Über Bertolt Brechts: Das Lehrstück


Seminararbeit, 2004
16 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Begriffserklärung

2. Zur Theorie des Lehrstücks

3. Lehrmethode und Funktion

4. Durchführung
a. Verfremdung und Einfühlung
b. Das Lehrstück als Amateurtheater
c. Spielgerüst und Requisiten

5. Lehrziele

6. Große und Kleine Pädagogik

Schluss

Literaturverzeichnis

Einleitung

Im Folgenden wird die von Brecht geprägte und entwickelte, als Lehrstück bezeichnete Theaterform vorgestellt werden. Mit dem Lehrstück unternimmt Brecht den Versuch, in Zeiten des Kapitalismus und all ihren Effekten, ein neues Theater- bzw. Publikumsverständnis zu generieren.

Die Arbeit möchte in Grundzügen das Lehrstück, wie es Brecht und spätere Interpreten verstanden[1], unter folgenden Gesichtspunkten näher erläutern.

Schon die Definition des Lehrstücks, die im ersten Punkt wiedergegeben wird, zeigt die Begriffsschwierigkeiten, die sich auch –wie gezeigt wird- auch bei anderen Aspekten des Lehrstücks fortsetzen, deutlich. Der Definition des Lehrstücks wird sich die Vorstellung der Theorie des Lehrstücks anschließen, die weitestgehend auf den Erkenntnissen und dem Ansatz von Reiner Steinweg basiert.

Auf die Merkmale des Lehrstückes, die im Sinne Brechts als spezifisch für es galten, wird im nächsten Punkt eingegangen (3.). Wie das Lehrstück gelehrt und welche Funktion –hier ist der Begriff der Dialektik von zentraler Bedeutung- es dabei haben konnte, wird unter Punkt vier nachgegangen werden. Im nächsten Abschnitt will ich dann auf die Durchführung, d.h. was das Lehrstück in der Aufführung zum Lehrstück machte, zu sprechen kommen. Hierbei wird vor allem auf die Techniken der Verfremdung und Einfühlung eingegangen, auch wird Brechts Ansicht, dass das Lehrstück als Amateurtheater, dass ohne allzu viel „Spielgerüst und Requisiten“ auszukommen habe, eingegangen werden.

Dem wird sich im nächsten Punkt (6) die Darstellung des Lehrzieles (oder Lernzieles?) anschließen. Dies soll exemplarisch anhand von zwei (Lehr-) Stücken, nämlich „Flug des Lindberghs“ und „Die Maßnahme“ veranschaulicht werden.

Punkt sieben widmet sich dem ebenso nicht gänzlich widerspruchsfreien Begriffspaar „Kleine“ und „Große Pädagogik“, die nach Brecht helfen sollten, das Lehrstück in die Realität umzusetzen.

Im letzten Punkt wird dem Lehrstück das Schaustück gegenübergestellt. Die von Forschern häufig konstatierte Begriffsunklarheit findet wohl in diesem Vergleich ihren Höhepunkt.

Abschließen wird die Arbeit schließlich mit einer kurzen Zusammenfassung.

1. Begriffserklärung

Bertolt Brecht führte erstmals den Begriff „Lehrstück“ beim Badener Kammermusikfest 1929 ein, wo die beiden ersten Lehrstücke aufgeführt wurden, und hat sich bis 1956 theoretisch mit dem Lehrstück beschäftigt.[2] Dieser Begriff sorgte in damaliger Zeit, aber auch heute noch für Verwirrung und Unklarheit. Autoren, wie z.B. Georg Lukacs[3] haben diesen Begriff auf alle –Brecht-Stücke bezogen, die seit Ende der zwanziger Jahre existierten und „die eine Lehre zu enthalten schienen“[4]. Brecht selbst hat aber nur 6 seiner Stücke als Lehrstücke bezeichnet, diese waren:

„Der Flug der Lindberghs“ (nach 1945 umbenannt in „Der Ozeanflug“), „Das Badener Lehrstück vom Einverständnis“, „Die Maßnahme“, „Die Ausnahme und die Regel“, „Die Horatier und die Kuratier“ und „Der Jasager/Der Neinsager.“[5]

2. Zur Theorie des Lehrstücks

Reiner Steinweg, der Autor des Werkes „Das Lehrstück“ definiert das Lehrstück folgendermaßen:

Das Lehrstück lehrt dadurch, dass es gespielt, nicht dadurch, dass es gesehen wird. Prinzipiell ist für das Lehrstück kein Zuschauer nötig, jedoch kann er natürlich verwendet werden. Es liegt dem Lehrstück die Erwartung zugrunde, dass der Spielende durch die Durchführung signifikanter Situationen bestimmter Haltungen, Wiedergabe bestimmter Reden usw. gesellschaftlich beeinflusst werden kann.[6]

Diese Situationen müssen bestimmt sein, das heißt klar umrissen, voneinander isolierbar, weil sie nur so beurteilt und nachgeahmt werden können. Kurz könnte es als „Reproduzierbarkeit durch Jedermann“ umgeschrieben werden.

“Diese Bezeichnung gilt nur für Stücke, die für die Darstellenden lehrhaft sind. Sie benötigen so kein Publikum.“[7]

Steinweg bezeichnet „ Spielen für sich selber ohne Publikum“ als Basisregel. Die Spieler belehren sich selbst. Sie lernen durch die Bewusstmachung ihrer Erfahrungen, das Lehrstück dient dabei als Lehrmittel. Das bezieht sich nicht nur auf den berufsmäßigen Schauspieler, sondern auch auf Laien (z.B. Arbeiterchöre, Laienspielgruppen, die „weder für Kunst bezahlen noch für Kunst bezahlt werden, sondern Kunst machen wollen“[8] , die Haltungen einüben, ausprobieren und spielend verhalten (Ausführung einzelner Verhaltens- und Rede-Muster), und nicht an der Darstellung einer Persönlichkeit interessiert sind.[9]

So benötigt das Lehrstück das eigentliche Theater nicht, es soll das Denken der daran Beteiligten beeinflussen, es findet für die Mitwirkenden statt, es handelt sich weniger um Kunst für Konsumenten als um Kunst für Produzenten. Steinweg fügt der Basisregel die Realisationsregel hinzu.

Die Realisationsregel umschreibt er als „grundsätzlicher Verzicht auf das Individuum“. Das bedeutet „ästhetische Maßstäbe für die Gestaltung von Personen, die für die Schaustücke gelten, sind beim Lehrstück außer Funktion gesetzt .“[10] Das heißt: Das Lehrstück gestaltet keine Individuen, keine durch Schauspieler repräsentierten Figuren.

Die Basisregel und die Realisationsregel kommen zusammen, weil niemand da ist vor dessen Augen der Darsteller eine Figur entstehen lassen könnte.[11] Bei Brecht existiert das Publikum entweder gar nicht oder bekommt eine große, aktive Rolle, d.h. sie sind in die Übung/in den Lernprozeß mit einbezogen.

Hierzu gibt es mehrere Wege. Möglichkeiten solcher Verwertung des Publikums wären etwa: Diskussionen, per Fragebogen um Stellungnahme abzufragen, Wechselgespräche zwischen den Chören und den Zuschauern wie z.B.: im „Baden –Badener Lehrstück vom Einverständnis“, wo die Zuschauer ihre Rolle während der Aufführung einstudieren.[12] Wenn die Zuschauer da sind, dann sollten sie ihre Fähigkeit des Beobachtens, Beurteilens und Denkens steigern. Die Vorgänge müssen bis zu einem gewissen Grad unverständlich sein, damit der Verstand der Zuschauer gereizt wird, um in diese eine Ordnung hineinbringen zu können.

[...]


[1] Die zum Teil, manchmal unklare, unabgegrenzte und damit doch recht ungenaue Begriffswelt Brechts hat es den Zeitgenossen und späteren Interpreten und nicht zuletzt mir, nicht gerade leicht gemacht, zu verstehen, was das Lehrstück von anderen „Stücken“, etwa dem epischen Theater, denn so genau abgrenzt. Siehe weiter unten.

[2] Siehe Reiner Steinweg: „Das Lehrstück, ein Modell des sozialistischen Theaters, Brechts Lehrstücke“, in: Alternative, 14. Jg. (1971) Heft 78/79 der Gesamtfolge, S. 104.

[3] Reiner Steinweg: Das Lehrstück, Brechts Theorie einer politisch-ästhetischen Erziehung, Stuttgart 1972, S. 79.

[4] Ebd. S. 78.

[5] Vgl. Jan Knopf: B recht –Handbuch: Theater. Eine Ästhetik der Widersprüche, Stuttgart 1980 S. 417.

[6] Knopf, J., S. 417.

[7] Knopf, J., S.419. (Hervorhebung von J.K.)

[8] Steinweg, Reiner: Das Lehrstück, Brechts Theorie einer politisch-ästhetischen Erziehung, Stuttgart 1972, S. 167.

[9] Knopf, J. 419.

[10] Knopf, J. S. 419. (Hervorhebung von J.K.)

[11] Knopf, J. S. 419.

[12] Steinweg, R. (1971) S.104.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Über Bertolt Brechts: Das Lehrstück
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1
Autor
Jahr
2004
Seiten
16
Katalognummer
V36119
ISBN (eBook)
9783638358408
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bertolt, Brecht, Lehrstück
Arbeit zitieren
Enikö Zseller (Autor), 2004, Über Bertolt Brechts: Das Lehrstück, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/36119

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