Die kritische Periode beim Fremdspracherwerb. Auswertung der Studien nach Johnson/Newport, Flege/Munro/MacKay und DeKeyser


Hausarbeit, 2015
18 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffsabgrenzung

3 Johnson & Newport
3.1 DieStudie
3.2 Ergebnisse

4 Flege, Munro & MacKay
4.1 DieStudie
4.2 Ergebnisse

5 DeKeyser
5.1 DieStudie
5.2. Ergebnisse

6 Zusammenfassung

7 Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Zusammenhang von Alter zu Beginn des Fremdsprachenerwerbs und Sprachperformanz (Johnson &Newport)

Abbildung 2: Zusammenhang von Alter zu Beginn des Fremdsprachenerwerbs und Sprachperformanz (Flege, Muro & MacKay)

Abbildung 3: Zusammenhang zwischen Alter bei Beginn des Zweitspracherwerbs und Abschneiden im Test (Dekeyser)

1 Einleitung

Durch die vielen verschiedenen Krisen und Kriege auf der Welt sind heutzutage sehr viele Menschen auf der Flucht. Die Zahl der Anträge auf Asyl ist alleine in Deutschland, in den letzten 8 Jahren fast um das zehnfache gestiegen (vgl.bamf 2015:4). Für viele der Flüchtlinge besteht keine Möglichkeit in ihr Heimatland zurückzukehren; sie müssen sich also ein neues Leben in einem Land aufbauen, dessen Sprache und Kultur ihnen fremd ist. Der erste Schritt um sich zurechtzufinden ist der Erwerb der Sprache, da Sprache das wichtigste Mittel für eine erfolgreiche Integration darstellt. Doch ist es überhaupt möglich, im Erwachsenenalter eine Fremdsprache auf einem hohen Niveau zu erlernen? Und wie verhält es sich mit den Kindern, die als Flüchtlinge nach Deutschland kommen? Wann ist für sie der beste Zeitpunkt, um die neue Fremdsprache zu lernen?

Dies führt zu der Frage, ob es eine kritische Periode beim Sprachenerwerb gibt, nach der die Fremdsprache nicht mehr erlernt werden kann. Die Hypothese der kritischen Periode ist, seit ihrer Einführung von Penfield und Roberts (1959) und ihrer weiteren Erforschung durch den Linguisten und Neurologen Eric Lenneberg, eines der interessantesten Gebiete der Spracherwerbsforschung und Gegenstand kontroverser Diskussionen. Es gibt zahlreiche Studien zu diesem Thema, deren Ergebnisse die Existenz einer kritischen Periode entweder bestätigen oder anzweifeln. Forschung in diesem Gebiet kann also dabei helfen festzustellen, inwieweit eine Fremdsprache im Erwachsenenalter erlernt werden kann und wann es am sinnvollsten ist, Kinder an eine Fremdsprache heranzuführen. Doch dieses Thema ist nicht nur für Flüchtlingspolitik und Wissenschaft relevant. Auch in der Wirtschaft spielt es eine große Rolle, da Fremdsprachenkenntnisse, vor allem Englischkenntnisse, immer wichtiger werden. Ob beruflich oder gesellschaftlich; sie sind fast überall eine Voraussetzung.

In der vorliegenden Arbeit soll der Frage nachgegangen werden, ob es eine kritische Periode beim Fremdsprachenerwerb gibt, ob es einen, sogenannten Cut-off Point gibt, nachdem ein Spracherwerb nicht mehr möglich ist, und wenn ja, wann er stattfindet. Um diesen Fragen nachzugehen, werden drei der bedeutendsten Studien zu diesem Thema betrachtet und miteinander verglichen.

2 Begriffsabgrenzung

Die kritische Periode des Spracherwerbs ist DeKeyser (2002) zufolge der einzige Bereich der Spracherwerbsforschung, der auch unter Laien bekannt ist. Doch was verbirgt sich hinter diesem Begriff genau? Die „Critical Period Hypothesis“ ist mitunter auf Eric Lenneberg zurückzuführen. Er griff die Hypothese von Penfield und Roberts (1959) auf, die den Begriff der kritischen Periode eingeführt hatten, und untersuchte sie genauer. Er verglich die kritische Periode des Spracherwerbs mit tierischen Verhaltensweisen. Am bedeutendsten war dabei das Phänomen des Einprägens, das an Vögeln untersucht wurde. Zeigt man einem frischgeschlüpften Vogel einen bestimmten Gegenstand in seiner kritischen Periode, nimmt er diesen als Mutterersatz an. Das Verhalten des jungen Vogels ist schnell gefestigt und bezieht sich auf alles, was ihn an den Gegenstand erinnert, den er aus seiner kritischen Periode kennt. Diese Verhaltensmuster sind kaum rückgängig gemacht zu werden und können, nach Beendigung der kritischen Periode, auch nicht nachgeholt werden. In Rückbezug auf die Sprache bedeutet dies, dass „[...] der primäre Erwerb der Sprache von einem bestimmten Entwicklungsstadium abhängt, dem ein Individuum mit der Pubertät schnell entwächst[...]“ (vgl. Lenneberg 1977: 177). Nach Penfield und Roberts (1959) und Lenneberg untersuchten viele weitere Wissenschaftler die Hypothese der kritischen Periode und gelangten zu verschiedenen Ergebnissen, was die kontroverse Diskussion des Themas erklärt. Nach Torsten Schlak (2003) sind sich die verschiedenen Autoren allerdings über gewisse Grundsätze, was die kritische Periode betrifft, einig. „Unter dem Begriff „kritische Periode“ wird gewöhnlich der Zeitraum verstanden, nachdem eine Fremdsprache aus biologischen Gründen nicht mehr vollständig erworben werden kann“ (vgl. Schlak 2003: 18).

Die erreichbare Sprachkompetenz sollte sich vor und nach der kritischen Periode deutlich voneinander unterscheiden und es muss einen Anfangs- und Endpunkt dieser Periode geben. Während der kritischen Periode nimmt die Erwerbsfähigkeit linear ab und es kommt zu einem „Cut-off Point“, nachdem die Fremdsprache nicht mehr auf muttersprachlichem Niveau erreicht werden kann. Den meisten Definitionen nach, fällt dieser Punkt mit dem Ende der Pubertät zusammen. Wann dieser Punkt allerdings genau ist, unterscheidet sich bei den verschiedenen Autoren (vgl. ebd.: 18)

3 Johnson & Newport (1989)

Die Studie von Johnson und Newport (1989) beschäftigt sich mit zwei verschiedenen Hypothesen. Die „exercise hypothesis“, die besagt, dass Menschen in jungem Alter eine höhere Fähigkeit haben, Sprachen zu erlernen. Wird diese Fähigkeit nicht genutzt, verschwindet sie mit der Zeit. Wird von ihr allerdings Gebrauch gemacht, behält der Mensch diese Fähigkeit sein Leben lang bei. Die zweite Hypothese ist die sogenannte maturational state hypothesis. Sie besagt, dass Menschen in jungem Alter eine hohe Fähigkeit haben Sprachen zu erlernen, die aber mit fortschreitendem Alter verschwindet oder abnimmt, (vgl. Johnson & Newport, 1989: 64).

3.1 Die Studie

An der Studie nahmen 46 chinesische und koreanische Muttersprachler teil, die Englisch als erste Fremdsprache gelernt hatten und in den USA lebten. Diese Sprachen wurden gewählt, da sie sich stark vom Englischen unterscheiden. Die Voraussetzung zur Teilnahme an der Studie war, dass die Probanden mindestens drei Jahre ununterbrochen in den USA verbracht haben mussten und mindestens fünf Jahre Englisch gelernt haben. Die Teilnehmer waren Studenten und Angestellte der University of Illinois, hatten also alle den gleichen Hintergrund. So sollten Schwankungen durch unterschiedliche Hintergründe vermieden werden. Das Ankunftsalter reichte von 3 bis 39, wobei unter dem Ankunftsalter der erste Kontakt zum Englischen gemeint war. 23 Teilnehmer immigrierten vor dem 15. Lebensjahr, die restlichen Teilnehmer nach dem 17. Lebensjahr. Vor der Einreise in die USA hatten alle Probanden zwischen 2 und 12 Jahren Englischunterricht in ihrem Heimatland (vgl. Johnson & Newport, 1989: 68 - 69). Der Test bestand aus 276 Sätzen und sollte das Können der Probanden bezüglich Syntax und Morphologie testen. Die Sätze waren so konzipiert, dass sie 12 verschiedene Regeln des Englischen enthielten. Die 276 Sätze bildeten Paare, 140 dieser Sätze waren grammatikalisch inkorrekt, 136 waren korrekt. Der Test bestand aus zwei Teilen, die Paare wurden jeweils auf diese zwei Teile aufgeteilt Den Teilnehmern wurden gesprochene englische Sätze vorgespielt, die sie in Bezug auf die Grammatikalität bewerten sollten. Jeder der Sätze war von einer weiblichen amerikanischen Sprecherin aufgenommen worden und wurde den Teilnehmern immer zweimal, mit 1-2 minütigen Pausen dazwischen, vorgespielt. War der Satz nicht vollständig, oder auf sonstige Weise inkorrekt, sollte dies auf einem extra dafür vorgesehenen Antwortbogen festgehalten werden. Nach dem Test wurden die Teilnehmer über ihren sprachlichen Hintergrund befragt (vgl. Johnson & Newport, 1989: 71-77).

3.2 Ergebnisse

Die Ergebnisse der Studie zeigten eine starke Relation zwischen dem Abschneiden im Test und dem Alter der Einreise in die USA. Teilnehmer die Englisch in einem jüngeren Alter erlernten schnitten besser ab als diejenigen, die später angefangen hatten (vgl. Johnson & Newport, 1989: 77). Als erstes verglichen Johnson & Newport (1989) das Englisch der Gruppe, die zum Einreisezeitpunkt zwischen drei und sieben Jahre alt gewesen waren, mit dem Englisch von Muttersprachlern. Sie unterschieden sich kaum und die Altersgruppe der drei- bis siebenjährigen war die einzige, die sich auf muttersprachlichem Niveau befand, was den Schluss zulässt, dass man bis zum Alter von sieben Jahren, eine Fremdsprache auf muttersprachlichem Niveau erlernen kann. Geschieht dies auch nur ein bisschen später, wirkt sich dies augenblicklich auf die Sprachperformanz im Ganzen aus. Die Altersgruppe der acht- bis zehnjährigen unterscheidet sich bereits deutlich. Wie in Abbildung 2 zu sehen ist, gibt es keine Überschneidungen (vgl. Johnson & Newport, 1989: 78).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Zusammenhang von Alter zu Beginn des Fremdsprachenerwerbs und Sprachperformanz (Johnson &Newport)1

Das gleiche gilt für die weitern Altersgruppen, die Gruppe der acht- bis zehnjährigen erreichte höhere Punktzahlen, als die Gruppe der elf- bis fünfzehnjährigen, die wiederum bessere Resultate erzielte als die Gruppe der 17­39-Jährigen. Es besteht also ein deutlicher Zusammenhang zwischen dem Alter beim Erstkontakt mit der Sprache und der späteren Sprachperformanz in dieser Sprache im Erwachsenenalter (vgl. ebd.: 78).

Eine andere Frage, der Johnson und Newport nachgingen, war, welche Auswirkung das Alter zum Zeitpunkt des Erlernens vor und nach der Pubertät hat. Sie untersuchten ob die Sprachperformanz immer weiter abnimmt oder ob sie an einem Punkt stagniert. Was sie in ihrer Studie herausfanden war, dass es im Alter vor 15, besonders vor dem zehnten Lebensjahr, nur wenige individuelle Unterschiede bei der Fähigkeit eine Sprache zu erlernen gibt. Wird die Sprache allerdings nach der Pubertät erworben, ist es unmöglich ein muttersprachliches Niveau zu erreichen, die Sprachperformanz ist deutlich schlechter (vgl. Johnson & Newport, 1989: 79-81).

Durch die Ergebnisse der Studie wird also die „maturational hypothesis“ bestätigt. Die Fähigkeit eine Sprache zu erwerben nimmt deutlich ab und es existiert ein Grenzwert (ca. 15 Jahre), nachdem die Sprachperformanz ein niedriges Niveau nicht mehr übersteigt, (vgl. Johnson & Newport, 1989: 90).

[...]


1 Quelle: Johnson & Newport, 1989: 79

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die kritische Periode beim Fremdspracherwerb. Auswertung der Studien nach Johnson/Newport, Flege/Munro/MacKay und DeKeyser
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Sprache, Kultur, Translation)
Veranstaltung
Psycholinguistik
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
18
Katalognummer
V359292
ISBN (eBook)
9783668439450
ISBN (Buch)
9783668439467
Dateigröße
730 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fremdspracherwerb, Bilingualität, Spracherwerb, kritische Periode
Arbeit zitieren
Ines Wiedmann (Autor), 2015, Die kritische Periode beim Fremdspracherwerb. Auswertung der Studien nach Johnson/Newport, Flege/Munro/MacKay und DeKeyser, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/359292

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