David Graeber und seine theoretischen Überlegungen über die Werte und das Individuum als Teil der Gesellschaft sowie über Konsum und Freiheit sind Themen dieser Hausarbeit.
David Graeber, amerikanische Anarchist und Ethnologe (geb. 1961), ist Autor von "Fragments of an Anarchist Anthropology" und "Towards an Anthropological Theory of Value: The False Coin of Our Own Dreams", den beiden Büchern, welche die Grundlage für diese Hausarbeit bilden. Er ist ein bekannter sozialer und politischer Aktivist, der unter anderem an den Protesten des World Economic Forum in New York City (2002) teilnahm. Darüber hinaus ist er Mitglied der Gewerkschaft Industrial Workers of the World. Bis Juni 2007 war Graeber Professor für Ethnologie an der Yale University.
In der Wirtschaftswissenschaft geht es immer um die Vorhersage und für jemanden, der einen Produkt hat und es anbietet, ist es von großer Wichtigkeit, möglichst genau zu wissen, was die Anderen, die das Geld haben, wollen. Danach wird die Strategie entwickelt, gerichtet und gehandelt. Das macht aus Wirtschaftskunde eine Wissenschaft, die mehr als jede andere versucht, die Welt mit der sie sich beschäftigt, zu beeinflussen. Sie zeigt die (gefährliche!) Tendenz, an der Welt Teil haben zu wollen. Die Wirtschaft selbst produziert und bildet immer neue Kräfte, die sich mit der Wirtschaft und der Vorrausage beschäftigen, also hat sie sich selbst als Objekt der Untersuchung.
Ethnologie dagegen hat sich schon immer mit den Menschen beschäftigt, die anders sind als man selbst, die mit dieser (praktischen und theoretischen) Welt in der sich die Wirtschaftanalytiker bewegten, am geringsten Kontakt hatten. Graeber fasst es so zusammen: Die Wirtschaft strebt der Prognose des individuellen Verhaltens an, die Anthropologie setzt sich das Verstehen von kollektiven Unterschieden als Ziel.
Inhaltsverzeichnis
1. EINFÜHRUNG
1.1 Globale Wirtschaftskrise und das Phänomen der Selbsttäuschung in „postmodernen“ Gesellschaften
2. DAVID GRAEBER, ANARCHIST UND ETHNOLOGE
2.1 David Graeber- Biografie
2.2 Anarchistische Ethnologie
2.2.1 Marcel Mauss als Leitbild der Anarchisten
3. DAVID GRAEBER UND DIE ANTHROPOLOGISCHE THEORIE DES WERTES. EINIGE WICHTIGE PUNKTE
3.1 Ziele des Buches Toward An Anthropology Theory of Value
3.1.1 Kritik der Vertreter der „freien Presse“ und „Postmodernisten“ als Diener des globalen Marktes
3.2 Die Wege zu einer anthropologischen Theorie des Wertes
3.2.1 Der Wert im soziologischen Sinne: eine Konzeption nach der der Wert letztendlich etwas Gutes, Anständiges, Begehrenswertes sei
3.2.1.2 Die Kritik an Polanyi
3.2.2 Der linguistische Wert
3.2.3 Louis Dumont und seine Theorie der Hierarchie der Denkmuster
3.2.4 Marxsche Theorie des Wertes
3.2.5 Theorie des Genusses statt Theorie der Wünsche
4. EINIGE BEISPIELE FÜR VERSCHIEDENE AUFFASSUNGEN VON WERTEN IN WESTLICHEN GESELLSCHAFTEN
4.1 Amnestie International (AI) - Spendensammler auf der Strasse
4.2 Die Mitarbeiter des Frankfurter Radiosenders Radio X
4.3 Musiker und Künstler
4.4 Das Fahrrad und der Dieb
4.5 Ungesundes Essen als Belohnung für das Gute tun
4.6 Tupperparty
4.7 Nachbarschaftsringe, Internetforen, neue Verbindungsmöglichkeiten
5. KONSUM, POTLATSCH, GEIST DER GABE IN DEN „POSTMODERNEN“ GESELLSCHAFTEN
5.1 Potlatsch und Kapitalismus als die Gesellschaftsform der Opfer der Zerstörung
6. SCHLUSSFOLGERUNG. DIE HANDLUNG ALS WERT
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Wirken des Anarchisten und Ethnologen David Graeber, insbesondere seine anthropologische Theorie des Wertes, um die Mechanismen und Widersprüche innerhalb kapitalistischer sowie „postmoderner“ Gesellschaften kritisch zu beleuchten.
- Die kritische Auseinandersetzung mit modernen Wirtschafts- und Konsumideologien.
- Die Bedeutung von Gabenökonomien und dem „Potlatsch“ als Gegenmodelle zum kapitalistischen Tauschhandel.
- Die Rolle der Ethnologie als Wissenschaft zur Untersuchung kollektiver Unterschiede versus ökonomischer Prognostik.
- Analyse der Entfremdung und der Entstehung von „Werten“ im sozialen Gefüge.
- Die Notwendigkeit politischer Handlungsfähigkeit und kreativer Selbstbestimmung jenseits marktorientierter Strukturen.
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Der Wert im soziologischen Sinne: eine Konzeption nach der der Wert letztendlich etwas Gutes, Anständiges, Begehrenswertes sei
Clyde Kluckhohn betrieb die Anthropologie als vergleichendes Studium der Werte. In den späten 1940er und Anfang 1950ern startete Kluckhohn am Harvard University ein Projekt in dem er die Unterschiede in der Bedeutung des Wertes bei fünf verschiedenen Gesellschaften in New Mexico, in Rimrock untersuchte. Es handelte sich dabei um eine ziemlich ähnliche Umwelt, aber fünf verschiedene Wertesysteme. Folgendes kam dabei heraus: Der Wert sei das Kriterium, nach dem Menschen entscheiden was sie haben wollen und was nicht. Es seien nicht unbedingt die Dinge, die man zum Leben braucht, sondern das was man für wichtig hält.
Kluckhohn stellte Fragen wie diese: Womit muss man als Mensch rechnen und auf was darf man hoffen, was erfüllt und was frustriert uns? Sind Menschen gut oder schlecht? Basieren die Beziehungen der Menschen mit der Natur auf Harmonie, auf dem Beherrschen oder Unterwerfung? Soll man loyal zu sich selbst, einer Gruppe oder einem anderen Individuum sein?
Zu den alltäglichen Fragen wie z.B. warum einer lieber Kartoffeln als Reis esse, oder warum jemand die eigene Kreuzcousine heiraten will, kam er nicht. Indessen erinnert Graeber daran, dass die Ethnologie die Lehre über die verschiedenen Philosophien des Alltags und ihr Vergleich sei. Er betrachte die Werte als Ethnologe, „nicht als etwas Abstraktes, sondern als etwas von entscheidender Auswirkung und Einfluss auf menschliches Verhalten“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINFÜHRUNG: Diese Einleitung führt in das Thema der Wirtschaftsethnologie ein und positioniert David Graeber als kritischen Theoretiker gegenüber den dominierenden kapitalistischen Wirtschaftsmodellen.
2. DAVID GRAEBER, ANARCHIST UND ETHNOLOGE: Das Kapitel skizziert die Biografie Graebers und erläutert sein Verständnis einer anarchistischen Ethnologie, die staatliche Strukturen hinterfragt.
3. DAVID GRAEBER UND DIE ANTHROPOLOGISCHE THEORIE DES WERTES. EINIGE WICHTIGE PUNKTE: Hier werden die theoretischen Grundlagen Graebers analysiert, darunter die Kritik an der Postmoderne sowie linguistische und marxsche Perspektiven auf den Wertbegriff.
4. EINIGE BEISPIELE FÜR VERSCHIEDENE AUFFASSUNGEN VON WERTEN IN WESTLICHEN GESELLSCHAFTEN: Anhand praxisnaher Fallbeispiele wie Amnestie International oder Tupperpartys wird verdeutlicht, wie Werte in modernen Gesellschaften durch Konsum und soziale Interaktion geformt und teils entfremdet werden.
5. KONSUM, POTLATSCH, GEIST DER GABE IN DEN „POSTMODERNEN“ GESELLSCHAFTEN: Dieses Kapitel vergleicht den modernen Konsumismus mit der ethnologischen Praxis des Potlatsch und entlarvt die zerstörerischen Tendenzen kapitalistischer Akkumulation.
6. SCHLUSSFOLGERUNG. DIE HANDLUNG ALS WERT: Die Arbeit schließt mit dem Plädoyer Graebers für die zentrale Bedeutung aktiven, subversiven Handelns gegen die Logik des Marktes und für eine Rückbesinnung auf menschliche Werte.
Schlüsselwörter
David Graeber, Anarchistische Ethnologie, Wirtschaftsethnologie, Werttheorie, Kapitalismuskritik, Postmoderne, Geschenkökonomie, Potlatsch, Konsumgesellschaft, Entfremdung, Soziale Beziehungen, Marxismus, Handlungsfähigkeit, Neoliberalismus, Reziprozität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit den ökonomisch-anthropologischen Thesen des Anarchisten David Graeber und untersucht, wie Werte in kapitalistischen Systemen konstruiert und gelebt werden.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Zu den zentralen Themen gehören die Kritik am Kapitalismus, die Funktion von Arbeit und Geld, der Vergleich von Geschenkökonomien mit modernen Märkten sowie die Rolle von Konsum bei der Identitätsbildung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Graebers Theorien zu nutzen, um die verborgenen Mechanismen hinter der marktkonformen „Selbsttäuschung“ in westlichen Gesellschaften aufzudecken und Handlungsalternativen aufzuzeigen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit stützt sich primär auf eine theoretische Literaturanalyse anthropologischer Werke, ergänzt durch die kritische Betrachtung aktueller gesellschaftlicher Phänomene und Fallbeispiele.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert verschiedene Definitionen von Wert – vom soziologischen über den linguistischen bis zum marxschen Verständnis – und illustriert diese durch konkrete Beispiele aus dem Alltag.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie „anarchistische Ethnologie“, „Geschenkökonomie“, „Konsumgesellschaft“ und „Entfremdung“ geprägt.
Wie bewertet Graeber die Rolle der „Postmodernisten“?
Graeber sieht in den Postmodernisten oft „Diener des globalen Marktes“, da ihr Fokus auf Dekonstruktion und Apathie dazu führe, politische Veränderung als unmöglich erscheinen zu lassen.
Was unterscheidet den „Potlatsch“ vom kapitalistischen Konsum?
Während der Potlatsch auf einer sozialen Verpflichtung zum Geben und auf Prestige durch soziale Beziehungen basiert, strebt der Kapitalismus nach quantitativer Akkumulation von Reichtum und Gütern.
Welche Bedeutung misst die Arbeit der „Handlung“ bei?
Die Handlung wird als zentraler Wert verstanden, da sie im Gegensatz zu reinem Konsum nicht auf der Akkumulation von Waren, sondern auf menschlicher Interaktion und kreativer Selbstbestimmung beruht.
Welchen Bezug nimmt der Autor zu sozialen Netzwerken und modernen Technologien?
Die Arbeit betrachtet Internetforen und soziale Netzwerke kritisch als Orte, an denen „Tagträume“ produziert werden, und hinterfragt deren Beitrag zur echten gesellschaftlichen Veränderung.
- Quote paper
- Tomo Polic (Author), 2009, David Graeber und die anthropologische Theorie des Wertes, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/359178