Die Charakteristika von Vulgärlatein in definitorischem, sprachtheoretischem und historischem Kontext


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

23 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zur Begrifflichkeit des „Vulgärlatein“
2.1. Ausgangspunkt: Abweichungen vom klassischen Latein
2.2. Sich ändernde Auffassungen in linguistischer Theorie und Methodologie
2.2.1. Vulgärlatein als „verderbte“ Form des klassischen Lateins
2.2.2. Klassisches vs. zeitlich und sozial unterschiedenes Vulgärlatein
2.2.3. Latein als System von Isoglossen

3. Mündlichkeit und Schriftlichkeit in sprachtheoretischer Sicht
3.1. Konzeption und Medium
3.2. Parameter konzeptioneller Schriftlichkeit/Mündlichkeit
3.3. Sprache der Distanz und Sprache der Nähe
3.4. Konzeptionelle Mündlichkeit in schriftlichen Quellen
3.4.1. Texte mit konzeptueller Mündlichkeit
3.4.2. Texte von wenig gebildeten Autoren in einer Diglossie-Situation
3.4.3. Bewusst informelle, umgangssprachlich gehaltene Texte
3.4.4. An die linguistische Kompetenz der Rezipienten angepasste Texte
3.4.5. Eklektizistische Mündlichkeit als Stilmittel

4. Die Frage nach der Einheitlichkeit des Vulgärlateins
4.1. Chronologische Faktoren
4.1.1. Die chronologischen Unterschiede zwischen den verschiedenen Kolonisierungen
4.1.2. Das zeitlose System der rekonstruierten Formen
4.1.3. Konservation und Innovation von Sprache
4.2. Diatopische Faktoren: die dialektalen und regionalen Unterschiede in Italien
4.3. diastratisch-soziokulturelle Faktoren: Die besondere Form des sich außerhalb Italiens durchsetzenden Lateins
4.4. Diaphasische Faktoren: Die Uneinheitlichkeit des literarischen Lateins
4.5. Die Subsysteme des Vulgärlateins

5. Die historisch/politisch bedingte Bildung von Sprachgrenzen
5.1. Die Dezentralisierung des Römischen Reiches
5.2. Gebietsverluste und Druck auf die Grenzen
5.3. Der Einfluss der Germanen

6. Die Entwicklung des Vulgärlateins zu den romanischen Schriftsprachen
6.1. Die Situation der Diglossie
6.2. Die Aufhebung der Diglossie als Entstehungsgrund der romanischen Schriftsprachen
6.2.1. Äußere Faktoren
6.2.2. Innere Faktoren
6.2.3. Das Bedürfnis der schriftlichen Fixierung von Gesprochenem

7. Endbemerkung

1. Einleitung

Wenn die in heutiger Form existierenden romanischen Sprachen miteinander verglichen werden, bemerkt man viele Ähnlichkeiten. Hierbei wirft sich die Frage auf, worauf diese Ähnlichkeiten zurückzuführen sind. Bekanntlich liegen die Wurzeln der heutigen romanischen Sprachen im Lateinischen. Die uns heute noch erhaltenen lateinischen Quellen von bekannten Autoren belegen jedoch, dass das klassische Latein, in welchem die Intellektuellen der Antike ihre Schriften verfassten, stark von den oben genannten modernen romanischen Sprachen abweicht. Auch erklärt das klassische Latein in keiner Weise die heutigen bestehenden Unterschiede zwischen den romanischen Sprachen. Es wurden aber neben den klassischen Schriften weitere Quellen gefunden, welche ein anderes Latein dokumentieren – ein Latein, in welchem mündliche, d.h. der Umgangssprache entnommene Elemente festgehalten wurden. Diese Form des Lateins wird als Vulgärlatein bezeichnet, welches als die Grundlage der Entwicklung hin zu allen romanischen Sprachen angesehen wird. Viele Romanisten heben hervor, dass die Bezeichnung „Vulgärlatein“ kein glücklich gewählter Terminus sei. Trotzdem hat sich diese Bezeichnung in der romanischen Sprachwissenschaft durchgesetzt. Dass man Anstoß an diesem Terminus nimmt, liegt im Element „Vulgär-“, welcher fälschlicherweise mit einer soziokulturellen oder stilistischen Zuordnung dieser bestimmten Varietät des Lateins in Verbindung gebracht wurde. Vulgärlatein wurde als das Latein der unteren Volksschichten, als die Sprache des Pöbels verstanden. Linguisten, die solche terminologischen Schwierigkeiten vermeiden wollen, verwenden Termini wie „sogenanntes Vulgärlatein“ (Coseriu), „Verkehrslatein“, „Umgangslatein“ (Reichenkron), „Sprechlatein“ oder „Spontansprache“ (Lüdtke).l Der Einfachheit halber wird in dieser Arbeit jedoch der Begriff „Vulgärlatein“ verwendet, jedoch nicht ohne das Bewusstsein, wie vielschichtig sich dieser Terminus gestaltet.

Zunächst soll ein Überblick über die verschiedenen Definitionen und Theorien bezüglich des Charakters des Vulgärlatein gegeben werden. Hierzu werden die Konzepte bedeutender Romanisten kurz angerissen. Detaillierter wird auf den Ansatz des Strukturalisten Coseriu bezüglich regionaler, soziokultureller, stilistischer und chronologischer Differenzierungen des Vulgärlatein eingegangen. Eine weitere wichtige Komponente zur Entstehung der romanischen Schriftsprachen findet sich in der Geschichte des Römischen Reiches und dessen letztendlichem Untergang, sowie in diversen Einflüssen nichtrömischer Völker. Politische, historische und kulturelle Begebenheiten trugen bedeutend zur Bildung von Sprachgrenzen und somit zur Entstehung der romanischen Sprachen bei. Aufgrund der Prämisse, dass das Vulgärlatein zunächst volkstümlichen, umgangssprachlichen und mündlichen Charakter hat, ist es notwendig, sich mit der Frage von konzeptioneller Schriftlichkeit und Mündlichkeit zu befassen. Als letztes wird darauf eingegangen, durch welche Faktoren sich das Vulgärlatein zu den heute existierenden romanischen Schriftsprachen hin entwickelt hat. Die Sprachsituation der Diglossie und deren letztendliche Aufhebung waren in diesem Prozess entscheidend.

2. Zur Begrifflichkeit des „Vulgärlatein“

2.1. Ausgangspunkt: Abweichungen vom klassischen Latein

Im vergangenen Jahrhundert wurde davon ausgegangen, dass der Ursprung aller romanischen Sprachen im Vulgärlatein, bzw. Volkslatein läge. Sie stellten die Sprache des Volkes (Volkslatein) der Sprache der gebildeten Schichten gegenüber (literarisches Latein). Solch eine Unterscheidung wurde getroffen, weil viele Wörter, die offensichtlich lateinisch sind und in allen romanischen Sprachen vorkommen im klassischen Latein fehlen. Verschiedene Abweichungen klassischer Autoren vom literarischen Latein hin zu einem familiären (sermo cotidianus) oder volkstümlichen (sermo plebeius, sermo vulgaris) oder zu einem dialektalen, regionalem Latein (sermo rusticus) waren ein weiterer Grund zur Annahme, es hier mit unterschiedlichen Formen von Latein zu tun zu haben.[1]

So konnten beispielsweise nichtklassische Wörter und Formen bei vorklassischen Schriftstellern wie Plautus aufgefunden werden. Auch auf Inschriften, in verschiedenen Schriften volkstümlichen Charakters und in weniger sorgfältig abgefassten Schriften (Privatbriefen) klassischer Autoren (z.B. Cicero) tauchten nichtklassische Formen auf.[2]

2.2. Sich ändernde Auffassungen in linguistischer Theorie und Methodologie

Der Vorwurf Coserius an die Romanistik ist, dass diese dazu tendiere, das „Volkstümliche“ als das „eigentliche Latein“, das Latein im Ganzen, das Latein ohne nähere Bestimmung zu sehen. Diesem Latein würde sodann eine ‚gekünstelte’ Hochsprache entgegengestellt. Demnach würden alle romanischen Sprachen von diesem individuellen, volkstümlichen Latein abstammen, welches gegenüber dem klassischen Latein eine eigene Identität aufweise. Das Problem liegt laut Coseriu darin, dass das Vulgärlatein als eine andere, als eine mehr oder weniger homogene und einheitliche Sprache verstanden wurde, von der man glaubte, dass sie in den verschiedenen Provinzen des Imperiums fast identisch gesprochen wurde. Folglich dachte man sich, dass die romanischen Sprachen sich auf diese einheitlichen Formen zurückführen lassen würden. Coseriu sieht den Grund zu dieser Annahme in der damaligen linguistischen Epoche, in der Schleicher die Idee eines Stammbaums der indogermanischen Sprachen vorantrieb. Es wurde eine indogermanische vergleichende Grammatik erstellt, um die sogenannten „Ursprachen“ zu rekonstruieren.[3]

2.2.1. Vulgärlatein als „verderbte“ Form des klassischen Lateins

Der Linguist Diez hat den Begriff des Vulgärlateins zuerst wissenschaftlich bestimmt. Er leitete die romanischen Sprachen von dem ab, was er Volkslatein nannte und definierte dies als die in der Kaiserzeit von Legionären, Kaufleuten, Kolonisten und Beamten gesprochene Sprache. Er stellte einen Unterschied zum klassischen Latein in phonetischer, morphologischer, syntaktischer und lexikalischer Hinsicht fest. Coseriu bemerkt, dass Diez hiermit die mittelalterliche Tradition fortführe, in der das Vulgärlatein als verderbte Form des klassischen Latein betrachtet wurde. Diese mittelalterliche Tradition geht auf das 4 Jh. n.Chr. zurück, wo schon Unterschied zwischen latine und vulgo gemacht wurde. Diez dachte bei der Charakterisierung des Vulgärlateins, ganz gemäß den Auffassungen seiner Zeit, an eine homogene Sprache, die in verschiedenen Gebieten des Imperiums identisch gesprochen wurde und auf deren Formen sich die Formen der romanischen Sprachen würden zurückführen lassen.[4]

2.2.2. Klassisches vs. zeitlich und sozial unterschiedenes Vulgärlatein

Hoffmann zieht den Vergleich zwischen kultivierter und geschriebener Sprache und Sprache der alltäglichen Unterhaltung.[5] Karl Vossler versucht, das Vulgärlatein in noch komplexerer Art und Weise zu definieren. Er hebt die soziokulturelle Komponente, verbunden mit dem Lauf der Geschichte, hervor. Er unterscheidet zwischen einem klassischen und einem in zeitlich und sozialer Hinsicht unterschiedlichen Vulgärlatein, in welchem sich auch Weltansicht und Geist ausdrücken. „Die einzelnen romanischen Sprachen sind nicht die Töchter des Vulgärlateins, sondern selbst Vulgärlatein, d.h. seine Spielart. Sie sind das Latein von heute.“[6] Auch Väänänen schließt sich dieser These an: „...las diferentes variedades romances representan, en cierta manera, los dialectos medievales y modernos del latín ; no hay solución de continuidad.“[7]

2.2.3. Latein als System von Isoglossen

Coseriu gibt zu bedenken, dass sich seit den Untersuchungen von Diez, Schleicher, Hoffmann und Vossler die Begrifflichkeit von Sprache allgemein verändert hat. Sprache selbst soll als individuelle Schöpfung, als dauernde Bewegung gesehen werden. Ihre einzige konkrete Realität ist in den sprachlichen Handlungen der Individuen greifbar. So ist Sprache nichts als eine Abstraktion, ein System von Isoglossen.[8]

Die Grenzen einer linguistisch bestimmten Sprache, eines Systems von „Isoglossen“ sind somit konventionell: sie hängen von den am weitesten verbreiteten Isoglossen ab, die man in Betracht zieht. Wenn man gewisse Isoglossen mit maximaler Verbreitung betrachtet, so kann das ganze Latein als eine „Sprache“ betrachtet werden, das literarische und volkstümliche, das geschriebene und gesprochene, das kultivierte und umgangssprachliche Latein mit eingeschlossen. Es können auch weniger weitreichende Isoglossen betrachtet werden: Hierbei wird eine Unterscheidung innerhalb desselben Lateins in verschiedene Sprachen gemacht. Jede Sprache weist spezifische Isoglossen auf, aber gleichzeitig auch Isoglossen, die sie mit anderen Sprachen, die zum selben System gehören, teilt.[9]

3. Mündlichkeit und Schriftlichkeit in sprachtheoretischer Sicht

Das Vulgärlatein wird unter Berücksichtigung stilistischer, sozialer und regionaler Faktoren als eine mündliche, umgangssprachliche oder informelle Form des Lateins bezeichnet. Dabei wirft sich jedoch das Problem auf, wo die ‚Grenzen’ zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit gezogen werden sollen. Sprachtheoretisch ist die Realisation sprachlicher Äußerungen in Form von Lauten (phonisch) oder in Form von Schrift (graphisch) möglich. Wie verhält es sich jedoch mit Grabreden oder einem Vortrag? Diese Art von Mündlichkeit dürfte kaum der Vorstellung von Umgangssprache oder informell Gesprochenem gerecht werden. Andererseits gibt es graphisch realisierte Äußerungen, wie z.B. in Privatbriefen, Sprechblasen von Comics, oder auch in Mundart bzw. Dialekt abgefassten Schriften, welche unseren Anforderungen an Schriftlichkeit nur schwer gerecht werden.[10]

3.1. Konzeption und Medium

Ludwig Söll hat diese Widersprüchlichkeiten mit einer begrifflichen und terminologischen Klarstellung aus der Welt geschafft: Er unterscheidet zwei Aspekte des Problems: zum einen das Medium der Realisierung, welches phonisch oder graphisch sein kann, und um andern die Konzeption des sprachlichen Duktus von Äußerungen, die gesprochen oder geschrieben sein kann.[11]

Die Unterscheidung zwischen dem mündlichen bzw. schriftlichen Medium beinhaltet eine Dichotomie, da eine Äußerung nur in der einen oder anderen Form medial umgesetzt werden kann. Die Konzeption mündlich/schriftlich ist hingegen eher als ein Kontinuum zu sehen, welches unzählige Variationen zwischen den beiden Polen konzeptioneller Mündlichkeit und Schriftlichkeit ermöglicht.[12]

[...]


[1] vgl. Coseriu, S. 257

[2] vgl. Coseriu, S. 259

[3] vgl. Coseriu, S. 259

[4] zitiert in Coseriu, S. 258

[5] vgl. Hoffmann 1951, S. 37

[6] Vossler 1954, S. 48

[7] Väänänen 1982, S. 26

[8] vgl. Coseriu, S. 260

[9] vgl. Coseriu, S. 261

[10] vgl. Koch/Österreicher 1990, S. 5

[11] vgl. Söll 1985, S. 179

[12] Koch/Österreicher 1990, S. 6

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die Charakteristika von Vulgärlatein in definitorischem, sprachtheoretischem und historischem Kontext
Hochschule
Universität zu Köln  (Romanisches Seminar Köln)
Veranstaltung
Vom Vulgärlatein zum Romanischen
Note
2,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
23
Katalognummer
V35993
ISBN (eBook)
9783638357487
Dateigröße
582 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Charakteristika, Vulgärlatein, Kontext, Vulgärlatein, Romanischen
Arbeit zitieren
Silke Nufer (Autor), 2003, Die Charakteristika von Vulgärlatein in definitorischem, sprachtheoretischem und historischem Kontext, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/35993

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