Interpretation von "Der Hauptmann" von Köpenick Szene 2 und Szene 11


Akademische Arbeit, 2017

7 Seiten


Leseprobe

Der Hauptmann von Köpenick[1] Akt 1 Szene 2 Interpretatorisches

In dieser Szene, die mit Szene 11, Akt 2 verwandt ist - auch dort versucht Voigt eine Aufenthaltsgenehmigung zu erlangen - bemüht sich Voigt darum, einen Pass ausgestellt zu bekommen, nachdem seine Bemühung um eine Aufenthalts-genehmigung vereitelt wurden. Im Gegensatz zu Szene 11, wo Voigt nicht einmal vorgelassen wird, kommt es hier zu einer Art Verhör und Voigt ist mit den beiden Beamten alleine, wohingegen in Szene 11 noch weitere Personen das gleiche Schicksal erleiden wie Voigt, dort nämlich nicht einmal vorgelassen und angehört zu werden.

Die Szene 2, Akt 1 ist insofern von besonderer Bedeutung, als wir hier die Vorgeschichte von Voigts Leben in geraffter Form mitgeteilt bekommen. Also, was er, seit er 18 Jahre alt war, bis zu seinem 46. Lebensjahr erlebte.

Man kann diese Szene zusammen mit Szene 1, Akt 1 als Exposition verstehen, denn hier wird das zentrale Problem Wilhelm Voigts offenbar. Der Protagonist des Stückes ‚Der Hauptmann von Köpenick‘ will arbeiten, bekommt aber keine Arbeit, weil er keine Aufenthaltsgenehmigung bekommt und er erhält keine Aufenthaltsgenehmigung, weil er keine Arbeit hat. Da die Behörden ihn nicht unterstützen, vielmehr keinerlei Verständnis für seine Situation aufbringen, wird Voigt straffällig, kommt ins Gefängnis und befindet sich, daraus entlassen, sofort wieder im selben Teufelskreis wie zuvor.

Dass Voigts Schicksal, was die Diskriminierung von Seiten der Behörden angeht, kein Einzelschicksal unter der Regentschaft von Wilhelm II darstellt, zeigt Szene 11, in der z. B. der Vorwärtsleser, der Kneipier und die junge Frau, die weinend das Polizeipräsidium verlässt, trotz wichtiger, existentieller Anliegen, einfach abgewimmelt werden, wohingegen einem Leutnant sofort Zutritt zum Allerheiligsten, der Amtsstube, gewährt wird. Anderen ergeht es also genauso wie Voigt.

Untersucht man genauer, wie z. B. der Oberwachtmeister argumentiert, stellt man leicht fest, behördlicherseits gibt es unverzeihbare Vorurteile und methodische Demoralisierung der Hilfesuchenden. So bezeichnet z. B. der Oberwachtmeister Voigt als Unbefugten und wirft ihm einen versuchten Verstoß gegen das Amtsgeheimnis vor. Die Behörde ist aber eigentlich für den Bürger da. Also hat Voigt das Recht hier aufzutauchen und sein Anliegen vorzutragen, er ist also nicht unbefugt. Die Beleidigung, die im Wort unbefugt steckt, dient, wie auch die Aufforderung einen halben Schritt zurückzutreten, dazu, die eigenen Überlegenheit des Oberwachtmeisters gegenüber dem einfachen Mann zu verdeutlichen. Das Zurücktreten-Müssen hat auch eine symbolische Funktion. Der Oberwachtmeister hält sich für was Besseres. Die räumliche Distanz, die geschaffen wird, ist in übertragenem Sinne auch eine soziale. Der Oberwachtmeister hält sich moralisch für wesentlich besser als sein Klient. Dabei dürfen wir seine Moral anzweifeln. Z. B. nimmt er für sich mehr Mittagspausenzeit in Anspruch als er seinem Kollegen zugesteht. Er macht von 12.15 Uhr bis 13.30 Uhr Mittag, sein Kollege nur von 13.30 bis 14.00 Uhr. Aber auch seine Vorstellung, davon, dass jemand, der einmal straffällig wurde, immer straffällig werden wird, ist ein unverzeihliches Vorurteil. Denn wurde ein Straffälliggewordener aus der Haft entlassen, im Falle von Voigt sogar mit Empfehlungsschreiben des Gefängnisdirektors, hat er für sein Vergehen gebüßt. Was vorher war, dürfte eigentlich für jetzt keine Bedeutung mehr haben. Aber der Oberwachtmeister weiß es besser, wenn er zu Voigts Vorleben meint: „ So was ist nie vorbei… Was in Ihren Personalakten steht, das ist Ihnen so festgewachsen, wie die Nase im Gesicht.“ (S. 15) Auch die Voigt gegenüber geäußerte Meinung: „Sie sind ja‘ n ganz schwerer Junge.“, dürfte so nicht gemacht worden sein. Denn Voigt ist kein Schwerverbrecher. Er wurde für Posturkundenfälschung, wobei er lediglich 300 Mark erbeutete, zu fünfzehn Jahren Gefängnis verurteilt. Der Oberwachtmeister befindet hierzu: „Das Strafmaß entspricht immer ganz genau der Schwere des Delikts.“ (S. 15) Diese Hyperbel (Stilfigur – Übertreibung) macht deutlich, der Oberwachtmeister ist Repräsentant eines unmenschlichen Systems. Wie wenig Achtung dieser Bürokrat vor seinem Gegenüber hat, signalisieren nicht zu Ende gesprochene Sätze Voigts. Mehrfach unterbricht der Oberwachtmeister den Bittsteller, was zeigt, wie wenig ihn eigentlich das Vorgetragene interessiert, berührt.

Beispiele: „Pardong, Herr Wachtmeester, ick wollte mir nur mal erkundigen –„ (S. 13)

„Na, denn vazeihnse mal, Herr Kommissär, ick warte nu schon seit halber zwelfe – (S.13)

„Pardong, Herr Oberwachtmeester,…Ick wollte mir nur mal heflichst erkundigt haben, wie det mit meine nachjesuchte Aufenthaltserlaubnis bestellt is, ick warte ja nu schon-„ (S. 13)

Voigts ‚Heflichst‘, und sein wiederholtes ‚Pardong‘, Voigts Höflichkeit wird also mit Unhöflichkeit, Unverschämtheit begegnet. Sogar als Voigt aus dem Polizeibüro rausgeschmissen wird, bewahrt er noch Contenance. (Fassung). Ruhig wünscht er seinem Kontrahenten: „Jesegnete Mahlzeit.“ (S.19) Und das, nachdem er zu Unrecht dessen bezichtigt wurde, sich aufzuregen.

Des Oberwachtmeisters: „Luft im Kopp, was?“ stellt eine böse Beleidigung dar, insbesondere da Wilhelm Voigt Intelligenz zeigt, indem er die Aussagen seines Gegenübers so aufzugreifen versteht, dass seine (die Voigtsche) sozial prekäre Lage erkennbar wird. Die Äußerungen des Oberwachtmeisters dienen dazu das Gegenüber als minderwertig zu charakterisieren. Den Vorwurf ein schwerer Junge zu sein, entkräftet Voigt etwa mit „Ick weeß nich, Herr Kommissär, ick werde in letzter Zeit immer leichter. Besonders seit ick aus de Plötze raus bin, da ha’ck fast nur noch Luft in de Knochen.“ (S. 14) Wie wenig intelligent der Oberwachtmeister ist, verrät sein : „Wat redense da?“, als sich Voigt auf jenes Bild beruft, das der Oberwachtmeister selbst in die Welt setzte, als er Voigt erklärte, dass die Daten in den Personalakten so festgewachsen seien wie die Nase im Gesicht. Ein intelligenter Oberwachtmeister hätte die Bedeutung von Voigts Rede: „Da wollt ick mir nu die Neese aus det Jesichte reißen.“ (S. 16) sofort als die eigene Formulierung wiedererkannt, sich darüber gefreut und deren Bedeutung mühelos entschlüsselt. Sehr unhöflich, ignorant, verhält sich der Oberwachtmeister, als Voigt erklärt, warum er nicht in Bukarest bleiben wollte, wo er ja Arbeit bei einem Juden gefunden hatte. Der Oberwachtmeister hört einfach nicht zu. Auf Seite 16 heißt es von ihm:“ noch einmal: Liest in den Akten, ohne zuzuhören.“Sarkastisch klingt auch seine Bemerkung, Voigt habe im Gefängnis ja lange genug studiert. Nachdem Voigt ausführlich erklärte, dass er, seit er aus dem Gefängnis entlassen wurde, den ganzen Tag über auf Arbeitssuche war und dass er eben ohne Aufenthaltsgenehmigung keine Arbeit finden kann, lässt sich der Oberwachtmeister zur Bemerkung herab: „Also kommense mal wieder, wennse Arbeit haben.“ (S.17) Das erklärt sich einerseits damit, dass er kaum zugehört hat, andererseits müssen wir annehmen, dass der Oberwachmeister nicht über das, was er sagt, nachgedacht hat. Er speist sein Gegenüber mit leeren Phrasen ab, die vollkommen sinnlos sind. Eine Steigerung (Klimax) seiner dümmlichen Äußerung ist: „Wenn einer arbeiten will, dann kriegt er auch Arbeit.“ (S.17) Nach allem, was Voigt vorgetragen hat, hätte der Oberwachtmeister eigentlich dessen Anliegen, eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen, befürworten müssen. Das Gegenteil ist der Fall. Er leitet Voigts Gesuch weiter, ohne es zu befürworten. So bleibt Voigt nichts anderes übrig, als um einen Pass zu bitten, damit er wieder ins Ausland kann. Nicht einmal der wird ihm ausgehändigt. Der Oberwachmeister verschanzt sich hinter dem Begriff ‚Zuständigkeit‘, verweist ihn an die Heimatbehörde. Es ist Ironie des Schicksals, von dort aus hat man Voigt geradewegs zu ihm geschickt. Die Heimatbehörde führt Voigt nicht mehr in ihrer Datei. Letzten Endes wiederholt sich im Polizeibüro in Potsdam, was Voigt auch schon bei Wormser widerfuhr. Er wird rausgeschmissen. In dieser Szene gibt es zahlreiche Parallelismen oder Wortwiederholungen in der Rede des Protagonisten.

Der Parallelismus: „Dafür sind wir hier nicht zuständig.“ (S. 17 siebtletzte und drittletzte Z.), dient als Wiederholzung dazu, zu verdeutlichen, in dieser Polizeistation hat der Bittsteller nichts zu erwarten, er soll hier so schnell wie möglich verschwinden. Voigts mehrfaches : „ …det war dumm von mir.“ S.16) verstärkt Voigts Bedauern darüber, nicht mehr in Arbeit zu sein, zu kommen.

Die Wortwiederholung „Pardong“ (S. 13) unterstreicht, Voigt ist ein höflicher Bittsteller, der seinem Gegenüber respektvoll begegnen will.

Die Metaphern ‚Karusell‘ und ‚Kaffeemihle‘ (S. 17) stehen für die immer gleiche ausweglose Situation, in die Voigt auf dem Amt gerät, wenn er sein Anliegen vorbringen möchte.

Das Bild vom Gehenkten, der mit den Füßen in der Luft baumelt (S.18), weist darauf hin, Voigt befindet sich in einer völlig ausweglosen Situation, er sieht ein katastrophales Ende auf sich zukommen.

Die Metapher von der Laus auf der Glasscheibe beschreibt, Voigts Versuche, ein nützliches Mitglied der Gesellschaft zu werden, sind vergeblich, immer wieder wird er keinen Erfolg haben.

Zusammenfassend stellen wir fest: Die Redeanteile Voigts sind größer als die des Oberwachtmeisters. Obwohl er höflicher, phantasievoller, dialogorientierter, fundierter argumentiert bleibt er erfolglos. Sein Gegenüber benutzt Schablonen, leere Phrasen, diskriminiert, hat Verständnisschwierigkeiten, beleidigt. Trotzdem erreicht es sein Ziel. Warum? Es ist mit mehr Macht ausgestattet. Die Pickelhaube, die er am Schluss aufsetzt, zielt neben anderen Hinweisen, z. B. dem aufs Portepee, in eine Richtung: Militär. Dieses hat, zum Leidwesen aller betroffenen Bürger den zivilen Bereich erobert und treibt hier methodisch sein Unwesen. Die vermehrt auftauchenden Ellipsen, ‚Alter? Beruf? Geboren in? (S.13) mit denen der Oberwachtmeister Voigt zu Beginn der Szene verhörmäßig apostrophiert, zeichnen Militärsprache aus.

Interpretation von Szene 11, Akt 2

In dieser Szene bemüht sich Wilhelm Voigt vergeblich, seine drohende Ausweisung aus Rixdorf zu verhindern. Zusammen mit anderen Bittstellern muss er erleben, nicht vorgelassen zu werden. Es kommt zu keiner Anhörung. Man verweigert ihm den Zutritt zur Amtsstube, in welcher sich der zuständige Beamte befindet.

Als sich Voigt erkundigt, ob er hier richtig sei, ob Zimmer 9 das richtige Zimmer sei, in dem er den für seine Angelegenheit zuständigen Beamten auch finden kann, erhält er keine Antwort auf seine Frage. Ganz im Gegensatz zu einem Leutnant, der ebenfalls wissen will, ob hier Zimmer 9 sei. Ihm antwortet der Polizist, der Voigts Frage nicht beantwortet hat, sofort mit: „Jawohl, Herr Leutnant.“ (S.80, Z 3) Dies macht deutlich, ein Zivilist wird anders behandelt als ein Mensch in Uniform. Den Soldaten bevorzugt man, achtet man, den Normalbürger missachtet man. Von Gleichheit im Sinne der Französischen Revolution -alle Menschen sind Schwestern und Brüder, vor dem Gesetz gleich - kann in diesem Milieu nicht die Rede sein.

Wilhelm Voigt wird mit dem Satz: „Setzense sich hin. Sie werden‘s ja sehn“ (S.79, Z. 3) vertröstet. Auch nachdem er erwähnt hat, dass er unter Polizeiaufsicht steht und ihm Ausweisung droht, auch nachdem er die Dringlichkeit seiner Angelegenheit vorgetragen hat, wird er dazu aufgefordert, sich hinzusetzen.

Der Polizist sagt: „Na, setzense sich hin.“ (S. 79 Z. 10) Seiner Angst, wieder nicht an der zuständigen Stelle zu sein, entgegnet man mit: „Setzense sich hin.“ (S.79, Z.17) Diese Phrase bekam Voigt kurz zuvor schon einmal zu hören.

[...]


[1] Carl Zuckmayer, Der hauptmann von Köpenick, Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt am Main, 1961 Alle Seitenangaben im Folgenden beziehen sich auf diese Werkausgabe.

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Interpretation von "Der Hauptmann" von Köpenick Szene 2 und Szene 11
Autor
Jahr
2017
Seiten
7
Katalognummer
V358940
ISBN (eBook)
9783668444225
Dateigröße
432 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Der Hauptmann von Köpenick, Zuckmayer, alternativer Schluss, Akt/ Szene 1/2, Akt 2/Szene 11
Arbeit zitieren
Gert Singer (Autor), 2017, Interpretation von "Der Hauptmann" von Köpenick Szene 2 und Szene 11, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/358940

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