Die Zeit in Goethes "Römischen Elegien" und seiner "Marienbader Elegie" im Vergleich

Und ihre Bedeutung für den künstlerischen Schaffensprozess


Bachelorarbeit, 2016

45 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

GLIEDERUNG

1. EINLEITUNG

2. DIE ZEIT UND IHRE BEDEUTUNG FÜR DEN KÜNSTLERISCHEN SCHAFFENSPROZESS IN DEN RÖMISCHEN ELEGIEN
2.1. E RSTE RÖMISCHE ELEGIE: DICHTUNG ALS NACHTRÄGLICHE VERGEGENWÄRTIGUNG DES VERGANGENEN
2.2. FÜNFTE RÖMISCHE ELEGIE: DAS IDEAL DICHTERISCH PRODUKTIVER ZEITEINTEILUNG
2.3. ELFTE RÖMISCHE ELEGIE: DICHTUNG ALS OPFERGABE IM ZEICHEN DER EWIGKEIT
2.4. DREIZEHNTE RÖMISCHE ELEGIE: ZEITRAUB DURCH AMOR UND DIE VON IHM PROPAGIERTE EROTISCHE LIEBESERFÜLLUNG
2.5. FÜNFZEHNTE RÖMISCHE ELEGIE: DICHTUNG ALS ZEITVERTREIB BIS ZUR SINNLICHEN LIEBESERFÜLLUNG
2.6. Z WANZIGSTE RÖMISCHE ELEGIE: DICHTUNG ALS MITTE ZWISCHEN GEHEIMNIS UND OFFENBARUNG
2.7. MOTTO: DIE RÖMISCHEN ELEGIEN ALS DENKMAL DER LUST

3. DIE ZEIT UND IHRE BEDEUTUNG FÜR DEN KÜNSTLERISCHEN SCHAFFENSPROZESS IN DER MARIENBADER ELEGIE
3.1. ELEGIE: DICHTUNG ALS WIEDERHOLTE VERGEGENWÄRTIGUNG VERGANGENEN GLÜCKS ..
3.2. MOTTO: DAS VERSTUMMEN ALS KEHRSEITE DER PANDORA-GABE

4. FAZIT

LITERATURVERZEICHNIS

PRIMÄRLITERATUR

SEKUNDÄRLITERATUR

INTERNETQUELLEN

„Was bleibet aber, stiften die Dichter.“1

˗ Friedrich Hölderlin

1. EINLEITUNG

Im Rahmen meiner Bachelorarbeit möchte ich die Frage beantworten, wie Goethe mit der Verwendung von Zeit in den Römischen Elegien im Vergleich zur Marienbader Elegie spielt und wie sich diese auf die dichterische Produktion innerhalb der Elegien auswirkt. In beiden Werken inszeniert sich das lyrische Ich als Künstler, der die Elegien gewissermaßen geschaffen hat. Deshalb ist, wenn ich im Folgenden vom Dichter spreche, nicht Johann Wolfgang von Goethe als Dichter der Elegien gemeint, sondern vom lyrischen Ich, nicht nur als Dichter in den Elegien, sondern auch als ‚Schöpfer‘ derselben die Rede. Laut dem Strukturmodell von Schwarz, angelehnt an Jörg Schubert, hieße das, dass die Ebene der Gedichtproduktion (also der Autor) mit der Ebene der Äußerung (also dem Sprecher) in sowohl den Römischen Elegien, als auch der Marienbader Elegie zusammenfällt.2 Ein Vergleich dieser beiden Werke hinsichtlich der Zeitthematik wurde meines Wissens bisher noch nicht unternommen, ist aber besonders mit Blick auf das dichterische Sprechen und somit das Zustandekommen der beiden Werke sehr aufschlussreich, da es viele Unterschiede, aber auch einige Gemeinsamkeiten gibt, die, gemeinsam betrachtet, neue Erkenntnisse bringen. Die verschachtelte Sprechsituation der Römischen Elegien beispielsweise, die im Folgenden eingehend betrachtet werden soll, ist sehr hilfreich, um die in der Forschung viel diskutierten Zeitsprünge in der Marienbader Elegie nachvollziehen zu können. Das Verhältnis von Sprechsituation und besprochener Situation in beiden Werken liefert hierbei, besonders im Hinblick auf die Zeit, weitere spannende Einsichten. Um die genannte Fragestellung zu beleuchten, werde ich zunächst die wichtigsten der Römischen Elegien interpretieren. Besonders interessant ist dabei die Erste Römische Elegie aufgrund ihrer ungewöhnlichen Zeitstruktur, die bereits einen Hinweis darauf gibt, aus welcher zeitlichen Perspektive die Elegien verfasst wurden und somit einen Einblick in den dichterischen Schaffensprozess des lyrischen Ichs gewährt. Die Fünfte Römische Elegie impliziert eine Einheit von erotischer Liebeserfüllung und Dichtkunst, wie sie später nicht mehr erreicht wird, und ein Blick auf die Zeitthematik des Gedichts veranschaulicht, unter welchen Bedingungen diese Symbiose überhaupt möglich ist. In der Elften Römischen Elegie wird Dichtung schließlich als Reifeprozess dargestellt, erstmals das Spannungsverhältnis zwischen Vergänglichkeit und Ewigkeit thematisiert und außerdem angedeutet, dass sich die Zeiteinteilung, die das lyrische Ich noch in der Fünften Römischen Elegie vorgenommen hat, möglicherweise nicht verwirklichen lässt. Dieser Eindruck wird in der Dreizehnten Römischen Elegie noch verstärkt, welche das Motiv des Zeitopferns zu seinem Höhepunkt innerhalb des Zyklus führt und dadurch ihre eigene Existenz negiert. Erstmals werden hier Liebe und Dichtung in Konkurrenz zueinander gesetzt, und die Notwendigkeit der Distanz zur Geliebten verdeutlicht. In der Fünfzehnten Römischen Elegie wird Dichtung als Zeitvertreib genutzt, um die Stunden bis zum Treffen mit der Geliebten zu verkürzen. Die Zwanzigste Römische Elegie vollendet den Zyklus, indem sie das Zustandekommen desselben thematisiert und Dichtung einmal mehr als Prozess darstellt. Zuletzt soll auf das Motto eingegangen werden, das seit 1815 den Römischen Elegien vorangeht und durch seine Selbstreflexivität einmal mehr Aufschluss über die Zeitstruktur der Römischen Elegien und deren Bedeutung für die Dichtung derselben gibt. Im Anschluss wird die Marienbader Elegie zum Vergleich herangezogen, um Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten in der Wirkung beider Werke mit Hilfe der Zeitthematik aufzudecken und für die Beleuchtung des dichterischen Schaffensprozesses fruchtbar zu machen. Auch hier spielt die Distanz, sowohl räumlich als auch zeitlich eine große Rolle für die künstlerische Produktion, ebenso wie das Spannungsverhältnis von Vergänglichkeit und Ewigkeit. Außerdem soll das Augenmerk auch bei der Marienbader Elegie auf ihr selbstreflexives Motto gelegt werden, um die Zeitstruktur des poetischen Sprechens deutlich zu machen, das schließlich in sein Gegenteil, das Verstummen, umgekehrt wird. Besonders auffällig ist dabei die Differenz zwischen Mensch und Dichter, sowie die Zweideutigkeit der Pandora-Gabe, die in der letzten Strophe der Marienbader Elegie angesprochen wird. Im Fazit sollen schließlich die wichtigsten Erkenntnisse noch einmal zusammengefasst werden, um so die Fragestellung pointiert zu beantworten. Des Weiteren möchte ich einen Ausblick auf weitere Aspekte des Themas liefern, die zwar ebenfalls lohnenswert für eine nähere Betrachtung gewesen wären, aber leider den Umfang dieser Arbeit überschritten hätten.

2. DIE ZEIT UND IHRE BEDEUTUNG FÜR DEN KÜNSTLERISCHEN SCHAFFENSPROZESS IN DEN RÖMISCHEN ELEGIEN

2.1. E RSTE RÖMISCHE ELEGIE: DICHTUNG ALS NACHTRÄGLICHE VERGEGENWÄRTIGUNG DES VERGANGENEN

Zunächst möchte ich die Zeitstruktur der Ersten Römischen Elegie beleuchten und erläutern, inwiefern sich diese auf die künstlerische Produktivität des Sprechers im Gedicht auswirkt. Das lyrische Ich scheint in Rom angekommen zu sein, es vermisst jedoch die Inspiration, die es sich dort eigentlich erwartet hat. Es fordert die Bauwerke Roms auf, etwas in ihm auszulösen: „Saget, Steine, mir an, o sprecht, ihr hohen Paläste! | Straßen, redet ein Wort!“.3 Diese Verben, die alle eine Form des Sprechens benennen, zeigen, dass das lyrische Ich der Inspiration von außen bedarf, um zu dichten, was ja auch eine Form des Sprechens darstellt. Es weiß zwar, dass objektiv betrachtet „alles beseelt“ (DK, S.99, V. 3) ist in Rom, der darauffolgende Vers „nur mir schweiget noch alles so still“ (DK, S. 99, V. 4) setzt dem jedoch die Subjektivität des lyrischen Ichs entgegen, das im poetischen Sinne noch unproduktiv ist. Es ist noch auf der Suche nach seiner persönlichen Inspirationsquelle, die es jedoch schon genau benennen kann:

O wer flüstert mir zu, an welchem Fenster erblick ich

Einst das holde Geschöpf, das mich versengend erquickt?

Ahn ich die Wege noch nicht, durch die ich immer und immer,

Zu ihr und von ihr zu gehn, opfre die köstliche Zeit? (DK, S. 99, V. 5-8)

Es ist die Liebeserfüllung, die Amor in Form eines „holde[n] Geschöpf[es]“ liefert, das ihm zuflüstern und dadurch etwas im Inneren des Dichters auslösen wird, das sich positiv auf seine künstlerische Produktion auswirken wird. Dieser bisher eigentlich noch nicht erschlossenen Inspirationsquelle, was durch die dreimalige Verwendung des Wortes „noch“ (DK, S. 99, V. 4, 7, 9) betont wird, ist sich das lyrische Ich erstaunlich sicher, was ein entschiedenes „Doch bald“ (DK, S. 99, V. 11) verdeutlicht. Der Eindruck wird dadurch noch verstärkt, dass das lyrische Ich im Präsens spricht anstatt im Futur. In den nächsten Versen steigert sich diese Gewissheit sogar so weit, dass angenommen werden kann, das lyrische Ich habe die künftige Liebeserfüllung, von der es spricht, bereits erfahren, vor allem da sich die antizipierte Zukunft in den darauffolgenden Römischen Elegien erfüllen wird: „Noch betracht ich Kirch und Palast, Ruinen und Säulen, | […] Doch bald ist es vorbei; dann wird ein einziger Tempel, | Amors Tempel, nur sein, der den Geweihten empfängt.“ (DK, S. 99, V. 9-12) Deshalb kann davon ausgegangen werden, dass das lyrische Ich sich aus einer zukünftigen Perspektive heraus seine Romerfahrung, die jedoch zum Zeitpunkt des Sprechens bereits in der Vergangenheit liegt, innerhalb der Römischen Elegien in Erinnerung ruft und somit vergegenwärtigt. Das Wort „Einst“ (DK, S. 99, V. 6) deutet diese verschachtelte Sprechsituation bereits an, da es laut Duden nicht nur „in einer fernen Zukunft“, sondern auch „früher, vor langer Zeit“4 bedeutet und man sich dadurch die Elegie auch gut im Präteritums vorstellen könnte. Deshalb handelt es sich bei der Zeitform des Sprechens um ein historisches Präsens5, die Situation findet nicht, wie es zunächst den Anschein hat, in der Gegenwart statt. Diese These würde auch erklären, warum die Erste Römische Elegie, die ja eindeutig ein Produkt künstlerischen Schaffens ist, trotz der vom lyrischen Ich beklagten Inspirationslosigkeit existiert. Im Moment des Sprechens kann sie, aufgrund des fehlenden Genius nicht entstanden sein, und muss somit im Nachhinein, im Bewusstsein der bereits erlebten Liebeserfüllung verfasst worden sein. Für Rainer Hillenbrand kennzeichnet dieser Umstand den Gedichtzyklus als Elegien: „Die Römischen Elegien sind mit dem Bewußtsein der gemachten Erfahrung und trotzdem im nachvollziehenden Präsens des gerade geschehenen Erlebnisses gesprochen. Es ist aus der Distanz geschaffene Nähe: elegische Liebesdichtung.“6 Kaufmann kritisiert zwar, dass es sich bei den Römischen Elegien nur formal, nicht jedoch inhaltlich um Elegien handelt: „Es sind keine Klagegedichte über verlorenes oder verwehrtes (Liebes-)Glück, vielmehr entfalten sie den ‚idyllischen‘ Zustand eines erfüllten Daseins.“7 Wie jedoch der Blick auf die Zeitstruktur zeigt, liegt das Liebesglück der Römischen Elegien für das lyrische Ich sehr wohl in der Vergangenheit, auch wenn es im Zyklus vergegenwärtigt wird. Die Römischen Elegien können zwar in der Tat kaum als Klage angesehen werden, der „idyllische Zustand“ jedoch, von dem Kaufmann spricht, erleidet im Laufe der Elegien einen Bruch, was später auch noch aufgezeigt werden soll. Das Schlussepigramm „Eine Welt zwar bist du, o Rom; doch ohne die Liebe | Wäre die Welt nicht die Welt, wäre denn Rom auch nicht Rom“ (DK, S. 99, V. 13-14) kann also, bedingt durch die Zeitstruktur der Sprechsituation, als abschließendes Fazit gelten, das das lyrische Ich für seine gesamte Romerfahrung zieht.8 Nur die Liebe vermag laut dem Sprecher im Gedicht Inspiration zu liefern. „Die Liebe als Initiationserlebnis soll die Stadt zum Sprechen bringen“9 und dadurch auch das lyrische Ich als Dichter. Interessant ist auch, dass das lyrische Ich davon spricht, seine Zeit der Geliebten zu opfern, was ja eher negativ konnotiert ist. Was genau damit gemeint ist, wird aber in den folgenden Römischen Elegien noch klarer.

2.2. FÜNFTE RÖMISCHE ELEGIE: DAS IDEAL DICHTERISCH PRODUKTIVER ZEITEINTEILUNG

Die Inspiration, die das lyrische Ich in der Ersten Römischen Elegie noch vermisst, aber bereits für seine Zukunft antizipiert hat, erfüllt es nun in der Fünften Römischen Elegie: „Froh empfind ich mich nun auf klassischem Boden begeistert; | Vor- und Mitwelt spricht lauter und reizender mir.“ (DK, S. 109, V. 1-2) Mit der Vorwelt und den „Werke[n] der Alten“ (DK, S. 109, V. 3) ist hier die Antike gemeint, deren Ideal das lyrische Ich wieder aufleben lassen möchte und die es nun auch verstehen kann. Endlich wird zu ihm gesprochen, die antike Literatur bietet dem lyrischen Ich in intellektueller Hinsicht Inspiration. Doch die Werke seiner antiken Vorbilder studiert der Sprecher im Gedicht nur tagsüber, nachts hingegen widmet es sich ganz im Sinne Amors der erotischen Liebesüberfüllung. Dieser Unterschied, den das lyrische Ich in seiner Zeiteinteilung macht, wird insbesondere durch das verseinleitende antithetische „Aber“ betont: „Aber die Nächte hindurch hält Amor mich anders beschäftigt“ (DK, S. 109, V. 5). Die Antithese „Werd ich auch halb nur gelehrt, bin ich doch doppelt beglückt“ (DK, S. 109, V. 6) verdeutlicht, dass der Sprecher im Gedicht aus der erotischen Liebeserfüllung mindestens genauso viel Freude ziehen kann, wie aus dem Studium. „Die Pointe besteht aber darin, daß diese Antithesen bei genauerem Hinsehen gar keine Antithesen sind: Die »Werke der Alten« und das Liebesverhältnis mit Faustine10 sind nur zwei einander ergänzende Aspekte ein und desselben Bildungserlebnisses“11. Das lyrische Ich wird nämlich auch bei Nacht belehrt, wie die folgenden Verse zeigen:

Und belehr ich mich nicht, indem ich des lieblichen Busens

Formen spähe, die Hand leite die Hüften hinab?

Dann versteh ich den Marmor erst recht; ich denk und vergleiche,

Sehe mit fühlendem Aug, fühle mit sehender Hand. (DK, S. 109, V. 7-10)

Diese synästhetisch-chiastische Verbindung der beiden Sinne Fühlen und Sehen, die im Enjambement von Vers sieben auf Vers acht schon angedeutet wird, verdeutlicht zugleich den Zusammenhang zwischen Ratio und Eros, der in der Fünften Römischen Elegie erstmals zum Tragen kommt. Das sehende Auge, mit dem das lyrische Ich sich tagsüber bildet, wird der fühlenden Hand, mit der es nachts seine Geliebte studiert, nicht entgegengesetzt, sondern mit ihr verbunden. Erst durch die sinnliche Erfahrung der erotischen Liebeserfüllung, welche die rein intellektuelle Inspiration der Literatur übersteigt, ist der Sprecher im Gedicht inspiriert genug, um die Lebensweise der vergangenen Antike auch in der Gegenwart nachvollziehen zu können. Dies entspricht ganz der Ansicht Herders:

Raum, Winkel, Form, Rundung lerne ich als solche in leibhafter Wahrheit nicht durchs Gesicht erkennen; geschweige das Wesen dieser Kunst, schöne Form, schöne Bildung, die nicht Farbe, nicht Spiel der Proportion, der Symmetrie, des Lichtes und Schattens, sondern dargestellte, tastbare Wahrheit ist.12

Das praktische Studium an der Geliebten stellt für ihn in diesem Sinne die notwendige Voraussetzung dar, um die Theorie in den antiken Werken zu verstehen, wie auch das „erst recht“ in Vers neun zeigt. Bittet das lyrische Ich in der Ersten Römischen Elegie die Steine noch, zu ihm zu sprechen, versteht es nun den Marmor, kann also der Kunst Roms dank seiner Geliebten nun etwas abgewinnen. Nichtsdestotrotz überwiegt das Vorkommen des Wortes „Hand“ (DK, S. 109, V. 4, 8, 10, 16) über das des Wortes „Auge“ (DK, S. 109, V. 10) und deutet damit bereits eine Übermacht des Eros gegenüber der Ratio an, wie sie später im Verlauf der Römischen Elegien noch eine größere Rolle spielen wird. Dadurch wird auch die Thematik des Zeitopferns, wie sie in der Ersten Römischen Elegie angesprochen wurde, klarer: „Raubt die Liebste denn gleich mir einige Stunden des Tages, | Gibt sie Stunden der Nacht mir zur Entschädigung hin.“ (DK, S. 109, V. 11-12) Die Zeit, die das lyrische Ich dem Liebesgott Amor widmet, geht zulasten des Studiums antiker Werke, ist aber nichtsdestotrotz essentiell, um dem lyrischen Ich seine Inspiration zu liefern. Und die benötigt es dringend, da, wie man hier erstmals erfährt, das lyrische Ich sich selbst als Dichter sieht:

Wird doch nicht immer geküßt, es wird vernünftig gesprochen;

Überfällt sie der Schlaf, lieg ich und denke mir viel.

Oftmals hab ich auch schon in ihren Armen gedichtet

Und des Hexameters Maß leise mit fingernder Hand

Ihr auf den Rücken gezählt. Sie atmet in lieblichem Schlummer,

Und es durchglühet ihr Hauch mir bis ins Tiefste die Brust. (DK, S. 109, V. 13-18)

Interessant ist hierbei unter anderem der Wechsel vom Präsens ins Perfekt und wieder zurück. Das Perfekt signalisiert in Verbindung mit dem Wort „Oftmals“, dass es sich bei der beschriebenen Situation um eine wiederkehrende handelt. Die Rückkehr ins Präsens zeigt jedoch, dass auch in der Gegenwart des Sprechens eine ähnliche Situation vorliegt.13 „Die Liebes-Idylle, in die der Dichter Eingang gefunden hat, erscheint hierdurch gleichsam als der Zeit enthoben, als ‚ewiger Augenblick‘.“14 Auch Gerhard Kaiser vertritt die Meinung, von der Ersten zur Fünften Römischen Elegie findet ein „Übertritt aus der Zeit in die Zeitlosigkeit“15 statt. Während der Sprecher sich in der Ersten Römischen Elegie, wie bereits erörtert, noch in einem Spannungsfeld aus Vergangenheit und Zukunft befand, ist sein Zeitgefühl nun in der Fünften Römischen Elegie außer Kraft gesetzt; Vergangenheit und Gegenwart verschmelzen in einem ewigen Augenblick, der der bewussten Zeitreflexion entgegengesetzt werden muss.16 Jedoch kann hier nur von einer qualitativen Ewigkeit die Rede sein.17 Quantitativ ewig und somit die Zeit überdauernd ist nur die Dichtung, die der Sprecher im Gedicht ja scheinbar genau in diesem ewigen Augenblick produziert. Er ist sich also der Flüchtigkeit des Moments bewusst, was laut Anglet auch die Voraussetzung dafür darstellt, den Wert des ewigen Augenblicks schätzen zu können18, und verewigt ihn zeitgleich als Dichtung im Rahmen der Fünften Römischen Elegie, die dadurch ihre eigenen Entstehungsbedingungen reflektiert. „Das elegische Zentrum ist aber gerade die Erkenntnis des Widerspruchs zwischen erfülltem erotischem Augenblick, der notwendig vergänglich ist, und dauerhaft gestalteter Dichtung, die notwendig die Distanz zum Erlebnis voraussetzt.“19 Auch wird in diesen Versen eine Verbindung von Ratio und Eros impliziert, wenn im selben Vers von des „Hexameters Maß“ und von der „fingernde[n] Hand“ die Rede ist. Doch ist es vonnöten, sich die Bedingungen für diese Einheit ins Gedächtnis zu rufen. Die dichterische Produktion ist dem lyrischen Ich nämlich nur möglich, solange die Geliebte schläft und dadurch eine gewisse Distanz gewahrt bleibt, wie Hillenbrand bereits treffend konstatiert hat und was mittels der Dreizehnten Römischen Elegie später noch vertieft werden soll. Der Hauch, der von der schlafenden Geliebten ausgeht und die Brust des Dichters durchglüht, steht für die Inspiration, die das lyrische Ich erst zum Dichten ermächtigt. In der Fünften Römischen Elegie kommen Dichtung und Inspiration durch Liebeserfüllung, Amor und die Musen einander am nächsten, was zeigt, dass die Zeiteinteilung des Sprechers im Gedicht sich durchaus positiv auf die künstlerische Produktion auswirkt. Die Einheit von Kunst und Liebe geht allerdings zulasten der Einheit der beiden Liebenden. Der Sprecher im Gedicht ist aktiver Betrachter, seine Geliebte jedoch nur passives Kunstobjekt, was in der Dreizehnten Römischen Elegie noch näher thematisiert werden soll. Von einem lebendigen Miteinander kann hier also nicht die Rede sein.20 Die abschließenden Verse: „Amor schüret die Lamp indes und denket der Zeiten, | Da er den nämlichen Dienst seinen Triumvirn getan“ (DK, S. 109, V. 19-20) spielen auf die römischen Elegiker Catull, Tibull und Properz an. Amor hat schon in der Antike zur Dichtung inspiriert und erweist dem lyrischen Ich, welches sich als Dichter der Elegien dadurch gewissermaßen auf eine Stufe mit ihnen stellt, nun denselben Gefallen. Indem Amor die Lampe schürt, facht er die Leidenschaft aufs Neue an. Dies evoziert, dass die Geliebte demnächst erwachen und das lyrische Ich sich deshalb wieder ihr widmen wird. Aus diesem Grund ist anzunehmen, dass der Dichter, der seine Liebeserfahrung ja erst im Nachhinein verschriftlicht und retrospektiv schildert, ein Pausieren des Schreibprozesses an dieser Stelle inszeniert hat, weshalb die Fünfte Römische Elegie hier endet. Denn obwohl die Elegie größtenteils eine Einheit von Ratio und Eros propagiert, möchte der Dichter darstellen, dass die sinnliche Liebeserfahrung Bildung und Dichtkunst bereits am Anfang des Gedichtzyklus in den Hintergrund rücken lässt.

2.3. ELFTE RÖMISCHE ELEGIE: DICHTUNG ALS OPFERGABE IM ZEICHEN DER EWIGKEIT

Auch in der Elften Römischen Elegie bezeichnet das lyrische Ich sich selbst als Dichter, der seine Werke den Grazien in einer Art Opfergabe darbietet: „Euch, o Grazien, legt die wenigen Blätter ein Dichter | Auf den reinen Altar, Knospen der Rose dazu“ (DK, S. 121, V. 1-2). Diese Homonymie ist bewusst gewählt, um - besonders in Verbindung mit den „Knospen der Rose“ - eine Doppeldeutigkeit zu schaffen, wobei die Blätter einerseits botanisch konnotiert sind und andererseits für die auf Papier geschriebenen Elegien stehen können. Letztere Deutung ergibt jedoch angesichts der Selbstinszenierung des lyrischen Ichs als Dichter mehr Sinn. Durch diese Zweideutigkeit wird evoziert, dass die Dichtkunst eines Reifeprozesses bedarf. So wie die Knospen der Rosen sich erst noch in ihrer vollen Blüte entfalten müssen, entstehen auch die Elegien nach und nach und müssen zum Zeitpunkt der beschriebenen Gegenwart (also der besprochenen Situation, nicht zu verwechseln mit der Sprechsituation) erst noch vollendet werden. Bei beiden Deutungsmöglichkeiten handelt es sich jedoch um Produkte der Natur, da auch die Römischen Elegien aus einem natürlichen Akt der Liebeserfüllung heraus entstanden sind, so wie die Knospen der Rose als Symbol der Liebe fungieren. Während die Blätter als pflanzliche Produkte aber, nachdem sie sich zu voller Blüte entfaltet haben, notwendigerweise welken und vergehen, ist die Dichtung beständig und überdauert die Zeit. Dadurch bricht in dieser Elegie kurz das Moment der Vergänglichkeit durch: „In den ‚Römischen Elegien‘ können sich Liebeserfüllung und Götterseligkeit sogar mit dem Gedenken an Orkus und Lethe21, der rein genossene Augenblick mit dem Wissen von dessen Begrenztheit und Vergänglichkeit vereinen.“22 Deren Akzeptanz stellt, wie ja bereits im vorigen Kapitel erläutert, eine Voraussetzung für die Wertschätzung eines ewigen Augenblicks dar. Das Wissen von der Begrenztheit alles Schönen liefert einen weiteren Hinweis darauf, dass das lyrische Ich als Autor der Elegien dieselben nachträglich im Bewusstsein der Flüchtigkeit der Liebeserfüllung verfasst hat und diese Erfahrung nun in diesen Versen unterschwellig einfließen lässt. Rainer Hillenbrand vertritt eine ähnliche Ansicht: „Die Unmittelbarkeit des römischen Augenblicks, der ‚naive‘ Lebensgenuß ist das Resultat einer nachträglichen ‚elegischen‘ Vergegenwärtigung. Die Möglichkeit des Verlustes bleibt immer bewußt.“23 Dass es sich noch um wenige Blätter handelt, könnte einerseits als Ausdruck der Bescheidenheit des Sprechers fungieren, aber andererseits auch als weiterer Hinweis darauf angesehen werden, dass sich die in der Fünften Römischen Elegie noch so fruchtbar wirkende Zeiteinteilung doch nicht so ohne weiteres verwirklichen lässt. Möglicherweise hat der Dichter sich zu diesem Zeitpunkt bereits mehr der erotischen Liebeserfüllung als dem künstlerischen Schaffensprozess verschrieben, was im folgenden Kapitel noch eine tragende Rolle spielen wird. Auch, dass die Darbietung der Elegien an die Grazien als Opfergabe im Pantheon inszeniert wird, verweist möglicherweise darauf, dass das lyrische Ich die Dichtung zugunsten der köstlichen Zeit mit der Geliebten opfert, wie es ja bereits in den vorangegangenen Kapiteln angeklungen ist. Auch Hillenbrand deutet diesen Umstand als Zeichen dafür, dass die Dichtung aufgegeben wird, um die Zeit anders zu nutzen.24 Es ist des Weiteren bezeichnend, dass der Sprecher im Gedicht seine Werke den Göttinnen der Anmut und nicht Amor weiht.

[...]


1 Hölderlin, Friedrich: Andenken. In: Dichter über ihre Dichtungen. Bd. 11. Hg. von: R. Hirsch und W. Vordtriede. München, 1973, S. 21.

2 Vgl. Schwarz, Sandra: Stimmen - Theorien lyrischen Sprechens. In: Theorien der Literatur. Grundlagen und Perspektiven. Bd. 3. Hg. von: H. V. Geppert und H. Zapf. Tübingen, 2007, S. 108.

3 Jost, Dominik: Deutsche Klassik: Goethes »Römische Elegien«. München, 1978, S. 99, V. 1-2. Wird im Folgenden unter der Sigle DK im Fließtext zitiert.

4 http://www.duden.de/rechtschreibung/einst [Stand: 08.05.2016].

5 Vgl. Hillenbrand, Rainer: Goethes Römische Elegien als fiktionales Kunstwerk. Frankfurt a. M., 2003, S. 10.

6 Hillenbrand, Rainer: Das Denkmal der Lust: Amor und die Musen in Goethes 13. Römischer Elegie. In: Goethe Yearbook. Publications of the Goethe Society of North America. Hg. von: T. P. Saine und E. Dye. Columbia, 1994, S. 87.

7 Kaufmann, Sebastian: „Schöpft des Dichters reine Hand …“. Studien zu Goethes poetologischer Lyrik. In: Beiträge zur neueren Literaturgeschichte. Bd. 291. Heidelberg, 2011, S. 215.

8 Vgl. Hillenbrand, Rainer: 2003, S. 10.

9 Schuster, Jörg.: Poetologie der Distanz. Die >klassische< deutsche Elegie 1750-1800. In: Rombach Wissenschaften. Reihe Cultura. Bd. 25. Hg. von: G. Brandstetter, U. Renner und G. Schnitzler. Freiburg, 2002, S. 198.

10 Gemeint ist damit die Geliebte des Dichters. Beim Namen „Faustine“ wird sie zum ersten und auch zum letzten Mal in der Achtzehnten Römischen Elegie genannt.

11 Schuster, Jörg: 2002, S. 200.

12 Herder, Johann Gottfried: Plastik. Einige Wahrnehmungen über Form und Gestalt aus Pygmalions bildendem Träume. Leipzig, 1778, S. 19.

13 Vgl. Kaufmann, Sebastian: 2011, S. 246.

14 Kaufmann, Sebastian: 2011, S. 246.

15 Kaiser, Gerhard: Wandrer und Idylle. Goethe und die Phänomenologie der Natur in der deutschen Dichtung von Geßner bis Gottfried Keller. Göttingen, 1977, S. 162.

16 Vgl. Anglet, Andreas: Der „ewige“ Augenblick. Studien zur Struktur und Funktion eines Denkbildes bei Goethe. In: Kölner Germanistische Studien. Bd. 33. Hg. von: W. Hinck et al. Köln, 1991, S. 3.

17 Vgl. Anglet. Andreas: 1991, S. 1.

18 Vgl. Anglet, Andreas: 1991, S. 23.

19 Hillenbrand, Rainer: 2003, S. 9.

20 Vgl. Schuster, Jörg: 2002, S. 202.

21 Orkus und Lethe werden in der Zehnten Römischen Elegie genannt und die Vergänglichkeitsthematik findet darin ihren Höhepunkt. Aus Platzgründen soll die Zehnte Römische Elegie hier jedoch nicht weiter behandelt werden.

22 Pehnt, Wolfgang: Zeiterlebnis und Zeitdichtung in Goethes Lyrik. Tübingen, 1957, S. 142.

23 Hillenbrand, Rainer: 1994, S. 86.

24 Hillenbrand, Rainer: 2003, S. 44.

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
Die Zeit in Goethes "Römischen Elegien" und seiner "Marienbader Elegie" im Vergleich
Untertitel
Und ihre Bedeutung für den künstlerischen Schaffensprozess
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
45
Katalognummer
V358956
ISBN (eBook)
9783668433533
ISBN (Buch)
9783668433540
Dateigröße
598 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Goethe, Elegien, Marienbad, Römisch, Kunst, Inspiration, Liebe, Zeit
Arbeit zitieren
Nadine Fischer (Autor), 2016, Die Zeit in Goethes "Römischen Elegien" und seiner "Marienbader Elegie" im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/358956

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