Franz Kafka und sein Amerika


Zwischenprüfungsarbeit, 2002
16 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Kafkas Wissen über Amerika und die Intention den Roman zu schreiben
1.Familiäre Bezüge zu Amerika
2. Holitschers Amerika Heute und Morgen als faktische Informationsgrundlage
3. Dickens David Copperfield als Vorbild und Kafkas Tagebuch zu Amerika

III. Kafkas Amerika und dessen Symbolik
1. Die Unterschiede zwischen Fakt und Fiktion
2. Statue of Liberty als Freiheitsgöttin
3. Das Naturtheater von Oklahoma

IV. Kafkas Naturalismus und der amerikanische Naturalismus bei Stephen Crane im Vergleich
1. Begründung für den Vergleich
2. Vergleich auf der sprachlichen Ebene
3. Vergleich auf der motivischen Ebene
4. Ergebnis

V. Schluss

VII. Bibliographie

I. Einleitung

Diese Arbeit befasst sich mit Franz Kafkas Roman Amerika. Der erste Teil der Arbeit wird jenes darstellen was Kafka über Amerika wusste, und wie diese Informationen in das Werk eingeflossen sind. Der Schwerpunkt wird die Darstellung der Vereinigten Staaten und ihre Bedeutung für den Roman sein. Exemplarisch wird die Eröffnungsszene des Kapitels Der Heizer und einige Szenen aus dem Kapitel Der Onkel untersucht. Das Schlusskapitel Das Naturtheater von Oklahoma wird unter dem Aspekt Utopie als amerikanische Wirklichkeit und die Utopien Kafkas aus Gerhard Looses Buch Franz Kafka und Amerika[1] bearbeitet werden.

Als letzen Punkt werden die naturalistischen Züge Kafkas mit den in Stephen Cranes Novelle Maggie A Girl of the Streets von 1893 vergliechen.

Den Bezug auf einen amerikanischen Autoren ist im Hinblick auf die Thematik des Romans von Kafka nicht problematisch. Parallelen zwischen den Werken würden nur aufzeigen, dass Kafka vielleicht doch nicht ganz die Rolle des literarischen Einzelgängers entspricht und auch ein Teil des Gesamtliteraturbetriebes ist.

II. Kafkas Wissen über Amerika und die Intention, den Roman zu schreiben

1.Familiäre Bezüge zu Amerika

Wie in den meisten Werken von Kafka gibt es auch im Roman Amerika einige Bezüge auf Kafka und sein Umfeld. Northey geht in seinem Buch Kafkas Mischpoche[2] und dem Aufsatz Franz Kafkas Verbindung zu Amerika[3] sehr detailliert auf Kafkas Verwandten, meist Vettern in Amerika, ein. Ein für Kafka wohl typische Art, Namen für seine Figuren zu entwickeln, beschreibt Northey wie folgt:

Franz Kafka scheint den Namen seines Vetters zur Bildung desjenigen seines Helden verwendet zu habe, indem er die zwei Anfangsbuchstaben des Vor und Zunamens nahm und die Buchstabengruppen in umgekehrter Reihenfolge wiedergab: Ro bert Ka fka/ Ka rl Roß mann. Auch der Name Klara Pollunders, der verwöhnten Tochter des reichen New Yorker Geschäftsfreundes, ist aus dem Namen Roberts Mutter entstanden: Klara Pol acek.[4]

Der im Zitat genannte Robert Kafka wurde im Alter von 14 Jahren von der Familienköchin verführt und zeugte mit ihr ein Kind. Ein weiteres Familienmitglied, Franz oder Frank Kafka, wanderte wie Karl Roßmann mit 16 Jahren nach Amerika aus. Der Autor Kafka war nicht nur wegen des gleichen Namens von dieser Geschichte berührt, sondern er selbst wollte seine verhasste Heimat Prag immer verlassen und ein neues Leben beginnen. Im Gegensatz zu Kafkas Romangestalt konnten sich Kafkas Verwandte aber in Amerika durchsetzen.

Auch die Figur des Onkels kann man auf einen Verwandten Kafkas zurück führen. Emil Kafka (1881-1963), ein weiterer Vetter von Franz, war 1904 nach Chicago ausgewandert, dort arbeitete er ab 1909 im Warenhaus Sears, Roebuck&Co. Die im zweiten Kapitel erwähnten Telegraphen- und Telefonsäle können unter anderem auf die Erzählungen Emils zurück zuführen sein, Kafka schreibt 1919 in sein Tagebuch:

Mit E.K. [Emil Kafka] aus Chikago beisammen. Er ist fast rührend. Beschreibung seines ruhigen Lebens. Von acht bis halb sechs im Wartehaus. Durchsicht der Versendungen in der Wirkwarenabteilung. Fünfzehn Dollars wöchentlich. ... Eine Zeitlang, als in der Wirkwarenabteilung wenig zu tun war, hat er in der Fahrräderabteilung ausgeholfen. ... Ein Engrosgeschäft mit zehntausend Angestellten. ...[5]

Emil war von Amerika und Sears so sehr angetan, dass er Werbematerial und die Broschüre A Visit to Sears, Roebuch & Co. an seine Verwandten in die alte Welt schickte. Es besteht also die Möglichkeit, dass sich Kafka auch hier über das Leben in Amerika informiert hatte.[6]

Es gibt noch weitere familiäre Vorbilder, die Kafka in seinen Roman verarbeitet, ich möchte sie aber nicht weiter aufführen. Anhand der oben genannten Beispiele wird deutlich, dass die Familienerfahrungen großen Einfluss den Roman genommen haben.

Northey schließt das Thema wie folgt ab:

Die vielen erwähnten Details lassen keinen Zweifel, dass das Leben der amerikanischen Vettern Quelle für gewisse Aspekte des Amerika – Romans war. ... Otto, Frank und Emil gingen in jugendlichem Alter von zu Hause weg und haben sich im Gegensatz zu Karl Roßmann in der Welt behauptet.[7]

2. Holitschers Amerika Heute und Morgen als faktische Informationsgrundlage

Die 1911 und 1912 entstandenen Reiseberichte des Sozialisten Arthur Holitscher dienten als Informationsquelle für Kafkas Arbeit am Amerika – Roman. Kafka selbst besaß eine Ausgabe von 1913[8]. Für diese Arbeit ist mir nur die achte bis elfte Auflage von 1919 zugänglich. Es gibt keine Hinweise, dass sich diese Ausgabe von der Originalausgabe unterscheidet.

Jahn führt einige Parallelen zwischen Holitschers Bericht und Kafkas Roman auf. Ein Blick Karls aus dem Fenster wird im Roman wie folgt wiedergeben:

Was aber in der Heimatstadt Karls wohl der höchste Aussichtspunkt gewesen wäre, gestattete hier nicht viel mehr als den Überblick über eine Straße, die zwischen zwei Reihen förmlich abgehackter Häuser gerade, und darum wie fliehend in die Ferne sich verlief, wo aus vielem Dunst die Formen einer Kathedrale ungeheuer sich erhoben. Und morgens wie abends und in den Träumen der Nacht vollzog sich auf dieser Straße ein immer drängender Verkehr, der, von oben gesehen, sich als eine aus immer neuen Anfängen ineinandergestreute Mischung von verzerrten menschlichen Figuren und von Dächern der Fuhrwerke aller Art darstellte,…[9]

Dieser Blick Karls entspricht in seiner Beschreibung dem Foto aus Holitschers Bericht von Seite 33 [Ausgabe 1919].[10]

Die Perspektive des Photos entspricht genau der Blickposition, die Karl Roßmann auf dem Balkon seines New Yorker Zimmers innehat; im Hintergrund erweckt ein schlankes, turmähnliches Riesenhochhaus im neugotischen Stil den Eindruck einer Kathedrale.[11]

Auch Holitschers Beschreibungen des öffentlichen Lebens übernimmt Kafka für seinen Roman. Jahn führt in seinem Buch einen Ausschnitt aus Holitschers Erzählungen über Chicago auf, der nicht in der Ausgabe von 1919 vorhanden ist, in dem er das Alltagleben der Großstadt beschreibt.

...wie ich auf die Straße trete in einem Wirbelsturm von Menschen hineingetrieben, dass mir Hören und Sehen vergeht. Die zappelnden Bewegungen, die die Menschen in Kinematographenaufnahmen bekommen, das Dahinfegen der Filmautomobile sehe ich hier in Natur übertragen[12]

Kafka nutzt, nach Jahn, diese Beschreibung für einige Szenen im Roman. Kafka schreibt: immer drängenden Verkehr, verzerrten menschlichen Figuren. Ein weiteres Bespiel ist die fahrt Karls mit seinem Onkel durch New York. Hier schreibt Kafka: ...wie in einem Wirbelwind der Lärm jagte.[13]

Im Kapitel Hotel Occidental wird Kafkas Kritik an den unmenschlichen Arbeitsbedingungen deutlich, die Anfang des 20.Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten geherrscht haben. Das besagte Hotel, in dem Roßmann als Liftjunge arbeitet, ist streng hierarchisch gegliedert. Kafka beschreibt Personen als Oberportier, Oberköchin und Oberkellner. Die Wortwahl im folgenden Satz macht die Position Karls in der Welt des Hotels weiter deutlich. „Dann meldete er sich bei jenem Oberkellner, unter dessen Befehl er stehen sollte,...“[14]

Kafka scheint sich bewusst für diese Konstruktion zu entscheiden und überträgt die Terminologie des Militärs auf die Arbeitswelt, um die schon von Holitscher dargestellte mechanisch wirkende Art und Weise zu verdeutlichen. Eine Steigerung dessen ist die Einweisung Karls in sein neues Aufgabenfeld.

Er hatte keine Zeit, sich auch nur auf das geringste Gespräch einzulassen, und läutete bloß einen Liftjungen herbei,...[15]

Dieser Liftjunge soll Karl dann in seine Arbeit einweisen. Die aber wohl deutlichste Darstellung des Menschen in der neuen Industriegesellschaft wird mit diesen Zitat aus dem Roman deutlich.

Enttäuscht war Karl vor allem dadurch, dass ein Liftjunge mit der Maschinerie des Aufzuges nur insoferne etwas zu tun hatte, als er ihn durch einen einfachen Druck auf den Knopf in Bewegung setzte, während für Reparaturen am Triebwerk ... ausschließlich die Maschinisten des Hotels verwendet wurden,...[16]

An diesem Ausschnitt können zentrale Merkmale Kafkas Kritik aufgezeigt werden. Der Mensch ist nicht mehr fähig, das Gesamte zu kontrollieren, Karl ist ein kleiner Teil in der Maschinerie des Hotels. Er ist nicht fähig, darüber hinaus Einfluss auf die Welt zu nehmen. Die Nutzung des Verbs verwenden im Zusammenhang mit Menschen zeigt ein weiteres Mal auf, dass der Mensch ein Teil der Industriegesellschaft geworden ist.

[...]


[1] Loose, Gerhard: Franz Kafka und Amerika, Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main 1968.

[2] Northey, Anthony: Kafkas Mischpoche, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1988.

[3] Northy, Anthony: Franz Kafkas Verbindung zu Amerika in: Franz Kafka Symposium Hrsg. Caputo Mayr, Maria L., Agora Verlag, Darmstadt 1978.

[4] Northey, Kafkas Mischpoche, 47.

[5] Kafka, Franz, Tagebücher 1910-1923, Hrsg. Brod, Max, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M., 1983, 325.

[6] Vgl Northey, Kafkas Mischpoche,55.

[7] Northey, Kafkas Mischpoche, 60.

[8] In: Nicolai, Ralf, Kafkas Amerika – Roman „Der Verschollene“ : Motive und Gestalten, Königshausen und Neumann, Würzburg, 1981. In Fußnote 1 auf Seite 21 steht folgendes : Eine Ausgabe des Buches aus dem Jahre 1913 befand sich in Kafkas Handbibliothek.

[9] Kafka Franz, Amerika, Suhrkamp Taschenbuch Verlag, 1997 (Textgrundlage der Ausgabe ist die sogenannte Dritte Ausgabe: Franz Kafka, Gesammelte Werke. Hrsg. Max Brod Amerika. Roman S. Fischer Verlag Lizenzausgabe von Schocken Books, New York, 1953), 40ff.

[10] Das Foto aus dem Reisebericht ist als Anhang beigefügt.

[11] Jahn,Wolfgang, Kafkas Roman „Der Verschollene“, J.B. Metzlerische Verlagsbuchhandlung, Stuttgart, 1965, 150.

[12] Jahn, Kafkas Roman „Der Verschollene“, 145.

[13] Vgl. Jahn, Kafkas Roman „Der Verschollene“, 145.

[14] Kafka, Amerika,138.

[15] Kafka, Amerika,139.

[16] Kafka, Amerika, 139.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Franz Kafka und sein Amerika
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Germanistik II)
Veranstaltung
PS: Franz Kafka: Erzählte Krise – Krise des Erzählen
Note
1,7
Autor
Jahr
2002
Seiten
16
Katalognummer
V35937
ISBN (eBook)
9783638357005
ISBN (Buch)
9783640208364
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Franz, Kafka, Amerika, Erzählte, Krise, Erzählen
Arbeit zitieren
Maarten Gassmann (Autor), 2002, Franz Kafka und sein Amerika, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/35937

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Franz Kafka und sein Amerika


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden