Der Anerkennungsbegriff in Isaiah Berlins Freiheitskonzeption. Eine politikphilosophische Einordnung


Referat (Ausarbeitung), 2015
15 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Anerkennung und Freiheit bei Berlin

III. Zur gesellschaftlichen Bedeutung von Anerkennung

IV. Drei Ebenen der Anerkennung

V. Anerkennung, Grundrechte und Freiheit

VI. Unterwerfung durch Konformismus?

VII. Fazit

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Viele Gesellschaften in der heutigen Zeit sind heterogene, mit verschiedenen ethnischen, religiösen oder kulturellen Gruppen, die in der Gemeinschaft meist in der Minderheit sind. Dabei beeinflusst das Zusammenleben in demokratischen Gesellschaften vor allem die Frage, ob diesen Minderheiten alle Rechte der Staatsbürger eingeräumt und darüber hinaus, welche besonderen Freiheiten ihnen zugestanden werden. Denn kulturelle oder religiöse Besonderheiten und Bräuche decken sich nicht zwangsläufig mit herrschenden Gesetzen und Normen. Mit ganz anderen Problemen haben Minderheiten in Ländern zu kämpfen, in denen die Regierung beispielsweise ihre ganze Kultur oder Religion unterdrückt und in denen sie nicht frei sind, ihr Leben so zu leben, wie sie möchten. Der Kampf, den diese Minderheiten führen, ist ein Kampf um Anerkennung.

In Isaiah Berlins Konzeption der zwei Freiheitsbegriffe wird dieser Kampf im Abschnitt „Die Suche nach Status“[1]diskutiert. Für Berlin ist es essentiell, die Begriffe Freiheit und Anerkennung klar zu trennen, auch wenn er zugesteht, dass sie in mancher Hinsicht verwandt sind. Inwieweit diese beiden Begriffe zu trennen sind oder ob sie nicht doch mehr gemein haben, als Berlin anerkennen möchte, soll Inhalt dieser Arbeit sein.

Im ersten Kapitel soll im Detail dargelegt werden, wie Berlin im Abschnitt „Die Suche nach Status“ argumentiert, inwiefern er die Begriffe Freiheit und Anerkennung unterscheidet, und wo er Gemeinsamkeiten sieht. Die folgenden Kapitel sollen dann Teile von Berlins Argumentation hinterfragen und mit Auffassungen im philosophischen und politikwissenschaftlichen Diskurs vergleichen. Im zweiten Kapitel geht es zunächst grundlegend um die gesellschaftliche Bedeutung von Anerkennung. Kapitel drei widmet sich drei Aspekten oder Ebenen der Anerkennung, deren Unterscheidung wichtig ist, da mit ihrer Hilfe Ungenauigkeiten in Berlins Argumentation aufgedeckt werden können. Daran anschließend geht es im vierten Kapitel um die Frage, wie sich Anerkennung manifestiert, worin sie im gesellschaftlichen Zusammenleben zum Ausdruck kommt und ob die Beispiele aus Berlins Aufsatz mit den dargestellten Zusammenhängen übereinstimmen. Hier wird auch das Zusammenspiel von Anerkennung, Grundrechten und Freiheit erörtert. In Kapitel fünf wird diskutiert, ob Anerkennung etwas ausschließlich Positives ist oder ob sie auch zur Unterwerfung von Individuen oder Gruppen benutzt werden kann, bevor abschließend ein Fazit gezogen wird.

II. Anerkennung und Freiheit bei Berlin

Zu Beginn seiner Ausführungen über Anerkennung und die Unterschiede zu seiner Vorstellung von Freiheit stellt Berlin fest, dass Anerkennung durch andere Personen in einer Gemeinschaft großen Einfluss auf die Identität des Individuums hat. Denn für viele Merkmale und Eigenschaften des Menschen gelte, „daß zum Besitz dieser Eigenschaften auch gehört, daß ich von anderen Personen in meiner Gesellschaft als zu einer bestimmten Gruppe oder Klasse gehörig anerkannt werden muss und daß diese Anerkennung ein wichtiges Element der Bedeutung der meisten Ausdrücke ist, die meine persönlichsten und dauerhaftesten Merkmale bezeichnen“[2].

Die Bedeutung von Anerkennung ist laut Berlin so groß, dass sich aus ihrem Fehlen ein Gefühl der Unfreiheit für Individuen und für Gruppen gleichermaßen ergeben kann.[3]Gerade für religiöse, ethnische oder politische Gruppen sei Anerkennung „eine Quelle selbstständigen Handelns“[4]und die Verweigerung dieser verbunden mit Lenkung oder Erziehung durch die Mehrheit der Gesellschaft oder deren Vertreter wirke auf die Gruppe „als fehlte ihr zum Menschsein etwas und als wäre sie deshalb auch nicht ganz frei“[5]. Gerade aus diesem Grund zögen Menschen die Kombination Unterdrückung und Anerkennung der Kombination Toleranz und fehlende Anerkennung vor, folgert Berlin: „Dieser Wunsch kann so heftig werden, daß es mir in meinem erbitterten Streben nach Status lieber ist, wenn mich ein Angehöriger meiner Rasse oder meiner Klasse drangsaliert oder schlecht regiert, der mich als Mensch und Rivalen, d. h. als Gleichen, immerhin anerkennt, als wenn ich von dem Angehörigen einer höherstehenden oder entfernten Gruppe gut und tolerant behandelt werde, der mich aber in dem, was ich sein will, nicht anerkennt.“[6]

Hier liegt für Berlin der entscheidende Punkt: Eine Person oder eine Gruppe kann anerkannt werden, ohne dass ihr die grundlegenden Freiheiten, die Berlin „negative“ Freiheit[7]nennt, eingeräumt werden. Da der Status aber eine so große Bedeutung für das Individuum oder die Gruppe hat, erzeugt das Fehlen von ebenjenem ein Gefühl der Unfreiheit. Und nicht nur wird das Fehlen von Anerkennung mit Unfreiheit gleichgesetzt, viele Gruppen und sogar ganze Völker setzen umgekehrt auch Anerkennung mit Freiheit gleich. Als Beispiel für dieses Phänomen nennt Berlin ehemalige Kolonien in Afrika und Asien, deren Bevölkerung nun nicht mehr unter der Kontrolle der Kolonialherren steht, sondern „von den Angehörigen ihrer eigenen Rasse oder Nation mißhandelt“[8]wird. Nur mit der Verwechselung von Anerkennung und Freiheit könne erklärt werden, warum Völker, „denen heute elementare Menschenrechte vorenthalten werden, (…) dennoch (und allem Anschein nach aufrichtig) erklären, sie genössen mehr Freiheit als zu einer Zeit, da sie über ein größeres Maß an jenen Rechten verfügten“[9].

Dass die Begriffe Freiheit und Anerkennung leicht verwechselt werden, liegt laut Berlin daran, dass Status und Anerkennung durchaus der Freiheit verwandt, wenn auch nicht mit ihr identisch sind. Denn auf der einen Seite gesteht Berlin zu, dass „das Streben nach Status (…) in mancher Hinsicht dem Wunsch, ein selbstständig Handelnder zu sein, tatsächlich eng verwandt“[10]ist. Auf der anderen Seite gibt es einen elementaren Gegensatz zwischen Freiheit und Anerkennung, denn Freiheit „sowohl in ihrem ‚positiven‘ als auch in ihrem ‚negativen‘ Sinn zielt im Kern auf das Fernhalten von etwas oder von jemandem“, Anerkennung hingegen zielt „auf Einheit, auf ein besseres Verständnis, auf Integration von Interessen, auf ein Leben in gemeinsamer Abhängigkeit und Aufopferung“.[11]Zusätzlich zu diesem Gegensatz von Fernhalten und Integrieren ist für Berlin bei der Unterscheidung der Begriffe eine weitere Erkenntnis entscheidend: „Jede noch so ausgefallene Interpretation des Wortes Freiheit muß ein Mindestmaß dessen, was ich ‚negative‘ Freiheit genannt habe, umfassen.“[12]Da, wie bereits angesprochen, nach Berlin einem Individuum oder eine Gruppe durchaus Anerkennung zuteilwerden kann, ohne dass ihr grundlegende Freiheiten eingeräumt werden, kann Anerkennung für ihn niemals mit Freiheit gleichgesetzt werden.

III. Zur gesellschaftlichen Bedeutung von Anerkennung

Die Auffassung Berlins, dass Anerkennung für das Individuum eine große Bedeutung hat, wird in der Wissenschaft breit geteilt. Matthias Iser fasst zusammen, wovon die meisten Anerkennungstheorien grundlegend ausgehen: „Nur mittels der Reaktionen konkreter anderer und durch die Verinnerlichung gesellschaftlicher Werte und Normen sollen Subjekte eine Vorstellung davon gewinnen können, wer sie eigentlich sind und sein wollen.“[13]Das Verlangen nach Anerkennung ist demnach „ein menschliches Grundbedürfnis“[14]. Darüber hinaus stellt zum Beispiel Axel Honneth in seinem Aufsatz „Verwilderungen. Kampf um Anerkennung im frühen 21. Jahrhundert“[15]fest, dass nicht nur die Anerkennung anderer für das Individuum von Bedeutung ist, sondern es sich vielmehr um eine wechselseitige Beziehung handelt: „[D]ie Anerkennung des Gegenübers wird zur Bedingung des eigenen Anerkannt-Seins.“[16]Honneth geht davon aus, dass „nicht nur die individuellen Mitglieder, sondern auch die wesentlichen Institutionen von Gesellschaften auf Praktiken und Ordnungen intersubjektiver Anerkennung angewiesen sind“[17]. Anerkennung sei daher ein wichtiger Grundpfeiler der „Architektur moderner Gesellschaften“[18].

Dass Anerkennung erst heute, in modernen Gesellschaften, so eine zentrale Rolle spielt, hat zwei wesentliche Gründe. Zum einen hatte Anerkennung in den Gesellschaften früherer Zeiten keine Bedeutung, da „das, was wir heute Identität nennen, weitgehend durch die gesellschaftliche Stellung des Einzelnen festgelegt“[19]war. Heute hat der angeborene Stand keinen Wert mehr für die Identität, vielmehr bestimmen wir diese „stets im Dialog und manchmal sogar im Kampf mit dem, was unsere ‚signifikanten Anderen‘ in uns sehen wollen“[20]. Zum anderen ist auch die Idee „von der unveräußerlichen ‚Würde des Menschen‘ oder von der Würde des Staatsbürgers“[21]ein relativ neues Phänomen. Auf dieser Idee basiert die moderne Auffassung, alle Menschen müssen einfach nur aufgrund ihres Menschseins als Gleichberechtigte anerkannt werden und daher müssen ihnen auch die gleichen Rechte zukommen, unabhängig zum Beispiel von ihrer Herkunft, ihrer Religion, ihrem Geschlecht oder ihrer sexuellen Orientierung.

Das Fehlen von Anerkennung, das laut Berlin zu einem Gefühl von Unfreiheit führt, ist aus mehreren Gründen fatal für ein Individuum oder eine Gruppe. Zum einen führt ein Leben ohne Anerkennung zu „sozialer Unsichtbarkeit“[22], dem oder den Betroffenen wird praktisch die Möglichkeit genommen, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Zum anderen haben extreme Formen von Missachtung und Demütigung zur Folge, dass „bestimmte Menschen(gruppen) (…) wie Tiere oder Maschinen behandelt werden“[23], ihnen also die Würde des Menschen abgesprochen wird. Diese zweite Folge beschreibt auch Berlin in seinem Text, wenn er sagt, dass ein Mensch oder eine Gruppe Anerkennung verlangt, weil sie nicht „und sei es mit noch so leichter Hand, regiert, erzogen, gelenkt werden will, so, als fehlte ihr zum Menschsein etwas“[24].

IV. Drei Ebenen der Anerkennung

Die gesellschaftliche Bedeutung von Anerkennung ist unstrittig. Dennoch entstehen in der Diskussion immer wieder Unklarheiten über die Verwendung des Anerkennungsbegriffs. Laut Iser treten diese Unklarheiten auf, da Anerkennung drei Aspekte, beziehungsweise drei Ebenen hat, und zuweilen nicht deutlich wird, auf welche Ebene der Anerkennung in der Diskussion Bezug genommen wird. Nach Isers Aufteilung ist die erste Ebene die zentrale, die „einesnormativen Status, der es uns ermöglicht, gegenüber anderen bestimmte Ansprüche zu erheben“[25]. Anschließend daran ist die zweite Ebene die Ebene „materialer Hinsichtendes moralischen Schutzes“, hierzu gehören „alle Bedingungen, die uns zur Autonomie befähigen, und zwar zur autonomen Urteilsbildung ebenso wie zum autonomen Handeln“.[26]Die dritte und letzte Ebene ist nach Iser die „Ebene derpsychischen Rückkopplung[27]. Erfährt ein Mensch Missachtung, wird sein normativer Status auf der ersten Ebene verletzt, unabhängig von den tatsächlichen Auswirkungen. Beeinflusst diese Missachtung allerdings das Selbstverhältnis des Menschen und beeinträchtigt dadurch die psychischen Bedingungen seiner Autonomie, ist das der dritten Ebene zuzuordnen. Wie eng die drei Ebenen miteinander verbunden sind, zeigt sich zum Beispiel darin, dass die psychischen Bedingungen der dritten Ebene „auf der Ebene (2) eine wichtige, aber eben nureinemateriale Hinsicht moralischen Schutzes“[28]bilden.

[...]


[1]Vgl. Berlin, Isaiah: Zwei Freiheitsbegriffe. In: Ders.: Freiheit, vier Versuche. Frankfurt 2006, S. 236 – 245 (im Folgenden zitiert als: Berlin: Freiheitsbegriffe).

[2]Vgl. Berlin: Freiheitsbegriffe, S. 236 f.

[3]Vgl. ebd., S. 237, 239.

[4]Vgl. ebd., S. 238.

[5]Vgl. ebd., S. 238.

[6]Vgl. ebd., S. 239.

[7]Berlin unterscheidet in seinem Konzept zwischen „negativer“ und „positiver“ Freiheit. „Negative“ Freiheit stellt einen minimalen persönlichen Freiraum dar, in den niemand eingreifen darf, in dem sich das Individuum vollkommen frei entfalten kann. „Positive“ Freiheit auf der anderen Seite gründet auf dem Wunsch des Menschen, sein eigener Herr zu sein und kann in gewisser Weise mit politischer Selbstbestimmung beschrieben werden. Zu genaueren Ausführungen siehe: Berlin: Freiheitsbegriffe, S. 201 ff.

[8]Vgl. Berlin: Freiheitsbegriffe, S. 239.

[9]Vgl. ebd., S. 240.

[10]Vgl. ebd. S. 241.

[11]Vgl. ebd., S. 240.

[12]Vgl. ebd., S. 243.

[13]Vgl. Iser, Matthias: Anerkennung. In: Göhler, Gerhard/Iser, Matthias/Kerner, Ina (Hrsg.): Politische Theorie. 25 umkämpfte Begriffe zur Einführung. Wiesbaden 2011, S. 12 (im Folgenden zitiert als: Iser: Anerkennung).

[14]Vgl. Taylor, Charles: Die Politik der Anerkennung. In: Ders.: Multikulturalismus und die Politik der Anerkennung. Frankfurt, 2009, S. 14 (im Folgenden zitiert als: Taylor: Politik).

[15]Vgl. Honneth: Axel: Verwilderungen. Kampf um Anerkennung im frühen 21. Jahrhundert. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, Ausgabe 1-2, Bonn, 2011, S. 37 – 45 (im Folgenden zitiert als: Honneth: Verwilderungen).

[16]Vgl. ebd., S. 38.

[17]Vgl. ebd., S. 37.

[18]Vgl. ebd., S. 37.

[19]Vgl. Taylor: Politik, S. 19.

[20]Vgl. ebd. S. 20.

[21]Vgl. ebd., S. 15.

[22]Vgl. Herrmann, Steffen: Anerkennung und Abhängigkeit. In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Band 62, Heft 2. Berlin 2014, S. 289 (im Folgenden zitiert als: Herrmann: Abhängigkeit).

[23]Vgl. Iser: Anerkennung, S. 14.

[24]Vgl. Berlin: Freiheitsbegriffe, S. 238.

[25]Vgl. Iser: Anerkennung, S. 24.

[26]Vgl. ebd., S. 24.

[27]Vgl. ebd., S. 24.

[28]Vgl. Iser: Anerkennung, S. 24.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Der Anerkennungsbegriff in Isaiah Berlins Freiheitskonzeption. Eine politikphilosophische Einordnung
Hochschule
Technische Universität Dortmund
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
15
Katalognummer
V358853
ISBN (eBook)
9783668436152
ISBN (Buch)
9783668436169
Dateigröße
620 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Isaiah Berlin, Anerkennung, Freiheit, Freiheitskonzeption
Arbeit zitieren
Lisa Schrader (Autor), 2015, Der Anerkennungsbegriff in Isaiah Berlins Freiheitskonzeption. Eine politikphilosophische Einordnung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/358853

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