[...] Schon bald fielen mir die vielfältigen Probleme der Kinder auf. Die meisten von ihnen kamen aus sozialschwachen Familien. Vor allem das soziale Umfeld trug dazu bei, dass die Kinder auffällig in ihrem Verhalten waren, erhebliche Probleme in der Schule hatten und nur schwer stabile und vertrauensvolle Beziehungen zu ihren Mitmenschen aufbauen konnten. Auch besuchten verstärkt Kinder mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung die Lernstube. Kindheit hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Entweder ist der Tagesablauf eines Kindes bis ins Letzte geplant, so dass ihm keine Zeit bleibt, seine eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Im anderen Extremfall ist das Kind sich selbst überlassen. In beiden Fällen aber sind sie mit der Situation überfordert. Dazu kommt noch die ständige Präsenz der Medien, vor allem Fernsehen und Computer. Soziale Kontakte werden immer mehr eingeschränkt, genauso wie der natürliche Bewegungsdrang der Kinder. Soziale Einrichtungen, wie im vorliegenden Fall die Lernstuben, müssen sich diesen veränderten Bedingungen stellen und im Rahmen der sich bietenden Möglichkeiten einen positiven Beitrag zur Erziehung leisten. Ausgehend von einem ganzheitlichen Menschenbild soll mit der vorliegenden Arbeit eine Möglichkeit aufgezeigt werden, den veränderten Bedingungen der Umwelt von Kindern gerecht zu werden, Störungen im Verhalten zu verhindern bzw. zu kompensieren. Wahrnehmungs- und Bewegungsförderung, das Basiskonzept der Motopädagogik, als dynamischer Prozess fördert das Kind in seiner Ganzheit, ist Prävention von Fehlentwicklungen und kann durch den Einsatz vielfältiger Methoden, Elemente und Themen zu einer Stabilisierung der Gesamtpersönlichkeit des Kindes beitragen. Das Vertrauen in eigene Fähigkeiten wird gestärkt, und es setzt sich mit seiner Umwelt auseinander. Im ersten Teil der vorliegenden Arbeit wird das Konzept der Lernstuben in Erlangen beschrieben, die Möglichkeiten der Motopädagogik vorgestellt und das Krankheitsbild des ADHS dargestellt. Im praktisch-empirischen Teil soll an einem Fallbeispiel gezeigt werden, wie die motopädagogische Förderung in die Praxis integriert wird. Dabei wird in besonderem Maße auf die Möglichkeiten Wert gelegt, die sich auf Wahrnehmungs- und Bewegungsförderung beziehen und die für das Konzept zur Umsetzung in die Praxis relevant sind.
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung
I. Theoretische Grundlagen
1. Lernstuben
1.1. Was ist eine Lernstube?
1.2. Entstehung der ersten Lernstuben in Erlangen
1.3. Die Erlanger Lernstuben heute
1.4. Die Grundidee der Erlanger Lernstuben
1.5. Gesetzliche Rahmenbedingungen der Erlanger Lernstuben
1.6. Die Kinder der Erlanger Lernstuben
1.6.1 Kinder aus Problemfamilien
1.6.2 Kinder alleinerziehender Eltern
1.6.3 Kinder ausländischer Herkunft
1.7. Ziele der Erlanger Lernstuben
1.7.1 Förderung des Selbstwertgefühls
1.7.2 Förderung der sozialen Wahrnehmung
1.7.3 Förderung der Konflikt- und Handlungsfähigkeit in Konfliktsituationen
1.7.4 Förderung der Kooperationsfähigkeit
1.7.5 Förderung der Kommunikationsfähigkeit
1.7.6 Schulische Förderung
1.7.7 Entwicklung eines positiven Körpergefühls
1.8. Die Notwendigkeit der Lernstubenarbeit heute
2. Die Lernstube in Erlangen-Büchenbach
2.1. Tagesablauf in der Lernstube Erlangen-Büchenbach
2.2. Arbeitsansatz in der Lernstube Erlangen-Büchenbach
2.2.1. Erziehungsplanung
2.2.2. Soziales Lernen
2.2.3. Familienarbeit
2.2.4. Lebensweltansatz
2.3. Personal in der Lernstube Erlangen-Büchenbach
2.4. Heilpädagogische Arbeit in der Lernstube Erlangen-Büchenbach
3. Motopädagogik
3.1. Ursprünge der Motopädagogik
3.2. Ziele und Inhalte der Motopädagogik
3.3. Das Menschenbild in der Motopädagogik
3.4. Aspekte der kindlichen Entwicklung
3.4.1. Entwicklung der Wahrnehmung
3.4.2. Entwicklung der Motorik
3.4.3. Entwicklung der Sprache
3.4.4. Entwicklung des Selbstkonzepts
3.4.5. Soziale Entwicklung
3.4.6. Kognitive Entwicklung
3.5. Entwicklungsförderung durch Motopädagogik
3.5.1. Entwicklungsförderung der Sinne
3.5.2. Motorische Entwicklungsförderung
3.5.3. Emotionale und soziale Entwicklungsförderung
4. Hyperaktivität
4.1. Geschichtlicher Hintergrund
4.2. Begriffserklärung
4.3. Ursachen
4.4. Symptome
4.4.1. Primärsymptome
4.4.2. Sekundärsymptome
4.5. Verlauf
4.6. Diagnose
4.7. Therapie
4.7.1. Umfeldbezogene Maßnahmen
4.7.2. Kindzentrierte Maßnahmen
4.7.3. Multimodale Behandlung
4.8. Positive Eigenschaften von Kindern mit ADHS
II. Empirische Erhebung
1. Art der Datenerhebung
1.1. Methodisches Vorgehen
1.2. Das Erhebungsinstrument: Die Beobachtung
2. Auswertung
2.1. Aufbau der Einzelförderstunden
2.2. Aufbau der Kleingruppenförderstunden
3. Entwicklungsbericht
III. Zusammenfassung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Möglichkeiten motopädagogischer Förderung für hyperaktive Kinder im Kontext der Lernstubenarbeit. Das Hauptziel besteht darin, aufzuzeigen, wie durch Wahrnehmungs- und Bewegungsangebote, basierend auf einem ganzheitlichen Menschenbild, Verhaltensstörungen bei Kindern kompensiert und deren Gesamtpersönlichkeit stabilisiert werden können.
- Grundlagen und Konzeption der Erlanger Lernstuben
- Entwicklungsspezifische Aspekte und Kompetenzbereiche der Motopädagogik
- Klinische und pädagogische Perspektiven auf das ADHS-Syndrom
- Integrative Ansätze der Förderung im schulischen und sozialen Umfeld
- Empirische Einzelfallbetrachtung zur motopädagogischen Intervention
Auszug aus dem Buch
1.6.1. Kinder aus Problemfamilien
Unter Problemfamilien werden Familien mit finanziellen und/oder sozialen Problemen, wie Alkoholismus oder Aggressivität innerhalb der Familie, verstanden.
Die Kinder sind in Verfügungswohnungen untergebracht. Diese zeichnen sich durch mangelhafte Bauweise, schimmelndes Mauerwerk, schlechter Isolierung der Fenster und Türen und Hellhörigkeit aus. Auch verfügen die Wohnungen nur über Kachelöfen, wobei nicht jedes Zimmer beheizt werden kann. Die Räume sind im allgemeinen als Durchgangszimmer angeordnet. Die Bewohner haben kaum Rückzugsmöglichkeiten innerhalb der Wohnung, da oftmals auch zu viele Familienmitglieder in den Räumlichkeiten untergebracht sind. Durch die begrenzte Anzahl von Zimmern ist es für die Kinder schwierig, einen geeigneten Platz zum Lernen oder Spielen zu finden. Sie entwickeln deshalb wenig eigene Interessen. (Jugendamt Erlangen 1994, S. 3)
Die mangelhaften Wohnbedingungen haben zudem negative Auswirkungen auf Gesundheit und Körperhygiene der Kinder. Sie leiden häufig an chronischen Erkältungskrankheiten und Bronchitis. Durch das generelle Fehlen von Bädern - in den Verfügungswohnungen wurden nur teilweise Duschen eingebaut - ist eine ausreichende Körperpflege nicht gesichert. Die Kinder werden oft auf Grund ihres ungepflegten Äußeren stigmatisiert. (Jugendamt Erlangen 1994, S. 3)
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Motivation der Autorin sowie die Notwendigkeit ganzheitlicher Förderung von Kindern in Lernstuben unter veränderten sozialen Bedingungen.
I. Theoretische Grundlagen: Dieser Abschnitt umfasst die Definition und Rahmenbedingungen der Lernstuben, die Konzepte der Motopädagogik, sowie eine fundierte Analyse des Störungsbildes ADHS.
II. Empirische Erhebung: Der praktische Teil beschreibt die methodische Vorgehensweise bei der Beobachtung von Förderstunden und wertet diese zur Beantwortung der Forschungsfragen aus.
III. Zusammenfassung: Das Fazit stellt die Ergebnisse der motopädagogischen Arbeit dar und reflektiert deren Effektivität sowie die Notwendigkeit weiterführender Fördermaßnahmen.
Schlüsselwörter
Motopädagogik, Lernstuben, ADHS, Hyperaktivität, Wahrnehmungsförderung, Bewegungsförderung, Sozialkompetenz, Kindesentwicklung, Einzelförderung, Gruppenförderung, Erziehungsplanung, Lebensweltorientierung, Psychomotorik, Selbsterziehung, Verhaltensauffälligkeiten.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Integration motopädagogischer Konzepte in den Alltag von Lernstuben zur Unterstützung von Kindern mit Verhaltensauffälligkeiten, insbesondere bei ADHS.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die pädagogische Arbeit in Erlanger Lernstuben, die Grundlagen der Motopädagogik und das Krankheitsbild ADHS.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie durch Wahrnehmungs- und Bewegungsförderung die Gesamtpersönlichkeit von Kindern stabilisiert und Störungen kompensiert werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine qualitative Feldbeobachtung mittels Videokamera, um die motopädagogischen Einheiten in der Lernstube Erlangen-Büchenbach zu analysieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die theoretischen Grundlagen des Konzepts sowie die praktische Implementierung der Förderung im Rahmen eines Entwicklungsberichtes.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind unter anderem Motopädagogik, ADHS, Wahrnehmungsförderung, soziale Entwicklung und Lernstubenarbeit.
Wie werden Kinder mit ADHS in dieser Arbeit definiert?
Die Arbeit betrachtet ADHS als Störungsbild mit den Kernsymptomen Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität, das in unterschiedlichen sozialen Kontexten variiert.
Wie wirkt sich die motopädagogische Förderung auf das Fallbeispiel Philipp aus?
Durch die individuelle motopädagogische Arbeit konnte Philipp sein Sozialverhalten verbessern, Berührungen zulassen und eigene Spielideen entwickeln.
- Quote paper
- Jana Szabo (Author), 2004, Motopädagogische Förderung hyperaktiver Kinder in Lernstuben, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/35962