Soziale Macht der Schönheit - Berufsschönheit - Model


Magisterarbeit, 2005
144 Seiten, Note: noch nicht

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Schönheitsideale im Wandel der Zeit
2.1. Ein kulturgeschichtlicher Überblick
2.2. Models - das „fleischgewordene“ Schönheitsideal

3. Das Phänomen - Schönheit
3.1. Definitionsansätze von Schönheit
3.2. Vom Nutzen und Unnutzen der Schönheit
3.3. Schönheitswahn als Massenphänomen
3.4. Mode
3.5. Die Normen des Geschmacks - Theorie der feinen Leute
3.6. Berufssoziologische Ansätze (Schönheit als Beruf)
3.7. Theorie der Warenästhetik (Schönheit als Ware)

4. Berufsschönheit: Model - ein geschichtlicher Überblick
4.1. Die ersten Vorführdamen
4.2. Modelagenturen
4.3. Das Modeln als professionelle Beschäftigung
4.4. Die Supermodels
4.5. Die aktuellen Trends in der Modelszene

5. Berufliche Sozialisation für und durch den Modelberuf
5.1. Das Aussehen - die physischen Voraussetzungen für den Modelberuf
5.2. Die Charaktereigenschaften und die psychischen Voraussetzungen
5.3. Startmöglichkeiten: Modelwettbewerbe, Scouts, Agenturen
5.4. Die ersten Schritte im Modelberuf
5.4.1. Phase I: Tests, Präsentationsmappe, Sedkarte
5.4.2. Phase II: Go-Sees, Castings
5.4.3. Phase III, IV,V: die ersten Buchungen, Auslandserfahrungen, Modellierung der Karriere
5.5. Die Einsatzmöglichkeiten
5.5.1. Editorial und Covershooting
5.5.2. Arbeit auf dem Laufsteg (Live-Modelling)
5.5.3. Katalogaufnahmen
5.5.4. Werbeaufnahmen
5.6. Berufskapital - Schönheit und ihr Warenwert

6. Die dunklen Seiten des Modelberufes
6.1. Konkurrenzkampf
6.2. Drogen und Alkohol
6.3. Sexuelle Belästigung und Missbrauch
6.4. Essstörungen

7. Massenmedien als Vermittler der Ware „Schönheit“
7.1. Modezeitschriften und der Modefotografie
7.2. Werbung
7.3. Schönheitsverwirklichung im Fernsehen

8. Die „wa(h)re“ Schönheit der Models

9. Die Machbarkeit und Käuflichkeit der Schönheit
9.1. Das Bombengeschäft mit der Schönheit
9.2. Diäten und Light-Produkte
9.3. Sport/Fitness/Bodybuilding
9.4. Kosmetik
9.5. Schönheitschirurgie

10. Fazit, Ausblicke

Literaturverzeichnis

1. Einführung

Das Unmessbare und Unberechenbare und doch das Maß aller Dinge: die Schönheit.

Sie ist heutzutage in aller Munde, sie avancierte in den Mittelpunkt der Interessen der heutigen Gesellschaft. Eine Konjunktur der Schönheit ist nicht zu leugnen und das Ausmaß ihrer Präsenz deutet auf die stets steigende Bedeutung des Schönen in unserer Gesellschaft. Die Eigenverantwortlichkeit für Schönheit, die jedem Individuum als Selbstverständlichkeit vermittelt wird, führt zur Verwandlung der eigentlich relativen und widersprüchlichen[1] Schönheit in ein erwerbbares Objekt, das wie alle anderen Waren käuflich und für alle, die es sich leisten können, zugänglich ist. Seit geraumer Zeit wird in den Geistes- und Sozialwissenschaften die Einsicht vertreten, dass „nichts oder nahezu nichts am Körper einfach da ist, alles oder fast alles auf die eine oder andere Art und Weise gemacht ist.“ (von Randow/Golin, 2001, S. 10)

Die Existenz der von der Gesellschaft festgelegten Schönheitsmaßstäbe, die von Posch „Schönheitsnormen“ (Posch, 2001, S. 70) genannt werden, führte zur Bildung eines ungewöhnlichen Konsumobjektes „Schönheit“, das seinen VerkäuferInnen und Vermittlern hohe Profite bringt. Die Modebranche erkannte die wirtschaftliche Macht der Schönheit und kreierte Models als Schönheitsvorbilder, um sie dann zu vermarkten und Schönheit selbst als etwas Kaufbares und Machbares zu propagieren. Folglich kam es zu einem Schönheitswahn in der Gesellschaft, der zur rapiden Entwicklung des Modelberufes und Entstehung der riesengroßen Schönheitsindustrie führte.

Ziel der vorliegenden Arbeit ist eine Gegenwartsanalyse der hohen Relevanz der Schönheit in unserer Gesellschaft am Beispiel des Modelberufes. Anhand der geschichtlichen und berufssoziologischen Untersuchung dieser relativ neuen Berufsgruppe „Models“ soll der Frage nachgegangen werden, ob das Modeln als ein eigenständiger Beruf fungieren kann.

Bei den vorliegenden Analysen wurde davon ausgegangen, dass Schönheit, so wie sie heutzutage verstanden wird, über die üblichen Warenmerkmale wie Tauschwert und Gebrauchswert verfügt. In diesem Zusammenhang werden neben Models zwei weitere Gruppen analysiert, um die Bedeutung der Schönheit als Konsumgut und ihre Rolle als Wirtschaftsfaktor zu veranschaulichen: die Vermittler von Schönheit – Medien - und die KäuferInnen dieser Ware.

Diese Themen werden anhand von vorhandener Literatur, Interviews, Reportagen, Berichten, Statistiken und Umfragedaten analysiert und herausgearbeitet.

Zur Interpretation der Fragestellung werden verschiedene soziologische Ansätze, die Schönheit als Gegenstand ihrer Betrachtung nehmen, insbesondere Modetheorien von Georg Simmel und René König, „Theorie der feinen Leute“ von Thorstein Veblen, Theorie der Warenästhetik von Wolfgang Haug sowie die berufssoziologischen Ansätze, angewendet.

Das heute allgegenwärtige Thema „Schönheit“ wird von mir persönlich als belastend empfunden. Das wissenschaftliche Interesse an der vorliegenden Arbeit wurde durch persönliche Erfahrungen und Bedürfnisse geformt, durch den Wunsch, die eigene Motivation und die Motivationen anderer in Bezug auf Schönheitsideale besser zu verstehen.

Schönheit - der Gegenstand dieser Arbeit - ist ein vielschichtiges und komplexes Gebiet, das eine große Varianz von Themen zu bieten hat. Aus diesem Grund konzentriert sich die Arbeit auf die obengenannten Inhalte. Viele für Schönheit relevante Themenbereiche konnten innerhalb des Rahmens dieser Arbeit nicht vollständig abgedeckt werden oder wurden weitestgehend ausgeklammert, beispielsweise die Geschichte und Rolle der Modefotografie und Modezeitschriften, die bei der Entstehung des Modelberufes eine große Rolle spielten, oder manche negative Nebenerscheinungen des Schönheitswahnes wie die stets steigende Anzahl von Essstörungen. Für die Verbreitung und Vermarktung der Schönheit sind neben Models und Modelagenturen auch zahlreiche andere Berufe verantwortlich, beispielsweise FotografInnen, Make-up StylistInnen, VisagistInnen, ModedesignerInnen, die ebenfalls bei der Bearbeitung ausgelassen werden mussten.

2. Schönheitsideale im Wandel der Zeit

Während Schönheit undefinierbar und relativ ist[2], lassen sich die jeweils geltenden Schönheitsideale genau beschreiben. Sie variieren zwar im Laufe der Zeit und von Kultur zu Kultur, sind aber bestimmbar. Kaum eine Gesellschaft kommt ohne rituelle, soziale oder ästhetische Körper-Diktate aus. Es ist allgemein bekannt, wer dem Schönheitsideal entspricht und welche Dinge ihm zuwider laufen.

Die Vorstellung von Schönheit entsteht immer wieder neu im Bewusstsein der Menschen.

„Seit der Mensch über das Stadium des Tieres hinausgewachsen ist, hat er nicht aufgehört, die Vorstellung von Schönheit zu formen, ja ihr sogar eine regelrechte Diktatur aufzubürden!“ (Didou-Manent/Ky/Robert, 2000, S. 11)

Zu allen Zeiten und in allen Kulturen entwickelten Menschen ihre eigenen Schönheitsvorstellungen, die sie dann „Schönheit“ nannten, um nach ihr zu streben, und versuchten, ihr nachzuhelfen, ungeachtet der nicht selten schmerzhaften und kostspieligen Praktiken. Der Wille des Menschen, dem Schönheitsideal möglicherweise genau zu entsprechen, änderte sich bis heute nicht. Was sich aber im Laufe der Zeit mehrmals änderte, war das Ideal selbst.

„Der Körper ist das Material des Schönen, aber dieses Material bedarf immer der Formung, gleichsam einer ’Übersetzung’ in kulturelle Symbole. Somit balanciert das Schöne stets zwischen gegebener Natur und kulturellem Bild.“ (Trapp, 2001, S. 68)

Die Maßstäbe der Schönheit ändern sich meistens, wenn es die Mehrheit schafft, sich dem geltenden Ideal anzupassen. Denn Schönheit ist etwas Außergewöhnliches. Aus diesem Grund können nur wenige den für ein Ideal festgelegten Eigenschaften entsprechen. (Freedman, 1989, S. 21) Schönheitsideale sind eine Modeerscheinung und die Mode soll nachahmbar bleiben, um als Mode zu fungieren.[3]

Der Körper wird als Kulturzeichen benutzt und dementsprechend stilisiert, die gezeichneten Körper und Gesichter weisen auf den Rang und die Befindlichkeit hin. Wer sich nicht anpassen will, gehört nicht dazu. (Lakotta, 1997, S. 80)

Manchmal kann die Auffassung vom schönen Körper je nach Epoche oder Kultur zwischen Extremen schwanken. Es gab kaum etwas, was sich so unvorhersehbar gewandelt hat, wie die Schönheitsvorstellungen. Manche Ideale wurden an einem Ort abgelehnt, um an einem anderen angestrebt zu werden; andere wurden zu einer Zeit verehrt, zu einer anderen verabscheut. (Didou-Manent/Ky/Robert, 2000, S. 13)

Sobald sich die geltenden Schönheitsnormen ändern, wird unser Schönheitsempfinden revidiert. Das bedeutet, dass heutzutage die Kleidung, die Frisuren, das Make-up, welche noch vor 20 Jahren „in“ waren, nicht mehr schön gefunden werden. Entsprechend wird auch nur der Körper, der heutigen Schönheitsidealen entspricht, als schön bezeichnet, weshalb beispielsweise die Frauen aus Rubens Gemälden viel zu korpulent und dick empfunden werden. (Posch, 1999, S. 15) Die Mode der vergangenen Jahrzehnten wird lustig, altmodisch, komisch, hässlich gefunden, aber nicht schön im heutigen Sinne. Genauso werden die Schönheitsideale der Vergangenheit als zu dick, zu klein bezeichnet, vielleicht haben sie zu muskulöse Oberschenkel, zu kurze Haare oder zu breite Hüften, jedenfalls sind sie nicht schön nach jetzigen Schönheitsempfinden. Die Schönheitsideale der anderen Kulturen bringen einen oft zum Lachen, manche werden mit Skepsis oder sogar mit Schrecken betrachtet: überlange Hälse, verstümmelte Füße, entstelle Gesichter - dies klingt unglaublich, aber es sind die Schönheitsideale mancher Kulturen.

Die Menschen in ihrer Zeit und Gesellschaft sind sich der Wandelbarkeit des Schönheitsempfindens nicht unmittelbar bewusst, dann das jeweilige Schönheitsideal suggeriert, dass es eine objektive und universelle Qualität namens „Schönheit“ gibt. (Deuser/Gläser/Köppe, 1995, S. 16)

Die Aufgabe dieses Kapitels besteht darin, einen Hintergrund für das Thema „Schönheit und Schönheitsideal“ zu schaffen und darzulegen, dass das Streben nach Schönheit kein neues Phänomen ist. Der Überblick über die Geschichte des ewigen Schönheitsverlangens der Menschen soll den aktuell herrschenden Schönheitswahn, der der Attraktivität einen Warencharakter verliehen hat, verständlicher machen.

2.1. Ein kulturgeschichtlicher Überblick

„Innerhalb einer Kultur herrscht Übereinstimmung darüber, was unter Schönheit zu verstehen ist.“ (Freedman, 1989, S. 22)

Unser westliches „schlankes und langbeiniges Schönheitsideal“ würde in manchen Kulturkreisen als unansehnlich gelten, denn nicht überall wird Schlankheit mit Schönheit gleichgesetzt. Internationale Topmodels mit ihren perfekten Körpern und Traummaßen würden nur tiefes Mitleid bei den stattlichen Frauen in Senegal erregen. Dortige dicke Schönheiten sind stolz auf ihre Hüft-Traumwerte um die 140 Zentimeter. An der Elfenbeinküste hätten Frauen, die unsere Schönheitsideale verkörpern, keine Heiratschancen. Dort werden auf den Märkten traditionelle Mittel angeboten, die heiratsfähige Mädchen dicker machen sollen. Bei den Annang im Südosten Nigerias werden Frauen, die heiraten wollen, in speziellen „Masträumen“ untergebracht, wo sie viel zu essen bekommen, damit sie bis zur Hochzeit rund und gut ernährt aussehen. Der soziale Rang des Mädchens erhöht sich mit zunehmendem Körperumfang. (Hansen, 2002, S. 83)

Lange, vergoldete Fingernägel galten schon im alten China als Prestigezeichen und in Indien gibt es bis heute junge Männer, die ihre langgewachsenen Nägel mit Stolz präsentieren. In Japan verkörpert die unnahbar erotisierende Geisha mit weißem Gesicht und aufreizend kirschroten Lippen eine vollkommene Ästhetik. Die bis auf 40 Zentimeter gestreckten „Giraffenhälse“ der Burmesinnen sollen die eheliche Unterordnung symbolisieren. Ein unverzichtbares Schönheitsmerkmal unter den Nuba-Frauen im Sudan ist die kunstvoll genarbte Haut. Die Narben geben gleichzeitig Auskunft über den sozialen Status einer Frau: ihre erste Regel, Heirat, Geburt eines Kindes. Bei den Sara im südlichen Tschad sowie bei den Surma in Äthiopien tragen die Frauen die untertassengroßen Lippenscheiben, die bedeuten, dass sie belastbar und nicht wehleidig sind und starke Kinder zur Welt bringen, ein Schönheitsideal, das ihre Heiratschancen erheblich erhöht. (Lakotta, 1997, S. 81ff.) Bei den Mangbetu in Zaire gelten sogenannte Turmschädel als besonders elegant. Sie werden durch Bandagen erzeugt, die um den noch formbaren Säuglinskopf gewickelt und bei erwachsenen Frauen oft noch durch kunstvolle Frisuren zusätzlich betont werden. Bei den Buschmännern der Kalahari werden Frauen mit einem ausgeprägten Hinterteil als schön bezeichnet, in Malaysia gelten künstlich gedehnten Ohrläppchen als attraktiv. (Kneissler, 1989, S. 92ff.) Schöne Chinesinnen sollen weiße Haut, ein volles Gesicht, lange, schmale und geschwungene Braunen, große Augen und einen Kirschmund haben, dazu tiefschwarzes Haar, eine zierliche Figur und möglichst kleine Füße. (Vormese, 2000, S. 252)

In vielen Kulturen ist das Aussehen eines Mannes genauso wichtig oder sogar wichtiger als das der Frau. Das beste Beispiel dafür ist der Wodaabe-Stamm aus Afrika. Die Männer aus diesem Stamm bemalen ihre Gesichter und tragen prächtige Frisuren, sie trennen sich nie von ihren Taschenspiegeln und Kämmen. Es gibt dort sogar männliche Schönheitswettbewerbe. „Ein kleiner, unscheinbarer oder hässlicher Mann“ gilt in Neuguinea als Ausgestoßener und Außenseiter. „Wegen seines wenig eindrucksvollen Körper wird er gemieden und täglich gedemütigt.“ (Pope, Phillips, Olivardia, 2001, S. 73f.)

Schönheitsideale gibt und gab es nicht nur in allen Kulturen, sondern auch zu allen Zeiten. In fast allen Zeitaltern und Kulturen beschäftigten sich Frauen doch intensiver als Männer mit der Schönheitspflege. Auch in der heutigen Gesellschaft legt das weibliche Geschlecht mehr Wert darauf, schön zu sein, auch wenn es zunehmend auch viele mode- und schönheitsbewusste Männer gibt. Die Ursachen für diese Geschlechterunterschiede sehen Grauer und Schlottke in unserer Kultur, in der Frauen weitaus stärker nach ihrem Aussehen als Männer beurteilt werden. Von Männer werden eher gute Leistungen und Erfolge erwartet. (Grauer/Schlottke, 1987, S. 45 und S. 93)

Bereits in den Anfängen der Zivilisation versuchten sowohl Männer als auch Frauen, ihre Gottheit nachzuahmen. Im Gegensatz zu unseren Idealen war die Fettleibigkeit, die für Überfluss und Fruchtbarkeit stand, die damals herrschende Vorstellung von Schönheit. So versuchten die Menschen mit allen möglichen Mitteln, an Gewicht zuzunehmen. (Didou-Manent/Ky/Robert, 2000, S. 34)

Schon lange vor dem heutigen Medienzeitalter wurden ästhetische Ideale anhand von Bildern und Kunstwerken transportiert. Diese waren jedoch für die breite Masse nicht zugänglich, weil sie sich meistens in Privatbesitz befanden. Somit blieben sie das Privileg sehr weniger und die Mehrheit der Gesellschaft konnte sich an ihnen nicht orientieren. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass die wenigen privilegierten Frauen, denen diese Kunstwerke zugänglich waren, ihre eigenen Körper tatsächlich mit diesen Gemälden und Kunstwerken - also das Ideal mit der Realität - verglichen oder gar versuchten, sich auf Grund der Gemälde diesem Ideal anzupassen. Dass Frauen und Männer einem anhand von Fotos transportiertem Bild nacheifern, scheint ein Phänomen der Moderne - des Medienzeitalters.

„Ideal“ bezeichnete ursprünglich etwas Vollkommenes und Unerreichbares, ein „erstrebenswertes Vorbild.“ Das Schönheitsideal konnte sich je nach Epoche auf den Menschen, auf eine Gottes Schöpfung oder die Götter beziehen, jedenfalls symbolisierte es etwas Unpersönliches. Diese Überindividualität drückt sich auch in der Namensgebung der Ideale aus: Sie wurden mit metaphorischen Namen wie beispielsweise Venus und Frühling belegt. Heute hingegen stehen die (Künstler-)Namen der Models nicht für ein abstraktes, überindividuelles, sondern für ein konkretes mit ihrer Person und ihrem Äußerem konnotiertes Schönheitsideal . (Drolshagen, 1997, S. 157f.)

In früheren Zeiten wurden die Schönheitsideale von der herrschenden Schicht bestimmt und waren für ärmere Bevölkerungsgruppen nicht erreichbar. Schönheit und ihre Pflege waren jahrhundertelang ein exklusives Privileg und Luxus der oberen Zehntausend. Im alten Ägypten stellte man die äußere Schönheit mit der inneren Vollkommenheit gleich. Um diesem Bild zu entsprechen, mussten die wohlhabenden Ägypterinnen zur Zeit der Nofretete mit großem Aufwand nach Schönheit streben und den größten Teil ihrer Zeit der Schönheitspflege widmen. Ockergelb bemalte Körper, rote Lippen und Wangen, blau nachgezeichneten Äderchen an Schläfen und Brustansatz, starkes, schwarzes Make-up und schwere, schwarze Fransenperücke aus Seidenfäden oder Rosshaar galten als schön. Sowohl Frauen als auch Männer rasierten sich am ganzen Körper. Schon damals wurde gegen den schlimmsten Feind von Schönheit, das Alter, gekämpft. Rezepte und Formeln gegen Falten wurden entwickelt und Anti-Falten und Feuchtigkeitscreme ausprobiert. 3000 Jahre alte Reste einer solchen Creme fand man im Grab des Tut-Ench-Amun. (Hansen, 2002, S. 83) Im alten Ägypten kam auch die Schlankheit in Mode. In verschiedenen Abhandlungen fand man Hinweise für die Herstellung einer Salbe, die für immer Schlankheit versprach. (Didou-Manent/Ky/Robert, 2000, S. 41-45)

Im antiken Griechenland basierte die Schönheitswahrnehmung auf der Klarheit und Verständlichkeit. Die Griechen behaupteten, „dass die Regeln der Schönheit auf dem subtilen Zusammenspiel von Zahlen und Proportionen beruhen.“ (Didou-Manent/Ky/Robert, 2000, S. 51) Die Proportionsvorlagen wurden systematisch in Beziehung zur Mythologie gesetzt. Die Körper von Zeus, Apollo oder Herkules galten als männliche und die von Aphrodite, Artemis und Hera als weibliche Schönheitsvorbilder. Um diesem Schönheitsideal zu entsprechen, mussten die Griechinnen kleine Becken und spitze Brüste haben sowie strahlend, elegant, manchmal muskulös sein. (Didou-Manent/Ky/Robert, 2000, S. 51ff.)

Während das mittelalterliche Schönheitsvorbild noch zierliche, schlanke und flachbrüstige Frauen bevorzugt, werden schon in der Renaissance nur üppige Damen nachahmenswert. Schmale, schlanke und zerbrechliche Frauen sahen auch Mediziner als unangemessen an und meinten, „dass Körper, Geschlecht und Geist sich nur durch üppige Nahrung entfalten können.“ Eine perfekte Schönheit hatte einen vollen, ausladenden, weißen Körper, fleischige und kräftige Arme, weiße, nicht zu längliche Hände, ein zum Hals hinabhängendes Doppelkinn, hohe blutrote Wangen und einen wohlgerundeten Hals. Die schlanke Taille des Mittelalters war in der Renaissance unvorstellbar. Es gab sogar Rezepte, die im Dienste der weiblichen Eifersucht erklärten, wie man das Fett der Rivalin schmelzen lassen könne. Das Mittelalter und die Renaissance sind ein hervorragendes Beispiel dafür, dass Schönheitsideale schnell von einem Extremen ins andere fallen können. (Didou-Manent/Ky/Robert, 2000, S. 137-143) Auch männliche Schönheit[4] wurde im Mittelalter glorifiziert: die hochgewachsenen, robusten und gutaussehend dargestellten christlichen Helden sind das beste Beispiel dafür. (Pope, Phillips, Olivardia, 2001, S. 74)

Im Barock wurde die „wohlgenährte Schöne“ korpulent. Korpulenz und körperliche Größe galten als schön; so schwellend waren die weiblichen Formen kaum jemals zuvor oder danach. (Deuser/Gläser/Köppe, 1995, S. 22) Die runden Schönheiten aus Rubens Gemälden sind allgemein bekannt. Doch im bekleideten Zustand mussten die Frauen jedes Gramm Fett kaschieren und mit dem Korsett eine künstliche Wespentaille erzeugen. Die Haare sollten, im Gegensatz zu dem in der Kunst postulierten Ideal vom wallenden, gelockten Haar, gebändigt, gescheitelt und zurückgekämmt sein. Ähnlich im Rokoko: als schön galten gepuderte, aufgesteckte und zusätzlich mit Blumen, Schleifen und Schmuck verzierte Frisuren. Modebewusste Männer trugen stets eine Perücke. Gegen Ende des Rokokos wuchsen die Haarkunstwerke auf geradezu groteske Weise in die Höhe, so dass auch Frauen letztlich zu Perücken griffen. Des Weiteren galten eine bleiche Haut, mit Rouge geröteten Wangen und kohlengeschwärzte Augenbraunen als schön. Die für gesundheitsschädlich geltenden Bäder ersetzte man großzügig durch Parfum. (http://crossdress.transgender.at)

Im Klassizismus erleben wir die Rückkehr des Schönheitsideals aus der Antike. Besonders en vogue war eine über den Hüftbereich verschobene Taille, wie sie einst bei den Römern beliebt war. Natürlichkeit war gefragt: ein rosiges Gesicht und ausdrucksvolle, jedoch kaum geschminkte Augen waren für die klassizistischen Schönheiten obligatorisch. (http://crossdress.transgender.at)

Weder Mühe noch Schmerz konnten die Damen von ihrem Streben nach Schönheit abbringen oder abschrecken. Die mittelalterlichen Schönheiten zupften sich die Augenbrauen und Stirnhaare aus, um die damals als schön geltende hohe, gewölbte Stirn zu erzeugen. Die dunkelhaarigen Venezianerinnen setzten sich tagsüber verschleiert in die Sonne, um die vorher mit Safran und Zitrone eingeriebenen Haare aufzuhellen. Die getürmten Kunsthaar-Werke der französischen Hofdamen des 17. Jahrhunderts zwangen sie, in der Kutsche zu knien und im Bett zu sitzen. Generationen von Frauen hellten ihren Teint mit toxischen Bleichmitteln auf. Essigtrinkkuren, grünlich gefärbte Gesichter, tödliches Fasten und für den weltentrückten, mystischen Blick mit Gift behandelte Augen gehörten zu den Schönheitspraktiken der tragischen Schönheiten der Romantik. Frauen der Belle Epoque gingen sogar noch viel weiter: sie ließen sich eine Rippe herausnehmen, um eine schlanke Taille zu erzeugen, spritzten Paraffin unter Wangen und Augenlider gegen Falten und für den frischen Teint banden sich manche über Nacht ein Kalbschnitzel vor das Gesicht. (Hansen, 2002, S. 83f.)

Obwohl der Wandel der Schönheitsideale sich im 20. Jahrhundert immer schneller vollzieht, gibt es eine bedeutsame Gemeinsamkeit: es kristallisierte sich das Schönheitsideal der absoluten Schlankheit heraus. Dies blieb innerhalb des ganzen 20. Jahrhunderts konstant, bis auf die 40er und 50er Jahre, in denen die üppige Figur - als Folgeerscheinung auf den Ernährungsmangel während des Zweiten Weltkrieges - eine kurze Hochkonjunktur verzeichnen konnte. Für die immer größere Ausbreitung der Schönheitsidealen war die Entstehung der Massenmedien verantwortlich. (Penz, 2001, S. 162)

Um 1910 wurden die Fotografien der Damen der Aristokratie mit ihren modernen Frisuren und Kleider als Vorbild genommen. Ein Schnürkorsett sorgte für eine schmale Taille; die modischen breiten Hüte und „Turmfrisuren“ konnten sich nur Frauen leisten, die keine Hausarbeiten zu erledigen hatten. (Schefer Faux, 2000, S. 11)

Schon bald wurde das Korsett zum lästigen Relikt erklärt und somit den überflüssigen Pfunden der Krieg angesagt. Ein noch um 1910 als begehrenswert und schön geltender stattlicher Brustumfang galt zu Beginn der 20er Jahre als unerwünscht. Damals änderte sich die Vorstellung von Schönheit grundlegend. Ab diesem Zeitpunkt begann Schönheit im heutigen modernen Sinn. (http://crossdress.transgender.at)

In den 20er Jahren fing man allmählich an, immer mehr Körper zu zeigen, womit das Aussehen wichtiger als je zuvor wurde. Viele begannen, nach einem schlanken, schmalen Körper zu streben. Eine knabenhafte Figur ohne breite Hüften und die modische Bibikopf-Frisur kontrastierten stark zu dem zuvor propagierten Weiblichkeitsbild. (Drolshagen, 1997, S. 97) Eine schlanke Figur hatte eine Frau, die sich von der vorherigen Generation absetzen wollte und nichts mehr von der sich unterordnenden Hausfrauen- und Mutterrolle wissen wollte. (Posch, 1999, S. 39f.) Der jugendliche, gut durchtrainierte Körper mit der sonnengebräunten Haut setzte sich gegen das wilhelminisch-viktorianische Ideal unsportlicher, nobler Blässe durch. (Penz, 2001, S. 162) Die Haare wurden in weichen Wellen auf Kinnlänge getragen, nur kurze Haare waren modern. Für eine weibliche Schönheit waren große Augen und ein voller geschminkter Mund charakteristisch. (http://crossdress.transgender.at)

Damals gab es noch keine wirklich bekannten Models. Die Schönheitsmaßstäbe wurden meistens durch Schauspielerinnen wie Louise Brooks oder Clara Bow gesetzt. Exotische Schönheit war gefragt, die durch solche extravaganten Vorbilder wie Gloria Swanson und Pola Negri repräsentiert wurde. (Mulvey/Richards, 1999, S. 69) Aus den USA, wo 1921 die erste Miss Amerika gewählt wurde, kam die neue, sich schnell verbreitende Mode der Schönheitswettbewerbe auf, die die Träume vom sozialen Aufstieg widerspiegelte. (Chahine, 2000, S. 108)

Der Rückkehr der Weiblichkeit in den 30er Jahren fand Ausdruck in der Betonung von Brust, Taille und Hüften. 1934 verlangte der Modeschöpfer Christian Dior von seinen Models eine Taillenweite von 43cm, dabei wurden die Hüften durch weite Röcke betont. (Drolshagen, 1997, S. 98)

Der Nationalsozialismus prägte auch das damals geltende Schönheitsideal. Ein üppiger Körper war wieder modern: die breiten Hüften sollen zum Gebären und die prallen und fülligen Brüste zum Stillen dienen. „Körper und Schönheit hatten im Dienst von Volk und Rasse zu stehen.“ (Posch, 1999, S. 40) Der Schönheitsbegriff der NS-Zeit war klar und eindeutig: blond, blauäugig und möglichst athletisch gestählt. Alles was arisch, also im Sinne des nationalsozialistischen Regimes schön war, wurde präzise gemessen: Körperbau, Schädelgröße, Stirn, Wangenknochen und Augenhöhlen sollten der Schablone entsprechen. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg bevorzugte man, sowohl bei Frauen als auch bei Männern, rundliche Figuren, denn eine volle Figur ließ in den harten Zeiten auf Gesundheit und Wohlstand schließen. (http://crossdress.transgender.at)

In den 50er Jahren entsprachen weibliche Rundungen dem Schönheitsideal. Es fehlte nicht an idealisierten Vorbildern, zu denen Grace Kelly, Gina Lollobrigida, Sophia Loren und natürlich Marilyn Monroe zählten. (http://crossdress.transgender.at) Die „Eieruhrfigur“ mit viel Busen, wenig Taille und viel Hüfte wurde zum Frauentraum. (Drolshagen, 1997, S. 96)

In den 60er Jahren wurde die weibliche Schönheit ein öffentliches Thema. Man sprach viel, ähnlich wie heute, von Kosmetik, Schlankheitskuren, Diäten, Mode, Frisuren und Idealmaßen. Die „sexuelle Revolution“ Ende der 60er Jahren brachte neue Ideale: „Freiheit, Lust und eine selbstbestimmte Sexualität“. Frauen kämpften um mehr Platz in der Welt, was von einem superschlanken Schönheitsideal begleitet und mit starken Verunsicherung der Frauen ihrem Körper gegenüber verbunden war. (Posch, 1999, S. 44f.) Die ganze Welt bewunderte das britische Model Lesley Hornby, das als Twiggy bekannt wurde. Knochig, hager und flachbusig musste man sein, um als schön zu gelten. Mattierte Lippen und großzügig mit Eyeliner betonte Augen ergänzten das ideale Schönheitsbild. (http://crossdress.transgender.at) „Bohnenstangen“ mit geraden Schultern, langen Knabenbeinen und kleinem, festen „Männerpo“ erlebten ihre Triumphe, wenn es um Schönheit ging. Knackig, straff, schmal, glatt, fest, schlank - das sind die Körper-Zauberworte der 60er. (Drolshagen, 1997, S. 99)

Die 70er Jahre lancierten einen sportlichen, schlanken, langbeinigen Frauentyp, der zusätzlich noch zunehmend konsumfreudig wurde. Es war die Blütezeit des Joggings. (Posch, 1999, S. 46) Die Augen sollten immer noch stark geschminkt, Taille sehr schmal und Haare prächtig und voluminös sein. (http://crossdress.transgender.at)

Das Schönheitsideal der 80er Jahre propagierte symmetrische Gesichtszüge, die zusätzlich mit Rouge hervorgehoben wurden und durch ein intensives Augen Make-up und ausdrucksvoll mit farbigen Lipgloss geschminkten Lippen akzentuiert wurden. Die Taille sollte immer noch schmal sein, wobei nun im Gegensatz zum vorangegangenen Idealbild eine stärkere Oberweite der Schönheitsnorm entsprach. (http://crossdress.transgender.at) Es wurde dem Bild einer beruflich und privat erfolgreichen „Superfrau“ nachgeeifert. Als Folge erschienen „Supermodels“, die selbst ihre weltweite Präsenz, Einkünfte und Karriere steuerten und verwalteten. (Schefer Faux, 2000, S. 19)

In den 80ern und frühen 90ern Jahren entfernte sich das von den Models verkörperte Idealbild der Frau immer weiter von dem normalen und gesunden Körperbau einer Frau. Der Fitnesswahn und Aerobic-Boom der 80er kreierten ein schlankes, aber muskulöses Ideal. Der Idealkörper wurde wie der des Models derart stromlinienförmig, dass jede Steigerung ausgeschlossen schien. Das Ideal reizte die Grenzen der Erreichbarkeit bis zum Letzten aus. „Das Rohmaterial Frauenkörper konnte nicht noch mehr zurechtgetrimmt werden und dabei auch nur halbwegs glaubwürdig bleiben.“ (Drolshagen, 1997, S. 159)

Der dominante und aggressive Frauentyp hatte sich überlebt, ein neuer musste ihn ersetzen. Das Mädchen - „Girlie“ - war plötzlich im Trend: jung, mager, auffallend hellhäutig. Diese Mädchen nannte man „Waifs“, abstammend von dem Wort „waif“, das zum einen verwahrlose Kinder ohne Zuhause und ohne Freunde und zum anderen „etwas Herrenloses“ und Verlassenes bezeichnet. Die Altersstufe „Teenager“ war in Medienbildern nicht mehr zu finden. Die orientierungslosen Kindfrauen hatten die Bildschirme und Werbeplakate erobert. Mit den Waifs war nun das Scheitern von jedem Versuch der durchschnittlichen Frau, sich dem herrschenden Schönheitsideal zu nähern, vorprogrammiert. (Drolshagen, 1997, S. 160)

Die Definition des gegenwärtigen[5] ästhetischen Schönheitsideals ist sehr lakonisch: ein extrem schlanker Körper und möglichst lang währende Jugendlichkeit. (Posch, 1999, S. 48) Das dritte goldene Kalb der Schönheit der 90er Jahre, das sich zur Schlankheit und Jugend gesellte, war die Natürlichkeit. „Der Anschein von Absichtslosigkeit, Beliebigkeit, Mühelosigkeit und Zufall“ ist eine der schwierigsten Aufgaben am heutigen Schönheitsideal. (Posch, 1999, S. 72) Der ganze Aufwand, den man braucht, um die scheinbar perfekten Schönheiten zurechtzustylen, durfte weder sichtbar noch offenbar gemacht werden. Durchgestylte Schönheiten sollten so aussehen, als sei alles dem Zufall überlassen, natürlich und mühelos schön. (Drolshagen, 1997, S. 34)

Das Schönheitsideal unserer Zeit verkörpert eine knochige, androgyne Frau. Dieses unsinnige Ideal unterliegt vier Aspekten: es ist einheitlich, es ist allen zugänglich, es ist angeblich machbar, es verspricht Glück und Selbstbewusstsein. (Posch: www.bundesfachverbankessstoerungen.de/Dokumentation2002.pdf) Auch eine gute Körperspannung ist „in“. Eine Gallup-Umfrage erwies, dass das Fotomodell Elle Macpherson das schlanke, fitte und sehnige Ideal verkörpert. Weiter heißt es in dem Umfragebericht: „Die üppige Frau ist ‚out’; die durchtrainierte und sinnliche ist ‚in’.“ (Rodin, 1994, S. 46) Das aktuelle Schönheitsideal ist vor allem idealgewichtig. Insbesondere jüngere Frauen und Mädchen werden an diesem Maßstab gemessen und messen sich auch selbst daran, doch der gesellschaftliche Druck hin zum schlanken Körper dehnt sich auch immer stärker auf Männer aus. (Grauer/Schlottke, 1987, S. 17)

Paradoxerweise scheint heutzutage auch Individualität gefragt zu sein. Das Schönheitsideal muss zwar immer noch bestimmten Kriterien entsprechen, also dünn und groß, aber die Models dürfen oder sollen vielleicht sogar ihre Individualität zeigen.

„Das hektische Suchen nach dem Schönheitsideal für das neue Jahrtausend mit ihren halbherzigen Revivals lenkt davon ab, dass sich längst etwas entscheidend Neues entwickelt hat: Individualität.“ (Seeling, 1999, S. 572)

Einheitlich und individuell scheinen zwei sich widersprechende Kriterien zu sein. Die einheitlich schlanken, großen, jungen Models versuchen, von ihrer Individualität zu überzeugen, indem sie uns ihre kleine Macken, Vorlieben und Abneigungen verraten. Makel verleihen Charakter und machen Models menschlich, sie sind etwas Besonderes, die Ausnahme in der einheitlichen Modelszene. Die eigentlichen Grundspielregeln sind allerdings allen TeilnehmerInnen bestens bekannt: ohne einer Mindestgröße von 174cm und einem mageren Körper läuft gar nichts. Nur deshalb kann sich die Modelbranche solche Ausschweifungen wie angebliche Individualität und Natürlichkeit leisten. (Posch, 1999, S. 60f.)

In Schönheitsdiskursen wird das Thema häufig von Feministinnen angesprochen und meist mit negativen Vorannahmen angegangen. Sie versuchen, gegen die allgegenwärtige Schönheitspräsenz und ihre hohe gesellschaftliche Relevanz, die vor allem Frauen belastet und benachteiligt, zu kämpfen, sprechen von „Schönheitsmythos“ oder „Schönheitsterror“ und suggerieren, dass Schönheit wertlos ist und nichts zu bieten hat. Andere AutorInnen wie Irmgard Vogt schließen sich diesen Thesen nicht an und meinen, dass die Auseinandersetzung mit Schönheit uralt und nicht geschlechtsbezogen ist. (Vogt, 1996, S. 2f)

Am Ende des 20. Jahrhunderts ist Schönheit nicht mehr exklusiv weiblich. Reizvolle, durchgestylte Männer erscheinen immer öfter in den Massenmedien. Nun werden auch Männer dem kommerziellen Schönheitsdiktat unterworfen. (Trapp, 2001, S. 69f.)

Eine Meinungsumfrage zum Thema Körper, die durch das Institut für Demoskopie Allensbach im September und Oktober 2000 unter 1137 Personen durchgeführt wurde, erwies, dass die Mehrheit der Bevölkerung sich darüber einig ist, wie das heutige Schönheitsideal aussehen soll: 70 Prozent der Befragten meinten, dass für Frauen das Schönheitsideal „vor allem schlank“ und für Männer „muskulös und gut durchtrainiert“ ist. (Piel, 2001, S. 175)

Dieser Überblick über die Geschichte der Schönheitsvorstellungen machte deutlich, dass die Schönheitsideale höchst relativ sowie orts- und zeitgebunden sind. Zu allen Zeiten und in allen Kulturen konnte man die Orientierung der Menschen an Schönheitsidealen und ihr manchmal sehr aufwendiges oder sogar schmerzhaftes Streben nach Schönheit selbst feststellen. Dies lässt die Annahme zu, dass der Schönheitswahn ein ewiger Begleiter der Menschen ist. Erwähnenswert wäre auch an dieser Stelle, dass die Schönheitsideale im Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Situation stehen, denn sie sind eben nicht nur einfach Schönheitsideale, sondern immer auch Menschenideale - die Frau am Herd, das Luxusweib, die hilflos wirkende Kindfrau, Jugendliche ohne Jugend - und wer diesen Idealen nicht entspricht, kann ein Mensch zweiter Klasse werden - bis hin zur Tötung (Nationalsozialismus - Euthanasie), aber auch andersrum: Kleider - oder wie es heutzutage heißen soll: Körper machen Leute.

2.2. Models - das fleischgewordene Schönheitsideal

An der Geschichte des körperlichen Erscheinungsbildes von Models lassen sich die Wandlungen der neuesten Schönheitsideale gut nachvollziehen. Vor allem die Tendenz zu einem immer schlanker werdenden Körper wird schnell deutlich. Noch vor 30 Jahren wog ein Model acht Prozent weniger als die durchschnittliche amerikanische Frau, während ein heutiges Model 23 Prozent unter dem Durchschnittsgewicht liegt. (Wolf, 1991, S. 259f.) Auch das männliche Schönheitsideal unterliegt dem ständigen Wandel: Der amerikanische Psychologe Richard Leit, der die Körper von 115 männlichen Models zwischen 1973 und 1997 verglich, kam zum Ergebnis, dass sich der Körper eines Mannes in Zeitschriften nach und nach vom Durchschnitt entfernte, bis er das angebliche Ideal von einem „aufgeblasenen Muskelmann“ erreichte. (Köster, 2002, S. 88)

Models sind das „fleischgewordene Schönheitsideal.“ Nach Deuser, Gläser und Köppe werden die früher nachahmenswerten Götter durch Models ersetzt, denn die Menschen brauchen etwas, woran sie sich orientieren können, etwas, das ihnen Halt in einer Zeit der Multiangebote gibt. So wird uns eine Vielzahl von Ersatzgöttern angeboten. Die aktuellen Leitbilder genießen die öffentliche Bestätigung „perfekt“ (und das eben nicht nur im ästhetischen Sinne) und „schön“ zu sein. (Deuser/Gläser/Köppe, 1995, S. 33)

„200 hauptberuflichen Mode-Models halten 120 Millionen amerikanischen Frauen in Schach.“ (Wolf, 1995, S. 54)

Models repräsentieren den idealen Typ der aktuellen Gegenwart, sie bilden gleichsam die Quintessenz des maßgeblichen Weiblichkeitsbildes (und auch Männlichkeitsbildes) in den westlichen Gesellschaften. Sie sind kein realistischer Abbild der durchschnittlichen Frau/ des durchschnittlichen Mannes, sie zeigen nicht, wie Menschen sind, sondern wie sie sein sollen. (Lehnert, 1996, S. 29f.) Ihr Körper und ihr Gesicht ist ihr Kapital, ihre Schönheit ist die in der heutigen Gesellschaft häufig gefragte Ware. Sie verkörpern das geltende Schönheitsideal und somit die aktuelle Mode, die sich am besten vermarkten lässt. Sie gelten als Vorbild der Attraktivität und sind daher der Maßstab für diejenigen, die dem aktuellen Schönheitsideal und der Mode nacheifern wollen. Jedoch scheint es der einzige Maßstab, der in den Massenmedien der Konsumgesellschaft propagiert und vermarktet wird und dadurch zur Entstehung der Illusion der homogenen Schönheit führt. Das westliche Schönheitsideal erhebt für sich den Anspruch, die Messlatte auch für andere Regionen zu sein. Auf Grund der flächendeckenden Verbreitung von Bildern durch Massenmedien „unterliegen unsere Vorstellungen von Schönheit einer weltweiten kulturellen Normierung unter der Vorherrschaft der westlichen Industriegesellschaften.“ (Deuser/Gläser/Köppe, 1995, S. 27)

„Die geballte mediale Verbreitung von Bildern von schönen Menschen hat zu einer weltweiten Homogenisierung aller Körperideale geführt [...] Wir lassen uns vorgaukeln, es gäbe nur eine Art von Schönheit, nämlich die, die uns in Form der Models ständig begegnet.“ (Posch, 1999, S. 74).

Über welche Eigenschaften die Ware „Schönheit“ heutzutage verfügen muss, ist allgemein bekannt. Niemand würde einem kleinen, dicken Model sechsstellige Beträge offerieren. Lediglich für die Vermarktung von Konsumgütern für vermeintliche Randgruppen, eben für Menschen, die dem Schönheitsideal nicht entsprechen oder übergewichtig sind, werden solche Models unter Vertrag genommen. Die mediale Fokussierung auf das unerreichbare Ideal wird zum bösen Spiel, indem sie dieses Ideal als das oberste Ziel anpreist und gleichzeitig den Ist-Zustand, also das Nicht-dem-Ideal-Entsprechen, thematisiert, aber nicht im Sinne vom „Aufklärung“, sondern im Sinne der Vermarktungsstrategie, wie dieses Ideal zu erreichen sei.

Einige Models des 20. Jahrhunderts sind als Schönheitsikonen und Schönheitsvorbilder in die Geschichte eingegangen. Sie haben die Schönheitsideale vorgegeben oder verändert. Diese Models galten oder gelten immer noch als Schönheitsvorbild, Millionen orientierten sich an ihnen, wollten ihnen ähnlich sein, ihre Schönheit verhalf ihnen zu Reichtum und Berühmtheit, verbesserte ihre berufliche und soziale Position bedeutsam. Sie entsprachen fast vollständig dem geltenden Schönheitsideal oder leiteten mit ihrem Aussehen ein neues Ideal ein. Sie waren in der Lage, sich von der breiten Masse der wunderschönen, makellosen Models hervorzuheben und ihre Schönheit am erfolgreichsten zu verkaufen. Topmodels werden besonders idealisiert, sie sind Ikonen der Schönheit, Traumgestalten der heutigen Zeiten, „geklonte“, vereinheitlichte Glamourfiguren; sie dienen als „role models“ - Vorbilder. Sie gehören mittlerweile zum Zentrum der transkontinentalen Society, machen deren Gagen, Beauty-Tipps, Privatleben und Maße zu besonders beliebten Themen in allen Medien, damit können sie nicht nur ihre Schönheit, sondern auch ihren Lebensstil vermarkten. Der westliche Durchschnittsmensch wird laut Ergebnis einer Studie rund zwölf Mal täglich mit dem Anblick eines Models konfrontiert.

Die besten Models stellten SchauspielerInnen und Musikstars in den Schatten und wurden zu den Idolen von Millionen Menschen. Die meisten von ihnen konnten auch nach ihrer Modelkarriere ihre Schönheit und Berühmtheit als Geschäftsfrauen nutzen. Ihre Namen sind so bekannt wie die Namen von wichtigen Politikern oder Filmstars und sie werden mit Erfolg assoziiert. Viele von ihnen haben eigene Fanclubs, eigene Firmen, eigene Marken. (Deuser/Gläser/Köppe, 1995, S. 33f.)

Zu den Models, die einen phänomenalen Erfolg erreicht haben, gehören unter anderen: Leslie Hornby, als Twiggy bekannt, die Massen zur Nachahmung ihres Stils brachte, Linda Evangelista, Claudia Schiffer, Cindy Crawford, Christy Turlington und Naomi Campbell. Ihre Maße, ihr Aussehen sind für eine durchschnittliche Frau eigentlich unerreichbar, sie fördern das Gefühl der Unzulänglichkeit, aber möglicherweise verkörpern sie gerade deshalb die Ideale und die aktuelle Mode, die eine Nachahmung fordert.

3. Das Phänomen - Schönheit

Die Sehnsucht nach Schönheit ist geschichtlich gesehen nichts Neues. Schönheit fasziniert und verzaubert schon immer. „Sie gehört zu den großen Objekten unserer Begehrlichkeit, wie Ruhm und Reichtum, Liebe und Macht.“ (Guggenberger, 1997, S. 142) Heutzutage wird aber diese Sehnsucht besonders extrem ausgelebt. Schönheit drängt sich in fast alle Lebensbereiche, ergreift immer breitere Massen, beeinflusst unsere Handlungen, Denkweisen und Prioritäten. Auf sie werden Glücks- und Erfolgserwartungen projiziert. Schönheit gilt in unserer Gesellschaft als herstellbar und käuflich, sie wird wie jede andere Ware verkauft, ihre wirtschaftliche und gesellschaftsprägende Rolle ist nicht zu leugnen. Schönheit wurde heutzutage zu einem Massenphänomen.

Im Folgenden werden die Definitionsansätze von Schönheit (3.1.), ihre Vor- und Nachteile (3.2.) sowie weitere theoretische Ansätze wie die Theorie der Mode von Georg Simmel und René König (3.3.), die Normen des Geschmacks von Thorstein Veblen (3.4.) sowie Theorie der Warenästhetik von Wolfgang Haug (3.7.) vorgestellt, die Schönheit als Gegenstand der Betrachtung nehmen und im Laufe der Arbeit als Grundlage zur Interpretation und Ausarbeitung der Fragenstellung angewendet werden sollen. Es wird auch auf die Problematik des Schönheitswahnes als Massenphänomen (3.5.) eingegangen, um das Ausmaß und die Gefahren dieser Erscheinung zu veranschaulichen. Des weiteren werden die berufssoziologischen Ansätze präsentiert, die einen für die weiteren Analysen des Modelberufes relevanten Teil dieses Kapitels bilden.

3.1. Definitionsansätze von Schönheit

Im folgenden Abschnitt soll die Komplexität des Schönheitsbegriffs sowie die Ambivalenzen, welche Schönheit impliziert, erläutert werden.

Schönheit[6] unterliegt dem subjektivem Empfinden des Betrachters, deshalb gibt es ebenso viele Schönheitsbegriffe wie Menschen, die diesen zu beschreiben versuchen. Manche Definitionen widersprechen sich oder schließen sich sogar gegenseitig aus. Es gibt keinen Begriff, der Schönheit zufriedenstellend und wahrhaft beschreiben könnte. Dies bezeugt aber nur die Tatsache, dass jeder sie auf eigene Art und Weise interpretieren kann und dass der Schönheitsbegriff ambivalent ist.

Auf die Abhängigkeit der jeweiligen Schönheitsdefinition vom Betrachter weist unter anderen der Sozialwissenschaftler Guggenberger hin: „Was ‚schön’ ist, kann man nicht am schönen Gegenstand ablesen, sondern am Betrachter selbst.“ Weiterhin betont er, dass der Streit und die Diskussionen über Schönheit nie aufhören werden, weil sie nichts rein Objektives ist. (Guggenberger, 1995, S. 51f.) Auch für die von Pfannenschwarz zitierte Attraktivitätsforscherin Elaine Hatfield liegt Schönheit im Auge des Betrachters:

„Schönheit ist das, was der Vorstellung einer Person vom >idealen Aussehen< am nächsten kommt und was beim Betrachten alle Sinne im größtmöglichen Maße befriedigt.“ (Pfannenschwarz, 1995, S. 23)

Für Posch ist Schönheit „eine alltägliche Herausforderung, die ihren Ausdruck nicht nur in Mode, Frisuren und Kosmetik, sondern auch in grundlegenden Körpermerkmalen wie Gewicht, Größe, Körperbau, Gesichtszügen und Haut findet.“ Diese Definition beinhaltet die Ausrichtung auf Schönheitsidealvorstellung. (Posch, 1999, S. 14)

Oft wird Schönheit als etwas „Überdurchschnittliches, Herausragendes, etwas nicht für jeden Menschen Erreichbares“ (Posch, 1999, S. 14) beschrieben:

„Das Schöne fasziniert, verzaubert, weckt das Begehren; in der Lust des Schauens und Hörens verspricht es Momente gesteigerten Lebens. Es verweist auf Höheres, drückt Unendliches in Endlichem aus und widersetzt sich den verzweifelten Versuchen, seinen Sinn zu bestimmen.“ (Kamper/Wulf, 1989, S. 9)

Schönheit charakterisiert eine Widersprüchlichkeit. Einerseits wollen alle sie besitzen, sie genießen und die Macht, die von ihr ausgeht, spüren; andererseits scheint sie nur etwas Oberflächliches zu sein und gilt als banale Äußerlichkeit. Zum einen wird sie als angeborene, natürliche Qualität bezeichnet, zum anderen ist sie als kaufbare Ware herstellbar und für jeden erreichbar. (Freedman, 1989, S. 18)

Schönheit hat einen politischen Charakter, da der Kult, der sich um sie entwickelt hat, hauptsächlich der Wirtschaft dient und die Gesellschaft der Schönen von den Nicht-Schönen trennt. Schönheit ist aber gleichzeitig individuell, da sie jeden einzelnen Menschen betrifft. Sie ist also doppelbödig. (Posch, 1999, S. 22f.) Schönheit ist relativ und eine Geschmacksache eines jeden Individuums, aber sie unterliegt auch „gesellschaftlichen Einflüssen von großer prägender Kraft, denen sich die einzelnen, oft nur schwer oder gar nicht entziehen können.“ (Sichtermann, 1992, S. 25)

Schönheit kann „äußeren Glanz, innere Gelassenheit, sexuelle Anziehungskraft, kulturell vermittelte ästhetische Ideale“ bedeuten. Sie ist „edel, aber auch verdächtig, rein, aber korrumpierend.“ (Freedman, 1989, S. 18)

Für Platon war das Schöne „das Herausscheinendste“, für Hegel „der sinnliche Schein der Idee“; der Arzt Carl Heinrich Stratz meinte: „Die Schönheit ist das, wovon ein Höchstwert an positivem ästhetischem Empfinden ausgelöst wird“; Dostojewski schrieb: „Die Schönheit ist etwas Schreckliches und Erschreckendes...schrecklich, weil sie unbestimmt ist“; Stendhal nannte sie „lediglich Verheißung von Glück.“(Akashe-Böhme, 1992, S. 15f.)

Die Griechen glaubten „die universelle, mathematische Essenz der Schönheit“ entdeckt zu haben. Sie waren davon überzeugt, dass das Geheimnis der Schönheit auf einem genau berechneten Zusammenspiel von Zahlen basiert. (Didou-Manent/Ky/Robert, 2000, S. 51f.) Die Schönheit ist „Ordnung, Symmetrie und Eindeutigkeit“, behauptete der griechische Philosoph Aristoteles. „Eine gewisse symmetrische Gestalt der Gliedmaßen, verbunden mit einem gewissen Reiz der Färbung“, so beschrieb sie der Römer Cicero. Die Künstler der folgenden Jahrhunderte gingen noch weiter und versuchten, eine Schönheitsformel zu entwickeln. Albrecht Dürer benutzte seinen Mittelfinger, um die Idealmaße zu berechnen: „Länge des Mittelfingers gleich Breite der Hand, die wiederum proportional zum Unterarm sein musste.“ In der Renaissance und im Klassizismus gab es andere Schönheitsberechnungstheorien, die beispielsweise die gleiche Länge von Ohr und Nase voraussetzten oder das genaue Entsprechen des Abstands zwischen den Augen und der Breite der Nase als Schönheitsgrundlage verlangten. Regeln wie diese hatten jahrhundertelang einen großen Einfluss auf die Entwicklung des Schönheitsideals. (Hansen, 2002, S. 81f.)

Der Anthropologe Leslie Farkas hält sie alle für falsch und unsinnig. Er vermaß zweihundert Frauengesichter, darunter fünfzig Models, und ließ sie von Testpersonen bewerten. Bei vielen, die als schön eingestuft wurden, war der Augenabstand größer als die Breite der Nase. Wiederrum andere, deren Proportionen genau der Formel entsprachen, wurden als nicht schön angesehen. Die Regeln des klassischen Schönheitskanons können nur, wenn überhaupt, auf Europäer bezogen werden. Die flachen und breiten Nasen der Afrikaner können keinesfalls, laut dieser Formel, als schön bezeichnet werden. Trotzdem zählt die schwarzhäutige Naomi Campbell zu den schönsten und bestbezahlten Models der Welt. Für die Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts liegt der Schlüssel zum Verständnis der menschlichen Schönheit in unserer Biologie und nicht in der Mathematik, sie soll „eine biologische Anpassung“ sein. (Hansen, 2002, S. 81f.)

Menschen, die darum gebeten werden, einen Begriff für Attraktivität oder Schönheit zu finden, nennen mehrere subtile Qualitäten, die zusätzlich abstrakt und ausgesprochen individuell sind. (Freedman, 1989, S. 19)

Nancy Etcoff fragte Menschen, die mit Schönheit beruflich zu tun haben, wie sie diese definieren würden. Keiner von ihnen konnte sie beschreiben, aber alle behaupteten, sie schon einmal gesehen zu haben und versicherten, sie auch wieder erkennen zu können. „Ich kann Schönheit nicht definieren, aber ich erkenne sie, wenn sie das Zimmer betritt“, meinte Filmproduzent Aaron Spelling. In einer Modeagentur für männliche Models erfuhr Etcoff: „Schönheit - das ist, wenn jemand zur Tür hereinkommt, und Ihnen bleibt der Atem weg. Das passiert nicht oft. Man fühlt es mehr, als man es sieht.“ (Etcoff, 2001, S. 15) Nach Guggenberger wurzelt das Schönheitsurteil in einem Gesamteindruck und deshalb kann Schönheit erkannt, aber nicht definiert werden. Schönheit ist ein Ganzes und darum aus seinen Einzelbestandteilen nicht rekonstruierbar. (Guggenberger, 1995, S. 61)

Naomi Wolf behauptet dagegen, es gäbe keine Qualität namens „Schönheit“, die den Objektivitätsanspruch erfülle und universell sei. Es gibt nur einen Schönheitsmythos.

„Schönheit ist ein Währungssystem wie die Goldwährung, eine praktische Erfindung, mit der man Idole kreiert, um sie der Masse zu verkaufen. (Wolf, 1991, S. 14)

Psychologisch gesehen ist Schönheit ein Interaktionsprozess. Das, was man unter Schönheit verstehet, beruht in gleichem Maße auf den Überzeugungen und Wahrnehmungsgewohnheiten des Betrachters sowie auf den realen Qualitäten der betrachteten Person. Deshalb ist der Schönheitsbegriff unmöglich zu fassen. (Freedman, 1989, S. 19) Schönheit ist ein Interaktionsprozess, der von der Kultur und den äußeren Lebensbedingungen abhängig ist. Sobald sich ein Ideal einmal etabliert hat, scheinen sich alle Gesellschaftsmitglieder darüber einig zu sein, was sie als schön bezeichnen und was nicht. (Posch, 1999, S. 15)

Schönheit ist selten und hat einen Ausnahmecharakter: Die materielle und politische Demokratie verlangte die allgemeine Erreichbarkeit der Elemente des Luxus auf einem Niveau der Massenkonsumgüter. Die körperliche Schönheit versprach ihr Tribut an die Demokratie zu entrichten und von den Schaubühnen in die Wohnstuben der Stadtbevölkerung hinabzusteigen. Schönheit lässt sich jedoch nicht demokratisieren. Wäre Schönheit gängig, würde sie nicht bemerkt werden und alle Lügen von ihrer wirklichen oder vermeintlichen Machbarkeit, wären überflüssig. Jedoch „ist es eine peinliche Tatsache für eine Kultur und Politik, zu deren Legitimation es zählt, alle erstrebenswerten Güter dieser Welt allen zugänglich zu machen.“ (Sichtermann, 1992, S. 27f.) Nach Sichtermann führen die Demokratisierungsversuche zur „schleichenden Frustration“ und zu stets erneuten, vergeblichen Versuchen, das begehrte Gut doch noch zu ergattern. „Das ästhetische Empfinden wird schließlich bestechlich und zu stark fixiert auf Faktoren, die sich tatsächlich ändern beziehungsweise korrigieren lassen.“ (Sichtermann, 1992, S. 28)

Angesichts der Bedeutungsvielfalt von Schönheit könnte man einen kleinsten gemeinsamen Nenner, die Minimaldefinition, zu finden versuchen. Nach Trapp könnte sie folgendermaßen lauten:

„Das Schöne ist die Leerformel für das Begehrte - >schön< wird genannt, worauf sich die Wünsche des Menschen richten. So ist körperliche Schönheit nie Selbstzweck, sondern untersteht immer auch anderen Zielen.“ (Trapp, 2001, S. 66)

3.2. Vom Nutzen und Unnutzen der Schönheit

Im Folgenden sollen die Ursachen und Hintergründe, die dem hohen Stellenwert der Schönheit in unserer Gesellschaft zugrunde liegen, analysiert werden.

Schönheit wird als Symbolträger gesehen und mit Glück und Erfolg assoziiert. Sie kann somit das menschliche Verhalten weitgehend beeinflussen. In diesem Abschnitt werden die Vor- sowie die Nachteile des Schönseins erläutert, die einen Erklärungsversuch für den starken Drang der Menschen nach Schönheit liefern sollen.

Nach Goffman ist in jeder Gesellschaft der Glaube verwurzelt, dass jedes Objekt Zeichen aussendet, die uns über es informieren. Die Informationen sind unseren Sinnen zugänglich und sollen uns dabei helfen, auf etwas Verborgenes schließen zu können. (Goffman, 1981, S. 31) Diese Theorie lässt sich am Beispiel des äußerlichen Erscheinungsbildes bestätigen. Auf Grund der optischen Eigenschaften, die der jeweiligen Vorstellung von Schönheit entsprechen, wird auf bestimmte Charaktereigenschaften geschlossen. In diesem Kapitel wird anhand der zahlreichen Studien analysiert, welche Eigenschaften den schönen Menschen bewusst oder unbewusst zugeschrieben werden. Die Gleichsetzung des Schönen mit dem Guten führt meistens zu positiven Schlussfolgerungen seitens des Schönheitsbetrachters. Es gibt aber auch negative Seiten des Schönseins, auf die im zweiten Teil dieses Abschnittes hingewiesen wird.

2002 führte die Zeitschrift Brigitte eine Umfrage zum Thema „Wie wichtig ist Schönheit?“ durch. 28.200 Leserinnen nahmen an dieser Studie teil. 89 Prozent der Frauen aller befragten Altersgruppen (bis 19 Jahre, 20-29 Jahre, 30-39 Jahre, 40-49 Jahre, 50+ Jahre) waren der Meinung, dass Schönheit zu mehr Chancen im Leben führt. Jüngere Frauen versprachen sich Vorteile, die Schönheit mit sich bringt, hauptsächlich im Privatleben, ihre älteren Geschlechtsgenossinnen sahen den erfolgsfördernden Zauber der Attraktivität eher im beruflichen Bereich. (Brigitte, 2002, S. 6)

Nach Rodin kann unser Aussehen unser Selbstwertgefühl und die Art, wie andere auf uns reagieren, beeinflussen. (Rodin, 1994, S. 8) Das bestätigte auch die schon erwähnte Brigitte Studie: 72 Prozent der befragten Frauen meinten, dass sie sich schön machen, um sich wohler zu fühlen und 22 Prozent behauptete, dass es sie selbstsicherer macht. (Brigitte, 2002, S. 18)

Hurton betont den hohen Wert der Schönheit sowohl bei dem weiblichen als auch bei dem männlichen Teil unserer Gesellschaft: Zwei Drittel aller Deutschen meinen, Schönheit erleichtere das Leben. (Hurton, 1995, S. 99)

Auch Wissenschafter stellten sich mehrmals die Frage, ob die physische Attraktivität das Leben erleichtern könne, ob sie bestimmte soziale Vorteile und einen besseren Status zusichere. Die durchgeführten Studien bestätigten, dass den attraktiven Menschen handfeste Vorteile gewährt werden. Schon lange vor den Attraktivitätsforschungen meinte Aristoteles: „Schönheit ist ein besserer Fürsprecher als jedes Empfehlungsschreiben.“ (zitiert aus: Etcoff, 2001, S. 38)

Viele Menschen wehren sich gegen die Vorstellung, andere nur nach ihrem Äußeren zu beurteilen, und möchten auch selber nicht nur auf ihre Äußerlichkeiten reduziert werden, denn schließlich sollen das Innere des Menschen und seine Persönlichkeit im Vordergrund stehen und nicht das Aussehen. Die durchgeführten Tests, Forschungen und Studien beweisen jedoch das Gegenteil. (Grauer/Schlottke, 1987, S. 83)

Nach dem Ökonom David Marks verfügt die Schönheit über so starke gesellschaftliche Macht, wie die Rasse oder das Geschlecht. Die Macht der Attraktivität funktioniert aber unbewusst im Gegensatz zum Rassismus und Sexismus. Diese Befunde werfen ein neues Licht auf die Bemühungen um Schönheit. Sie erleichtert das Leben und fördert das Überleben. (Etcoff, 2001, S. 33f.)

Den höheren Status der Schönen sehen manche Wissenschaftler als „biologische Notwendigkeit“. Sie besitzen „den entscheidenden evolutionsgeschichtlichen Bonus“. Verhaltensforscher Professor Karl Grammer bezeichnet die Sehnsucht nach Schönheit als eine „menschliche Obsession“. Die Psychologin Judith Langlois meint, dass diese Sehnsucht angeboren sei. Langlois führte einen Versuch durch, in dem sie Babys Fotos vor Augen hielt. Die Fotos stellten Menschen dar, die vorher von Erwachsenen als attraktiv oder weniger schön eingestuft wurden. Die Babys schauten wesentlich länger auf die Bilder von schönen Menschen. (Gessler, 2002, S. 26)

Grammer sieht Schönheit als Kriterium für die Paarungswahl und Indikator für Gesundheit und Widerstandsfähigkeit eines Menschen als einen potenziellen Paarungspartner, der einen sicheren Nachwuchs garantieren kann. (Gessler, 2002, S. 26)

Im Folgenden werden einige Studien erläutert, in der die Favorisierung der Schönheit bestätigt werden konnte.

Amerikanische Psychologen legten 75 männlichen Studenten Fotos von weniger attraktiven und besonders schönen Frauen vor. Die jungen Männer wurden dann gefragt, für welche der Damen sie am ehesten bereit wären, Dinge zu tun, wie beispielsweise Blut zu spenden, beim Umzug zu helfen, sie aus einem brennenden Gebäude zu retten. Im Falle der schönen Frauen waren die Untersuchten, wenn auch nur theoretisch, deutlich einsatzbereiter, als in ihrer Einsatzbereitschaft für die weniger attraktiven Frauen. Ein anderer Versuch bestand darin, dass man mal eine hübsche, mal eine weniger auffällige Dame zu einer besetzten Telefonzelle schickte, in der zuvor eine Münze hinterlegt worden war. Die Frau sollte die immer gleiche Frage stellen: „Habe ich hier nicht eine Münze vergessen?“ 87 Prozent der Testpersonen gaben zu, sie hätten ein Geldstück in der Telefonzelle gefunden und gaben es zurück, wenn die Frage von der attraktiven Frau kam, und nur 64 Prozent waren bereit, der weniger schönen Frau zu helfen. Ähnlich bei einem Test mit einer inszenierten Autopanne: deutlich mehr Fahrer hielten, um ihre Hilfe der hübscheren Dame anzubieten. (Gessler, 2002, S. 26f.)

Nach Deuser ist Schönheit eine Kategorie für den Ersatz sozialer Differenzierungen. Durch die ungleiche Behandlung von schönen und nicht schönen Menschen wird Schönheit als Statussymbol kreiert und erreicht dadurch einen abnormen Stellenwert in unserer Gesellschaft. (Deuser/Gläser, 1994, S.92f.)

Die Wichtigkeit und Bevorzugung von Schönheit scheint unabhängig von Geschlecht und Alter. Nancy Etcoff berichtet von einem Experiment, in dem Neugeborenen und ihre Mütter gefilmt wurden. Psychologen konnten beweisen, dass das Aussehen des Neugeborenen einen Einfluss auf das Benehmen seiner Mutter hat. Die Mütter der attraktivsten Babys verbrachten mehr Zeit damit, sie anzuschauen, mit ihnen zu schmusen und sie anzulächeln, während sich die Mütter von den weniger attraktiv aussehenden Kinder hauptsächlich auf die Pflege des Kindes konzentrierten, sie schienen etwas zurückhaltender und weniger in ihren Babys verliebt. Sie klagten öfter über den Stress, Zeitmangel und Geldprobleme, als die Mütter der schönen Kinder. (Etcoff, 2001, S. 44) Auch Väter scheinen von dem Aussehen ihrer Kinder beeinflusst werden zu können. Eine Studie bewies, dass sich Väter von schönen Babys wesentlich verantwortlicher für ihre Betreuung fühlten: „das vom Vater erwartete Maß an Verantwortung für die Betreuung des Kindes steht in einem signifikanten Verhältnis zu seiner Attraktivität.“ (Friday, 1999, S. 32)

Professor Grammer behauptet anhand seiner Untersuchungen, dass die gutaussehenden Kinder weniger oft bestraft werden als ihre unattraktiven Altersgenossen. (Gessler, 2002, S. 29) Kinder untereinander scheinen ebenso häufig die unausgesprochene Regel „schön ist gut“ einzusetzen. Sie suchen sich nett aussehende Freunde aus, versuchen selbst, sich schön zu machen. Hübsche Kinder sind bei ihren Altersgenossen beliebter, sie werden für Spiele oder Gruppenvertreter ausgewählt und die anderen betrachten sie gerne als enge Freunde. Ihre Betreuer verhalten sich gar nicht anders, indem sie die attraktiv aussehenden Kinder klüger und leistungsfähiger einschätzen. (Rodin, 1994, S. 31) Trotz gleicher Noten erwarten Pädagogen von hübschen Kindern mehr Intelligenz, ein besseres Sozialverhalten und eine größere Beliebtheit bei den Mitschülern, ergab eine andere Studie. (Gessler, 2002, S. 29) Besonders schwer haben es dicke Kinder. Ihre Altersgenossen zeigen ihnen ganz offensichtlich ihre Abneigung. Untersuchungen erwiesen, dass dicke Kinder negativer angesehen werden, als die im Rollstuhl sitzenden, im Gesicht entstellten oder chronisch kranken Kinder. (Rodin, 1994, S. 34)

Ein schöner Körper ist das Werkzeug der Macht. Er macht auf sich aufmerksam, zieht Blicke auf sich, erleichtert das Leben und bietet Entlastung im Alltag. Und er verkauft sich gut. Für einen attraktiven Körper und ein schönes Gesicht scheint man neue Freunde, bessere Arbeit gewinnen zu können, aber auch Vertrauen, Herzlichkeit und Beliebtheit. „Einzig sein Kontostand an Schönheit kann dem Individuum Liebe und Lust verschaffen.“ (Trapp, 2001, S. 71)

Nach Rodin werden „Gesicht und Körper [...] immer mehr zu wichtigen Accessoires im Berufsleben, zu einer mobilen Reklamefläche im Dienste ihres Eigentümers, die seine Brillanz, Energie und Intelligenz belegen soll.“ Jerry Ross und Kenneth Ferris untersuchten einige Buchungsprüfungsfirmen und stellten fest, dass das Gehalt und die Möglichkeit, MitinhaberIn in dem Unternehmen zu werden, mehr von der Attraktivität des Betreffenden als von seinem akademischen Grad abhingen. Attraktive Berufsanfänger haben viel höhere Chancen auf einen Job und werden meist mit einem höheren Anfangsgehalt eingestellt. (Rodin, 1994, S. 29ff.) In diesem Zusammenhang spricht Wolf von dem „Berufseignungskriterium Schönheit“ (Wolf, 1991, S. 34), Ensel ergänzt es um eine eigene Definition, die besagt: „eine Ware, die verkauft wird - sei sie nun ein konkretes Produkt oder das Image einer Firma - ist nur so gut wie der Körper, der sie verkauft. Besonders bei der Vermarktung und im Management gelten Fett, Falten und Tränensäcke heute als nicht mehr tragbar [...]“ (Ensel, 2001, S. 117)

Eine Befragung, an der über tausend Männer teilnahmen, ergab, dass die mit mindestens 20 Prozent übergewichtigen Personen (also die ziemlich weit von dem Schönheitsideal entfernten) jährlich etwa 4.000 Dollar weniger verdienten als ihre schlanken Kollegen. Dazu verdienten die größeren Männer etwa 600 Dollar mehr pro 2,5 Zentimeter als ihre kleineren Geschlechtsgenossen. (Rodin, 1994, S. 35) „Übergewicht signalisiert Nachlässigkeit, Schlampigkeit im Umgang mit sich selbst, das Gegenteil von Energie und Dynamik. Schlechte körperliche Verfassung bedeutet weniger Verdienst“, bestätigt Hurton. Des Weiteren gelten sowohl Frauen als auch Männer, die übergewichtig sind, als unerotisch schlechthin. (Hurton, 1995, S. 112)

Sogar im Gerichtssaal werden den Attraktiven Vorteile gewährt. Sie werden weniger oft schuldig gesprochen, bekommen mildere Strafen und die Urteile fallen viel wahrscheinlicher zu ihren Gunsten aus. (Rodin, 1994, S. 32) Eine amerikanische Studie konnte die Bevorzugung der Schönen auch in den banalsten Alltagssituationen, „von der Aufschnitttheke im Supermarkt bis zum Schalter einer Behörde“ beweisen. (Butta, 2002, S. 3)

Wie schnell einem Menschen nur wegen seines Aussehens bestimmte Charaktereigenschaften zuordnet werden, zeigte eine Untersuchung von Psychologen der University Minnesota. Es handelte sich um das Kennenlernen am Telefon. Vor der telefonischen Unterhaltung bekamen die Männer ein Foto der Gesprächspartnerin. Die eine Hälfte sah auf dem Bild eine attraktive Dame und die andere Hälfte eine recht unscheinbare Partnerin. Tatsächlich sprachen alle Teilnehmer mit derselben Frau. Die Ergebnisse zeigten, dass die Männer, die glaubten, mit einer hübschen Partnerin zu sprechen, sie aufgeschlossener, ausgeglichener, humorvoller und besser im Umgang mit anderen fanden. Sie selbst waren am Telefon engagierter, witziger und entgegenkommender. Im Falle der unattraktiven Dame wurde das Gegenteil festgestellt. (Rodin, 1994, S. 32f.)

Attraktivität spielt somit eine große Rolle bei der Partnerwahl, auch wenn ihre Wichtigkeit nur auf die Anfangsphase der Beziehung beschränkt ist und später zunehmend in den Hintergrund tritt. Grauer und Schlottke schätzen, dass Attraktivität speziell dann ausschlaggebend ist, wenn es über eine Entscheidung über Zu- oder Abwendung geht. Die Anziehung zwischen Mann und Frau hängt von der physischen Attraktivität ab und in Auswahlsituationen wird der attraktivere Partner bevorzugt, weil man ihn sympathischer findet. (Grauer/Schlottke, 1987, S. 83f.)

Müller-Schneider sieht in dem schönen Körper eine wesentliche Grundlage des Glücks. Die Schönheit ist ein zentraler Wert in den westlichen Gesellschaften und somit von großer Bedeutung für das Innenleben. „Schönheit erzeugt schöne Gefühle“ und dies auf direktem Weg, wenn jemand von eigener Attraktivität beglückt ist, und auch über positive Reaktionen anderer. „Die Wirksamkeit des guten Aussehens ist empirisch belegt“, argumentiert Müller-Schneider, „es bildet eine besondere Form ‚sozialen Kapitals’.“ (Müller-Schneider, 2000, S. 27)

In den 80er Jahren haben amerikanische Ärzte die sozialen Vorteile, die Schönheit versprechen, als Grund für kosmetische Eingriffe anerkannt. Tatsächlich verrät eine mit teuren Produkten gepflegte oder anoperierte Schönheit eine unbestreitbare soziale Macht und zwar die des Geldes[7]. Denn diejenigen, die es besitzen, können sich teure Sportarten, Fettabsaugungen oder eine „neue“ Nase leisten, sie schenken ihren Töchtern eine Brustvergrößerung zum College-Abschuss. Die den Erfolg versprechende Schönheit wird damit zur „self-fulfilling prophecy“[8]: „Die Schönen müssen erfolgreich sein, sonst könnten sie sich ihr Aussehen gar nicht leisten.“ (Trapp, 2001, S. 70f.) Die Attraktiven, die von vorneherein für sympathisch gehalten werden, haben es leichter, ihre guten Seiten zu zeigen und damit die Erwartungen des Betrachters zu erfüllen, dagegen müssen die weniger ansehnlichen Menschen gegen vorschnelle Vorurteile ankämpfen. (Grauer/Schlottke, 1987, S. 85)

„Schönheit hat eine große soziale Macht. Das Aussehen beeinflusst die Art, wie ein Mensch von anderen wahrgenommen wird, und dadurch auch, wie er selbst die zahllosen Kontakte mit anderen Leuten erlebt. Schönheit ist ein Werkzeug, um Anerkennung und Privilegien zu bekommen. Das Aussehen ist für unsere Interaktion mit anderen Menschen wichtig, es kann uns Lebenschancen eröffnen oder verschließen. Die Macht der Schönheit liegt darin, unser Leben zu beeinflussen und zu prägen.“ (Posch, 1999, S. 190)

Top-Models, die sich mit ihrer Schönheit Millionengagen und prominente Männer „verdienen“, sind ein gutes Beispiel dafür, dass es so etwas wie ein „Attraktivitätskasten-System“ gibt. Das bedeutet, dass der Grad der Schönheit als neues schichtungsspezifisches Klassenmerkmal fungiert. Die Menschen werden auf die Schönen und die weniger Schönen geteilt, wobei die Schönen oft da sind, wo die Reichen sind.[9] Somit wird Schönheit zum Statussymbol. Einer schönen Frau steht heute kein unpassender Stammbaum, fragwürdige Abkunft oder mangelnde Bildung im Wege, um die gesellschaftliche Anerkennung zu erhalten. (Deuser/Gläser/Köppe, 1995, S. 20)

Zusammenfassend könnte man sagen, dass Attraktivität ein positives Stereotyp ist. Als schön geltende Menschen werden als gut, freundlich, warm, ehrlich, interessant, sozial und ausgeglichen eingestuft, man traut ihnen berufliche Erfolge, Lebensglück und größere Kompetenz in Beziehungen zu. (Grauer/Schlottke, 1987, S. 85) So wird den gutaussehenden Menschen ein faktischer und psychologischer Erfolgsvorsprung gewährleistet. Der Kampf um die Schönheit wird damit zum Kampf um ein angeblich besseres Leben. (Deuser/Gläser/Köppe, 1995, S. 47) Schöne Menschen sind aber nicht unabdingbar selbstbewusster oder intelligenter, viele haben einfach ein positives Selbstbild von sich selbst, was allerdings auch durchschnittlich aussehende Personen haben können. (Posch, 1999, S. 184ff.)

Schönheit hat aber auch ihre dunkle Seite und die Annahme, dass die Schönen in allen Lebensbereichen glücklicher und erfolgreichen sind, ist somit ein Irrtum.

Schönheit ist vergänglich und deshalb sind die Vorteile, die sie angeblich sichert, kurzfristig. Die Schönen müssen stets daran arbeiten, ihre Schönheit nicht zu verlieren und doch ist ihre Vergänglichkeit unausweichlich und gehört zu den Risiken des Schönseins. Für jemanden, der nur aufgrund seiner Attraktivität dauernd bewundert wurde, kann es vernichtend sein, wenn ihn plötzlich niemand mehr beachtet. (Freedman, 1989, S. 65) Des Weiteren leiden die Schönen oft unter der Unsicherheit, ob sie nur auf Grund ihres Äußeren oder anderer Eigenschaften geschätzt und gemocht werden, was ihr Selbstwertgefühl beeinträchtigen kann. Es besteht immer die Möglichkeit, dass sie als Mittel zum Zweck benutzt werden, denn Kontakt mit ihnen verspricht soziales Prestige.

„Wir bilden uns ein, wenn jemand schön aussieht, müsste er auch ein ausgeglichenes Seelenleben haben. Aber ich sah in der Schönheit immer nur eine Maske, eine Falle. [...] Man wird bewundert und belohnt, weil man äußerlich schön ist, mehr wollen die Leute gar nicht wissen.“ (Shelley Smith , in: Gross, 1996, S. 320)

Schönheit kann eine Person zum Objekt machen, das als Ding angesehen wird und nur für den Betrachter existiert. Mit diesem Problem haben Models oft zu kämpfen, da sie ihre Schönheit verkaufen.[10] Wenn man mehr Objekt als Subjekt ist, erleidet man eine Art von seelischen Zerfall. Die Existenz eines Objektes hängt vom Betrachter ab, der durch Beachtung zum Leben erwecken oder durch Ignorieren auslöschen kann. Das öffentliche Begutachten der schönen Menschen wie Waren ist das beste Beispiel für ihren Objektstatus. (Freedman, 1989, S. 66f.)

Übermäßige Attraktivität wird oft als sexuelles Signal gedeutet. Akashe-Böhme erklärt, dass Schönheit und Erotik in einer symbiotischen Beziehung zueinander stehen. Schönheit kann es nicht verhindern, den Blicken und Bewertungen anderer unterzogen zu werden, weil die Faszination des Schönen die Erotik ist. Das Schönsein ist somit immer ein Schönsein für. Die Schönheit, die sich im Anblick des anderen präsentiert und begehrt werden möchte, kann den damit verbundenen Selbstverlust nicht vermeiden, denn sie kann darüber nicht entscheiden, wer der sie sinnlich Betrachtende ist. Somit hat der Anschauende die Freiheit, sie zum Objekt des Begehrens zu machen. Die Schönheit, die im häufigen Falle von einem Model repräsentiert wird, kann sich also daher der Situation der Unterworfenheit nicht entziehen. (Akashe-Böhme, 1992, S. 16f)

Die Exklusivität der Schönheit kann zu Kommunikationsproblemen und Vereinsamung führen. So haben besonders schöne Frauen oft größere Schwierigkeiten, einen Partner zu finden, als durchschnittlich aussehende, denn die meisten Männer versuchen ihr Glück erst gar nicht, da sie voraussetzen, dass schöne Frauen schwerer zu erobern seien und sicherlich genug Auswahl hätten. Zusätzlich fühlen sie sich „einer potenziellen Konkurrenz um die Gunst ihrer Partnerin nicht gewachsen.“ (Grauer/Schlottke, 1987, S. 87) Exklusivität kann vereinsamen, weil einen niemand mehr versteht. Schöne Menschen ziehen viel Aufmerksamkeit auf sich, die oft unerwünscht ist und destruktive Formen - wie sexuelle Belästigung, Inzest und Vergewaltigung - annehmen kann. (Freedman, 1989, S. 64)

Die Ambivalenz der Schönheit besteht aber darin, dass die Schönen sich von ihrer Schönheit nicht distanzieren können und angeschaut werden wollen. (Akashe-Böhme, 1992, S. 16f.)

In vorangegangenen Abschnitt wurde erörtert, dass Schönheit einen fördernden Effekt im Berufsleben hat. Studien zeigten aber auch, dass übermäßige Schönheit nicht nur dienlich ist: Attraktive Frauen haben nur in Berufen mit niedrigen Qualifikationsniveau einen Vorteil, bei hohen Positionen wird weibliche Schönheit als inkompetent eingeschätzt, gutaussehende Männer dagegen gelten als karrieretauglich. (Posch, 1999, S. 184ff.) Die Schönen, die angeblich milder für ihre Straftaten verurteilt werden, sind keine Regel, denn die Strafe kann sogar strenger ausfallen, wenn man zur Erkenntnis kommt, dass die Attraktivität bewusst eingesetzt wurde, um Vorteile zu erlangen, wie es beispielsweise im Falle der Heiratsschwindler sein könnte. (Grauer/Schlottke, 1987, S. 84)

Nach Adorno sind schöne Frauen zum Unglück verurteilt. Das Leben für Schönheit und das Überfliegen des richtigen Lebens führt dazu, dass ihnen nichts mehr bleibt, nachdem ihre Schönheit erlischt.

„Frauen von besonderer Schönheit sind zum Unglück verurteilt, weil sie vor der Wahl stehen, zwischen zwei Verhängnissen. Entweder sie tauschen klug die Schönheit um den Erfolg. Dann zahlen sie mit dem Glück für dessen Bedingung; wie sie nicht mehr lieben können, vergiften sie die Liebe zu ihnen und bleiben mit leeren Händen zurück. Oder das Privileg der Schönheit gibt ihnen Mut und Sicherheit, den Tauschvertrag aufzusagen. Sie nehmen das Glück ernst, das in ihnen sich verheißt, und geizen nicht mit sich, so bestätigt von der Neigung aller, dass sie ihren Wert nicht erst sich dartun müssen.“ (Adorno, 1980, S. 192)

Schönheit erweist sich somit nicht nur als Vorteil, sondern auch als Hindernis. „[...] am Ende ist es die Schöne selbst, der die Schönheit zur Last gelegt wird.“ (Vogt, 1994, S. 92)

3.3. Schönheitswahn als Massenphänomen

„Follow the instructions and you follow the masses“ (amerikanisches Werbeslogan, in König, 1985, S. 176)

Schönheit, die in unserer Gesellschaft als Leistung, als Ware, als Demonstration von sozialen Status, Effizienz und Selbstdisziplin gilt, wurde für manche zur Zwangsvorstellung. In diesem Zusammenhang wird es oft vom Schönheitswahn[11] gesprochen.

[...]


[1] „Die einen sagen Schönheit sei etwas Äußerliches, die anderen sagen, Schönheit komme von innen. Schönheit gilt gleichzeitig als oberflächlich und als ganz wichtig.“ (Posch, 2001, S. 70)

[2] vgl. Kapitel (3.1.) „Definitionsansätze von Schönheit“

[3] vgl. Kapitel (3.3.) „Mode“

[4] In der vorliegenden Arbeit wird hauptsächlich das weiblichen Schönheitsideal beschrieben, da es den kulturgeschichtlichen Wandel der Schönheitsvorstellungen genauer widerspiegelt als das Ideal der männlicher Schönheit, das durch die Jahrhunderte fast unverändert blieb. Nach Andrea Hurton ist das heutige Bild männlicher Schönheit von der Kultur der Antike geprägt. (Hurton, 1995, S. 45)

[5] Aufgrund der vorhandenen Literatur werden nur die Schönheitstrends bis Ende der 90er Jahre aufgezeigt.

[6] Hier: „Schönheit“ als undefinierbares Abstraktum.

[7] Vgl. auch Kapitel (3.5.) „Die Normen des Geschmacks – Theorie der feinen Leute“

[8] Der deutsches Begriff „selbsterfüllende Prophezeiung“ bezeichnet eine falsche Einschätzung einer Situation von der Person, die sich gerade in dieser Situation befindet. Der Betroffene reagiert logischerweise so, wie er es aufgrund seiner Einschätzung für richtig hält. Seine Handlungen tragen damit dazu bei, dass das schon von Anfang an erwartete Ergebnis eintritt. Beispiele: Ein Prüfling, der durchzufallen befürchtet, kann vor lauter Angst keinen klaren Gedanken fassen und fällt tatsächlich durch oder ein Arbeitgeber, der trotz seiner Überzeugung, dass „Dicke“ faul und träge sind, einen Übergewichtigen einstellt und ihm dann nur anspruchslose Aufgaben überträgt, wird in seiner Meinung bestätigt. (Grauer/Schlottke, 1987, S. 86)

[9] vgl. auch Kapitel (3.4.) „Die Normen des Geschmacks- Theorie der feinen Leute“

[10] Vgl. das Kapitel (5.6) „Berufskapital- Schönheit und ihr Warenwert“

[11] Wahn liegt vor, wenn jemand sich etwas vorstellt, was nicht wirklich ist, er es aber für wirklich hält. (Kogon, 1965, S. 36)

Ende der Leseprobe aus 144 Seiten

Details

Titel
Soziale Macht der Schönheit - Berufsschönheit - Model
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
noch nicht
Autor
Jahr
2005
Seiten
144
Katalognummer
V35959
ISBN (eBook)
9783638357180
Dateigröße
1042 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziale, Macht, Schönheit, Berufsschönheit, Model
Arbeit zitieren
Magdalena Wolak (Autor), 2005, Soziale Macht der Schönheit - Berufsschönheit - Model, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/35959

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