EINLEITUNG: ERZIEHUNG ALS KUNST
Für Rudolf Steiner soll 'das Erziehen und Unterrichten ... zu einer wirklichen Kunst werden', zur Erziehungs-Kunst, deren 'lebensvolle Grundlage die Geisteswissenschaft sein muß' (nach Berger 1986). Steiner - ganz Kind seiner Zeit - stand damit durchaus im Einklang mit der Kunsterziehungsbewegung als pädagogische Strömung um die Jahrhundertwende.
Kunst spielt in der Waldorfpädagogik in mehrfacher Hinsicht eine entscheidende Rolle, sei es die Auffassung von Pädagogik als Kunstlehre, die Sichtweise von Erziehung als künstlerische Aufgabe, Kunst als integrales Prinzip der Erziehung oder Kunst als Erziehungsmittel.
Es ist schwierig, wirkliche Kunst zu beschreiben und in Worte zu fassen.
Diese Arbeit möchte trotzdem den Versuch wagen, diese Erziehungskunst in ihren Grundzügen zu umreißen. In einem ersten Teil sollen die wichtigsten Grundlagen dieser Kunstlehre benannt werden - im Vordergrund stehen hierbei v.a. Aussagen zur Sichtweise und Entwicklung des Menschen im Vorschulalter. Der Schwerpunkt der Arbeit befaßt sich mit der praktischen Umsetzung dieser Kunstlehre - hier soll ein möglichst umfassendes Bild des täglichen Kindergartenalltags in seinen Grundzügen skizziert werden.
[...]
Inhaltsverzeichnis
RUDOLF STEINER - EIN KURZER BIOGRAPHISCHER ABRISS
1. EINLEITUNG: ERZIEHUNG ALS KUNST
2. GRUNDLAGEN DER WALDORFPÄDAGOGIK
2.1. ERFORSCHUNG UND KENNTNIS DES MENSCHEN
2.2. DER MENSCH ALS DREIGLIEDRIGES WESEN
2.3. DIE VIER LEIBER DES MENSCHEN
2.4. DIE VIER TEMPERAMENTE
2.5. DIE SCHÜTZENDEN HÜLLEN DER MENSCHLICHEN WESENSGLIEDER
2.6. DIE ENTWICKLUNG DER WESENSGLIEDER IM SIEBENJAHRESRHYTHMUS
3. DAS ERSTE JAHRSIEBT - ZENTRALE THESEN
3.1. DAS KIND IST GANZ SINNESORGAN
3.2. LEIB UND SEELE SIND UNTRENNBAR VERBUNDEN
3.3. LERNEN DURCH TUN
3.4. PHYSIOGNOMISCH-WESENHAFTES WELTBILD DES KINDES
3.5. WOLLEN ALS VORHERRSCHENDE SEELISCHE FUNKTION
3.6. DAS KIND LERNT DURCH NACHAHMUNG
4. INNERE STRUKTUR UND ÄUßERER RAHMEN DES KINDERGARTENS
4.1. STRUKTURELLE GEGEBENHEITEN
4.2. BAULICHE BESONDERHEITEN VON ANTHROPOSOPHISCHEN EINRICHTUNGEN
5. ERZIEHERINNENPERSÖNLICHKEIT
5.1. WELTANSCHAULICHER HINTERGRUND UND AUSBILDUNG
5.2. SIXTINISCHE MADONNA ALS URBILD
5.3. ERZIEHERIN ALS MUTTER
5.4. ERZIEHERIN ALS VORBILD
5.5. ELTERNARBEIT
6. PÄDAGOGISCHE GRUNDPRINZIPIEN IM KINDERGARTEN
6.1. ZAUBERWORT: NACHAHMUNG UND VORBILD
6.2. ZAUBERWORT: RHYTHMUS UND WIEDERHOLUNG
6.3. ANTHROPOSOPHISCHE SPIELFÖRDERUNG
6.4. KÜNSTLERISCH-MUSISCHE ERZIEHUNG
7. WALDORFPÄDAGOGIK IM KINDERGARTEN: METAPHYSISCHE KUNSTLEHRE ODER PRAXISNAHE ERZIEHUNGSKUNST?
7.1. STEINERS ERKENNTNISTHEORIE
7.2. ERSTES LEBENSJAHRSIEBT UND EMPIRISCHE WISSENSCHAFT
7.3. KRITIK AN DER WALDORFPÄDAGOGIK - IMPULSE AUS DER WALDORFPÄDAGOGIK
8. AUSBLICK
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit untersucht die Waldorfpädagogik im Kindergarten und stellt die Frage, ob es sich dabei um eine metaphysische Kunstlehre oder eine praxisnahe Erziehungskunst handelt. Dabei wird insbesondere das erste Jahrsiebt des Kindes analysiert und mit wissenschaftlichen Erkenntnissen verglichen.
- Anthroposophische Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik
- Die Rolle des "ersten Jahrsiebts" und die Bedeutung von Nachahmung
- Strukturelle Rahmenbedingungen und die Rolle der Erzieherinnenpersönlichkeit
- Kritische Reflexion der pädagogischen Prinzipien (Rhythmus, Spiel, Vorbild)
Auszug aus dem Buch
Die vier Leiber des Menschen
Weiterhin spricht die Anthroposophie dem Menschen vier Wesensglieder zu (Tab. 1):
Der physische Leib ist ein menschliches Wesensglied, das aus Materie besteht, und in dem chemische und physikalische Kräfte wirksam sind.
Der Ätherleib als zweites Wesensglied des Menschen ist Träger der Wachstums- und Fortpflanzungskräfte, der Gewohnheiten und Neigungen sowie des Gedächtnisses.
Der Astralleib als drittes Wesensglied ist Träger der menschlichen Empfindungen, insbesondere der Lust, Unlust und der Begierden.
Der Ich-Leib als höchstes menschliches Wesensglied ist der Träger des Bewußtseins, der Individualität, des unsterblichen Wesenskerns des Menschen (vgl. Hobmair 1989).
Obwohl man meinen könnte, daß diese in vielen Teilen esoterisch anmutende Wissenschaft eher auf 'Imagination, Inspiration und Intuition' basiert, ist das Schaubild doch auch deutlicher Hinweis auf Steiners Schwäche für 'schöne Systeme, die in mathematischer Ästhetik aufgehen' (Barz 1993).
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: ERZIEHUNG ALS KUNST: Die Einleitung definiert das Ziel der Arbeit, Steiners Erziehungskunst in ihren Grundzügen zu skizzieren und die praktische Umsetzung im Kindergartenalltag zu beleuchten.
2. GRUNDLAGEN DER WALDORFPÄDAGOGIK: Dieses Kapitel erläutert die anthroposophische Menschenkunde, einschließlich der vier Wesensglieder des Menschen und der Siebenjahresrhythmen der Entwicklung.
3. DAS ERSTE JAHRSIEBT - ZENTRALE THESEN: Hier werden die zentralen Annahmen für das erste Lebensjahrsiebt dargelegt, insbesondere das Kind als Sinnesorgan und die Bedeutung der Nachahmung.
4. INNERE STRUKTUR UND ÄUßERER RAHMEN DES KINDERGARTENS: Es wird die Struktur der Waldorfkindergärten beleuchtet, einschließlich der Trägerschaft, der Gruppenstruktur und der anthroposophisch geprägten Architektur.
5. ERZIEHERINNENPERSÖNLICHKEIT: Dieses Kapitel thematisiert das Rollenbild der Erzieherin als Vorbild und Mutter sowie die Bedeutung der Elternarbeit.
6. PÄDAGOGISCHE GRUNDPRINZIPIEN IM KINDERGARTEN: Hier werden die zentralen Prinzipien wie Nachahmung und Vorbild, Rhythmus und Wiederholung sowie die spezifische Spielförderung und künstlerische Erziehung beschrieben.
7. WALDORFPÄDAGOGIK IM KINDERGARTEN: METAPHYSISCHE KUNSTLEHRE ODER PRAXISNAHE ERZIEHUNGSKUNST?: Das Kapitel diskutiert kritisch die Umsetzung der Waldorfpädagogik, vergleicht sie mit empirischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und beleuchtet Pro- und Contra-Argumente der praktischen Anwendung.
8. AUSBLICK: Der Ausblick reflektiert die Frage, inwieweit die Praxis der Waldorfpädagogik von ihrem ideologischen Überbau entkoppelt und als Erziehungskunst interpretiert werden kann.
Schlüsselwörter
Waldorfpädagogik, Rudolf Steiner, Kindergarten, Anthroposophie, Erstes Jahrsiebt, Nachahmung, Vorbild, Erziehungskunst, Menschenkunde, Rhythmus, Spielpädagogik, Erzieherinnenpersönlichkeit, Pädagogische Praxis.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob die Waldorfpädagogik im Kindergarten eher eine metaphysische Kunstlehre darstellt oder ob sie als praxisnahe Erziehungskunst für den Alltag verstanden werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die anthroposophischen Grundlagen des Menschenbildes, die Prinzipien der Nachahmung und des Rhythmus, die Rolle der Erzieherin sowie die praktische Gestaltung des Kindergartenalltags.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist eine fundierte Analyse der Waldorfpädagogik im Vorschulbereich, um deren Konzepte kritisch zu hinterfragen und deren Anwendbarkeit als Erziehungspraxis zu prüfen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literatur- und Theorieanalyse der anthroposophischen Schriften und vergleicht diese mit entwicklungspsychologischen Erkenntnissen und empirischen Ansätzen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die theoretischen Grundlagen (Wesensglieder), zentrale Thesen zum ersten Lebensjahrsiebt, die strukturellen Rahmenbedingungen von Waldorfkindergärten sowie die praktischen Erziehungsprinzipien ausführlich dargestellt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Waldorfpädagogik, Anthroposophie, Nachahmung, Vorbild, Erziehungskunst und Erstes Lebensjahrsiebt.
Wie wird die Rolle der Erzieherin in einem Waldorfkindergarten beschrieben?
Die Erzieherin wird als Vorbild und Mutterfigur gesehen, deren Handeln eine "rechte Gesinnung" erfordert und die durch eigenes, sinnvolles Tun im Alltag die Entwicklung der Kinder maßgeblich beeinflusst.
Welches Fazit zieht die Autorin bezüglich des ideologischen Überbaus?
Die Autorin stellt die Frage, ob es berechtigt und sinnvoll ist, die pädagogische Praxis der Waldorfpädagogik von ihrem okkulten, ideologischen Überbau zu trennen, um sie als entideologisierte Erziehungshilfe zu nutzen.
- Quote paper
- Ulrike Roppelt (Author), 1996, Waldorfpädagogik im Kindergarten: Metaphysische Kunstlehre oder praxisnahe Erziehungskunst?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/3607