Wiener Genesis. Die Bedeutung Lucifers für die Erschaffung des Menschen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

16 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Analyse der Wiener Handschrift
2.1 Die Wiener Genesis: Die Darstellung von Lucifers Fall aus dem Himmelsreich

3. Die Erschaffung des Menschen in der Priesterschrift
3.1 Das Paradies und der Sündenfall in Genesis 2,4b-3,24.

4. Schlusswort: Die Funktion Luzifers

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die obige Abbildung ist eine Abbildung der altdeutschen Genesis.[1]

Für Mediävisten haben solche Zeugnisse einen unschätzbaren kulturellen Wert, zeigen sie uns doch die literarischen Anfänge unserer deutschen Sprache.

Dies war nicht immer selbstverständlich. Bis ins frühe achte Jahrhundert galt Latein als Sprache der gebildeten Geistlichkeit. Es ist hauptsächlich der Bildungsreform Karl des Großen zu verdanken, dass die deutsche Sprache erstmals Einzug in den literarischen Sprachgebrauch fand.

Die Mediävistik unterscheidet drei Phasen der Dichtung: die althochdeutsche, früh-mittelhochdeutsche und die mittelhochdeutsche Dichtung.

Die folgende Hausarbeit befasst sich mit der früh-mittelhochdeutschen Literatur. Ich habe den Schwerpunkt auf den Fall Lucifers aus dem Himmelsreich und dessen Bedeutung für die Erschaffung des Menschen, gelegt, da ich die Frage beantworten möchte, wie der Mensch erschaffen wurde.

Hierzu möchte ich zunächst auf die Entstehungsgeschichte der Wiener Genesis und ihre sprachlichen Besonderheiten eingehen. Im Anschluss, folgt eine genauere Untersuchung der Darstellung Lucifers in der Wiener Genesis. Da die Entstehung des Menschen eigentlich das Thema der biblischen Genesis ist, möchte ich im Anschluss die Priesterschrift und den Sündenfall analysieren und so herausarbeiten, weshalb gerade Lucifer für die menschliche Erschaffung so essenziell ist.

2. Die Analyse der Wiener Handschrift

Vor der Ausbreitung des Buchdruckes wurde die mittelalterliche Literatur handschriftlich überliefert.[2] Handschriften wurden nur für einen sehr engen Benutzerkreis geschrieben. Sie galten damals als Luxusware, weil ihre Herstellung sehr aufwändig war. Im Gegensatz zu unseren heutigen Büchern, fehlen die zur Interpretation wichtigen Paratexte, welche nicht direkt zum eigentlichen Text gehören, diesen jedoch umgeben. Dazu zählen beispielsweise der Titel, der Autor, Herausgeber, Erscheinungsjahr und Verlag.

Für die Mediävisten ist es daher von großer Bedeutung, vorbereitende Arbeitsschritte zu leisten. Diese umfassen die Charakterisierung der äußeren und inneren Merkmale der Handschrift.

Auch wenn ich in meiner späteren Analyse textimmanent arbeiten werde, denke ich, dass es sinnvoll ist, diese Arbeitsschritte einmal durchzugehen.

Im folgenden möchte ich daher genauere Informationen zum heutigen Standort, der Provenienzen, dem Schreibstoff und der Schrift geben. Im Anschluss daran, werde ich Blätter und Lagen, das Format, Informationen zu ihrer Einrichtung und Ausstattung sowie den Einband und den Schreibdialekt genauer untersuchen.[3]

Der gegenwärtige Aufbewahrungsort der Wiener Genesis ist die österreichische Nationalbibliothek in Wien. Sie bietet Interessierten wie Forschern die Möglichkeit sich die Wiener Genesis zugänglich zu machen. Originale sind meist viel zu wertvoll und zu leicht zu beschädigen, um ausgestellt zu werden.

Da der heutige Aufbewahrungsort recht wenig über die Wiener Genesis aussagt, ist es sinnvoll sich mit den Angaben der Vorbesitzer auseinanderzusetzen, also der Provenienzen.

Die früh-mittelhochdeutsche Genesis wurde in drei Fassungen überliefert: Die Wiener, Millstädter und die Vorauer Handschrift. Welche dieser drei, die älteste Handschrift ist oder ob alle von einem gemeinsamen Archetyp abstammen, ist bis heute nicht vollständig geklärt.[4]

Als Schreibstoff für die Wiener Handschrift diente Pergament, welches vom 4. bis zum 13. Jahrhundert in Gebrauch war.[5] Es war damals sehr kostbar, da das Manuskript zweimal beschriftet wurde, bevor man die ursprüngliche Schrift tilgte. Diesen Prozess bezeichnete man als Palimpsestieren.

Anhand des Schrift konnte man einige Rückschlüsse auf die Schreiber ziehen. Es gilt als gesichert, dass die Wiener Genesis nicht nur von einem Schreiber geschrieben wurde, sondern von mehreren.[6]

Bei der Analyse einer früh-mittelalterlichen Handschrift zählt man nicht die Seiten, sondern die Blätter. Diesen Prozess bezeichnet man als Foliierung. Die Wiener Handschrift bestand ursprünglich aus 48 Doppelblättern mit 192 Bildern, auch Miniaturen genannt. Heute sind 24 Blätter mit 48 Miniaturen erhalten geblieben.

Das Format, also die Maße des Faksimile der Wiener Genesis, ist ca. 30x24 cm.[7]

Unter der Einrichtung einer Handschrift verstehen Mediävisten die Gliederung der Spalten und Besonderheiten der Verse.

Die Verse bilden syntaktische Einheiten, was man vor allem an den Satzzeichen am Ende fast jeden Verses erkennen kann.

„daz ich chunne reden alfo ich diu buoch hore zelen, fo wurde diu zala minnechlich.“[8]

Eine weitere sprachliche Besonderheit ist, dass es in der Wiener Genesis kein festes Metrum und kein regelmäßiges Reimschema gibt. Die Wiener Genesis weist noch mehr sprachliche Besonderheiten auf, worauf ich später noch einmal zu sprechen kommen werde.

Die Seiten der Wiener Genesis folgen einem geregelten Aufbau. Im oberen Teil jeder Seite befindet sich der Text. Der untere Teil ist mit Miniaturen versehen. .

Manche davon sind mit Blattgold unterlegt. Deswegen ist sie eine Bildbibel.[9]

Die Anzahl der vielen Miniaturen stellt eine Besonderheit dar. Der Bildanteil überwiegt über dem Textanteil. Dafür wurden im Vergleich zum Originaltext, dem ersten Buch Mose, an einigen Stellen Kürzungen vorgenommen. Eine möchte ich an dieser Stelle genauer erläutern. Der folgende Vers stammt aus der Wiener Genesis, um diesen mit der Bibel besser vergleichen zu können, habe ich die neuhochdeutsche Formulierung beibehalten.

„Sie hörten die Stimme des Herrn, des Gottes und versteckten sich.“[10]

Im Original, im Buch Moses 3,8 heißt es:

„Und sie hörten Gott den Herrn, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seinem Weibe vor dem Angesicht Gottes des Herrn unter den Bäumen im Garten.“[11]

In der Wiener Genesis versuchte man, Wiederholungen oder bestimmte Formulierungen zu vermeiden. So ist die Phrase „Adam...im Garten“ komplett eliminiert worden. Nur solche Stellen, welche für das Verständnis von Bedeutung waren, wurden in gekürzter oder leicht umformulierter Form beibehalten.

Die Wiener Genesis ist einer der herausragendsten Handschriften früh-mittelhochdeutscher Literatur. Dies lässt sich bereits deutlich am Einband erkennen, welcher Purpurfarben und illuminiert ist. Purpur ist sehr aufwändig in der Herstellung und war daher schon damals ein sehr wertvoller Textilfarbstoff, welcher selbst in der Bibel erwähnt wurde.[12]

Für eine genauere Analyse ist der Schreibdialekt sehr aufschlussreich. Anhand dessen, können Mediävisten einen Schreibort und sogar eine ganze Sprachperiode entschlüsseln.[13] Hier gehen die Meinungen auseinander. Es finden sich bairisch-österreichische Einflüsse, welche man in Kärten finden kann. Andere Mediävisten erkennen eine fränkische Färbung, wie es üblich in Regensburg ist.[14]

Einen Punkt habe ich bei der Analyse der Handschrift noch nicht erwähnt, nämlich wer die Genesis verfasst hat und an wen sich sich richtet. Auch wenn die handschriftliche Analyse auf diesen Punkt nicht explizit eingeht, möchte ich dennoch kurz auf diesen Punkt eingehen.

Mehrere Verfasser lassen sich nicht ausschließen.

Auch wenn man den/die Verfasser nicht eindeutig zuordnen kann, so gibt der Prolog den Mediävisten einigen Aufschluss darüber, an wen sich die Wiener Genesis gerichtet haben könnte. Dieser beginnt mit der Anrede „Nû fernemet mîne lieben“.[15]

Die Wiener Genesis richtete sich offenbar nicht nur an eine Person, sondern an ein größeres Publikum.

Es gibt viele Diskussionen, ob das Publikum geistlich oder laienhaft war. Die Wortwahl „mîne lieben“ zielt auf eine pronominale Anredeform. Sie schließt darauf, darauf, dass der Text nicht für Adlige, sondern auch für Laien verfasst sein könnte, da man bei Personen von höherem Stand meist die Höflichkeitsform „ir“ verwendete. Auch die Verwendung des Personalpronomens „iu“ im darauf folgenden Vers kann „alle“ mit einbeziehen sowohl ein geistiges als auch ein Laienpublikum.

Mediävisten wie Rupp oder Dollmayer, beschränken die Zuhörerschaft auf einen geistigen oder zumindest Adeligen Kreis.[16]

Auch wenn es für eine textimmanente Interpretation hauptsächlich der Text ausschlaggebend ist, ist es doch wichtig für Mediävisten eine genaue Analyse der Handschriften die verschiedenen Ansätze zu kennen und sich ihrer bewusst zu sein.

2.1 Die Wiener Genesis: Die Darstellung von Lucifers Fall aus dem Himmelsreich

Zu Beginn der Genesis, gibt es eine Beschreibung des Seins-Zustandes. „Gott ist alleine, Anfang.“[17] Dies impliziert bereits die christliche Vorstellung, dass Gott der Ursprung von allem ist. Zunächst erschuf er Engel 12. Insgesamt waren es zehn Chöre. Die bekanntesten sind Cherubim und Seraphim.

Ein Engel jedoch, „überstrahlte alle“[18], diesen Engel nannte Gott Lichtträger. An dieser Stelle wird bereits die besondere Funktion Lucifers impliziert. Es scheint, als ob dieser schon zu Beginn seiner Erschaffung über den anderen Erzengel steht. Lucifer ist sehr beliebt und hat viele Anhänger: „zu seinem Chore gehörte eine große Schar“. Gott wird als gütiger und barmherzig charakterisiert, er liebte ihn sehr.

Nun gibt es einen Einschnitt. Das Bild Lucifers ändert sich. Dieser wird nämlich anmaßend. Lucifer stellt sich mit Gott auf die gleiche Stufe. Er ist der Meinung, dass er ebenso „schön, ebenso, gewaltig“ wie Gott ist.[19] Diese Anmaßung gipfelt in einer Klimax. Es wird deutlich, dass Lucifer sich nicht nur mit Gott gleichsetzt, er möchte einen eigenen Thron errichten, der sich weiter nördlich befindet. Auffallend an dieser Textstelle ist, dass Lucifer Gott nicht ersetzen möchte, vielmehr möchte er auf einer Ebene mit ihm sein. Die Motive für Luzifers Frevel sind hauptsächlich Hochmut und Neid. Er lehnt die bestehende Ordnung mit Gott als der Spitze der Schöpfung entschieden ab und ist sich seiner Anmaßung bewusst.[20] Er sieht sich als Widersacher zum göttlichen Gesetz, welches als gültig anerkannt wird und in der Wiener Genesis auch nicht in Frage gestellt wird. Osterkamp sieht in Lucifers Handeln eine „metaphysiche Revolte- in der der Rebell im Kampf gegen die eigenen Lebensbedingungen seinen Widerstand gegen die Verhältnisse in ihrer Totalität leistet“.[21]

Als Gott von Lucifers Missgunst erfährt, befiehlt er, Lucifer und all seine Gefährten „vom Himmel hinabzustoßen“. Selbst jene, die zu Lucifers Verhalten schweigen, dass heißt sich nicht eindeutig zu Gott bekennen. Auffällig ist hierbei, dass Gott eigentlich selbst die Hölle erschafft. Er degradiert Lucifer zum Symbol der Anmaßung und schafft damit eine Gegenwelt zum himmlischen Paradies. Er wählte und erschuf seinen eigenen Widersacher. Dabei war Lucifer Gott noch nie ebenbürtig. Dies wird an der Stelle deutlich, als Gott Lucifer als seinen Vassalen bezeichnet.

Die etymologische Herkunft des Wortes Vasall geht auf das 6. Jahrhundert zurück.[22] Es stammt von dem lateinischen Wort vassus ab, welches so viel wie Diener oder freier Untergebener bedeutet. Das Wort wandelte sich im Laufe der Zeit zu „vassus“, unfreier Diener. Und wird heute zum einen als „in einem Abhängigkeitsverhältnis zu einem Höherstehenden … Mann.“ und zum anderen als „durch Treueeid einem Lehnsherrn verpflichteter Gefolgsmann“ definiert. Betrachtet man auch die Synonyme Ergebener oder Knecht, so nimmt man sofort die negative Konnotation wahr.

[...]


[1] Medienaesthetik.Uni Siegen. Letzter Zugriff: 25.02.16

[2] Weddige, Hilkert: Einführung in die germanistische Mediävistik. Stuttgart : C.H. Beck, 2006. S.32.

[3] Ebd. S.33 f.

[4] Smits, Kathryn: Die frühmittelhochdeutsche Wiener Genesis. Kritische Ausgabe. Berlin: De Gruyter,1972. S.10.

[5] Weddige, H: Einführung in die germanistische Mediävistik. S.30.

[6] Eßer, Josef: Die Schöpfungsgeschichte in der Altdeutschen Genesis. Göppingen, 1987. S.10.

[7] Zimmermann, Barbara: Die Wiener Genesis im Rahmen der antiken Buchmalerei. Ikonographie, Darstellung, Illustrationsverfahren und Aussageintention. Wiesbaden: Reichert ,2003. S. 60 – 62.

[8] Vollman-Profe, Gisela: Frühmittelhochdeutsche Literatur. Stuttgart: Reclam, 1996. S. 7.

[9] Zimmermann, B: Die Wiener Genesis im Rahmen der antiken Buchmalerei. S. 60 – 62.

[10] Ebd. S.36 f.

[11] Von Rad, Gerhard: Das alte Testament Deutsch 2/4 Das erste Buch Mose: Genesis.Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, 1987. Gen. 3.8.

[12] Von Rad, G: Das alte Testament. Mose.26 (Wüstenwanderung).

[13] Weddige, H: Einführung in die germanistische Mediävistik. S.32.

[14] Smits, K: Die frühmittelhochdeutsche Wiener Genesis. S.17.

[15] Vollman-Profe, G: Frühmittelhochdeutsche Literatur. S. 7.

[16] Dollmayer, Viktor: Die altdeutsche Genesis nach der Wiener Handschrift. Halle,Saale: Niemeyer, 1932 S.8.

[17] Vollman-Profe, G: Frühmittelhochdeutsche Literatur. S. 7.

[18] Vollman-Profe, Gisela: Frühmittelhochdeutsche Literatur. S. 7f.

[19] Ebd. S.9.

[20] Osterkamp, Ernst: Lucifer. Stationen eines Motivs. Berlin/New York: De Gruyter, 1979. S.20f.

[21] Vollman-Profe, Gisela: Frühmittelhochdeutsche Literatur. S.17.

[22] Klappenbach, Ruth: Digitales Wörterbuch der Deutschen Sprache. letzter Zugriff: 25.02.16.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Wiener Genesis. Die Bedeutung Lucifers für die Erschaffung des Menschen
Hochschule
Universität Mannheim
Veranstaltung
Mediävistik
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
16
Katalognummer
V359210
ISBN (eBook)
9783668439306
ISBN (Buch)
9783668439313
Dateigröße
737 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wiener, genesis, bedeutung, lucifers, erschaffung
Arbeit zitieren
Jennifer Stano (Autor), 2016, Wiener Genesis. Die Bedeutung Lucifers für die Erschaffung des Menschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/359210

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Wiener Genesis. Die Bedeutung Lucifers für die Erschaffung des Menschen



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden