Stress und Stressbewältigung bei Kindern und Jugendlichen


Zwischenprüfungsarbeit, 2003
38 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Problemstellung
1.2. Gang der Untersuchung

2. Stress
2.1. Was versteht man unter dem Begriff Stress?
2.2. Stressauslösende Faktoren
2.2.1. Stressauslösende Faktoren während der Kindheit
2.2.2. Stressauslösende Faktoren im Jugendalter

3. Stresserleben
3.1. Das Stressmodell von Richard S. Lazarus
3.1.1. Bewältigungsformen von Stress
3.1.2. Die Wahl der Bewältigungsform

4. Stress und daraus resultierende Folgen
4.1. Stress und seine Auswirkungen auf den Körper
4.2. Der Einfluss von Stress auf unser Erleben und Verhalten
4.2.1. Formen riskanten Verhaltens

5. Möglichkeiten, Situationen und Probleme erleichternd zu gestalten
5.1. Die kognitive Bewältigung
5.2. Bewältigung durch angemessenes situations- und lösungsorientiertes Handeln
5.3. Bewältigung durch körperlich-seelische Entspannung
5.4. Aktuelle Ansätze zur Stressprävention bei Kindern
5.5. Hilfeinstanzen für Jugendliche

6. Zusammenfassung

7. Auswertung des Fragebogens
7.1. Der Stressbegriff bei Kindern und Jugendlichen
7.2. Stressauslösende Situationen bei Kindern und Jugendlichen
7.3. Wie Kinder und Jugendliche auf Stress reagieren
7.4. Bewältigungsformen bei Kindern und Jugendlichen
7.5. Der Konsum von Schlaf- oder Beruhigungsmitteln
7.6. Freizeitaktivitäten der Kinder und Jugendlichen

8. Schlussbetrachtung

9. Anhang
Fragebogen (Muster)

10. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1. Problemstellung

Jeder kennt ihn, jeder "hat" ihn, jeder klagt über ihn. Äußerungen wie "War das heute wieder ein Stress!" oder "Ich bin gerade im Stress!" gehören mittlerweile schon zum alltäglichen Wortschatz unserer Gesellschaft. Nicht immer handelt es sich dabei um positiven, auch so genannten Eustress, der in einem gewissen Maß nicht nur ungefährlich, sondern durchaus angenehm und darüber hinaus auch leistungssteigernd und lebensnotwendig ist. Statt dessen spricht man in der heutigen Zeit leider immer häufiger vom negativen Disstress. Die stressauslösenden Faktoren können zu einer Dauerbelastung werden und im schlimmsten Fall zu schweren körperlichen, aber auch seelischen Krankheiten führen. Ob und wie man Stress empfindet, ist von Person zu Person unterschiedlich.

Empirischen Untersuchungen zufolge stehen nicht nur Erwachsene, sondern zunehmend auch Kinder und Jugendliche unter Belastungen, die gesundheitliche Auswirkungen nach sich ziehen. "Die Situationen, mit denen Kinder konfrontiert werden, haben sich in den letzten 15 Jahren stark verändert", so der Entwicklungspsychologe Arnold Lohaus.1 Neben familiären Umständen, wie zum Beispiel die Trennung der Eltern oder der Tod eines geliebten Familienmitglieds, gehört unter anderem auch die Schule zu den stressauslösenden Faktoren. Fehlende Akzeptanz, der zunehmende Konkurrenz- und Leistungsdruck sowie Versagensängste bringen die Kinder und Jugendlichen schnell an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit. Die Folgen sind weitreichend.

Eine Umfrage des Kölner Psydata - Instituts unter 2.000 Familien ergab, dass jedes fünfte Kind durch Verhaltensweisen wie Aggressivität oder motorische Unruhe auffällt. Zehn Prozent der Jugendlichen im Alter zwischen 11 und 18 Jahren leiden fast chronisch unter Kopf- und Bauchschmerzen oder Allergien. Alarmierend ist auch die Feststellung, dass fünf Prozent gelegentlich über den Freitod nachdenken, vier Prozent sich bereits absichtlich verletzt oder tatsächlich einen Suizidversuch unternommen haben.2

Viele Eltern ahnen in der Regel nichts von den Belastungen, die auf ihr Kind einwirken. Der Kinderpsychiater Michael Schulte-Markwort von der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf sieht in der mangelnden Zuwendung in der Familie eine wesentliche Ursache. Demnach müssten viele Kinder einfach funktionieren. Für deren Anliegen und Nöte sei kaum Platz.3 Ärzte und Psychologen fordern, Anzeichen von möglichen Stresssymptomen ernst zu nehmen, um möglichst frühzeitig einschreiten zu können. Allerdings macht Arnold Lohaus darauf aufmerksam, dass "Kinder nicht unterscheiden können, ob sie Bauchweh haben oder ob ihnen Ärger auf den Magen drückt."4 Daher erfordert die Ursachenforschung von den Eltern ein hohes Maß an Sensibilität, was vor allem Zeit und viel Zuwendung voraussetzt. Bei Ratlosigkeit empfiehlt es sich immer, professionelle Hilfe aufzusuchen. So bietet zum Beispiel die Techniker Krankenkasse das von Arnold Lohaus entwickelte Stresspräventionsprogramm an, um Kindern dabei behilflich zu sein, mit belastenden Anforderungen besser umgehen zu lernen. In akuten Notfällen sollte die Meinung eines Arztes oder die eines Therapeuten eingeholt werden.

1.2. Gang der Untersuchung

Um die theoretischen Aspekte zum Thema Stress und Stressbewältigung bei Kindern und Jugendlichen ansatzweise zu prüfen und zu stützen, habe ich mich für die häufig verwendete Forschungsmethode der Befragung entschieden. Diese Technik dient der Erfassung von Daten mit Hilfe der Beantwortung von Fragen, die einer bestimmten Zielgruppe gestellt werden. Dies kann sowohl schriftlich, in Form eines Fragebogens, als auch mündlich erfolgen. In diesem Fall spricht man von einem Interview.5 Aus organisatorischen Gründen habe ich für mein Vorhaben die schriftliche Variante gewählt.

Ein Fragebogen ist eine schriftliche Zusammenstellung von geschlossenen oder offenen Fragen, um unter anderem Informationen über die Einstellungen, Gefühle, Motive oder die Persönlichkeit von Menschen zu erhalten. Die Beantwortung von geschlossenen Fragen verlangt eine Entscheidung zwischen zwei oder mehreren Antworten. Dabei kann es sich um “Ja” oder “Nein”, um eine Skala von “Stimme völlig zu” bis “Lehne völlig ab” oder um eine Auswahl von Antwortmöglichkeiten handeln.6 Die Versuchsperson sollte sich für die Antworten entscheiden, von denen sie denkt, dass sie ihre eigene Person am besten repräsentieren. Im Gegensatz dazu stehen die offenen Fragen, die keine Alternativen vorgeben. Sie verlangen von der Versuchsperson, ihre Antwort in eigene Worte zu fassen. In beiden Fällen gilt es, die Fragen so kurz und präzise wie möglich zu formulieren und das Vorstellungsvermögen der Befragten nicht zu überfordern.7

Jede Form birgt Fehlerquellen in sich, die hinsichtlich der Validität zu berücksichtigen sind. So können die Versuchspersonen aus unterschiedlichen Gründen falsche Antworten geben: wenn es ihnen zum Beispiel peinlich ist, ihre wahren Gefühle zu offenbaren, wenn sie sich an Vergangenes nicht genau erinnern können oder wenn sie die Fragen nicht richtig verstanden haben. Bei der Auswertung sollte dieser Aspekt berücksichtigt werden.

An der durchgeführten Befragung haben von den geplanten 100 Probanden letztendlich 99 teilgenommen. Während das Verhältnis von Mädchen (29) und Jungen (20) in der 7. Klasse relativ ausgeglichen ist, überwiegt bei den Zwölfklässlern mit 38 zu 12 die Anzahl der weiblichen Teilnehmer.

Aus organisatorischen Gründen fand die schriftliche Befragung während des Unterrichts statt. Dadurch konnte ich zwar einerseits das Verhältnis von weiblichen und männlichen Teilnehmern nicht beeinflussen, andererseits waren jedoch Aufsicht führende Lehrer vor Ort, so dass gewährleistet werden konnte, dass die Schülerinnen und Schüler ihren Fragebogen allein bearbeitet und vollständig abgegeben haben.

Um den Schülern mögliche Bedenken zu nehmen, habe ich den Fragebogen anonym bearbeiten lassen. Die Mädchen und Jungen sollten lediglich ihr Alter und ihr Geschlecht angeben. Da die geschlossenen Fragen für die Auswertung der Ergebnisse besser geeignet sind, habe ich mich für diese Form entschieden und außerdem versucht, unter Berücksichtigung des Alters meiner Probanden, die Fragen so eindeutig wie möglich zu formulieren. Während der Auswertung der Antworten wurde mir bewusst, dass zusätzlich die Frage hätte gestellt werden können, ob und wo bei der Bearbeitung des Bogens Probleme aufgetreten sind.

Ich bitte zu beachten, dass die verwendete Forschungsmethode sowie die Anzahl der Probanden nicht ausreicht, um allgemein gültige Aussagen zu treffen. Hierfür hätte man möglicherweise eine Feldstudie betreiben müssen, was ich im Rahmen dieser Arbeit jedoch für unangemessen hielt.

2. Stress

“Stress ist unser ständiger Begleiter, solange wir leben. Er sitzt mit uns am Tisch, er geht mit uns schlafen, er ist dabei, wenn leidenschaftliche Küsse ausgetauscht werden. Manchmal geht uns seine Anhänglichkeit auf die Nerven; dennoch verdanken wir ihm jeden persönlichen Fortschritt und erreichen durch ihn immer höhere Stufen geistiger und körperlicher Weiterentwicklung. Er ist die Würze des Lebens.”8 (Hans Selye)

Andererseits wies der Begründer der medizinisch-biologischen Stresstheorie Hans Selye frühzeitig darauf hin, “daß Streß unser Immunsystem schwächt und verschiedene Krankheiten auslösen kann”.9

Unter Berücksichtigung des Themas Stress und Stressbewältigung bei Kindern und Jugendlichen soll in den folgenden Abschnitten geklärt werden, wie der Begriff Stress definiert wird, wodurch er entsteht, welche gesundheitlichen Folgen mit ihm einhergehen und welche Möglichkeiten der Stressbewältigung es gibt.

2.1. Was versteht man unter dem Begriff Stress?

Mittlerweile beschäftigen sich die verschiedensten wissenschaftlichen Bereiche von der Biologie und Medizin bis hin zur Psychologie und Soziologie mit dem Phänomen Stress. Entsprechend der Schwerpunktsetzung in den einzelnen Disziplinen wird der zu besprechende Begriff jeweils unterschiedlich definiert, so dass sich in der wissenschaftlichen Literatur keine allgemein gültige Begriffsbestimmung finden lässt.

Während sich die Biologen für die physiologischen Vorgänge der Stressreaktion und den damit einhergehenden körperlichen Veränderungen interessieren, konzentrieren sich die Soziologen vor allem auf die sozialstrukturellen Bedingungen, die einen Menschen wesentlich beeinflussen können. Die Psychologen untersuchen in erster Linie die individuellen Reaktionen von Personen auf eine Belastung. Des Weiteren versuchen sie zu erklären, welche Bedeutung dabei den kognitiv-emotionalen Bewertungen sowie den Bewältigungsstrategien zukommt.10 Ich möchte mich in meiner Arbeit verstärkt auf die psychologische Sicht konzentrieren, wobei eine eindeutige Abgrenzung nicht immer möglich sein wird, da die Konzepte in einer “Wechselbeziehung” zueinander stehen.11

Bei dem Versuch, eine Begriffsbestimmung vorzunehmen, kann man zunächst grundlegend von einer Wechselbeziehung zwischen Person und Umwelt ausgehen. Täglich wird der Mensch mit stressauslösenden Faktoren aus den unterschiedlichsten Bereichen, wie zum Beispiel Arbeit oder Schule, Familie oder Freizeit, konfrontiert, die es gilt zu bewältigen. Nicht immer stellen die situationsbedingten Anforderungen eine Gefahr dar, denn in der Regel wirken sie eher angenehm und sind darüber hinaus auch leistungsfördernd. In diesem Fall spricht die Stressforschung vom positiven, auch so genannten Eustress.12

Erst wenn die starken Belastungen über einen längeren Zeitraum anhalten und die betroffene Person das Gefühl hat, mit den gestellten Anforderungen nur schlecht oder gar nicht fertig zu werden, kann das zu gesundheitlichen Störungen, wie zum Beispiel Magengeschwüren oder Bluthochdruck bis hin zum Herzinfarkt, führen. Die Stressforschung verwendet für diesen negativen Stress die Bezeichnung Disstress.13

Zusammenfassend kann man sagen, dass mit dem Begriff Stress alle Belastungen gemeint sind, die von außen oder von innen auf den Menschen einwirken und seinen gewohnten Gleichgewichtszustand beeinträchtigen, indem sie “ihn in einen akuten oder chronischen Spannungszustand versetzen”.14 Während vorübergehende Belastungen für den menschlichen Organismus selten eine Gefahr darstellen, kann es bei langanhaltenden Dauerbeanspruchungen zu gesundheitlichen Schädigungen kommen.

In Bezug auf das von mir gewählte Thema werde ich im Folgenden auf einzelne stressauslösende Faktoren eingehen, mit denen vor allem Kinder und Jugendliche konfrontiert werden.

2.2. Stressauslösende Faktoren

Wie schon bereits erwähnt, sind wir täglich unterschiedlichen Reizen aus der Umwelt ausgesetzt. Inwiefern diese als Bedrohung empfunden werden, hängt von der kognitiven Bewertung eines jeden Einzelnen ab. Umweltreize, die von einer Person als belastend empfunden und bewertet werden, bezeichnet man in der Stressforschung als stressauslösende Fakoren beziehungsweise Stressoren. Reize, wie zum Beispiel Hitze, Lärm oder Schmerzen, bezeichnet man als physikalische Stressoren, während Ablehnung durch Freunde oder ein Streit mit den Eltern zu den sozialen Stressoren zählen. Leistungsdruck oder Ängste durch Partnerverlust gehören hingegen zu den psychischen Stressoren.15

Welche Stressoren verstärkt im Kindes- und Jugendalter auftreten und bei langanhaltender Dauer zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen können, möchte ich in den folgenden zwei Abschnitten thematisieren.

2.2.1. Stressauslösende Faktoren während der Kindheit

Der zu betrachtende Lebensabschnitt der Kindheit wird zeitlich recht unterschiedlich eingegrenzt. Für Ralf Oerter beginnt diese Phase mit dem vierten und endet etwa mit dem elften, spätestens zwölften Lebensjahr.16 Im Gegensatz dazu findet man Angaben, die diesen Lebensabschnitt vom siebten bis zum vierzehnten Lebensjahr datieren. Folgt man dem deutschen Recht, so “endet die Kindheit mit Vollendung des vierzehnten Lebensjahres”.17 Das Kind wird in dieser Phase mit allen möglichen Lebensfragen konfrontiert. Die herbeigeführten Entscheidungen werden fast ausschließlich in Abhängigkeit von Erwachsenen, meist den Eltern, getroffen. Noch wird dieses Abhängigkeitsverhältnis als selbstverständlich angesehen, auch wenn es zu ersten Auseinandersetzungen kommen kann.

Nach Erik Erikson steht der Konflikt Kompetenz versus Minderwertigkeit im Mittelpunkt dieser Entwicklungsstufe. Vom bisher zufälligen Erkunden und Ausprobieren wird das Kind allmählich “zur systematischen Entwicklung seiner Fähigkeiten” übergehen.18

Die Schule spielt in dieser Phase als neue Institution eine wichtige Rolle, da sie dem Kind ermöglicht, seine intellektuellen Fähigkeiten auszubilden. Gleichzeitig führt der Kontakt zu Gleichaltrigen zum Erwerb sozialer Kompetenzen. Individuelle Interessen können und sollten durch zusätzliche Angebote befriedigt werden. Eine erfolgreiche Bewältigung der gestellten Anforderungen erweckt beim Kind das Gefühl der Kompetenz. Permanente Misserfolgserlebnisse hingegen können schnell zu Minderwertigkeitskomplexen und zu Versagensängsten führen, was sich wiederum nachteilig auf die nächste Entwicklungsstufe auswirken kann, da das Kind sich den neuen Anforderungen nicht gewachsen fühlt.19

Anhand der Ausführungen kann man erkennen, dass die Phase der Kindheit von zwei wichtigen Institutionen, der Familie und der Schule, beeinflusst wird. Der Familie wird dabei eine besondere Bedeutung zugemessen, da sie jedem Kind das Gefühl von Sicherheit, Schutz und Geborgenheit geben und somit für dessen positive körperliche, psychische und soziale Entwicklung sorgen sollte. Gleichzeitig kann sie jedoch zu einem stressauslösenden Faktor werden. Einen wesentlichen Grund für diese Annahme stellen die veränderten sozialen Rahmenbedingungen dar, die mit dem “Strukturwandel der Institution Familie” einhergehen und sich auf die Gestaltung der Eltern-Kind-Beziehung auswirken.20 Der Strukturwandel zeigt sich vor allem in den Industrienationen, wo anstelle der dominierenden Großfamilie die so genannte Klein- oder auch Kernfamilie tritt. Immer häufiger sind auch die Ein-Kind-Familien anzutreffen, in denen 1993 bereits knapp über 50 Prozent aller Kinder unter 18 Jahren aufwuchsen.21 Weitere Familienformen ergeben sich durch eheliche und nichteheliche Lebensgemeinschaften, getrennt lebende oder allein erziehende Eltern, wiederverheiratete Eltern mit Kindern und Stiefkindern etc. Für die Kinder erwachsen daraus häufig “starke psychische und soziale Belastungen”.22 Ursache dafür ist zumeist die späte und unzulängliche Aufklärung über die sich anbahnenden Entwicklungen, so dass für die Kinder keine Möglichkeit besteht, “vorbereitende Verarbeitungsmechanismen” aufzubauen.23

Die mit der Trennung einhergehenden Umbrüche beziehen sich nicht nur auf die Neuordnung der Bindung zu den Elternteilen, sondern meist auch auf einen Wohnortwechsel und somit auch auf eine Veränderung des sozialen Umfeldes. Kinder reagieren darauf in der Regel irritiert und zeigen ein auffälliges, teilweise auch gestörtes Verhalten.24

Weitere Konflikte können sich ergeben, wenn sich die getrennten Elternteile neu binden und Stiefgeschwister in die Lebensgemeinschaft mit eingehen. Die daraus resultierenden vor allem emotionalen Belastungen müssen sich nicht immer nur im Verhalten widerspiegeln. Sie können sich auch auf die schulischen Leistungen und das soziale Verhalten der Kinder auswirken. Demnach ist es wichtig, den kommunikativen Kontakt zu seinem Kind zu wahren, um mögliche Konfliktsituationen frühzeitig erkennen und darauf eingehen zu können.

Einen weiteren zunehmend stressauslösenden Faktor stellt die Institution Schule dar. Allein der Eintritt in die Bildungseinrichtung kann für Kinder zur Belastung werden. Sie müssen sich nicht nur an neue Bezugspersonen, sondern auch an einen Tagesablauf gewöhnen, der von ihrem bisherigen abweicht. Die neuen Mitschüler bedeuten ebenfalls eine weitere Veränderung. Ein jedes Kind muss sich in die Klassengemeinschaft einordnen und lernen, sich von Zeit zu Zeit auch unterzuordnen. Durch den täglichen Umgang miteinander entstehen einerseits neue Freundschaften, anderseits muss ein Kind unter Umständen jedoch die Erfahrung machen, dass es einige Klassenkameraden gibt, die es ablehnen.

Einen weiteren Belastungsschwerpunkt bilden die neuen Leistungsanforderungen, die einem Kind abverlangt werden. Mit Beginn der Schullaufbahn muss es akzeptieren, dass diese Leistungen in unterschiedlichen Formen zu erbringen sind und zunehmend auch an vorgegebenen Maßstäben gemessen und mit den Ergebnissen Gleichaltriger verglichen werden. Ein Kind spürt zwar, dass das Erbringen dieser Leistungen wichtig ist, bringt dies jedoch noch nicht mit der Sicherung der eigenen Existenz in Verbindung.25

Ein ähnlich bedeutender Einschnitt vollzieht sich beim Übergang von der Grundschule zu einer weiterführenden Schulform. Schon die Überlegung zur Schulwahl kann zu einer Belastung werden, wobei das Bewerbungszeugnis sowie die Beurteilung der 6. Klasse eine erste Vorentscheidung treffen. In Hinblick auf spätere Berufs- und Lebenschancen entscheiden zusätzlich auch die Eltern über den weiteren Werdegang ihres Kindes. Verständlicherweise wollen sie nur “das Beste”, merken dabei jedoch häufig nicht, dass sie es mit ihren Erwartungen leistungsmäßig völlig überfordern.26

Nachdem die Schulform gewählt worden ist, werden die Kinder wiederholt aus einer bis dahin vertrauten Umgebung genommen und müssen lernen, sich in einer neuen zurechtzufinden. In ihrer bisherigen Schule waren sie “die Großen”, nun beginnen sie ihre weiterführende Schullaufbahn als “die Kleinen”.27 Wieder müssen sie sich auf neue Lehrer sowie andere Klassenkameraden einstellen. Der Schultag wird in der Regel länger und durch neue Fächer ergänzt. Stärker als zuvor erfahren die Kinder mit dem Übergang von der 6. zur 7. Klassenstufe einen Anstieg der schulischen Anforderungen, womit eine veränderte Form des Lernens einhergeht. Dieser Umbruch spiegelt sich oftmals deutlich im einem schlechteren Notenbild wider. Für die meisten erwächst daraus ein enormer Leistungsdruck, der durch unbedachte Reaktionen seitens der Lehrer sowie der Eltern verstärkt werden und beim Kind Versagensängste und Minderwertigkeitskomplexe hervorrufen kann. Demnach ist es auch hier wieder wichtig, den Kontakt zum Kind zu wahren und auf Probleme behutsam einzugehen.

Bisher noch unbenannte, aber nicht zu vernachlässigende Stressoren sind außerdem in dem breiten Medienangebot und in der Vielfalt der möglichen Freizeitaktivitäten zu finden. Die meisten Eltern meinen es nur gut und schicken ihr Kind von einem Termin zum anderen. Das Ergebnis ist ein dichter Wochenplan und ein völlig überfordertes Kind.

Andererseits sind zahlreiche Eltern beruflich so eingespannt, dass die Kinder ihre Freizeit selbst gestalten müssen. Ein Großteil verbringt folglich mehrere Stunden allein vor dem Fernseher oder spielt Computer. Häufig werden diese Medien auch als Erziehungsmittel eingesetzt. So gibt es zum Beispiel als Belohnung ein neues Computerspiel, während zur Strafe das Fernsehverbot ausgesprochen wird.28 Forscher sehen in der mangelnden Konzentrationsfähigkeit, der Unruhe und der gesteigerten Nervosität bei Kindern die Folgen dieses Massenkonsums.29

Das Ende der Kindheit wird durch einen enormen Wachstumsschub eingeleitet. Die darauf folgenden körperlichen Veränderungen reichen allerdings bis weit ins Jugendalter hinein und bilden dort einen wesentlichen Schwerpunkt. Aufgrund dessen werde ich die konkreten Einzelheiten erst im nächsten Abschnitt thematisieren. Ich möchte jedoch darauf hinweisen, dass es keine eindeutige Grenze für den Übergang vom Kindes- zum Jugendalter gibt. Demnach kann der körperliche Wandel bereits frühzeitig bei Mädchen und Jungen einsetzen, die sich in Bezug auf ihr Alter eigentlich noch in der Kindheit befinden. Diese leiden besonders unter den Veränderungen, so dass hierin ein weiterer Stressor zu sehen ist.

2.2.2. Stressauslösende Faktoren im Jugendalter

Der zu besprechende Lebensabschnitt wird auch als “Phase des Übergangs” bezeichnet, da der Jugendliche nicht mehr die Rolle des Kindes bedient und die eines Erwachsenen noch nicht inne hat.30 Der Beginn des Jugendalters wird im Allgemeinen mit dem Einsetzen der Pubertät datiert, während es beim Übergang von der Adoleszenz in das Erwachsenenalter keine übereinstimmenden Angaben gibt. Orientiert man sich auch hier wieder am juristischen Gebrauch, so umfasst das Jugendalter die Zeitspanne vom 14. bis zum 18. Lebensjahr, die von Rolf Oerter und Eva Dreher als “frühe Adoleszenz” bezeichnet wird. Demnach folgt die “späte Adoleszenz”, der Zeitraum vom 18. bis zum 21. Lebensjahr, und das “junge Erwachsenenalter” von 21 bis 25.31

Im Mittelpunkt dieser Entwicklungsstufe des Jugendalters steht nach Erik Erikson der Konflikt Identität versus Rollendiffusion. Während sich ein Kind vorrangig mit seinen Eltern und weiteren Personen aus dem sozialen Umfeld identifiziert, beginnt nun der Prozess der “Selbstfindung”.32 Auf der Suche nach der eigenen Identität wird der Jugendliche mit diversen Aufgaben konfrontiert, deren Bewältigung es ihm ermöglichen, “sich selbst in bezug auf andere zu definieren”, wobei “Stress und innere Zerrissenheit” fast unumgänglich sind.33

Eine der wesentlichen Entwicklungsaufgaben ist das Akzeptieren der körperlichen Veränderungen, die durch den pubertären Wachstumsschub eingeleitet werden. Bei den Mädchen beginnt dieser durchschnittlich im Alter von 10 ½ Jahren, während er bei den Jungen etwa 1 ½ bis 2 Jahre später einsetzt.34 Damit geht nicht nur eine Zunahme der Körpergröße und des Gewichts, sondern auch eine Veränderung der Körperproportionen einher. Das Gesicht verliert seine kindlichen Züge und die Stimmlage verschiebt sich.

Parallel dazu beginnt die geschlechtliche Reifung. Im Durchschnitt kommt es bei den weiblichen Jugendlichen im Alter von 13 Jahren zur ersten Menstruation, was jedoch nicht bedeutet, dass die Fortpflanzungsorgane zu diesem Zeitpunkt bereits völlig ausgewachsen sind. Das Wachstum der männlichen Geschlechtsdrüsen sowie die Produktion von Androgenen beginnt etwa im Alter von 12 ½ Jahren. Auch wenn kurze Zeit später der erste Samenerguss erfolgt, bedeutet dies ebenfalls noch keine Fruchtbarkeit. Diese wird von den Mädchen mit 15, von den Jungen etwa ein Jahr später erreicht.

Weitere Veränderungen zeigen sich im Bereich der Scham-, Achsel- und Beinbehaarung, bei den Mädchen in der Zunahme des Brustumfangs und geschlechtsspezifisch in der Verteilung des Fett- und Muskelgewebes.35

Die körperlichen Veränderungen können sowohl die weiblichen als auch die männlichen Jugendlichen stark verunsichern. Die häufigste Ursache dafür ist die unzulängliche Aufklärung, so dass sich die meisten nicht auf den Wandel einstellen können. Zum Beispiel leiden junge Mädchen oft unter der Gewichtszunahme, die durch die Verteilung des Fett- und Muskelgewebes hervorgerufen wird. Viele von ihnen finden sich zu dick und entwickeln krankhafte Essstörungen.

Verunsicherungen treten häufig auch in Hinblick auf die erste Regelblutung auf. Durch das zu frühe oder zu späte Einsetzen können Mädchen den Eindruck bekommen, anders zu sein. Auch die Brustentwicklung wird von den angehenden Frauen unterschiedlich bewertet. Die Einstellung hängt im Wesentlichen von der Beziehung zum eigenen Körperbild und vom Entwicklungsstand der anderen Mädchen aus der unmittelbaren Umgebung ab.

Mädchen, bei denen der Reifungsprozess sehr zeitig einsetzt, haben es in der frühen Adoleszenz oft schwer. Sie werden vor allem von den gleichgeschlechtlichen Mitschülern als “anders” angesehen und bekommen dies möglicherweise durch Ablehnung zu spüren. Dies ändert sich in der Regel, sobald die Entwicklung auch bei den anderen einsetzt.

Der Reifungsprozess stellt jedoch nicht nur für die Mädchen, sondern auch für die Jungen eine Belastung dar. Wie bereits schon erwähnt, beginnt bei ihnen die Entwicklung etwas später, so dass unter Umständen das homogene Klassenbild aus dem Gleichgewicht gerät. Demnach kann es passieren, dass die gleichaltrigen Mädchen größer sind oder dass noch kindliche Jungen neben Mädchen sitzen, die bereits ihre Periode haben. Gleichzeitig ist es aber auch möglich, dass die Jungen sich in ihrem Entwicklungsstand unterscheiden, so dass die einen bereits männliche Züge annehmen, während die anderen noch sehr kindlich aussehen. Auch hier besteht wieder die Möglichkeit der Ablehnung, worunter das Selbstvertrauen oft zu leiden hat.

Um der möglichen Verunsicherung und den daraus resultierenden Belastungen entgegenzuwirken, ist es wichtig, die Jugendlichen frühzeitig über die natürlichen körperlichen Veränderungen aufzuklären. Wobei nicht die Quantität der Informationen, sondern deren Qualität entscheidend ist.36

Mit der geschlechtlichen Reifung verstärken sich auch die sexuellen Bedürfnisse. Angaben zufolge fangen die Jugendlichen recht früh damit an, eigene Erfahrungen zu sammeln. Demnach erleben rund 64 Prozent den ersten Zungenkuss mit knapp 13 Jahren. 32 Prozent sind beim ersten Petting etwa 14 und knapp ein Viertel der Jugendlichen hat bereits mit 15 Jahren zum ersten Mal Geschlechtsverkehr. Das Durchschnittsalter liegt beim “ersten Mal” etwa bei 17 ½ Jahren.37 Doch nicht immer werden die ersten sexuellen Kontakte als angenehm empfunden. Enttäuschungen sind oft die Folge übersteigerter Vorstellungen und Unwissenheit. Fehlende oder mangelnde Aufklärung kann dazu führen, “dass sie völlig unvorbereitet in die Situation hineingehen. Oder aber sie gehen viel weiter, als sie eigentlich gewollt hatten.”38 Somit kann auch das Thema Sexualität anfänglich zur Belastung werden und das Selbstvertrauen der Jugendlichen schwächen.

[...]


1 www.taz.de (heruntergeladen am 20.02.2003)

2 vgl. www.lexsoft.de/aktuelles/1798 (heruntergeladen am 20.02.2003)

3 vgl. www.lexsoft.de/aktuelles/1798 (heruntergeladen am 20.02.2003)

4 www.taz.de (heruntergeladen am 20.02.2003)

5 vgl. HOBMAIR, H. 1995. Psychologie für Fachoberschulen. S. 53

6 vgl. ZIMBARDO, P. G. 1995[6] Psychologie. S. 25

7 vgl. FISCH, H. 1996[5]. Abiturwissen. Sozialwissenschaften. S. 76

8 SEEFELDT, D. 1989. Streß. S. 9

9 vgl. HECHT, K. 1994. Gesund im Stress. S. 15

10 vgl. www.bio.uni-frankfurt.de/didaktik/veroeff/ FfmBeitraegeI/STRE_BEW_LTIGUNG.pdf (heruntergeladen am 02.08.2003)

11 vgl. NITSCH, J. R. 1981. Stress, Theorien, Untersuchungen, Massnahmen. S. 52

12 vgl. HILLIG, A. 1996². Schüler-Duden. Die Psychologie. S. 394

13 vgl. HILLIG, A. 1996². Schüler-Duden. Die Psychologie. S. 394 f.

14 SEEFELDT, D. 1989. Streß. S. 15

15 vgl. HOBMAIR, H. 1995. Psychologie für Fachoberschulen. S. 155

16 vgl. OERTER, R; MONTADA, L. 1998[4]. Entwicklungspsychologie. S. 249

17 HILLIG, A. 1996². Schüler-Duden. Die Psychologie. S. 202

18 ZIMBARDO, P. G. 1995[6] Psychologie. S. 91

19 vgl. ZIMBARDO, P. G. 1995[6] Psychologie. S. 91

20 HURRELMANN, K. 1990. Familienstreß, Schulstreß, Freizeitstreß. S. 84

21 vgl. HILLIG, A. 1996². Schüler-Duden. Die Psychologie. S. 109

22 HURRELMANN, K. 1990. Familienstreß, Schulstreß, Freizeitstreß. S. 91

23 HURRELMANN, K. 1990. Familienstreß, Schulstreß, Freizeitstreß. S. 91

24 vgl. HURRELMANN, K. 1990. Familienstreß, Schulstreß, Freizeitstreß. S. 92

25 vgl. BORNHAUPT, B.; HURRELMANN, K. 1991. Kinder im Streß ?! S.102 f.

26 vgl. HURRELMANN, K. 1990. Familienstreß, Schulstreß, Freizeitstreß. S. 129

27 BORNHAUPT, B.; HURRELMANN, K. 1991. Kinder im Streß ?! S. 121

28 vgl. BORNHAUPT, B.; HURRELMANN, K. 1991. Kinder im Streß ?! S. 148

29 vgl. HURRELMANN, K. 1990. Familienstreß, Schulstreß, Freizeitstreß. S. 170

30 vgl. HOBMAIR, H. 1995. Psychologie für Fachoberschulen. S. 293

31 vgl. OERTER, R; MONTADA, L. 1998[4]. Entwicklungspsychologie. S. 312

32 HOBMAIR, H. 1995. Psychologie für Fachoberschulen. S. 301

33 ZIMBARDO, P. G. 1995[6] Psychologie. S. 93

34 vgl. ZIMBARDO, P. G. 1995[6] Psychologie. S. 94

35 vgl. KOHNSTAMM, R. 1999. Praktische Psychologie des Jugendalters. S. 18 f.

36 vgl. KOHNSTAMM, R. 1999. Praktische Psychologie des Jugendalters. S. 22 ff.

37 vgl. KOHNSTAMM, R. 1999. Praktische Psychologie des Jugendalters. S. 29

38 KOHNSTAMM, R. 1999. Praktische Psychologie des Jugendalters. S. 30

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Stress und Stressbewältigung bei Kindern und Jugendlichen
Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
38
Katalognummer
V35979
ISBN (eBook)
9783638357357
ISBN (Buch)
9783638806305
Dateigröße
1629 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Einschätzung des Dozenten: eine sehr umfangreiche Arbeit, sprachlich gut formuliert, eigener Forschungsteil. Dichter Text - einzeiliger Zeilenabstand (entspricht etwa 60 Seiten bei eineinhalbzeiligem Zeilenabstand)
Schlagworte
Stress, Stressbewältigung, Kindern, Jugendlichen
Arbeit zitieren
Janice Höber (Autor), 2003, Stress und Stressbewältigung bei Kindern und Jugendlichen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/35979

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