Thematik im Kontext des neuen Berliner Krankenhausplans, der explizit einen Handlungsbedarf bzw. Konzepte fordert [vgl. Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales Berlin, 2014a, S. 11].

Die Arbeit zielt auf die Erhebung einer Bestandsaufnahme zur Integration geriatrischer Kompetenz in Notaufnahmen ab, um Ansatzpunkte für mögliche Implementierungen aufzuzeigen.

1.3 Beschreibung der Vorgehensweise

In der vorliegenden Arbeit sollen zunächst die relevanten und grundlegenden Begrifflichkeiten aus dem Kontext Notfallmedizin (Kapitel 3) und Altersmedizin (Kapitel 4) definiert werden. Für die Notfallmedizin soll insbesondere auf die ver-wendete Ersteinschätzungssysteme bzw. Notfall-Triage eingegangen werden, für die Altersmedizin wird auf dort verwendete Assessmentverfahren fokussiert.

Nach Schilderung der soziodemographischen Auswirkungen des demographischen Wandels in Deutschland und Berlin (Kapitel 5) werden in Kapitel 6 die stationäre notfallmedizinische Versorgung und die Notfall-Inanspruchnahme in Berlin thematisiert.

Das Kapitel 7 betrachtet notwendige Handlungsbedarfe in Notaufnahmen für die Bedarfe altersmedizinischer Patienten, hierbei wird insbesondere auf die Anforderungen des Krankenhausplans Berlin und Limitationen der Notfall-Triage-Systeme eingegangen. In Kapitel 8 wird der Einsatz spezifischer Screeningverfahren als Instrument zur Begegnung der Herausforderungen aufgeführt.

In Kapitel 9 werden die Inhalte der Arbeit mit Hinblick auf die Fragestellung nochmals fokussiert dargestellt und kritisch diskutiert.

1.4 Verwendete Methodik

Die vorliegende Arbeit ist als theoretische Arbeit konzipiert. Hierbei soll aufgrund einer Analyse der aktuellen wissenschaftlichen Daten das Thema geriatrische Notfall-versorgung in Berlin betrachtet werden. Dabei soll der Kontext der Integration geriatrischer Kompetenz in der stationären Notfallversorgung in Berlin dargestellt werden.

Nach Definition relevanter Begriffe aus der Notfallmedizin einerseits und der Altersmedizin andererseits soll aufgrund eingehender Literaturrecherche und –analyse der aktuelle wissenschaftliche Stand zum Thema geriatrische Notfallversorgung in Deutschland dargestellt werden.

Bei der durchzuführenden Literaturanalyse sollen vor dem Hintergrund der Fokussierung auf den städtischen Ballungsraum Berlin zunächst nur die deutschsprachige Literatur zu den Stichworten „Notfallversorgung“, „Notfall-aufnahme“, „Rettungsstelle“, „geriatrisch“, „Geriater“, „alte Patienten“, „geriatrisches Screening“, „geriatrisches Assessment“ sowie „Triage“ und „Notfall-Triage“ verwendet werden. Zur Eingrenzung auf eine hinreichend aktuelle Datenbasis sollen Publikationen der Jahre 2010 bis 2015 berücksichtigt werden.

Aufgrund der thematischen Zuordnung sollen als relevante Quellen die Publikations-organe „Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie“, „Notfall + Rettungsmedizin“ sowie das „Deutsches Ärzteblatt“ und das „Berliner Ärzteblatt“ herangezogen werden. Zusätzlich sollen als Literaturquellen Stellungsnahmen durch die „Deutsche Gesellschaft für Geriatrie“ (DGG), die „Deutsche Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie“ (DGGG) sowie den „Bundesverband Geriatrie“ (BVG) und der „Deutschen Gesellschaft Interdisziplinäre Notfallaufnahme“ (DGINA) berücksichtigt werden.

Relevante statistische Informationen sollen vom Statistischen Bundesamt sowie dem Amt für Statistik Berlin-Brandenburg bezogen werden, um insbesondere die zum jetzigen Zeitpunkt abzuschätzenden künftigen Bedarfe an geriatrischer Kompetenz in den Berliner Notfallaufnahmen abzuleiten. Bei nicht hinreichender Aussagekraft kann die Literaturrecherche bedarfsweise adaptiert werden, insbesondere Primärquellen und englischsprachige Literatur hinzugezogen werden.

2 Notfallmedizinische Begriffe

Im Kontext der Notfallmedizin sollen die Begriff Notfall, Notfallmedizin und Notaufnahme definiert werden. Anschließend soll die Notwendigkeit zur Priorisierung und Notfall-Triage kurz skizziert werden.

2.1 Definition des Notfalls

Dem medizinischen Begriff „Notfall“ wird als relevante Eigenschaft die Elementar-gefährdung eines Patienten zugeschrieben. Ohne sofortige Hilfeleistung sind erhebliche gesundheitliche Schäden oder der Tod des Patienten zu befürchten.“ [vgl. Reiche, 2003]. In einem juristischen Sinne wird der „medizinische Notfall“ angenommen „sowohl bei akuter Lebensgefahr als auch bei der Gefahr schwerer Gesundheitsschäden, falls nicht unverzüglich die erforderliche medizinische Versorgung erfolgt“ [Killinger, 2009, S. 42]. Medizinisch ist also die Detektion der potenziellen Gefährdung entscheidend.

2.2 Definition der Notfallmedizin

Im Sinne der Weiterbildungsordnung der Ärztekammer Berlin wird unter Notfallmedizin die Erkennung drohender oder eingetretener Notfallsituationen und die Behandlung von Notfällen sowie die Wiederherstellung und Aufrechterhaltung akut bedrohter Vitalfunktionen zusammengefasst. Das Tätigkeitsfeld der Notfallmedizin umfasst präklinische und innerklinische Triage, Wiederbelebung, Erstuntersuchung und Management aller dringlichen und eiligen Notfälle bis zur Entlassung oder Übergabe an einen anderen Arzt oder Beschäftigten im Gesundheitswesen [vgl. Ärztekammer Berlin, 2014b]. Im Geltungsbereich der Ärztekammer Berlin sind notfallmedizinische Aspekte in vielen fachärztlichen Weiterbildungen als integrale Bestandteile definiert. Spezifisch existiert die Zusatzbezeichnung Notfallmedizin als Qualifikation in der prähospitalen notärztlichen Versorgung. Als Bundesweites Novum wurde in der Weiterbildungsordnung der Ärztekammer Berlin im Oktober 2014 die Zusatzbezeichnung „Akut- und Notfallmedizin“ als spezifische Kompetenz für die stationäre Notfallmedizin implementiert [vgl. Ärztekammer Berlin, 2014a, S. 2].

2.3 Definition der Notaufnahme

Die Notfall- und Akutmedizin wird in Deutschland durch in drei „Sektoren der Notfall- und Akutmedizin“ gewährleistet. In der präklinischen Notfallversorgung sind die Rettungsdienste tätig, die ambulante Akutmedizin wird durch die Kassenärztlichen Vereinigungen als Ärztlicher Bereitschaftsdienst organisiert. Die Krankenhäuser repräsentieren die stationäre Notfallversorgung [vgl. Arbeitskreis Interdisziplinäre Notaufnahmen und Notfallmedizin, 2011, S. 6]. Diese sektorale Zuordnung ist auch für Berlin gültig (siehe Tabelle 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Struktur der Notfallmedizin in Berlin [Arbeitskreis Interdisziplinäre Notaufnahmen und Notfallmedizin, 2011, S. 6]

Bezogen auf die stationäre Notfallversorgung wird die Notaufnahme durch das Landes-krankenhausgesetz in Berlin definiert, welches insbesondere eine zentrale, inter-disziplinäre und eigenständige Abteilung fordert [vgl. Senatsverwaltung für Justiz und Verbraucherschutz, 2011].-In Berlin ist für dien Begriff Notaufnahme die Bezeichnung „Rettungsstelle“, gelegentlich auch „Erste Hilfe“ üblich [vgl. Sobotta, 2007]. Die zentrale Aufgabe der Notaufnahme liegt in der Versorgung akutmedizinisch erkrankter Patienten in einem nicht-selektierten Patientengut.

2.4 Definition der Notfall-Triage

Unter Notfall-Triage versteht man bezogen auf die Situation der Notaufnahme die methodische Umsetzung zur zeitnahen Beurteilung der Schwere von Erkrankungen bzw. von Verletzungen bei Notfallpatienten. Sie dient der raschen und zuverlässigen Kategorisierung, Priorisierung der Behandlung sowie Zuordnung zum geeigneten Behandlungsort [vgl. Fernandez et al., 2005]. Die Notwendigkeit zur Notfall-Triage ergibt sich aus der Situation begrenzter Ressourcen der Notaufnahmen im Sinne von finanzieller Ausstattung, personelle Besetzung, kapazitäre Aspekte bei diagnostischen Leistungen und Limitationen der Bettenkapazität. Dies steht vor dem Problem zum Teil überfüllter Notaufnahmen („Crowding“) und macht Festlegungen von Behandlungs-reihenfolgen unabdingbar [vgl. Christ et al., 2010]. Unter dem Aspekt der Festlegungen der Behandlungsdringlichkeit im Sinne einer Ersteinschätzung existieren mehrere validierte Instrumente für das Notaufnahmesetting. Diese sollen nachfolgend beschrieben werden.

2.5 Notfall-Triage-Systeme in deutschen Notaufnahmen

Die sogenannten 5-stufigen Systeme (fünf Dringlichkeitsstufen) weisen in Studien die höchste Zuverlässigkeit auf. Zu diesen gehören die Australasian Triage Scale (ATS), die Canadian Triage and Acuity Scale (CTAS), das Manchester Triage System (MTS) sowie der Emergency Severity Index (ESI). Bei den letzteren existiert eine deutsche Version. Nur auf diese soll hier eingegangen werden. Die bannten Instrumente sind für erwachsene Patienten implementiert, haben jedoch keine spezifische geriatrische Ausrichtung [vgl. Christ et al., 2010].

2.5.1 Emergency Severity Index

Der ESI mit seiner aktuellen Version aus dem Jahr 2005 dient als validiertes Instrument zur Festlegung der Behandlungsdringlichkeit von Patienten bei Eintreffen in der Notaufnahme. Es besteht eine deutschsprachige Version sowie eine Anwendbarkeit in allen Altersstufen (Kinder und Erwachsene) und wird sowohl in der Durchführung durch Ärzte und Pflegekräfte als hoch reliabel angesehen. In den Einstufungen ESI 1 und ESI 2 werden Patienten mit der Notwendigkeit zu sofortigen lebensrettenden Maßnahmen bzw. Hochrisikosituationen eingeordnet. Die Stufen ESI 3 bis ESI 5 definieren sich in absteigender Priorität nach der Anzahl der zu erwartenden verschiedenen diagnostischen und therapeutischen Ressourcen [vgl. Christ et al., 2010].

2.5.2 Manchester Triage System

Das MTS ist ebenfalls ein Instrument mit großer Verbreitung und gleicher Zweckbestimmung wie der ESI. Das aus Großbritannien stammende und seit 1996 publizierte System stellt als standardisiertes Instrument insbesondere auf eine zeitliche Priorisierung ab. Die Dringlichkeitsbewertung (Ersteinschätzung) erfolgt orientiert an Symptomen anhand definierter Präsentationsdiagrammen, die zu einer Priorisierung hinführen im Sinne eines systematischen und standardisierten Vorgehens.

Es werden dann – ähnlich dem ESI – 5 Kategorien gebildet (siehe Abbildung 1), die einer Farbkodierung zugeordnet sind: Kategorie Rot: Sofortige Behandlung! (ohne Zeitverlust) Kategorie Orange: Sehr dringende Behandlung! (binnen 10 Minuten); Kategorie Gelb: Dringende Behandlung! (innerhalb von 30 Minuten); Kategorie Grün: Normal (innerhalb von 90 Minuten); Kategorie Blau: Nicht dringend (Behandlung innerhalb vom 120 Minuten) [vgl. Christ et al., 2010].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Manchester Triage System [Deutsches Netzwerk Ersteinschätz-ung, 2013]

In den Rettungsstellen der Charité Universitätsmedizin Berlin wird das MTS ergänzt um zusätzliche Erhebung lebenswichtiger Parameter anhand der Vitalparameter Puls, Blutdruck, Atemfrequenz, Sauerstoffsättigung, Bewusstseinszustand und ggf. Körper-temperatur hinzugenommen [vgl. Charité Universitätsmedizin Berlin, 2015].

3 Bergriffe aus dem Kontext Geriatrie

Aus dem Gebiet der Altersmedizin soll auf die Begriffe Geriatrie, geriatrischer Patient, geriatrische Versorgungsformen sowie auf geriatrische Screening- und Assessment-verfahren eingegangen werden.

3.1 Definition der Geriatrie

Im Kontext der zunehmenden demographischen Alterung hat sich die Geriatrie als altersmedizinische Fachdisziplin herausgebildet. Die Sektion Geriatrische Medizin der Europäischen Union der medizinischen Spezialisten (UEMS) charakterisiert im Jahr 2008 im Sinne einer europäischen Konsensusdefinition Geriatrie als „die medizinische Spezialdisziplin, die sich mit physischen, psychischen, funktionellen und sozialen Aspekten bei der medizinischen Betreuung älterer Menschen befasst. Dazu gehört die Behandlung alter Patienten bei akuten Erkrankungen, chronischen Erkrankungen, präventiver Zielsetzung, (früh-) rehabilitativen Fragestellungen und speziellen, auch palliativen Fragestellungen am Lebensende“ [UEMS, 2008]. Dabei stellt Altersmedizin neben einem gewissen Altersspektrum auf typische bei älteren Menschen vorherrschende Erkrankungen ab, insbesondere auf sogenannte aktive Mehrfach-erkrankungen (Multimorbidität). I.d.R. sind die Patienten älter als 70 Jahre und profitieren ab dem 80 Lebensjahr von der geriatrischen Spezialdisziplin im Besonderen [vgl. UEMS, 2008; vgl. Raem et al. 2005, S. 77ff].

3.2 Definition des geriatrischen Patienten

Gemäß der gemeinsamen Definition geriatrischen Fachgesellschaften Deutsche Gesellschaft für Geriatrie (DGG), Deutsche Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie (DGGG) und Bundesverband Geriatrie (BVG) kann der geriatrische Patient in zwei Weisen definiert werden:

A. Vorliegen einer geriatrietypischen Multimorbidität bei zeitgleich bestehendem höheren Lebensalter (meist über 70 Jahre). Hierbei hat die geriatrietypische Multimorbidität Vorrang vor dem numerischen Alter.

B. Patient über 80 Jahre mit altersbezogen erhöhter Vulnerabilität bezüglich des Auftretens von gesundheitlichen Komplikationen, Folgeerkrankungen, Gefährdung für die Chronifizierung von Erkrankung und dem erhöhten Risiko des Verlustes der Autonomie mit Verschlechterung des Selbsthilfestatus [vgl. Sieber, 2007].

Gekennzeichnet ist der geriatrische Patient neben einem altersbezogenen Mehrfacherkrankungsstatus also insbesondere durch eine Vulnerabilität für den Verlust des Selbsthilfestatus. Hierbei spielt der bereits etablierte Begriff Gebrechlichkeit bzw. Frailty als Syndrom der Altersmedizin eine zentrale Rolle [vgl. Fried et al., 2001].

3.3 Versorgungsformen Geriatrie

Bezogen auf Art der medizinischen Behandlung in der stationären geriatrischen Versorgung wird Akutgeriatrie von der geriatrischen Rehabilitation abgegrenzt. Die Akutgeriatrie umfasst die geriatrische Akutbehandlung und die geriatrische Früh-rehabilitation. Eine dezidierte Abgrenzung der geriatrischen Behandlung zeigt die Tabelle 2.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Abgrenzungskriterien der Geriatrie [Borchelt et al., 2003, S. 3]

Rehabilitative Behandlungsaspekte, die explizit auf die geriatrietypischen funktionellen Defizite abstellen, sind in der rehabilitativen Geriatrie (geriatrische Frührehabilitation und geriatrische Rehabilitation) integriert [vgl. Borchelt et al., 2003, S. 3]. Grund-lage ist hier ein multidimensionales Behandlungskonzept auf der Grundlage eines umfassenden Assessments.

3.4 Geriatrische Screening- und Assessmentverfahren

Die Geriatrie kennt Screening-Verfahren und Assessment-Instrumente (vgl. Thiem et al. 2010). Screening-Verfahren dienen der Detektion geriatrischer Patienten in einem umschrieben Zeitrahmen. Ein klassisches Verfahren ist das geriatrische Screening nach Lachs [1990]. Das Screening umfasst 15 Problembereiche bzw. Items, die im Rahmen einer strukturierten Anamneseerhebung innerhalb von ca. zehn Minuten erhoben werden können und die Notwendigkeit für eine umfangreichere Diagnostik anzeigen [vgl. Knauf, 2011] und insofern einem ausführlichen Assessment vorgeschaltet werden kann (2-stufiges Verfahren). Einzelne Instrumente dienen der Erkennung spezifischer Aspekte oder Erkrankungsmuster. Als Beispiel sei die Confusion Assessment Method [vgl. Lorenzl et al., 2012] zur Erkennung akuter Verwirrtheitszustände (Delir) benannt, die auch für die Notaufnahme Bedeutung bei dementen Patienten hat.

Neben den geriatrischen Screening-Verfahren existiert das sogenannte Geriatrische Basisassessment bzw. umfassendes geriatrisches Assessment. Dieses wurde von der Arbeitsgruppe Geriatrisches Assessment vorgeschlagen. Es umfasst die Kombination der nachfolgenden Verfahren und Instrumente: Geriatrisches Screening nach Lachs, Barthel-Index nach Mahoney & Barthel, Mini-Mental State Examination nach Folstein, Geriatrisches Depressionsskala nach Yesavage, Soziale Situation nach Nikolaus, Timed „Up & Go“ nach Podsiadlo & Richardson , Motilitätstest "Balance & Gait" nach Tinetti, Clock Completion Test nach Watson und Handkraft nach Philipps [vgl. AGAST, 1997].

An dieser Stelle sollen die Instrumente nicht detailliert erläutert werden, aber darauf verwiesen werden, dass es sich in der Kombination der Verfahren um einen ganzheitlichen diagnostischen Prozess handelt, der von mehreren Berufsgruppen (Ärzte, Physiotherapeuten, Pflegekräfte, Sozialarbeiter etc.) vorgenommen wird, um die individuellen Problemfelder eines geriatrischen Patienten aufzudecken und messbar zu machen. Es handelt sich um ein durchaus aufwändiges Verfahren mit einem Zeitansatz von 30-60 Minuten. Wichtig ist es zu benennen, dass eine auf der Basis eines geriatrischen Assessments durchgeführte multimodale, berufsgruppenübergreifende Behandlung gegenüber einer herkömmlichen Krankenhausbehandlung sowohl eine signifikante Reduktion der Mortalität binnen sechs Monaten nach Entlassung, als auch den Verbleib im eigenen häuslichen Rahmen nach zwölf Monaten nach stationärer Behandlung ermöglicht. Das geriatrische Assessment hat für den geriatrischen Patienten somit Einfluss auf Überleben und funktionellen Status bzw. selbstständiger Lebensführung, wie aufgrund eines Cochrane Reviews auf der Basis von 22 Studien und etwa 10.000 Patienten abgeleitet werden konnte [vgl. Ellis et al., 2011].

Vor dem Hintergrund des anzunehmenden hohen Bevölkerungsanteils geriatrischer Patienten stellt sich die Frage nach der Auswahl geeigneter Patienten gerade in der Situation der Notaufnahmen.

4 Soziodemographische Entwicklung

Nachfolgend soll auf Art und Umfang der notfallmedizinischen Behandlung mit dem Fokus auf die Situation in Berlin für altersmedizinische Patienten eingegangen werden.

4.1 Soziodemographische Entwicklung in Deutschland

Der mittlerweile etablierte Begriff der demographischen Alterung umfasst eine signifikante Steigerung des mittleren Lebensalters, insbesondere aber auch einen Anstieg des Anteils der älteren Bevölkerung. Gemäß Bevölkerungsprognosen wird die Altersgruppe der >65-Jährigen stieg von relativ 16,6 auf 20,7 Prozent bei Zunahme des Durchschnittsalters von 41 auf 43 Jahre bis in das Jahr 2030 ansteigen. Insbesondere die Gruppe der über 80-Jährigen stellt den am schnellsten wachsenden Anteil der deutschen Bevölkerung dar. Gerade in dieser Gruppe sind körperliche Einschränkungen und Behinderungen im Alltag sowie Hilfe- und Pflegebedarf häufig, so dass die Zahl von Patienten mit chronischen Erkrankungen und multimorbiden, geriatrischen weiter steigen wird [vgl. Nowossadek, 2012].

4.2 Soziodemographische Entwicklung in Berlin

Die demographische Entwicklung zeigt für Berlin als städtischen Ballungsraum eine zum Teil dramatische Alterung an. Insbesondere die älteste Bevölkerungsgruppe stellt den dynamischsten und am stärksten wachsenden Bevölkerungsanteil dar. Im Zuge dessen besteht die Notwendigkeit der Erhöhung der geriatrischen Bettenzahlen auf derzeit 1600. Im Berliner Osten und Norden bestehen derzeit noch besondere Mängel

Der Berliner Senat hat eine gemäß die „Bevölkerungsprognose für Berlin und die Bezirke“ mit dem zeitlichen Horizont bis 2030 als Arbeits- und Planungsgrundlage für die Fachverwaltungen und Bezirke sowie die zukünftige Stadtentwicklung Berlins festgelegt. Man geht im Zeitraum 2012 bis 2030 von einem Bevölkerungszuwachs von etwa 254.000 Personen (7,2 Prozent) aus. Dieser soll bis 2020 zu 70 Prozent erreicht sein. Insbesondere die Gruppe der Hochbetagten (80 Jahre und älter) wird sich im Prognosezeitraum überproportional um ca. 120.000 Menschen bzw. 80 Prozent vergrößern. Die getroffenen Annahmen werden im Krankenhausplan 2016 als valide angenommen [vgl. Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales Berlin, 2014a, S. 19-20; Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt Berlin, 2011, S. 3].

5 Notfallmedizinische Versorgung in Berlin

Gemäß der Einschätzung der Vorsitzenden der Berliner Krankenhausgesellschaft, Brit Ismer, hat die Berliner Kliniklandschaft in den vergangenen 20 Jahren relevante Anpassungen erfahren. Im Bundesvergleich weist Berlin mit 52 Krankenhausbetten je 10.000 Einwohner die zweitniedrigste Bettendichte bei zeitgleich zweitniedrigster Fallzahl je Einwohner auf. Auch der Case-Mix-Index liegt mit 1,22 an bundesweit zweiter Stelle, so dass auch eine hohe Produktivität vorliegt. Die Bettenauslastung liegt mit 82,3 Prozent sehr hoch und erreicht im Bereich der Geriatrie beinahe 100 Prozent [vgl. Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales, 2012].

5.1 Klinische Notfallmedizin und Notfallkrankenhäuser in Berlin

Von den 39 an der Berliner Notfallversorgung teilnehmenden Kliniken, sind mit nur einer Ausnahme interdisziplinär angelegt. Das Berliner Landeskrankenhausgesetz [vgl. Senatsverwaltung für Justiz und Verbraucherschutz, 2011] regelt in § 27 unter anderem die kapazitäre Vorhaltung der Fachdisziplinen, Betreibung einer geeigneten zentralen Anlaufstelle für Notfallpatientinnen und -patienten in den Notaufnahmen, Durchführung einer Ersteinschätzung und die Aufnahme von Patienten im Rahmen der vorhandenen Kapazitäten aufzunehmen. Im Berliner Krankenhausplan werden dabei die für die Notfallversorgung vorgesehenen Krankenhäuser als Aufnahmekrankenhäuser bezeichnet. Diese werden wieder unterteilt in 33 Notfallkrankenhäuser und sechs Notfallzentren. Notfallkrankenhäuser verfügen im Minimalfall über die Fachabteilung Innere Medizin und Chirurgie, zusätzlich werden alle für eine 24-Stunden-Notfallversorgung benötigen Fachabteilungen (Anästhesiologie, Radiologie, Labormedizin, Blutdepot, psychiatrische Beratung) verbindlich vorgehalten. Die Notfallzentren sind auf höhere Patientenzahlen sowie Gesundheitsprobleme mit höherem Schweregrad eingestellt. Hier werden über den Rahmen der Notfallkrankenhäuser hinaus zusätzliche personelle Ressourcen und organisatorische Rahmenbedingungen vorgehalten [vgl. Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales Berlin, 2011].

5.2 Inanspruchnahme der Notaufnahmen in Berlin

Nach Angaben des statistischen Bundesamtes wurde im Jahr 2012 ein Prozentsatz von 42% aller Krankenhauspatientinnen und –patienten (absolut 7,5 Millionen) als Notfall vollstationär in ein Krankenhaus aufgenommen. Zu den führenden Behandlungs-anlässen zählten Morbiditäten des Kreislaufsystems, Verletzungen und Vergiftungen. Gemäß Erhebungen aus 2011 werden in den deutschen Notaufnahmen etwa 22 Millionen Patienten pro Jahr behandelt. Bei den übrigen handelt es sich im Wesentlichen um reguläre ärztliche Einweisungen (absolut 9,2 Millionen). Daneben kommen mit jeweils 600.000 Fällen noch Geburten und Verlegungen zum Tragen [vgl. Schöpke & Plappert, 2011; vgl. Statistisches Bundesamt, 2014].

Betreffend die Inanspruchnahme kommt die Deutsche Krankenhausgesellschaft gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft Interdisziplinäre Notfallaufnahme (DGINA) zu dem Ergebnis, dass ein großer Teil der Notfall-Inanspruchnahmen nicht in den Notaufnahmen zu versorgen sei. Von den acht Millionen Notfallpatienten erhielten ca. 30 Prozent eine allgemeine Notfallbehandlung ohne Krankenhausbedürftigkeit, weitere 20 Prozent erhielten eine fachspezifische Notfallbehandlung, die nach Einschätzung der beiden Gesellschaften auch im vertragsärztlichen Bereich (z.B. ärztlicher Bereitschafts-dienst) erbracht werden kann. Zeitgleich werden die hohen Fallkosten der Notaufnahmen (120 EUR) in Relation zu den Erlösen je ambulantem Fall (32 EUR) beanstandet [vgl. Deutsches Ärzteblatt, 2015].

Die Behandlungszahlen weisen vergleichbar zu den bundesweiten Trends eine deutliche Zunahme der Inanspruchnahme von Notaufnahmen erkennen. Für die Charité Universitätsmedizin Berlin ließ sich 2007 - 2010 eine Steigerung 176.000 auf 207.000 jährliche Kontakte nachweisen, von denen wiederum ca. 40% einer Konversion in stationären Aufnahmen entsprechen [vgl. Arbeitskreis Interdisziplinäre Notaufnahmen und Notfallmedizin, 2011, S. 12-13]. Ein großes Problem stellen vor allem die wachsenden Fallzahlen dar. Im Zeitraum von 2008 bis 2012 ließ sich eine Steigerung der Fallzahlen der Notaufnahmen um 19 Prozent (auf absolut 1,2 Millionen Patienten) verzeichnen [vgl. Ärztezeitung, 2014].

[...]

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Geriatrische Notfallversorgung in den Notaufnahmen der Stadt Berlin
Untertitel
Herausforderung aufgrund des Krankenhausplans 2016
Hochschule
APOLLON Hochschule der Gesundheitswirtschaft in Bremen
Veranstaltung
Modul Versorgungsmanagement
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
35
Katalognummer
V358811
ISBN (eBook)
9783668437265
ISBN (Buch)
9783668437272
Dateigröße
978 KB
Sprache
Deutsch
Reihe
Aus der Reihe: e-fellows.net stipendiaten-wissen
Schlagworte
geriatrische, notfallversorgung, notaufnahmen, stadt, berlin, herausforderung, krankenhausplans
Arbeit zitieren
Dr. Manuel Anhold (Autor), 2015, Geriatrische Notfallversorgung in den Notaufnahmen der Stadt Berlin, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/358811

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