Der Verfall der "Buddenbrooks". War Tonys Vermählung mit Bendix Grünlich der Auslöser?


Hausarbeit, 2015

18 Seiten, Note: 1,7

Lisa F. (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begründung der Wahl für eine Untersuchung Tonys erster Ehe

3. Grünlichs Werbung um Tony
3.1 Erstes Treffen
3.2 Tonys Gefühle und Verhalten gegenüber Grünlich
3.3 Grünlichs schriftlicher Heiratsantrag
3.4 Grünlichs persönlicher Heiratsantrag

4. Tonys kurzweilige Liaison mit Morten Schwarzkopf
4.1 Erstes Treffen
4.2 Die Liaison
4.3 Beurteilung und Ausblick der Liaison

5. Tonys Rückbesinnung auf die Familientradition und ihre offizielle Verlobung mit Grünlich

6. Tonys Eheleben in Hamburg

7. Trennung von Grünlich

8. Beurteilung und Ausblick der Ehe

9. Fazit

10. Literaturverzeichnis
10.1 Primärliteratur
10.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung

„ Tom, Vater, Gro ß vater und die Anderen alle! Wo sind sie hin? Man sieht sie nicht mehr. Ach, es ist so hart und traurig! “ 1

Dies sind einige der letzten Worte, die Antonie Permaneder am Ende des elften und letzten Teils des Gesellschaftsromans „Buddenbrooks - Verfall einer Familie“ an ihre verbliebe- nen Verwandten richtet. Gemeinsam mit ihrer Tochter Erika, ihrer Enkelin Elisabeth und vier weiteren weiblichen Familienmitgliedern verabschiedet sich die weibliche Hauptfigur des Romans von ihrer Schwägerin Gerda, die im Herbst des Jahres 1877 nach dem Tod ih- res Gatten Thomas und des gemeinsamen Sohnes Hanno in ihre Heimatstadt Amsterdam zurückkehren möchte.

Thomas Manns Erfolgsroman aus dem Jahre 1901 erzählt die Geschichte der einst erfolg- reichen Kaufmannsfamilie Buddenbrook, die - wie der Untertitel bereits verrät - im Laufe der Zeit aufgrund verschiedener Faktoren verf ä llt. In insgesamt 42 Jahren erzählter Zeit werden sowohl persönliche als auch wirtschaftliche Aspekte des Verfalls ersichtlich, die zum Teil beeinflussbar, aber auch in einigen Fällen unvermeidbar sind. Unter die Gründe für den wirtschaftlichen Niedergang fallen vor allem finanzielle Verluste, die unter anderem aus schlechten Entscheidungen der Kaufmänner resultieren, aber auch die immer stärker werdende Konkurrenz und das Fehlen eines geeigneten männlichen Nachfolgers, der die Firma nach Thomas Buddenbrooks Tod leiten könnte. Zu den Grün- den für den persönlichen Verfall zählen unter anderem die stetig sinkende Anzahl an Ge- burten innerhalb der Familie, die geringere Lebensdauer der vor allem männlichen Famili- enmitglieder und die eher unglückliche Wahl der Ehepartner.

Genau dieser letzte Punkt, d.h. die erste Ehe der Tony Buddenbrook mit Bendix Grünlich, soll im Rahmen dieser Seminararbeit dargelegt und untersucht werden. Zu Beginn soll grundlegend erläutert werden, weshalb Tony und ihre erste Ehe überhaupt zum Untersu- chungsgegenstand dieser Seminararbeit gewählt wurden. Anschließend wird ihre Ehe chro- nologisch in den Blick genommen - angefangen bei Grünlichs Werbung um die älteste Tochter Jean Buddenbrooks, einschließlich seiner beiden Heiratsanträge, über Tonys kurze Liaison mit Morten Schwarzkopf, bis hin zu ihrem Eheleben in Hamburg und der schlus- sendlichen Trennung. Es wird sich dabei vor allem mit der Frage beschäftigt, in wie fern diese eheliche Verbindung am Verfall der Familie beteiligt ist, was die Partnerwahl über die Familie Buddenbrook aussagt und natürlich auch, in welcher Hinsicht und zu welchem Zeitpunkt der Untergang möglicherweise hätte verhindert oder entschleunigt werden kön- nen.

2. Begründung der Wahl für eine Untersuchung Tonys erster Ehe

Tony ist die älteste Tochter von Johann Buddenbrook dem Jüngeren und seiner Ehefrau Elisabeth. Sie ist eine zentrale Figur des Werkes, die die gesamte Romanhandlung um- klammert und dem Leser stets präsent bleibt, da ihr der Erzähler - im Gegensatz zu ande- ren Figuren wie beispielsweise ihrer jüngeren Schwester Clara - auch zu Aufenthaltsorten außerhalb Lübecks folgt und über sie berichtet. Ihre Bedeutung für die Familie Budden- brook und den gesamten Roman lässt sich an der Tatsache messen, dass „die Tony gewid- meten Teile etwa ein Drittel der Erzählung ein[nehmen].“2 Außerdem ist Tonys Ehe mit Grünlich die erste Vermählung eines Mitglieds der dritten Generation innerhalb der Familie Buddenbrook und dadurch möglicherweise von besonderer Relevanz hinsichtlich des Ver- falls. Eine nähere Betrachtung ihrer Person und ihrer ersten Ehe bieten sich aus diesen Gründen besonders gut an.

Tonys erster Gatte ist der Hamburger Geschäftsmann Bendix Grünlich, der im Juni des Jahres 1845 bei Jean und Bethsy um die Hand ihrer zu diesem Zeitpunkt 18-jährigen Toch- ter anhält. Fünf Jahre später wird die Ehe geschieden; 1857 heiratet Tony den Münchener Hopfenhändler Alois Permaneder, von dem sie sich zwei Jahre später ebenfalls trennt.

3. Grünlichs Werbung um Tony

3.1 Erstes Treffen

Als Bendix Grünlich eines Nachtmittags im Garten der Familie Buddenbrook erscheint, wird er von dem Erzähler relativ ausführlich beschrieben: „ein mittelgroßer Mann von etwa 32 Jahren in einem grüngelben, wolligen und langschößigen Anzug und grauen Zwirnhandschuhen […,] [s]ein Gesicht, unter dem hellblonden, spärlichen Haupthaar war rosig […]; neben dem einen Nasenflügel […] befand sich eine auffällige Warze […;] Kinn und Oberlippe glattrasiert […,] den Backenbart nach englischer Mode lang hinunterhän- gen[d]“ (TM 93). Diese rein äußerliche Beschreibung ist leicht negativ konnotiert und be- tont vor allem sein - in Hinblick auf die junge Tony - relativ fortgeschrittenes Alter. Zu diesem Zeitpunkt der Erzählung hat der Leser keinerlei Kenntnis darüber, dass es sich bei dem Hamburger Geschäftsmann um einen verschuldeten Betrüger handelt, der in der Hochzeit mit Tony nur finanzielle Vorteile sieht. Es gibt jedoch einige Indizien, an denen man seine falschen Absichten hätte erahnen können.

Grünlich ist sehr darum bemüht, sich bei der Familie Buddenbrook beliebt zu machen, schmeichelt ihr übermäßig, „lobt[...] die vornehme Anlage des Hauses, […] die ganze Stadt überhaupt, […] auch die Cigarre des Konsuls und [er] hatte für Jeden ein liebenswür- diges Wort“ (TM 95). Sein Verhalten wirkt sehr affektiert und gekünstelt, weswegen man beinahe behaupten darf, dass er „Jean die Rolle des christlichen Kaufmanns [...] [nur] über- zeugend vor[spielt.]“3 Lediglich Tony und ihren Bruder Christian kann Grünlich mit seiner aufgesetzten Art nicht überzeugen: Tony hat für ihn nur einen „kalten und musternden Blick“ übrig, wobei ihr „Ausdruck jeden Augenblick scheint, in Verachtung überzugehen“ (TM 94). Als sie ihre Abneigung äußert („'Ich finde ihn albern '“, „'er macht sich allzu wichtig'“ (TM 98)), stößt sie bei Jean und Bethsy nicht auf Verständnis - die Eltern miss- billigen ihre Haltung gegenüber diesem christlichen, so wohlerzogenen, weltläufigen, tüch- tigen, tätigen und fein gebildeten Mann (vgl. TM 98f.).

3.2 Tonys Gef ü hle und Verhalten gegen ü ber Gr ü nlich

Bei weiteren Treffen mit Grünlich versucht Tony nicht, ihre ablehnende Haltung ihm ge- genüber zu verbergen, sondern demonstriert sie ihm und ihrer Familie ganz offensichtlich. Sie bringt Grünlich ein „spöttische[s] und vollkommen unbarmherzige[s] Lächeln“ entge- gen, „mit dem ein junges Mädchen einen Mann mißt [ sic! ] und verwirft“ (TM 99), ver- sucht, „ein Wort […] [zu finden], das diesen Bendix Grünlich ein für allemal zurückschleu- derte, vernichtete“ (TM 99) und antwortet ihm „etwas recht spitzig Sarkastisches“ (TM 101). Ihr nahezu kindliches und unreifes Verhalten entspricht nicht den Konventionen der Zeit. Als Tochter eines erfolgreichen und angesehenen Geschäftsmannes ziemt es sich für sie, einen Mann zu heiraten, der der Firma mitunter Vorteile verschaffen und ihr Sozial- prestige fördern kann. Sich einem potentiellen Ehemann dermaßen taktlos und unfreund- lich gegenüber zu benehmen, ist verpönt und unreif. Anders als ihre Brüder Christian und Thomas „bleibt Tony, wie oft betont wird […], ein Kind.“4

Jean und Bethsy hätten die Gefühle ihrer Tochter für Grünlich zu diesem Zeitpunkt respek- tieren und sie nicht bloß ihrer Unreife und schlechten Urteilsfähigkeit zuschieben sollen.

Für die noch junge, hübsche und aus gutem Haus stammende Tony hätte es mit Sicherheit noch andere Bewerber gegeben, auf die die Eltern hätten warten können, bevor sie ihr zu einer Heirat mit einem Mann raten, „den sie nicht nur verachtet, sondern vor dem sie sich sogar ekelt.“5 Doch sie lassen sich von Grünlichs Getue blenden, sehen einzig und allein die Vorteile der Heirat und missachten die individuellen Wünsche und Gefühle ihrer ältes- ten Tochter.

3.3 Gr ü nlichs schriftlicher Heiratsantrag

Um Tonys Hand hält Grünlich circa eine Woche nach seiner Abreise aus Lübeck per Brief an. Jean konfrontiert seine Tochter mit dieser Werbung und fragt - eher pro forma - nach ihrer Zustimmung, woraufhin Tony, die den Antrag bereits befürchtete, sehr übellaunig und traurig reagiert („'Was will dieser Mensch von mir - ! Was habe ich ihm getan?' Worauf sie in Weinen ausbrach -“ (TM 102). Die Meinung ihrer Tochter ist Jean und Bethsy zwar wichtig, doch für ihre Entscheidung hinsichtlich einer arrangierten Ehe nicht maßgebend. Vielmehr versuchen sie, Tony zu ermuntern („'Du kannst sicher sein […], daß [ sic! ] deine Eltern nur dein Bestes im Auge haben'“ (TM 102) und ihr zu verdeutlichen, dass sie noch viel zu jung sei, um vernünftige Entscheidungen zu treffen und sich ihre Gefühle für Grün- lich noch im Laufe der Zeit entwickeln würden (vgl. TM 102f.). Etliche Male betonen die Eltern Tonys Kindlichkeit („'Meine kleine Tony'“, „'Du bist ein Kind […]'“, „'Du bist ein kleines Mädchen […]'“ (TM 103)) und bestärken sie damit regelrecht in ihrem Verhalten, sich wie eben dieses Kind gegen etwas aufzulehnen, was ihm widerstrebt und was es doch nicht ändern kann.

Tony, die sich bereits im Kindesalter durch ihr hohes Standesbewusstsein und ihren gesell- schaftlichen Ehrgeiz auszeichnete, weiß selbstverständlich, „daß [ sic! ] sie eines Tages die Frau eines Kaufmannes werden [und] eine gute und vorteilhafte Ehe eingehen werde, wie es der Würde der Familie und der Firma entsprach“ (TM 104). Sie muss sich selbst einge- stehen, dass „die Wichtigkeit ihrer Stellung [an]fing […], sie mit Wohlgefallen zu erfüllen“ (TM 104), doch Grünlich widerspricht ihrem Bild des idealtypischen Ehemannes, weswe- gen sie sich mit dieser Ehe partout nicht arrangieren möchte. Es scheint als habe Tony auf- grund ihrer Zugehörigkeit zu der Familie Buddenbrook sehr unrealistische und idealisierte Vorstellungen von der Liebe bzw. ihrem Leben. Der Zwiespalt zwischen den Verpflichtun- gen, die sich für sie als Tochter des erfolgreichen und standesbewussten Jean Buddenbrook ergeben und denen sie auch voller Stolz gerecht werden möchte, und der Heirat mit einem Mann, der ihren ästhetischen und charakterlichen Ansprüchen keineswegs entspricht, verunsichert und deprimiert Tony. Sie hält daher an ihrer Entscheidung fest und macht ihren Eltern rigoros deutlich, dass sie einer Ehe niemals zustimmen werde („'Ich werde ihm mein Jawort niemals erteilen'“ (TM 106)).

3.4 Gr ü nlichs pers ö nlicher Heiratsantrag

Etwa zehn Tage nach dem Eintreffen seines schriftlich abgefassten Antrags besucht Grün- lich Tony erneut in Lübeck, um von ihr persönlich die Zustimmung zu der Heirat zu erhal- ten. Dass Tony über sein Kommen nicht unbedingt erfreut ist, wird schnell deutlich: sie „fuhr entsetzt in ihrem Stuhl hoch“, „war erstarrt“ und „Tränen [standen ihr] bereits in der Kehle“ (TM 106f.). Nach einer ersten weinerlichen Zurückweisung („'Ich gebe Ihnen nicht mein Jawort!'“ (TM 108)), die Grünlich partout nicht akzeptieren möchte, wird Tony etwas barscher und gibt ihm deutlich zu verstehen, dass sie eine endgültige Entscheidung getrof- fen hat: „'Nein … nein! Ich habe ja nein gesagt! Ich gebe Ihnen einen Korb, verstehen Sie das denn nicht, Gott im Himmel?'“ (TM 108). Tonys expressive Reaktion überrascht Grün- lich, der sofort zurückschreckt und sich von ihrer Antwort beleidigt fühlt. Sie erkennt au- genblicklich, dass ihre brüske Antwort nicht den Erwartungen an eine feine junge Dame entspricht und ist daher darum bemüht, sich wieder in ihre 'Rolle' hineinzufinden, indem sie mit den Worten „'Ihr Antrag ehrt mich'“ (TM 109) versucht, Grünlichs unermüdliches Werben beenden zu können. Dass Tonys Verhalten an dieser Stelle gekünstelt ist, lässt sich durch die Erzählperspektive erkennen, bei der der auktoriale Erzähler dem Leser Einblick in Tonys Gedanken gewährt („Sie hatte sich so eine Werbung nicht vorgestellt. Sie hatte geglaubt, man brauche nur zu sagen: 'Ihr Antrag ehrt mich, aber ich kann ihn nicht anneh- men', damit alles erledigt sei...“ (TM 109)).

Grünlich gibt sich mit Tonys Zurückweisung nicht zufrieden, fällt sogar vor ihr auf die Knie und bittet sie inständig, ihn zu ehelichen. „Übertriebene Eleganz, Rede und Geste so- wie sein theatralischer Kniefall vor Tony […] verraten sein Rollenspiel.“6 Ausgerechnet an dieser Stelle kann er zum ersten Mal zu Tony durchdringen, die eine wahre Verzweiflung zu spüren glaubt: „Aus seiner Stimme und seinem Gesicht sprach eine so ehrliche Angst, eine so aufrichtige und verzweifelte Bitte“ (TM 110). „Dies nicht erkennen zu können, wird zum Zeichen des Verlusts an Wirklichkeitssinn bei den Buddenbrooks.“7

[...]


1 Mann, Thomas: Buddenbrooks. Verfall einer Familie. Frankfurt am Main 602011, S. 758. Im folgenden zitiert als: TM.

2 Keller, Ernst: Die Figuren und ihre Stellung im „Verfall“. In: Ken Moulden/Gero von Wilbert [Hrsg.]: Buddenbrooks-Handbuch. Stuttgart 1988. S. 173-200, S. 182.

3 Keller: Die Figuren und ihre Stellung im „Verfall“, S. 193.

4 a.a.O. S. 182.

5 Lutosch, Heide: Ende der Familie - Ende der Geschichte. Zum Familienroman bei Thomas Mann, Gabri- el García Márquez und Michel Houellebecq. Bielefeld 2007, S. 35.

6 Keller: Die Figuren und ihre Stellung im „Verfall“, S. 193.

7 ebd.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Der Verfall der "Buddenbrooks". War Tonys Vermählung mit Bendix Grünlich der Auslöser?
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Proseminar 'Die Buddenbrooks'
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
18
Katalognummer
V358812
ISBN (eBook)
9783668435582
ISBN (Buch)
9783668435599
Dateigröße
593 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Buddenbrooks, Tony, Grünlich, Dekadenz, Verfall, Analyse
Arbeit zitieren
Lisa F. (Autor), 2015, Der Verfall der "Buddenbrooks". War Tonys Vermählung mit Bendix Grünlich der Auslöser?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/358812

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