Das Verhältnis von Amor und den Musen in Goethes "Römischen Elegien"


Hausarbeit, 2015

17 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung

Einleitung
Römische Elegie V
Römische Elegie XIII
Römische Elegie XV
Römische Elegie XX

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Besonders lohnenswert für eine nähere Betrachtung in Goethes Römischen Elegien ist das Verhältnis von Kunst und Natur, von Liebesakt und Inspiration und die daraus resultierende dichterische Produktivität, kurzum das Verhältnis von Amor und den Musen. Besonders ergiebig für die Untersuchung sind dabei die Römischen Elegien V, XIII, XV und XX. In ihnen kommen diese Relationen besonders gut zum Ausdruck. Doch wann hat die sexuelle Erfüllung Auswirkungen auf die Dichtung? Sind diese positiv oder negativ? Welche Voraussetzungen müssen gegeben sein, um eine begünstigende Wirkung zu gewährleisten? Diese Fragen sollen im Folgenden mit Hilfe einer genauen Betrachtung der einzelnen Elegien beantwortet werden. Die Fünfte Römische Elegie veranschaulicht dabei insbesondere das Verhältnis von Tag und Nacht, von Bildung und sexueller Erfüllung, von Sehen und Fühlen und inwiefern das Verständnis theoretischer Werke durch das praktische Studium an der Geliebten beeinflusst wird. In der Dreizehnten Römischen Elegie haben Amor und die Musen ein sehr konträres Verhältnis, und obwohl Amor reichlich Inspiration liefert, ist Dichtung trotzdem nicht möglich. Die Fünfzehnte Römische Elegie gestaltet sich als äußerst produktiver Zeitvertreib während des Wartens auf die gemeinsame Liebesnacht. Die Zwanzigste Römische Elegie bringt schließlich erstmals die Verschwiegenheit ins Spiel und thematisiert deren Verhältnis zu Amor und den Musen. Und obwohl diese vier Elegien auf den ersten Blick recht unterschiedlich scheinen, haben sie doch alle etwas gemeinsam, was schließlich im Fazit zum Ausdruck kommen soll. Auch wird hier die finale Antwort auf die Frage gefunden, wie Dichtung, Inspiration und Liebesakt zusammenhängen.

Römische Elegie V

In der Fünften Römischen Elegie beschreibt das lyrische Ich, wie es sich tagsüber dem Studium alter Werke widmet, nachts jedoch Amor seinen Dienst erweist, indem es sich seiner Geliebten zuwendet. Dieser Gegensatz zwischen Tag und Nacht, zwischen kognitiver und sinnlicher Inspiration wird durch ein antithetisches aber in Vers fünf verstärkt. Doch auch die nächtliche Beschäftigung ist nicht vergebens: „Werd ich auch halb nur gelehrt, bin ich doch doppelt vergnügt.“1 Außerdem macht erst die sinnliche Erfahrung die Werke der Alten nachvollziehbar: „Und belehr ich mich nicht? wenn ich des lieblichen Busens Formen spähe, die Hand leite die Hüften hinab. Dann versteh ich erst recht den Marmor“ (MA, S. 47), wobei Marmor hier stellvertretend für die Kunstwerke Roms angesehen werden kann. Für Kaufmann stellt der Marmor, der für die Kunst steht, den Gegensatz zur Geliebten, welche die Natur repräsentiert, dar.2 Genau in der Mitte der Elegie werden Sehen und Fühlen und damit auch Ratio und Eros miteinander verbunden: „Sehe mit fühlendem Aug`, fühle mit sehender Hand.“ (MA, S. 47). Dieselbe Funktion erfüllt auch das Enjambement von Vers sieben auf Vers acht. Sobald die Geliebte nach dem Liebesakt der Schlaf überfällt, kann das lyrische Ich die dadurch gewonnene Inspiration zur dichterischen Produktion nutzen:

Überfällt sie der Schlaf, lieg ich und denke mir viel.

Oftmals hab` ich auch schon in ihren Armen gedichtet

Und des Hexameters Maß, leise, mit fingernder Hand,

Ihr auf den Rücken gezählt, sie atmet in lieblichem Schlummer

Und es durchglühet ihr Hauch mir bis ins tiefste die Brust. (MA, S. 47).

Diese Situation kann man durch ihre Plastizität fast schon bildlich vor Augen sehen. Des Weiteren mutet es hierbei fast schon humoristisch an, wenn im Text die eigenen Entstehungsbedingungen reflektiert werden. Das lyrische Ich gibt sich in dieser Textstelle erstmals als Dichter zu erkennen.3 Der Hauch der Geliebten wird von Begemann nicht als erneutes Verlangen, sondern als die Inspiration, die von dieser ausgeht und den Sprecher im Gedicht durchdringt, interpretiert.4 Ich schließe mich dieser Interpretation an, da das lyrische Ich durch die Distanz, die durch den Schlaf der Geliebten gewährleistet ist, erst zu einem dichterischen Schaffungsprozess befähigt ist. Würde ihn aufs Neue die Leidenschaft übermannen, wäre er dazu nicht mehr in der Lage, wie der Blick auf die Dreizehnte Römische Elegie im nächsten Kapitel zeigen wird. Interessant an diesen Versen ist auch der Wechsel vom Präsens ins Präteritum und wieder zurück. Dadurch entsteht der Eindruck, dass die in der Elegie als Gedicht beschriebene Situation identisch ist mit der aktuellen Situation, die gerade vor sich geht.5 Des Weiteren kann man erkennen, „dass es sich um eine ‚oft‘ wiederkehrende Situation handelt, die auch jetzt vorliegt: Die Liebes-Idylle, in die der Dichter Eingang gefunden hat, erscheint hierdurch gleichsam als der Zeit enthoben, als ‚ewiger Augenblick‘.“6 Amor und die Musen befinden sich in dieser Elegie also im Einklang. Dies wird bereits in den ersten beiden Versen der Elegie deutlich: „Froh empfind’ ich mich nun auf klassischem Boden begeistert, Lauter und reizender spricht Vorwelt und Mitwelt zu mir.“ (MA, S. 47). Der Sprecher im Gedicht ist nun, im Gegensatz zur Ersten Römischen Elegie, inspiriert durch seine erotischen Erfahrungen mit der Geliebten, wodurch sich ihm nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Vorwelt, womit die Antike gemeint ist, besser erschließt. Auffällig ist auch die häufige Nennung des Wortes Hand. Zunächst werden noch mit „geschäftiger Hand“ (MA, S. 47) Bücher durchblättert, dann wird sie schon die Hüften hinabgeleitet. In Vers zehn findet die Hand noch in der bereits erwähnten „chiastisch- synästhetischen Verschränkung von Fühlen […] und Sehen“7 Verwendung und schließlich wird mit „fingernder Hand“ (MA, S. 47) das Versmaß auf den Rücken der Geliebten geklopft. Dies kennzeichnet sehr anschaulich den inhaltlichen Verlauf der Elegie von der Bildung am Tag, über die sexuelle Erfüllung nachts, bei der Tast- und Sehsinn miteinander verknüpft werden, bis hin zur Dichtung, die aus ebenjener Inspiration hervorgeht. Amor, fungierend als Unterstützer des Liebespaars „schüret indes die Lampe und denket der Zeiten, Da er den nämlichen Dienst seinen Triumvirn getan.“ (MA, S. 47). Die Bezeichnung Triumvirn stellt hierbei eine Anspielung auf die großen Liebesdichter Catull, Properz und Tibull dar8. Dies assoziiert, dass auch sie sich damals für ihre Dichtung der von Amor gegebenen Inspiration bedient haben, wodurch sich das lyrische Ich als Dichter indirekt auf demselben Niveau inszeniert. Auch diese Situation erweckt den Eindruck von Zeitlosigkeit, „indem Antike und Moderne über diesen ‚Dienst‘ Amors miteinander verknüpft werden.“9 Außerdem geht aus diesem Vers hervor, dass Amor das Feuer zwischen den beiden Liebenden am Ende der Elegie erneut entfacht, sodass der Gedanke evoziert wird, dass es direkt nach dem Verfassen des Gedichts durch das lyrische Ich zu einem erneuten Liebesakt kommt, weshalb die Elegie auch an dieser Stelle beendet ist.

Römische Elegie XIII

Der Dreizehnten Römischen Elegie kommt als Einzelpublikation eine besondere Bedeutung zu.10 Sie setzt programmatisch mit dem Wort Amor ein. Doch dieser wird hier erstmals sehr negativ beschrieben, als Schalk, der betrügt und heuchelt (vgl. MA, S. 59). Die Elegie ist in zwei gleich große Teile aufgeteilt, was vorab schon eine Spaltung zwischen Kunst und Erotik erkennen lässt: einmal in die wörtliche Rede von Amor, die im Voraus schon vom lyrischen Ich bewertet wird, und in die Antwort desselben. Amor erkennt dankbar, dass der Sprecher im Gedicht ihm sein Leben und Dichten geweiht hat und prahlt, dass andere Künstler ebenso gut daran getan haben:

Du betrachtest mit Staunen die Trümmern alter Gebäude, Und durchwandelst mit Sinn diesen geheiligten Raum Du verehrest noch mehr die werten Reste des Bildens Einziger Künstler, die ich stets in der Werkstatt besucht. Diese Gestalten, ich lehrte sie formen. (MA, S. 59).

Jegliche Kunst wird also durch Amor inspiriert und im Gegensatz zur Ersten Römischen Elegie kann das lyrische Ich dies dank seiner Liebeserfahrung in Rom nun erkennen, wie das bereits in der Fünften Römischen Elegie zum Ausdruck kam. Künstlerisches Schaffen ohne Liebeserfüllung ist also nicht möglich, was Amor am Ende seiner Rede erneut betont: „Stoff zum Liede, wo nimmst du ihn her? Ich muß dir ihn geben Und den höheren Styl lehret die Liebe dich nur.“ (MA, S. 59). Jedoch kritisiert Amor, dass das lyrische Ich ihm nur mehr lässig dient: „wo sind die schönen Gestalten, Wo die Farben, der Glanz deiner Erfindungen hin?“ (MA, S. 59). Kaufmann interpretiert diese Aussage dahingehend, dass sich der Sprecher im Gedicht mehr mit den Kunstwerken Roms befasst, anstatt sich dem praktischen Studium an seiner Geliebten zu widmen.11 Ähnlich der Fünfzehnten Römischen Elegie, ermuntert Amor das lyrische Ich auch hier, in die „Schule der Griechen“ (MA, S. 59) zu gehen. Dieser beklagt sich daraufhin: „Wer widerspräch ihm? und leider Bin ich zu folgen gewöhnt, wenn der Gebieter befiehlt.“ (MA, S. 59). Doch Amor hält sein Wort nur verräterisch, er liefert zwar Stoff zum Dichten, raubt dem lyrischen Ich aber „Zeit, Kraft und Besinnung zugleich“ (MA, S. 59), um diese Inspiration in dichterische Produktivität umzuwandeln. Der ‚Hymnus des Liebesakts‘ „verhallt ohne prosodisches Maß“ (MA, S. 61), vom angekündigten „höherem Styl“ (MA, S. 59) kann also nicht die Rede sein. Der Sprecher im Gedicht beschuldigt Aurora, welche die Morgenröte repräsentiert, sich mit Amor gegen die Musen verbündet zu haben:

Dich Aurora wie kannt ich dich sonst als Freundin der Musen! Hat Aurora dich auch Amor der lose verführt?

Du erscheinst mir nun als seine Freundin und weckest

Mich an seinem Altar, wieder zum festlichen Tag. (MA, S. 61).

Dies deutet darauf hin, dass das lyrische Ich sonst immer am Morgen Zeit und Muße zum Dichten gefunden hat, was laut Eibl ohnehin ungewöhnlich ist, da der Tagesanbruch sonst „als Stunde der Trennung, des Hereinbrechens von Gesellschaft ins individuelle Verhältnis“12 und somit als „Feind der Liebenden“13 gilt und beruft sich dabei insbesondere auf das mittelalterliche Tagelied. Hier aber wird das lyrische Ich nach dem Erwachen sofort aufs Neue von Amor verführt und kann die sonst so produktive Morgenstunde nicht mehr sinnvoll nutzen. Amor und die Musen ergänzen sich also nicht, sondern konkurrieren in der Dreizehnten Römischen Elegie zum ersten Mal miteinander, wobei die Musen den Kampf hier deutlich verlieren. Solange die Geliebte schläft, was durch Worte wie Ruhet, ruhige Stunden und Schlummer zum Ausdruck kommt, kann das lyrische Ich sie als „Denkmal der Lust“ (MA, S. 61), ähnlich dem Marmor in der Fünften Römischen Elegie, wie ein in sich vollendetes Kunstwerk nach Moritz betrachten: „Diese Formen, wie groß! Wie edel gewendet die Glieder!“14 Sie fungiert also als Erinnerung an die sinnliche Erfüllung der Nacht und kann so Inspiration liefern, ohne den Abstand durch das verzehrende Feuer zwischen ihnen zu gefährden. Die Betrachtung der Geliebten als Denkmal stellt einen Ruhepol in der Spannung zwischen Begierde, Befriedigung und erneutem Verlangen dar, ganz im Sinne Winckelmanns:

[...]


1 Goethe, J. W.: Sämtliche Werke nach Epochen seines Schaffens. Münchner Ausgabe. Band 3.2.: Italien und Weimar. 1786-1790. Hg. von H. J. Becker u.a. München 1990, S. 47. Die Münchner Ausgabe wird im Folgenden unter der Sigle MA im Fließtext zitiert.

2 Vgl. Kaufmann, 2011, S. 234.

3 Vgl. Kaufmann, 2011, S. 245.

4 Vgl. Begemann, 2006, S.28.

5 Vgl. Kaufmann, 2011, S. 246.

6 Kaufmann, 2011, S. 246.

7 Kaufmann, 2011, S. 235.

8 Vgl. Lefèvre, 2004, S. 135.

9 Kaufmann, 2011, S. 247.

10 Vgl. Eibl, 1989, S. 255.

11 Vgl. Kaufmann, 2011, S. 266.

12 Eibl, 1982, S. 27.

13 Eibl, 1982, S. 27.

14 Moritz, 2009, S. 114-115.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Das Verhältnis von Amor und den Musen in Goethes "Römischen Elegien"
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
17
Katalognummer
V358950
ISBN (eBook)
9783668433496
ISBN (Buch)
9783668433502
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Goethe, Elegien, Amor, Musen, Antike, Römisch, Zeit, Kunst, Natur
Arbeit zitieren
Nadine Fischer (Autor), 2015, Das Verhältnis von Amor und den Musen in Goethes "Römischen Elegien", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/358950

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