Charles Dickens, Great Expectations und David Copperfield - Literarische Machart: Philip Pirrip und David Copperfield


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001
18 Seiten, Note: gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Zwei Entwicklungsromane
1.1 Die Ich – Erzählperspektive
1.2 Verschiedene Varianten der Retrospektive

II. Erinnerung als konstitutives Moment
2.1 Affektive Erinnerung in DC
2.2 Assoziatives Erinnern: die Erzählhaltung in GE
2.3 Die Ambivalenz der Erinnerung im Zusammenhang mit der Machart von GE

III. Wegmetapher und Ziel der Entwicklung
3.1 Deus ex Machina – die Zielgerade in DC
3.2 GE: Die Vollendung des Zirkels

Bibliographie

1. Zwei Entwicklungsromane

1.1 Die Ich - Erzählperspektive

“To be quite sure I had fallen into no unconscious repetitions, I read David Copperfield again the other day, and was affected by it to a degree you would hardly believe.“[1] - Bereits diese Aussage des Autors selbst angesichts des Entstehungsprozesses von Great Expectations verweist auf die in mehrfacher Hinsicht anzutreffende Verwandtschaft der beiden einzigen Werke, in denen er die Perspektive des allwissenden Erzählers verläßt. Rund zehn Jahre nach Erscheinen seines stark biographisch beeinflußten Romans David Copperfield 1850 kehrt Charles Dickens hier erstmals zur homodiegetischen Perspektive in der Berichterstattung zurück. In beiden Werken betrachtet das geläuterte Ich aus dem Blickwinkel großer zeitlicher Distanz eine entscheidende heikle Entwicklungsphase seines Lebens, deren Grundkonflikt erst durch den langsamen Prozeß des Erkennens und Lernens gelöst werden kann.

So wie die Erinnerung als Perspektive den Entwicklungsroman formal konstituiert, bildet sie auch inhaltlich das Gerüst, von dem die Substanz der jeweiligen Gesinnung, welche die beiden Charaktere David und Pip sich aufgrund ihrer Erfahrungen sukzessive aneignen, gestützt, gefestigt und nachhaltig getragen wird. Äußerliche Notwendigkeit der retrospektiven Aufzeichnungen (in Form der Haltung des rückblickenden Erzählers), ist sie gleichermaßen Bedingung für den inneren Reifeprozeß der dargestellten Helden, deren persönliche Berührtheit infolge der Reflexion ihrer Erfahrungen das Fundament des individuellen Fortschritts bildet. Dieses Moment der Erkenntnis durch Erinnerung - bereits in DC entworfen - manifestiert sich in GE in noch ausgereifterer Form als Erforschung des eigenen Herzens. Dies ist maßgeblich mit der größeren emotionalen Distanz zu begründen, die hier zwischen rückblickendem Erzähler und sich entwickelndem Helden geschaffen ist, sowie mit der im späteren Roman sehr bezeichnenden Symbolik, welche den Charakter dieses Reifeprozesses zudem anschaulich spiegelt.

Neben den Parallelen sind bei der Betrachtung ihrer literarischen Machart somit hauptsächlich die im Grunde sehr verschiedenen Formen der Retrospektive beider Romane aufzuzeigen, die zu wesentlichen Unterschieden bezüglich ihres Gehaltes führen.

Der Schwerpunkt dieser Betrachtung wird, wie bereits angedeutet und bei der Analyse des

Entwicklungsromans naheliegend, schließlich bei der Erinnerung als konstitutive Instanz sowie der Unterschiedlichkeit ihres Ausdrucks in beiden Werken liegen.

1.2 Verschiedene Varianten der Retrospektive

Durch die Reflektor - Figur des rückblickenden Ich - Erzählers strukturiert vermittelt, stellen sich beide Romane als Gewebe dar, in denen verschiedene Nebenhandlungsfäden mit dem Hauptstrang, dem Schicksal des Helden, verwoben sind. Explizit nennt David den Weg seiner Geschichte “the journey of my story“[2]. Gleichzeitig bezeichnet er, diese Metapher erweiternd, das aus dem als faktisch dargestellten Entwicklungsweg kreierte Romanwerk als “the web I have spun“[3] und weist darauf hin, daß ohne die noch ausstehende Erwähnung eines bestimmten Vorkommnisses einer der Gewebestränge ein “ravelled end“ aufwiese. Hieraus ergibt sich die Parallele zwischen dem konkreten Weg des Helden und der sorgfältigen Kreation des abstrakten Kunstwerks, welches kontrapunktisch zu jenem entsteht, indem es seine Struktur widerspiegelt. Betrachtet man nun beide Romane im Hinblick auf die Vielschichtigkeit ihres Gewebes, welche der Verworrenheit des jeweils geschilderten Entwicklungswegs korrespondiert, so stößt man gerade hier auf bedeutende Unterschiede. Bezüglich der Komplexität der Erzählweise sowie der erzählten Handlung erweist sich GE im Vergleich mit DC als kunstvoller und weit intensiver ausgestaltet.

Sehr viel weniger verworren sind die Handlungsstränge im früheren Roman. Bereits am Anfang betont der rückblickende David: “Not to meander myself, at present, I will go back to my birth“[4]. Bereits aus dieser Äußerung geht hervor, daß dem Erzähler nicht daran gelegen ist, verworrene Wege einzuschlagen, sondern daß er in seinem Bericht betont chronologisch vorzugehen sucht, was mit einem weitaus geradlinigeren Handlungsverlauf im Vergleich zu GE einhergeht. “My poor labyrinth“[5], nennt hier Pip die Verworrenheit, in die sein Weg ihn führen wird, - eine Verworrenheit, die sich auch im Ineinandergreifen komplizierter Handlungsfäden äußert. Diese unterschiedliche Erzählweise führt zwangsläufig auch zu verschiedenen Arten der Retrospektive.

Immer wieder wird in der Forschungsliteratur auf die autobiographischen Züge DCs hingewiesen, mit denen möglicherweise die diesen Roman kennzeichnende präsentische Qualität des Erzählens partiell zusammenhängt. Der fiktive Schriftsteller David stellt sich nicht nur als rückblickender Erzähler dar, sondern schafft durch seine permanente Reflexion des Vergangenen eine so große Nähe zwischen dem jungen David und sich selbst, daß er sich selbst als erlebende Person charakterisiert. Immer wieder begegnet der Leser neben der Gefühlswelt des jungen auch der des rückblickenden David:

Once again, let me pause upon a memorable period of

my life. Let me stand aside, to see the phantoms of those

days go by me, accompanying the shadow of myself,

in dim procession.[6]

Durch seine enge emotionale Bindung an die vergangenen Geschehnisse integriert sich der Erzähler David selbst in die Erzählung, wobei er, die Ereignisse fast ohne Distanz begleitend, indirekte Wertungen und somit Vorausweisungen auf positive bzw. negative Entwicklungen von seiner allwissenden Warte aus einbringt. Nicht nur zum Zweck der Wiedergabe der zurückliegenden Ereignisse vertieft sich der Berichtende in die für seine Position obligatorische Tätigkeit des Erinnerns, sondern er macht diese Voraussetzung für die Aufzeichnungen selbst zum Thema seiner Beschreibungen: “What else do I remember? Let me see.“[7] Seine bezüglich des Inhalts gewöhnlich passive Rolle gewinnt hier Aktivität.

Einer ganz anderen Struktur begegnet man in GE. Das Bewußtsein des rückblickenden ist von dem des jungen Pip fast hermetisch getrennt, ausführlich beleuchtet wird ausschließlich die Gefühlswelt des jungen Pip, während sich der Erzähler selbst angesichts der dargestellten Geschehnisse persönlich weitgehend zurücknimmt, die Welt des Helden seiner Aufzeichnungen unberührt von Eingriffen der eigenen emotionalen Berührtheit Gestalt werden läßt. Dies ist u.a. unvermeidlich angesichts der erzähltechnischen Notwendigkeit, die hier das komplexe Handlungsnetz fordert sowie der sukzessiven psychologischen Entwicklung des jungen Pip, die sich in diesem Roman als ungleich tiefgründiger und ausgefeilter konstruiert präsentiert als in DC.

Der wohl augenfälligste Aspekt bei der Betrachtung der Handlung in GE ist das verworrene Netz versteckter Beziehungen, welches erst ganz zum Schluß in seiner vollen Entfaltung ans Tageslicht gelangt. Immer wieder werden im Verlauf der Geschehnisse einzelne Rätsel gelöst, einzelne geheimnisvolle Stränge freigelegt, doch ist die dadurch für den Leser gewonnene kurzfristige Klarheit eine scheinbare, die statt einer ordnenden Perspektive nur weitere unschlüssige Verwicklungen aufzeigt. In maßgeblichem Unterschied zu Dickens Frühwerk erinnert die hier angewandte Erzählstruktur der Verworrenheit in der Handlung stark an den

imbroglio plot nach Tradition des Schauer-, später des Kriminalromans.[8] Schon aufgrund der

somit - anders als in DC - gegebenen Notwendigkeit der Geheimniswahrung erklärt sich die Distanz, die der allwissende Erzähler hier zwangsläufig zu den vergangenen Geschehnissen demonstriert. Würde er von seinem Standpunkt aus persönliche Kommentare mit der reinen Darstellung der Handlung aus Sicht seines jungen Helden vermischen, so zöge das immer die zumindest partielle Auflösung des Geheimnisvollen nach sich, da sich das Eingreifen des Allwissenden einer auf die ihm bereits bekannte Zukunft verweisenden Subjektivität nicht enthalten kann. Dies zeigt sich wiederholt an den Kommentaren des Erzählers David, beispielsweise an der kontrastiven Bemerkung, die er der hoffnungsvoll heiteren Beschreibung seiner Hochzeit mit Dora nachstellt: “I have stood aside to see the phantoms of those days go by me“.[9] Hierdurch wird bereits an dieser Stelle die kümmerliche Zukunft dieser Ehe spürbar, es wird dem Handlungsverlauf unterschwellig vorausgegriffen. Wäre dieser Aspekt in GE anzutreffen, so würde der Charakter des Romans, sein mystery – plot, demontiert.

[...]


[1] Äußerung Dickens` 1860 in einem Brief an John Forster (s. H. M Daleski, Dickens and the Art of Analogy, New York, 1970.).

[2] Charles Dickens, David Copperfield (Oxford, 1981), S.617.

[3] Ebd., S.844.

[4] Ebd., S.2.

[5] Charles Dickens, Great Expectations (New York, London, 1999), S. 179.

[6] DC, S. 609.

[7] Ebd., S. 13.

[8] In diesem Zusammenhang ist auch die Tatsache interessant, daß DC in Kapitel segmentiert ist, von denen jedes einzelne eine inhaltlich vorausweisende Überschrift hat. In GE hingegen sind die Kapitel lediglich durchnumeriert, ohne jeden Hinweis auf den weiteren Verlauf der Geschehnisse, was gleichfalls zur Konstruktion des umfassenden Spannungsbogens beisteuert.

[9] DC, S.617.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Charles Dickens, Great Expectations und David Copperfield - Literarische Machart: Philip Pirrip und David Copperfield
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Englisches Seminar)
Note
gut
Autor
Jahr
2001
Seiten
18
Katalognummer
V3598
ISBN (eBook)
9783638122207
Dateigröße
561 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Charles, Dickens, Great, Expectations, David, Copperfield, Literarische, Machart, Philip, Pirrip
Arbeit zitieren
Sonja Schiffers (Autor), 2001, Charles Dickens, Great Expectations und David Copperfield - Literarische Machart: Philip Pirrip und David Copperfield, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/3598

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