In den neuen sozialen Bewegungen schliessen sich sehr unterschiedliche Motive westlicher Zivilisationskritik zu einer heterogenen Bewegung zusammen. Der Konflikt lautet: ökonomisch-technisches Wachstum versus humane Lebensqualität. Elemente eines 'alternativen' Bewusstseins finden sich in weiten Teilen der Bevölkerung.
Vom Verhältnis der Geschlechter angefangen bis hin zu den politischen Umgangsformen gibt es auch im Bereich der Mehrheitskultur kaum ein Feld, in welchen sich Alternativmentalität nicht nachweisen liesse. Die Ausstrahlungskraft der neuen sozialen Bewegung reicht über die organisatorischen Grenzen und sozialen Aktionszusammenhänge der einzelnen Gruppen weit hinaus.
Was macht die Faszination der sozialen Bewegungen aus? Was sind ihre Ursprünge?
Warum entstehen sie?
Ulrike Wasmuth hat versucht hat ein Deskriptionsmodell zu schaffen, das ermöglichen soll, neben dem Verständnis der strukturellen Voraussetzungen (u.a. die gesamtgesellschaftliche Krisenentwicklung ) auch die bewegungsinterne Formation und Weiterentwicklung einer sozialen Bewegung zu analysieren. Es enthält folgende Entwicklungsstufen:
1. das Vorhandensein einer sozialen Krise,
2. das Bewußtsein und erste Propagierung der Krise und deren Folgen
3. die Artikulation des Protests und Intensivierung (Aktionsformen),
4. die Formulierung von Perspektiven und Zielsetzungen und
5. die Organisation der Bewegung und jetzt einsetzende soziale
Kontrolle des etablierten Systems.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Entstehung, Einordnung und Kennzeichen der neuen sozialen Bewegungen
2. Entwicklungsphasen - Wie kam es zu den nsB?
2.1. Die Vorphase 1960-1965
2.2. Erste Phase: Die Proteste ab Mai 1965 bis Mai 1967
2.3. Zweite Phase: Die Intensivierung der Proteste (Juni 1967 bis Sommer 1968)
2.4. Aufbruchsstimmung und Resignation
2.5. Die Bildung der neuen sozialen Bewegungen
3.
3.1. Die Bürgerinitiativ- und Ökologiebewegung
3.1.1. Organisation und Sozialstruktur
3.1.2. Ziele, Aktionsformen und Wirkungen
3.2. Die Neue Frauenbewegung
3.2.1. Organisation und Sozialstruktur
3.2.2. Ziele, Aktionsformen und Wirkungen
3.3. Die Alternativbewegung
3.3.1. Organisation und Sozialstruktur
3.3.2. Ziele, Aktionsformen und Wirkungen
4. Beziehung zwischen Parteien und neuen sozialen Bewegungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entstehung, Entwicklung und strukturellen Merkmale der "neuen sozialen Bewegungen" (nsB) in der Bundesrepublik Deutschland. Ziel ist es, die Gründe für ihr Aufkommen als Reaktion auf gesellschaftliche Krisen des Wohlfahrtsstaates zu analysieren und ihre Abgrenzung sowie die zunehmende Spannung zu den etablierten politischen Parteien zu beleuchten.
- Historische Entwicklungsphasen der neuen sozialen Bewegungen von den 1960er bis in die 1990er Jahre.
- Detaillierte Analyse der Bürgerinitiativ- und Ökologiebewegung, der Neuen Frauenbewegung und der Alternativbewegung.
- Untersuchung von Organisationsstrukturen, Aktionsformen und Zielsetzungen der verschiedenen Bewegungen.
- Kritische Reflexion der Beziehung zwischen außerparlamentarischen Bewegungen und dem etablierten Parteiensystem.
Auszug aus dem Buch
3.1.2. Ziele, Aktionsformen und Wirkungen
Die Bürgerinitiativ- und Ökologiebewegung beherrschen zwei übergreifende Zielvorstellungen: Die Bemühung um eine Demokratisierung aller Lebensbereiche und das Streben nach mehr Lebensqualität.40 Die früher eher selektive Wahrnehmung von Umweltproblemen wurde zu einer viel globaleren Sicht erweitert.
Die Ökologiebewegung wird immer mehr zu einer Überleben- und Suchbewegung und in Zukunft wichtiger denn je sein. Wesentliche Tendenzen der ökologischen Bewegung sind Dezentralisation, Partizipation, Abbau von Macht, Forderung nach Alternativtechnologien, sparsame Nutzung natürlicher Ressourcen, ökologische Verträglichkeit, "sanfte Technik", Gewaltfreiheit und Vielfalt.41 Diese Ziele sollen möglichst mit basisdemokratischen, aufklärerischen, antirepressiven Mitteln vorangetrieben werden. Die Ökologische Bewegung greift bevorzugt zu konfrontativen und demonstrativen Aktionsformen.
Dabei vermischten sich auch antikapitalistische und anti-industrielle Positionen und förderten einen ökologischen Fundamentalismus, der für radikale und konfrontative Strategien optierte.42 Im Zuge der Anti-Atomkraftbewegung konnte man oft Zehntausende, in einigen Fällen sogar Hunderttausende Menschen mobilisieren, z.B. in Wyhl, Brokdorf, Wackersdorf und Gorleben. Hier kam es zu schweren Zusammenstössen mit der Polizei. Die Radikalisierung der Proteste war bedingt durch unsensible Taktiken von Seiten der Polizei und die abwehrende Haltung der etablierten Parteien. In den späten 80er Jahren kam es zu eine teilweisen Annäherung der Konfliktparteien. Die Ökologiebewegung zeigte sich moderater und an pragmatischen Lösungen interessiert, die Parteien andererseits erkannten die Notwendigkeit einer ökologischen Politik. 43 Die sogenannte "Gewaltdiskussion" hält bis heute an, siehe Gorleben.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Entstehung, Einordnung und Kennzeichen der neuen sozialen Bewegungen: Dieses Kapitel verortet die neuen sozialen Bewegungen (nsB) historisch und theoretisch und grenzt sie von klassischen sozialen Bewegungen durch ihre spezifischen zivilisationskritischen Stränge und Heterogenität ab.
2. Entwicklungsphasen - Wie kam es zu den nsB?: Es wird ein historischer Abriss der Proteste von der Vorphase in den 1960ern über die Studentenbewegung bis zur Formierung der nsB als eigenständige Akteure nachgezeichnet.
3.: Dieser Abschnitt bildet den inhaltlichen Kern und analysiert die spezifischen Ausprägungen, Strukturen und Ziele der Ökologie-, Frauen- und Alternativbewegung.
4. Beziehung zwischen Parteien und neuen sozialen Bewegungen: Das abschließende Kapitel diskutiert die zunehmende Distanz und den Konflikt zwischen den neuen, oft außerparlamentarisch agierenden Bewegungen und dem als erstarrt wahrgenommenen Parteiensystem.
Schlüsselwörter
neue soziale Bewegungen, nsB, Bürgerinitiativen, Ökologiebewegung, Neue Frauenbewegung, Alternativbewegung, Protestkultur, Partizipation, Demokratisierung, Lebensqualität, außerparlamentarische Opposition, APO, Wertewandel, Wohlfahrtsstaat, Zivilisationskritik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den neuen sozialen Bewegungen in der Bundesrepublik Deutschland, ihrem Entstehungshintergrund und ihrer Rolle in der modernen Gesellschaft.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Bürgerinitiativ- und Ökologiebewegung, die Neue Frauenbewegung sowie die Alternativbewegung und deren Verhältnis zur etablierten Politik.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, das Deskriptionsmodell der Bewegungsentwicklung auf die nsB anzuwenden und zu analysieren, wie sich diese Bewegungen organisieren und welche Ziele sie verfolgen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine systematische theoretische Aufarbeitung sowie eine historische Analyse der Protestgeschichte, gestützt auf soziologische Fachliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die einzelnen Bewegungen detailliert hinsichtlich ihrer Organisationsstrukturen, ihrer Aktionsformen und ihrer gesellschaftlichen Wirkungen untersucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem soziale Bewegungen, Partizipation, Zivilisationskritik, Basisdemokratie und das Verhältnis zur parlamentarischen Demokratie.
Inwiefern unterscheiden sich die neuen sozialen Bewegungen von der alten Arbeiterbewegung?
Während die Arbeiterbewegung weitgehend homogen strukturiert war und auf soziale Gleichheit zielte, zeichnen sich die nsB durch eine hohe Heterogenität, eine Abneigung gegen starre Hierarchien und einen Fokus auf Lebensqualität aus.
Wie bewertet die Arbeit die Zukunft der Parteiendemokratie im Kontext der neuen sozialen Bewegungen?
Die Arbeit sieht die Parteiendemokratie unter Druck, da die nsB Themen besetzen und Partizipationsmöglichkeiten bieten, die für viele Bürger attraktiver sind als die starren Strukturen der etablierten Parteien.
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- Olaf Kunde (Author), 2001, Die neuen sozialen Bewegungen in der Bundesrepublik Deutschland, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/35933