Biblische Motive in Franz Kafkas "In der Strafkolonie"


Hausarbeit, 2014

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriff des Symbols

3 Biblische Motive in Kafkas In der Strafkolonie
3.1. Die Zahlensymbolik
3.1.1. Der Offizier als richtender Gott
3.1.2. Der Offizier als Vertreter des Teufels
3.2. Das Motiv der Rache
3.3. Das Motiv der Strafe
3.4. Das Labyrinth als Erkenntnisprozess
3.5. Die Parallele des alten Kommandanten zu Jesus

4 Schlussbetrachtung

5 Bibliografie

1 Einleitung

„Nicht nur die hier versammelte Vielfalt der Bedeutungen, die häufig auch die polare Entgegensetzung einschließt [...], [sondern auch die] Einsicht, dass Symbole und ihre Bedeutungen durch ihre spezifischen literarischen, historischen und sozialen Kontext gebildet werden, [erfolgt] allein [durch die] kritisch-deutende[...] Lektüre der Leser [...]“[1].

Die vorliegende Seminararbeit beschäftigt sich mit der biblischen Symbolik verschiedener Zeichen in Anwendung auf Kafkas In der Strafkolonie. Zunächst wird der Begriff des Symbols und seine ihm zu Grunde liegende Definition erläutert, um anschließend zentrale Symbole zu analysieren. Diese werden exemplarisch auf ihre literarische Verwendung in In der Strafkolonie hin untersucht und anhand von Zitaten belegt. Dabei werden die historisch mehrdeutigen Konnotationen und Verwendungen des Symbols ergründet und kontrastiv zur literarischen Verwendung in Kafkas In der Strafkolonie gegenübergestellt. Hierbei soll darauf verwiesen werden, dass der Kontext der entscheidende Faktor der Interpretation ist. Darüber hinaus ist In der Strafkolonie ein komplexer, vielschichtiger Text, der viele Lesarten zulässt. Die im Laufe der Zeit entwickelten Lesarten können sich teilweise ergänzen, andere bleiben wiederum oppositionell nebeneinander stehen. "[G]erade dieses Konträre, Nicht-aufgehende [ist ein] Charakteristikum [von Kafkas Texten, insbesondere der Strafkolonie]"[2]. Es stellt sich demnach die Frage, inwiefern der historische Kontext in Kafkas In der Strafkolonie Anwendung findet und welche symbolischen Deutungen sich bei Kafka herauslesen lassen und wie Diese zu deuten sind. Weiterhin bleibt zu klären, ob überhaupt eine Interpretation möglich ist, oder eine Vielzahl an Möglichkeiten in Frage kommen. Symbolische Bedeutungen sind zeitgemäße Interpretationen, sodass Diese sich, je nach historischem Kontext oder neuer Einbindung in sich entwickelnde äußere Umstände, die Interpretation eines gegebenen Symbols verändern kann. Doch nicht allein durch sich wandelnde historische Kontexte kann die Sinnhaftigkeit eines Symbols changieren, sondern auch durch die kulturelle Rahmengebung, deshalb wird in vorliegender Arbeit mit dem europäisch sinnstiftenden Rahmen gearbeitet im Hinblick auf die christlich-jüdische Tradition. So ist es Aufgabe des Lesers, sich kritisch mit historischen Kontexten, dem kulturellen Rahmen, sowie Symbolcharakteren auseinander zu setzen, um sie in ihrem literarischen Kontext zu verstehen.

2 Begriff des Symbols

Der Begriff des Symbols findet seinen Ursprung im lateinischen symbolum und im griechischen sýmbolon, welche zusammengefügt und übersetzt ‚Kennzeichen‘ bedeuten. Grundsätzlich ist es ein zusammengefügtes, aus Bruchstücken bestehendes Erkennungszeichen, über welches sich diverse Personen geeinigt haben, welche dann zusammengeführt ein Ganzes ergeben.[3] Der Arbeit liegt folgende Arbeitsdefinition zugrunde: „Unter ›Symbol‹ wird […] die sprachliche Referenz auf ein konkretes Ding, Phänomen oder auch eine Tätigkeit verstanden, die mit einem über die lexikalische Bedeutung hinausweisenden Sinn verknüpft ist.“[4]

Das Symbol ist für die Literatur von besonderer Bedeutung, da es vom Primärtext ausgehend auf weitere Kontexte und Sinngefüge hinweisen kann. Dies ist zugleich seine größte Restriktion, lässt somit aber großen Spielraum für weitreichende Interpretationen und Kontextzusammenhänge. Diese können eine große Unterschiedlichkeit aufweisen - vergleicht man beispielsweise die Interpretationen aus der Sicht verschiedener Epochen, politischer Kontexte oder Ideologien. Symbole stehen grundsätzlich in einem arbiträren Verhältnis zu einer ihrer möglichen Bedeutungen. Nach Prof. Dr. Biedermann sei erwähnt, dass „viele der traditionellen Symbole nicht mit eindeutigen Aussagen erklärt werden können, sondern einen doppeldeutigen Aussagewert besitzen.“[5] Hieraus und aus der arbiträren Natur des Symbols ergibt sich die Konsequenz, dass es keine allgemeingültige Interpretation für einen symbolischen Begriff gibt. Denn „wo Schriftquellen vorliegen, wie dies in allen Hochkulturen der Fall ist, können wir die Texte zu einer vielfach fremdartig wirkenden Bilderwelt heranziehen.“[6]

3 Biblische Motive in Kafkas In der Strafkolonie

In der Strafkolonie wird eine barbarische Hinrichtungstradition beschrieben. Darin folgt ein europäischer Forschungsreisender der Einladung eines Offiziers, der sich daraufhin in eine, in tropischen Gebieten liegende, Strafkolonie begibt. "Diese Uniformen sind doch für die Tropen zu schwer"[7]. Der Offizier beschreibt dem Reisenden eine Maschine, die die Verurteilten hinrichten soll. Dieser "eigentümliche Apparat"[8] wird als tödliche (Schreib-)Maschine beschrieben, die dem Verurteilten zunächst seine Strafe auf den Leib schreibt beziehungsweise einritzt, bevor dieser schließlich aufgespießt wird und stirbt. Dieser Apparat wird von dem Offizier gewartet und bedient, der die Aufgabe und somit das Erbe des alten Kommandanten fortführt. Anregungen für seine Strafkolonie erhielt Kafka womöglich durch das Buch von Robert Heindl, der Anfang des 20.Jahrhunderts zu verschiedenen Strafkolonien reiste und seine Beobachtungen festhielt, die er anschließend in seinem Buch Meine Reise nach den Strafkolonien veröffentlichte. Darin schildert Heindl eine Hinrichtung in Französisch-Guayana, die sich hinsichtlich des Ablaufs und des feierlichen Zeremoniells, der in der Strafkolonie auftretenden Hinrichtungsmethode sehr ähnelt.[9] Die Strafkolonie von Kafka kann auf verschiedenste Weise gelesen werden. Die bekanntesten sind sicherlich die Holocaust Hypothese wie auch der biographische Zusammenhang zwischen der Schreibmaschine und Kafkas Leben, das er größtenteils dem Schreiben widmete.[10] In dieser Arbeit wird auf einen anderen Aspekt Wert gelegt. Im Weiteren wird sowohl auf christliche wie auch jüdische Symbole eingegangen, diese untersucht und ihre Bedeutung analysiert.

3.1. Die Zahlensymbolik

3.1.1. Der Offizier als richtender Gott

Die (Schreib-)Maschine wird vom Offizier bis in das kleinste Detail beschrieben. Dabei geht der Offizier zunächst auf den Aufbau dieses "eigentümliche[n] Apparat[es]"[11] ein, der in drei Teile gegliedert ist. "Der untere heißt das Bett, der obere heißt der Zeichner, und hier der mittlere, schwebende Teil heißt die Egge"[12]. Die Aufteilung in drei Teile und die damit in Verbindung stehende Zahl drei kann nach biblischer Vorstellung ausgelegt werden. Sie verweist auf die göttliche Dreifaltigkeit und auf Gott, der in dieser Instanz als oberster Richter fungiert und die Strafe vollzieht. "Gott ist ein gerechter Richter, / ein Gott, der täglich strafen kann"[13]. Auch der Offizier hat schon viele Urteile vollzogen, in früheren Zeiten womöglich täglich. "Wie kann man ohne Ekel diesen Filz in den Mund nehmen, an dem mehr als hundert Männer im Sterben gesaugt und gebissen haben"[14]. Der Offizier nimmt hier die Rolle des strafenden Gottes ein, der alle Macht und Gewalt inne hat. Er ist Richter und richtet die Verurteilten, verhängt das Strafmaß und führt die Hinrichtung durch den Apparat durch."Ich bin in der Strafkolonie zum Richter bestellt"[15]. Somit könnte der Offizier und Gott als Richter in ihrer Funktion gleichgesetzt werden.

3.1.2. Der Offizier als Vertreter des Teufels

In Opposition dazu ist allerdings auch eine negative Umkehrung der Zahl drei denkbar. In diesem Zusammenhang wird im Gegenteil die Abwesenheit Gottes aufgezeigt, die im Zusammenhang mit der mangelnden Gerechtigkeit und Rechtssprechung erklärt werden kann. Für den Offizier steht fest: "[d]ie Schuld ist immer zweifellos"[16], doch für den Forschungsreisenden, der die Vorstellung des europäischen Leser vertritt ist "[d]ie Ungerechtigkeit des Verfahrens und die Unmenschlichkeit der Exekution [...] zweifellos"[17]. Diese vorherrschende Ungerechtigkeit und Hilflosigkeit des Verurteilten, der weder den Grund seiner Strafe noch diese selbst kennt, und darüber hinaus keine Möglichkeit hat sich selbst zu verteidigen, ist für die eben genannte Gottesabwesenheit ausschlaggebend. "Kennt er sein Urteil?" "Nein" [...] "Es wäre ja nutzlos, es ihm zu verkünden. Er erfährt es ja auf seinem Leib" "Aber daß er überhaupt verurteilt wurde weiß er doch?" "Auch nicht" "Er hat keine Gelegenheit gehabt sich zu verteidigen"[18]. Es scheint eine gewisse Willkür zu herrschen, was die Entscheidungen hinsichtlich der Verurteilten betrifft. Der Offizier hat alle Macht inne, Menschen auf Grund unterschiedlichster Vergehen zu bestrafen, ohne Diese anzuhören.

Hätte ich den Mann zuerst vorgerufen und ausgefragt, so wäre Verwirrung entstanden. Er hätte gelogen, hätte, wenn es mir gelungen wäre, die Lügen zu widerlegen, diese durch neue Lügen ersetzt und so fort. Jetzt aber halte ich ihn und lasse ihn nicht mehr. ─ Ist nun alles geklärt? "[19].

Es wird deutlich, dass der Offizier keine Widerrede duldet und in seinen Beschreibungen des Apparats fortfahren möchte um die Hinrichtung bald ausführen zu können. Die Hinrichtungen betreffend kann dem Offizier eine gewisse Leidenschaft am Tod unterstellt werden. Denn Dieser genießt förmlich den Anblick der Sterbenden.

Es war unmöglich, allen die Bitte, aus der Nähe zuschauen zu dürfen, zu gewähren. Der Kommandant in seiner Einsicht ordnete an, daß vor allem die Kinder berücksichtigt werden sollten; [...]oft hockte ich dort, zwei kleine Kinder rechts und links in meinen Armen. Wie nahmen wir alle den Ausdruck der Verklärung von dem gemarterten Gesicht, wie hielten wir unsere Wangen in den Schein dieser endlich erreichten und schon vergehenden Gerechtigkeit![20]

Diese groteske Einstellung zum Tod und die darüber hinaus auftretenden Freude, die er dabei empfindet, kann eine innerliche Abwesenheit Gottes darstellen, welche durch die bereits genannte Umkehrung der Zahl drei erreicht wird und kann in diesem Zusammenhang auf das Teuflische hindeuten. Dieser Ansatz kann zum einen durch die genannte Bezeichnung unmenschlich beziehungsweise Unmenschlichkeit [21] unterstützt werden. Unmenschlich bezeichnet eine grausame Tat gegen "Menschen oder Tiere, ohne (bei einem Menschen zu erwartendes Mitgefühl"[22] zu zeigen. Das Strafverfahren und somit auch die Handlungen des Offizier sind nicht menschlich. Weitere Parallelen zu diesem Interpretationsansatz sind bei der Hinrichtung des Offizier zu finden. Der Teufel zeigt sich in seiner Gestalt nach biblischer Vorstellung meist nackt und als Mensch: "Am häufigsten ist der Teufel in Menschengestalt dargestellt, entweder nackt oder nach dem Modell der Satyrs [...]"[23]. Auch der Offizier liegt entblößt unter der Egge und nimmt seine Strafe entgegen. Da dieser jedoch nicht bestraft, sondern regelrecht hingerichtet wird, kann durchaus eine Auseinandersetzung von Gut und Böse, Recht und Unrecht, von Gott und Satan angedacht werden. Das Gute, Gerechte und Göttliche, welches siegt, wird in diesem Ansatz von der (Schreib-) Maschine verkörpert. Der Offizier wird für die Taten zur Rechenschaft gezogen und durch die Beendigung dieser Ära, werden auch all die Verurteilten gerächt. Das Gute siegt letztendlich doch, indem die Schreibmaschine sich selbst und den Kommandanten vernichtet.

[...]


[1] Butzer/Jacob ²2012: VI.

[2] Hecker 1998: 80.

[3] Vgl. [Art.] Symbol. In: Deutsches Universalwörterbuch. Hrsg. von Annette Klosa et al. 4. Auflage. Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich: Dudenverlag 2001. S. 1551.

[4] Butzer, Günter/Jacob, Joachim: Vorwort. In: Metzler-Lexikon literarischer Symbole. Hrsg. von Günter Butzer. Stuttgart/Weimar: J.B. Metzler 2008. S. V.

[5] Biedermann, H.: Vorwort. S. 6.

[6] Biedermann, H.: Vorwort. S. 6.

[7] In der Strafkolonie: 150. Hier und im Folgenden zitiert nach: Kafka, Franz. In der Strafkolonie. In: Franz Kafka: Die Erzählungen. Im Folgenden angegeben mit: In der Strafkolonie: XY.

[8] In der Strafkolonie: 149.

[9] vgl.Kaul 2010: 116f.

[10] vgl. Kaul 2010: 117.

[11] In der Strafkolonie: 149.

[12] In der Strafkolonie: 151.

[13] Psm 7,12.

[14] In der Strafkolonie: 163. Hervorhebung durch Verfasserin.

[15] In der Strafkolonie: 155.

[16] In der Strafkolonie: 155.

[17] In der Strafkolonie: 162.

[18] In der Strafkolonie: 154f.

[19] In der Strafkolonie: 156.

[20] In der Strafkolonie: 164f.

[21] In der Strafkolonie: 162.

[22] Duden: 1660.

[23] Heinz-Mohr 41976: 288.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Biblische Motive in Franz Kafkas "In der Strafkolonie"
Hochschule
Universität Mannheim  (Germanistik)
Veranstaltung
Franz Kafka
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
15
Katalognummer
V358900
ISBN (eBook)
9783668435919
ISBN (Buch)
9783668435926
Dateigröße
537 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kafka, Symbol, Symbolik, In der Strafkolonie, biblische Symbole, Bibel, Franz Kafka, Strafe, Rache, Labyrinth
Arbeit zitieren
Sandrine Lejeune (Autor), 2014, Biblische Motive in Franz Kafkas "In der Strafkolonie", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/358900

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