Sexueller Kindesmissbrauch ist ein Thema, das im Bewusstsein der Öffentlichkeit zunehmend mehr Raum einnimmt. Dies ist vor allem auf eine umfassende Thematisierung in den Medien zurückzuführen. Als Folgen sind sowohl eine Zunahme bekannt werdender Fälle von Kindesmissbrauch als auch ein wachsendes Verständnis für dessen Auswirkungen auf die Opfer zu beobachten. Die Hochrechnungen über die Häufigkeit von sexuellem Kindesmissbrauch schockieren ebenso wie die Intensität und Vielzahl seiner Folgen, weisen beide doch deutlich auf ein grundlegendes, gesellschaftliches Problem hin. Dennoch lassen effiziente Maßnahmen zur Reduzierung von Kindesmissbrauch auf sich warten, denn die Unsicherheit im Umgang mit diesem Thema ist groß: Zu viele Ängste, zu tiefgreifende gesellschaftliche Probleme, zu verwurzelte Tabus werden hier angesprochen. Zudem unterliegt sexueller Missbrauch in der Regel einer so wirkungsvollen Geheimhaltung, dass nicht einmal annähernd realistische Datenerhebungen und Untersuchungen durchführbar sind. Diese fordert unsere Gesellschaft jedoch als Voraussetzung für umfassende Veränderungen. Viele Ansätze, sexuellem Kindesmissbrauch entgegenzuwirken, scheitern deshalb an den Schwierigkeiten, die notwendige institutionelle, rechtliche oder finanzielle Unterstützung zu erhalten. Ein Umdenken wäre hier erforderlich.
Seit einiger Zeit wird eine gangbare Alternative in der präventiven Arbeit gegen sexuellen Kindesmissbrauch gesehen. Idealerweise soll diese umfassend wirken und früh genug ansetzen, um Kindesmissbrauch gar nicht geschehen zu lassen. In der Praxis zeigen sich jedoch auch hier viele Probleme. So sind beispielsweise Inhalt, Methoden und Effizienz derzeitiger Präventionsarbeit kaum erforscht und dementsprechend umstritten. Ein weiteres Defizit liegt in der mangelnden Abstimmung einzelner präventiver Maßnahmen aufeinander. Zudem ist auch die wichtigste Voraussetzung für eine sinnvolle Präventionsarbeit noch nicht ausreichend gegeben: eine Sensibilisierung für die Erlebniswelt der Opfer und TäterInnen, die zur Tat führt bzw. aus dieser resultiert.
Eine Annäherung an diese Erlebniswelt sowie die Entwicklung eines hierauf aufbauenden Präventionskonzepts sind die Ziele dieser Arbeit.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
1. Einleitung
2. Sexueller Mißbrauch von Kindern
2.1. Definitionen und Daten
2.2. Die Thematisierung von Kindesmißbrauch in der Öffentlichkeit
2.3. Gesellschaftsprofil
2.4. TäterInnenprofile
2.4.1. Tätermotiv: Macht
2.4.2. Tätermotiv: Einsamkeit
2.4.3. TäterInnenmotiv: Pädophilie
2.4.4. Frauen als Täterinnen
2.5. Opferprofile
2.5.1. Vertrauensverlust und Lähmung durch Widersprüche
2.5.2. Überlebensstrategien
2.5.3. Relevante Aspekte für das Ausmaß der Schädigung
2.5.4. Symptome
2.5.5. Familienstrukturen der Opfer
2.5.6. Jungen als Opfer
3. Mißbrauchsprävention
3.1. Theoretische Ansätze
3.2. Schulische Präventionsarbeit: Möglichkeiten und Probleme
3.3. Initiativen zur schulischen Präventionsarbeit
3.4. Ein Konzept zur schulischen Präventionsarbeit: Eltern aufklären - LehrerInnen fortbilden - Kinder stärken
3.4.1. Langfristige Forderungen
3.4.2. Organisation
3.4.3. Eltern aufklären
3.4.4. LehrerInnen fortbilden
3.4.5. Kinder stärken
4. Resümee
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Hintergründe und Möglichkeiten einer effektiven schulischen Präventionsarbeit gegen sexuellen Kindesmißbrauch. Ziel ist es, ein schulisches Präventionsmodell zu entwickeln, das die theoretischen und gesellschaftlichen Problematiken berücksichtigt und die Akteure (Eltern, Lehrkräfte, Kinder) gezielt in einen präventiven Prozess einbindet.
- Analyse der gesellschaftlichen Strukturen und Ursachen, die Kindesmißbrauch ermöglichen.
- Erstellung von Täter- und Opferprofilen zur Sensibilisierung für die Problematik.
- Kritische Auseinandersetzung mit bisherigen Präventionsansätzen und deren Schwachstellen.
- Entwicklung eines ganzheitlichen Konzepts zur schulischen Prävention.
- Forderung nach strukturellen Änderungen in der Lehrerausbildung und Schulpraxis.
Auszug aus dem Buch
2.4.1. Tätermotiv: Macht
Viele AutorInnen geben den Vater-Tochter-Inzest bzw. den Mißbrauch durch einen Mann, der für das Opfer die Vaterrolle übernommen hat, als häufigste Form sexuellen Mißbrauchs an. Das Bild des typischen Mißbrauchers, das sich hierdurch in der Gesellschaft manifestiert hat, ist das des Mannes, der Kinder, vor allem Mädchen, immer wieder, über einen längeren Zeitraum hinweg und zum Teil sehr brutal mißbraucht, um sich selbst und allen anderen seine Macht zu beweisen. Inwieweit dies tatsächlich die häufigste Ursache für Mißbrauch ist, muß angesichts des sich beständig wandelnden Erkenntnisstands dahingestellt bleiben. Viele Biographien, Untersuchungen und Fachbeiträge sprechen jedoch zur Zeit noch dafür. So sieht beispielsweise Enders in Übereinstimmung mit einer Untersuchung Finkelhors „... die zentrale Bedeutung und Funktion der meisten sexuellen Mißhandlungen in der Befriedigung männlicher Dominanz- und Herrschaftsbedürfnisse [...], es (geht) also um die Ausübung von Gewalt und Macht.“
Aus dieser Perspektive wird deutlich, warum die Opfer Kinder sein müssen, häufig Mädchen aus dem engsten Familienkreis: „In keiner anderen Beziehung ist das Machtgefälle größer als zwischen Vater und Tochter“, hier kann der Täter sein Bedürfnis nach Bestätigung seiner Macht am sichersten ausleben, muß er am wenigsten mit Konsequenzen rechnen: Eine Tochter ist dem Vater nicht nur als Kind, sondern - zumindest in traditionellen Familienstrukturen - auch aufgrund ihres Geschlechts unterlegen. Brownmiller bemerkt diesbezüglich in ihrer Vergewaltigungsanalyse: „Men never rape equals in power. (Männer vergewaltigen niemanden, die/der sich in der gleichen Machtposition wie sie selbst befindet.)“ Ebenso stellten Kavemann und Lohstöter in ihren Interviews mit Vätern, die ihre Kinder mißbraucht haben, fest, „wie offen Männer ihr Bedürfnis nach Bewunderung und williger sexueller Passivität als Grund für ihren Schritt zum Mißbrauch der Tochter benannten.“ Gewalt, auch in sexueller Hinsicht, scheint hierbei als selbstverständliches Mittel zum Zweck akzeptiert zu sein.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Beschreibt das zunehmende öffentliche Bewusstsein für Kindesmißbrauch und die Schwierigkeiten bei der Implementierung effektiver Präventionsmaßnahmen.
2. Sexueller Mißbrauch von Kindern: Erörtert Definitionen, Häufigkeitsdaten, gesellschaftliche Profile sowie Täter- und Opferprofile, um die Komplexität des Phänomens zu beleuchten.
3. Mißbrauchsprävention: Analysiert theoretische Ansätze und existierende Präventionsmodelle an Schulen und leitet daraus ein eigenes Konzept ab.
4. Resümee: Führt die zentralen Ergebnisse zusammen und betont die Notwendigkeit einer institutionalisierten und ganzheitlichen Präventionsarbeit an Schulen.
Schlüsselwörter
Sexueller Kindesmißbrauch, Prävention, Schulische Präventionsarbeit, Tätermotive, Opferprofile, Familiendynamik, Geschlechtersozialisation, Selbstbewußtsein, Machtgefälle, Inzest, Lehrerfortbildung, Beratung, Aufklärung, Interventionsmöglichkeiten.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Schulen effektiv zur Prävention von sexuellem Kindesmißbrauch beitragen können, unter Berücksichtigung sowohl persönlicher als auch gesellschaftlicher Einflussfaktoren.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Felder sind die Analyse von Täter- und Opfermustern, die gesellschaftliche Tabuisierung des Themas und die Entwicklung eines konkreten schulischen Präventionsmodells.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist die Entwicklung und theoretische Begründung eines Präventionskonzepts für Schulen, das Eltern, Lehrkräfte und Schüler gleichermaßen stärkt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine tiefgehende Literaturanalyse und Synthese bestehender Studien zu den Themen Kindesmißbrauch, Sozialisationsforschung und Präventionsmodellen, um ein eigenes Konzept abzuleiten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Analyse der Täter- und Opferprofile sowie eine kritische Untersuchung bestehender Präventionsinitiativen, die als Basis für das neue Modell dienen.
Welche Schlüsselbegriffe sind charakteristisch?
Charakteristische Schlüsselbegriffe sind unter anderem "Machtmotiv", "Einsamkeit", "geschlechtsspezifische Sozialisation", "Vertrauensverlust" und "institutionelle Prävention".
Wie bewertet die Autorin die Rolle der Lehrkräfte?
Lehrkräfte haben eine Schlüsselrolle inne, werden aber derzeit oft allein gelassen; die Autorin fordert daher eine bessere Ausbildung, institutionelle Rückendeckung und regelmäßige Fortbildungen.
Warum wird das "Geheimhaltungsdogma" kritisch hinterfragt?
Das Dogma ist ein zentraler Mechanismus des Mißbrauchs; es verhindert, dass Opfer Hilfe suchen, und muss durch aktive Prävention, wie das Unterscheiden von guten und schlechten Geheimnissen, aufgebrochen werden.
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- Petra Stichert geb. Nitsch (Author), 2000, Hintergründe und Möglichkeiten zur schulischen Prävention gegen sexuellen Kindesmissbrauch, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/35938