1918 tritt Johannes Baader während einer Messe in der Stiftskirche in Berlin auf das Rednerpodest. Die Messe wird gestört unterbrochen und alle Anwesenden sind gespannt, was dieser Mann in schwarzem Anzug zu sagen hat. Baader erhebt seine Stimme und sagt: „Einen Augenblick! Ich frage Sie, was ist Ihnen Jesus Christus?“ Nach längerem Schweigen gibt er laut die Antwort: „Er ist Ihnen wurst!“1 Dass der Aktionskünstler und ‚Oberdada’ danach verhaftet wurde, wahr ihm wohl schon vorher klar und er sollte es schon gewöhnt gewesen sein, war dies nicht seine erste Aktion mit skandalösem Ausgang. Eine der Spezialitäten dadaistischer Gruppen waren unter anderem Auftritte solcher Art. Zu dieser Zeit provozierten künstlerische Strömungen wie der Dadaismus das Publikum bis zum Äußersten. Sie wurde bei den meisten Kunstrezipienten und Kritiker mehr als ‚Schmutz’ und ‚sinnloses Revoluzzertum’ abgetan, denn als Kunst wahrgenommen. Der Dadaismus ist in dieser Epoche die Spitze der modernen Kunstbewegung, die mit der Décadence über den italienischen Futurismus und den Expressionismus schon seit Ende des 19. Jahrhunderts Fuß gefasst hatte 2.
Was früher als sinnlos und Nicht-Kunst abgehandelt wurde, stellt sich von heutigen Standpunkten als sehr interessant dar. Die Auswirkungen des Dadaismus sind mannigfaltig, bis heute werden die Konzepte der damaligen Zeit aufgenommen, sei es durch Drip-Paintings von Jackson Pollock, Cut-Ups von William S. Borroughs3 oder die Collagen von David Carson4. Nimmt man Werke des Dadaismus wie Duchamps Ready-mades, die nur durch das Ausstellen in Museen zur Kunst avancierten, wird klar, wie der Kuns tbegriff auf ein theoretisches Niveau übertragen wurde. Gerade durch das Verweigern von Sinn kreierte diese Kunst Sinn, einen neuen, sublimen Sinn, so die These dieser Arbeit. [...]
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1 Riha, Karl: Da Dada da war ist Dada da. Aufsätze und Dokumente. München/Wien: Carl Hanser Verlag 1980, S. 151.
2 Deutsche Literaturgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Sechste Auflage. Hrsg. Von Wolfgang Beutin, Klaus Ehlert, Wolfgang Emmerich, Christine Kanz, Bernd Lutz, Volker Meid, Michael Opitz, Carola Opitz-Wiemers, Ralf Schnell, Peter Stein und Inge Stephan. Stuttgart/Weimar: Verlag J.B. Metzler 2001. S. 342 - 429
3 Borroughs, William S.: Naked Lunch. Frankfurt am Main: Ullstein Verlag 1994.
4 Carson, David: The End of Print. The Grafik Design of David Carson. Hersg. Von Lewis Blackwell und David Carson. San Francisco: 2000 Chroncal Books LLC.
Inhaltsverzeichnis
I. EINLEITUNG
II. HAUPTTEIL
1. Die historische Avantgarde
1.1. Kurzer Abriss der historischen Avantgarde bis zum Expressionismus
1.2. Sinnstiftung und –negierung vom Expressionismus zum Dadaismus
1.3. Gesellschaftliche Bedingung
2. Kommunikation und Kunst
2.1. Kommunikative und komplexe Veränderung des Kunstwerks
2.2. Das Paradox des Dadaismus
2.3. Kommunikativer Anschluss
3. Kunstcodierung und Wahrnehmung
3.1. Rezipient
3.2. Funktion und Code
3.3. Zufall und Codierung
3.4. Wahrnehmung und Sinn
III. SCHLUSS
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Kunstrichtung des Dadaismus unter systemtheoretischen Gesichtspunkten. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie der Dadaismus durch die totale Sinnverweigerung und die bewusste Paradoxisierung von Kunst den Kunstbegriff selbst zum Gegenstand künstlerischer Produktion machte und damit eine neue Ästhetik etablierte.
- Systemtheoretische Analyse des Dadaismus
- Kommunikationsänderungen zwischen Gesellschaft und Kunst
- Die Rolle des Rezipienten in der modernen Kunst
- Das Paradox der Sinnverweigerung und der Kunstbegriff
- Zufall, Arbitrarität und Codierung im künstlerischen Programm
Auszug aus dem Buch
2.2. Das Paradox des Dadaismus
Die Eigenkomplexität der Kunst nimmt als Folge radikal zu, im Kunstsystem und in der notwendigen Expansion des Kunstbegriffs. Die Kunst schließt alles, was nicht Kunst ist, aus und indem der Kunstbegriff beinahe auf alles erweitert wird, eben alles ein. Ganz gezielt spielte der Dadaismus mit diesem Paradox, dass alles Kunst sein kann, aber nichts, was nicht Kunst ist. Dabei spielte die Intention des Künstlers die wichtigste und nichtigste Rolle zugleich. Sobald Marcel Duchamps ein Pissoir in ein Museum stellt, greift das Paradox des Dadaismus: Ist es die Intention Duchamps keine Kunst zu machen, so macht er gerade deswegen Kunst, weil er den Kunstbegriff über das Verweigern von Kunstproduktion problematisiert. Andersherum: Will Duchamps Kunst produzieren, so schafft er es nur deswegen, weil er Kunstproduktion ablehnt; nicht weil er zur Produktion von Kunst einen Kunstbegriff zu Rate ziehen muss, der das Produzieren als wesentliches Element der Kunst zum Gegenstand hat. Von beiden Seiten kommt man also nicht aus diesem Dilemma heraus und hier lag das zentrale Wesen des Dadaismus und gleichzeitig sein Potential. Zwischen Kunst und Nicht-Kunst oszilliert steigernd der Kunstbegriff, der Komplexität auf den eben beschriebenen Seiten steigert.
Nach Luhmann bringt diese Art von künstlerischer Vorgehensweise keinen Ertrag im Sinne von Schön/Hässlich. Es ist der reine gesellschaftliche Anschluss, Kunst nur über diesen zu definieren. „Man stellt etwas ins Museum, vollzieht etwas im Museum nicht in direkter, sondern in reflexiver Intention: um zu zeigen, daß dies genügen würde, um es zur Kunst zu machen. Das ist möglich.“ Und weiter: „Allerdings kann auf diese Weise nur das Problem des Anschlusses an das Gebiet der Kunst negiert, nicht auch das Problem der Schönheit gelöst werden.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die historische Avantgarde: Untersucht die Entwicklung von der historischen Avantgarde über den Expressionismus hin zum Dadaismus und beleuchtet die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen dieser Zeit.
2. Kommunikation und Kunst: Analysiert den Wandel der Kunstwerke in Richtung Autoreferentialität und die systemtheoretischen Implikationen für die Kommunikation zwischen Kunst und Gesellschaft.
3. Kunstcodierung und Wahrnehmung: Erörtert die Rolle des Rezipienten, die Funktion von Codes sowie den gezielten Einsatz von Zufall und Sinnverweigerung im Dadaismus.
Schlüsselwörter
Dadaismus, Systemtheorie, Niklas Luhmann, Avantgarde, Kunstsystem, Autopoiese, Sinnverweigerung, Paradox, Rezipient, Kunstbegriff, Kommunikation, Moderne, Ästhetik, Kunstproduktion, Codierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Kunstrichtung des Dadaismus aus einer systemtheoretischen Perspektive, um die gesellschaftlichen, kommunikativen und ästhetischen Faktoren dieser Bewegung zu verstehen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die historische Avantgarde, das Verhältnis zwischen Kommunikation und Kunst, die Autopoiese des Kunstsystems sowie die Rolle von Beobachtung und Sinnkonstruktion.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist die Analyse der These, dass der Dadaismus durch das bewusste Paradox, Kunst als solche durch die Verweigerung von "Nicht-Kunst" zu definieren, den Kunstbegriff theoretisch oszillieren ließ und so eine neue ästhetische Potenz entfaltete.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine systemtheoretische Betrachtungsweise gewählt, insbesondere angelehnt an Niklas Luhmanns Theorien zu sozialen Systemen, Kommunikation und Kunst.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der historischen Voraussetzungen, die kommunikativen Veränderungen des Kunstwerks im Dadaismus und die Analyse der Kunstcodierung sowie der Wahrnehmungsprozesse des Rezipienten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselwörter wie Dadaismus, Systemtheorie, Kunstsystem, Autopoiese, Paradox, Sinnverweigerung und Kunstbegriff fassen den Kern der Arbeit zusammen.
Wie interpretieren die Dadaisten den Begriff "Zufall"?
Im Dadaismus wird der Zufall als künstlerisches Programm genutzt, um die bewusste Kontrolle zu unterminieren und die Komplexität der künstlerischen Reflexion zu erhöhen, wie am Beispiel der "Zerreiß-Gedichte" gezeigt wird.
Warum ist der Rezipient für das Verständnis von Dadaismus so wichtig?
Nach systemtheoretischer Sicht wird die Kommunikation durch das Kunstwerk erst durch den Beobachter (Rezipienten) komplettiert, da dieser in die Sinnproduktion eingebunden ist und das Kunstwerk erst durch seine Beobachtungsleistung im Kunstdiskurs verankert wird.
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- Christopher Klein (Author), 2005, Gesellschaftliche, kommunikative und ästhetische Faktoren der Kunstrichtung des Dadaismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/36018