Erst kürzlich fiel mir bei der Lektüre eines historischen Fachbuches folgende These des Altertumswissenschaftlers Ernst Kornemann auf: „Die Geschichte des Altertums ist eine Auseinandersetzung der griechisch-römischen Kultur mit dem Iraniertum.“1 Er meinte damit natürlich nicht nur die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Europa und Asien (wie etwa die Abwehrkriege der Griechen im 5.Jahrhundert, der Eroberungszug Alexanders des Großen und - weit später - die Konflikte der Römer mit den Parthern und ihren Nachfolgern), sondern auch kulturelle und soziale Phänomene und Entwicklungen, die durch das Aufeinandertreffen der unterschiedlichen Lebensweisen entstanden. Als einer der wichtigsten Orte des Austausches der Kulturen ist der Schmelztiegel Ionien zu sehen, dessen Lage zwischen griechischem Siedlungsraum und vom asiatischen Brauchtum geprägten Völkern eine rege Kommunikation der Kulturen von vornherein bedingte. So war die ionische Weltauffassung seit jeher eine der Aufgeschlossenheit gegenüber verschiedenartigsten Tendenzen und Formen der Lebensführung und nicht zufälligerweise ist schon bei Herodot (der ja dem ionischen Raum entstammt) die Auseinandersetzung mit den Kulturen deutlich erkennbar. Doch nicht nur in der griechischen Geschichte läßt sich immer wieder die gegenseitige Beeinflussung von Europa und Asien feststellen. So tauchen auch im antiken Rom immer wieder Phänomene aus dem asiatischen Raum auf. Man denke nur daran, daß gerade im dritten Jahrhundert vermehrt Personen aus dem asiatischen Gebiet bis zum Kaisertum aufstiegen und sogar ehemalige kriegsgefangene Sklaven in einflußreiche Positionen kamen. Als weiteres Beispiel sei noch die Euphorie genannt, die das Auftauchen des kleinasiatischen Kybele-Kultes in Rom während des zweiten Punischen Krieges bewirkte. Trotzdem scheint es mir alles in allem doch angebracht, die These Ernst Kornemanns mit etwas Vorsicht zu genießen, da sie die Bedeutung anderer wichtiger Ereignisse des Altertums völlig außer acht läßt. Seine Behauptung klammert nämlich unter anderem die gesamte westliche und südliche Expansion der römischen Welt aus (z.B. Punische Kriege, Gallische Kriege oder die Eroberung Britanniens), genauso wie innere Entwicklungen, die ohne Zweifel nicht durch das Iraniertum beeinflusst wurden. [...]
Inhaltsverzeichnis
A Einleitung: Parallelen zwischen den Türken der Frühen Neuzeit und den antiken Persern - Grundlagen, Ziele und Fragestellung der Arbeit
B Hauptteil: Perser und Türken - Frühneuzeitliche Herodot- -Übersetzungen
1. Geschichtliche Grundlagen aus der Zeit der Übersetzungen
1.1. Die türkischen Kriegszüge bis zum Ende des 16.Jahrhunderts
1.2. Türkenbild und Formen der antitürkischen Propaganda im 16.Jahrhundert
1.2.1. Die Haltung der Protestanten
1.2.2. Formen der antitürkischen Propaganda
1.2.3. Das Türkenbild der Reichsbevölkerung
2. Das Geschichtswerk Herodots
2.1. Die Rezeption Herodots in der Frühen Neuzeit
2.2. Herodots Perserbild
3. Die frühneuzeitlichen Herodot-Übersetzungen
3.1. Biographische Betrachtung der Übersetzer und der Drucker
3.1.1. Die Übersetzung von Hieronymus Boner
3.1.2. Die Übersetzung von Schwartzkopff
3.2. Die Widmungsvorreden
3.2.1. Die Dedicationen
3.2.2. Die Vorreden
3.3. Allgemeine Vorbemerkungen zu den Übersetzungen
3.3.1. Die Übersetzungstechnik
3.3.2. Die Übernahme frühneuzeitlicher Denkstrukturen
3.4. Perser und Griechen in den frühneuzeitlichen Übersetzungen
3.4.1. Die Komprimierung des Textes durch Boner
3.4.2. Die Darstellung der Perser und der Großkönige
a) Boner
b) Schwartzkopff
3.4.3. Die Darstellung des persischen Hellasfeldzuges
a) Boner
b) Schwartzkopff
C Schluß: Die frühneuzeitlichen Herodot-Übersetzungen - Reine Übertragungen oder verdeckte Propaganda ?
D Quellen- und Literaturverzeichnis
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht anhand der zwei einzigen aus der Frühen Neuzeit stammenden Übersetzungen der Historien des Herodot, ob die antiken Texte als verdeckte Propaganda gegen die osmanische Expansion im 16. Jahrhundert genutzt wurden. Im Zentrum der Untersuchung steht dabei die Frage, ob die Übersetzer die antiken Gegensätze zwischen Griechen und Persern auf die politische Situation ihrer eigenen Zeit übertragen haben.
- Analyse des historischen Kontexts der türkischen Expansion im 16. Jahrhundert.
- Untersuchung des zeitgenössischen Türkenbildes und der propagandistischen Instrumente.
- Biographische und motivische Betrachtung der Übersetzer Hieronymus Boner und Georg Schwartzkopff.
- Vergleichende Analyse der Übersetzungstechniken und inhaltlichen Anpassungen im Hinblick auf antike und frühneuzeitliche Denkstrukturen.
- Kontrastierung von Herodot's Perserbild mit der Darstellung in den frühneuzeitlichen Drucken.
Auszug aus dem Buch
Altertum und Frühneuzeit: Parallelen zwischen Türken und Persern - Grundlagen, Ziele und Fragestellung der Arbeit
Erst kürzlich fiel mir bei der Lektüre eines historischen Fachbuches folgende These des Altertumswissenschaftlers Ernst Kornemann auf: „Die Geschichte des Altertums ist eine Auseinandersetzung der griechisch-römischen Kultur mit dem Iraniertum.“ Er meinte damit natürlich nicht nur die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Europa und Asien (wie etwa die Abwehrkriege der Griechen im 5.Jahrhundert, der Eroberungszug Alexanders des Großen und - weit später - die Konflikte der Römer mit den Parthern und ihren Nachfolgern), sondern auch kulturelle und soziale Phänomene und Entwicklungen, die durch das Aufeinandertreffen der unterschiedlichen Lebensweisen entstanden.
Als einer der wichtigsten Orte des Austausches der Kulturen ist der Schmelztiegel Ionien zu sehen, dessen Lage zwischen griechischem Siedlungsraum und vom asiatischen Brauchtum geprägten Völkern eine rege Kommunikation der Kulturen von vornherein bedingte. So war die ionische Weltauffassung seit jeher eine der Aufgeschlossenheit gegenüber verschiedenartigsten Tendenzen und Formen der Lebensführung und nicht zufälligerweise ist schon bei Herodot (der ja dem ionischen Raum entstammt) die Auseinandersetzung mit den Kulturen deutlich erkennbar. Doch nicht nur in der griechischen Geschichte läßt sich immer wieder die gegenseitige Beeinflussung von Europa und Asien feststellen.
Zusammenfassung der Kapitel
Geschichtliche Grundlagen aus der Zeit der Übersetzungen: Dieses Kapitel erläutert die osmanische Expansion im 16. Jahrhundert sowie das zeitgenössische Türkenbild und die Rolle der Propaganda.
Das Geschichtswerk Herodots: Hier wird die Rezeption Herodots durch die Humanisten sowie sein ursprüngliches Perserbild und die Beurteilung des griechischen Abwehrkampfes analysiert.
Die frühneuzeitlichen Herodot-Übersetzungen: Der Hauptteil analysiert die Übersetzer Boner und Schwartzkopff, ihre Arbeitsweisen, die Widmungsvorreden und die gezielte inhaltliche Anpassung der Texte an die frühneuzeitliche Lebenswelt.
Schlüsselwörter
Herodot, Frühneuzeit, Türkenkriege, Osmanisches Reich, Humanismus, Übersetzungstechnik, Propagandaforschung, Hieronymus Boner, Georg Schwartzkopff, Perserkriege, Antikerezeption, Türkenbild, Geschichtsschreibung, Ost-West-Gegensatz, politische Instrumentalisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob zwei frühneuzeitliche Übersetzungen des griechischen Geschichtsschreibers Herodot (von 1535 und 1593) dazu dienten, in der Bevölkerung Stimmung gegen die Bedrohung durch das Osmanische Reich zu machen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die historische Einordnung der türkischen Expansion, die Analyse des frühneuzeitlichen Türkenbildes, die Geschichte der Geschichtsschreibung und die textkritische Analyse der beiden genannten Übersetzungen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu klären, ob die Übersetzer das bei Herodot angelegte Thema des Konflikts zwischen Europa und Asien bewusst aufgegriffen haben, um Parallelen zur politischen Bedrohung durch die Türken zu ziehen und so als verdeckte Propaganda zu fungieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor führt eine komparative Analyse zwischen dem griechischen Originaltext von Herodot und den frühneuzeitlichen Übersetzungen durch. Zudem wird der historisch-politische Kontext der Übersetzer und ihrer Zeit kritisch beleuchtet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Übersetzer Boner und Schwartzkopff, deren biographischen Hintergrund, die Widmungsvorreden, die Übersetzungstechniken sowie die spezifischen inhaltlichen Veränderungen, die den Text an die frühneuzeitliche Denkweise anpassten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Herodot-Rezeption, frühneuzeitliche Türkenfurcht, propagandistische Instrumentalisierung, Historien-Übersetzung und politisch-ideologische Einflüsse auf die Geschichtsschreibung charakterisieren.
Warum hat sich Boner entschieden, das zweite Buch des Herodot auszulassen?
Der Autor argumentiert, dass Boner dies aus konzeptionellen Gründen tat: Er wollte sich auf den Konflikt zwischen Persern und Griechen konzentrieren, der für sein politisches Ziel – die Mobilisierung gegen die Türken – relevanter war als geographische Exkurse zu Ägypten.
Inwiefern unterscheidet sich die Arbeitsweise von Schwartzkopff von derjenigen Boners?
Während Boner den Text stark paraphrasierte und kürzte, um seine politische Botschaft zu betonen, zeichnet sich die Übersetzung von Schwartzkopff durch eine deutlich höhere Genauigkeit und Treue zum griechischen Original aus, wobei er dem Leser mehr Raum für eine eigene Urteilsbildung lässt.
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- Stephan Thiel (Autor), 1999, Perser und Türken: Frühneuzeitliche Herodot-Übersetzungen, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/35976