Jüdische Figurenkonzepte in Taboris Weisman und Rotgesicht


Hausarbeit, 2003

15 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Zentrale Thematik taborischer Bühnenarbeit
2.1. Shoa in Taboris Werk
2.2. Jüdische Figurenkonzepte bei Tabori

3. Die jüdische Thematik in Weisman und Rotgesicht

4. Drei Opfertypen
4.1. Opfer-Täter- Relation
4.2. Weisman
4.3. Rotgesicht
4.4. Ruth

5. Der Zusammenhang zwischen Kommunikation und Figurenkonzeption

6. Der Zusammenhang zwischen Gattungsbezeichnung und Figurenkonzeption

7. Die Frage nach der Emanzipation der Figuren
7.1. Das Duell
7.2. Weisman
7.3. Rotgesicht
7.4. Ruth

8. Schlussbetrachtung

1. Einleitung

In der vorliegenden Arbeit sollen Konzeptionen jüdischer Identität analysiert werden. Der näheren Betrachtung dient hier George Taboris Theaterstück Weisman und Rotgesicht. Zunächst möchte ich auf das in Taboris Werk immer wiederkehrende Sujet der Shoah und seinen theaterästhetischen Umgang mit diesem eingehen. Darauf aufbauend wird erläutert wie Tabori jüdische Identität im Allgemeinen gestaltet. Die spezifische Judenthematik und inhärente Konflikte in „Weisman und Rotgesicht“ werden anschließend offengelegt. Neben der für Tabori charakteristischen Opfer-Täter-Konstellation, sollen zusätzliche Dimensionen wie die des sozialen Konflikts zwischen Minderheiten oder die Identitätsproblematik für die 2. Generation nach Auschwitz beleuchtet werden. Dies wird exemplarisch an den drei Hauptfiguren des Stückes passieren. Wichtig scheint mir auch den Zusammenhang zwischen Figurenkonzeption und Kommunikation herauszustellen, da sich Identität in Kommunikationsformen spiegelt. Ebenso beziehe ich mich auf den Zusammenhang zwischen Figurenkonzeption und Gattungsbezeichnung, denn mit der von Tabori selbstdefinierten Gattungsbezeichnung „jüdischer Western“ werden bestimmte Charakteristika und Handlungsräume von Figurentypen vorherbestimmt. Nachdem die einzelnen Identitäten der verschiedenen Figuren und ihr Zusammenspiel erläutert wurden, gehe ich, am Beispiel der drei Hauptfiguren auf Strategien der Emanzipation von stereotypen und klischeebehafteten Identitäten ein.

2. Zentrale Thematik taborischer Bühnenarbeit

2.1. Shoah in Taboris Werk

Der Holocaust an den europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland steht im Zentrum der Theaterstücke von George Tabori. Taboris Werk zirkuliert immer um die gleichen Motive: Erniedrigung, Massenvernichtung, Außenseitertum und Vergangenheitsbewältigung, um Themen, die in engem Zusammenhang mit seiner eigenen Lebensgeschichte stehen. Seit Jahrzehnten beschäftigt er sich mit der Darstellbarkeit und Vergegenwärtigung der Shoah in seinen Theaterstücken, indem er versucht die Versehrungen der Verfolgten auf psychischer, sozialer und kultureller Ebene zu versinnlichen. Wahre Erinnerung ist laut Tabori nur durch sinnliches Erinnern möglich.1 Seine Stücke sind Erinnerungsspiele, die das Stigma Shoah tragen. Tabori hat ein „Lebensthema entwickelt, das im Spannungsfeld von Exil, Emigration und prae- und post Shoah steht“.2 Sein zentrales Erkenntnisinteresse gilt der Frage nach der Kommunizierbarkeit des Holocaust. Der Problemkomplex Vergangenheit und Bewältigung wird von Tabori neu interpretiert. Kässens und Gronius prägten in dem Zusammenhang von Taboris Theaterästhetik den Begriff „Theater der Peinlichkeit“. Tabori selbst fügt hinzu: „(...) großes Theater ist nun mal eine Peinlichkeit, da es die zerschundene Nacktheit vorzeigt“.3

2.2. Jüdische Figurenkonzepte bei Tabori

Taboris Theaterästhetik spiegelt sich in der Darstellung seiner jüdischen Figuren wieder, indem er kein philosemitisches Judenbild, keine idealisierte Darstellung von Juden, aufgreift. Dies bedeutete entwicklungsgeschichtlich zugleich einen Bruch mit dem herkömmlichen Umgang der Judenthematik im Theater.

In Weisman und Rotgesicht sowie in anderen Stücken von Tabori treten vom Holocaust gezeichnete jüdische Figuren auf. Taboris Juden verkörpern den Typus des Außenseitertums, in dem sich die jahrhundertealte Leidensgeschichte mit den kollektiven Ängsten auf der einen Seite und das persönliche Schicksal mit den individuellen Erinnerungen und Leiden, manifestiert. Taboris Ansatz bei der Darstellung jüdischer Figuren ist ein anthropologischer. Er erklärt seine „Vorliebe der Anthropologie gegenüber der Ästhetik“4. Der Theatermacher Tabori stellt den Menschen in seiner Komplexität mit seinen Schwächen und Abgründen dar, ohne diese zu psychologisieren. Seine Protagonisten dürfen unverschämt, verzweifelt, sprunghaft, aggressiv oder kreatürlich sein und sie sind fast immer geschmacklos. Diese jüdischen Figuren sind auch witzig, absurd oder grotesk. Mit „Witz“ und „absurd“ meint Tabori jedoch nicht Missachtung .5 Tabori mimt nicht das lamoryante, das demütige Opfer, mit dem man Mitleid empfinden, an dem man das kollektive Schuldgefühl, wenn es denn existiert, aufhängen kann wie den Mantel am Kleiderhaken.6 George Tabori zeigt Juden meist nicht wie sie sind, sondern wie sie gesehen werden von ihren Feinden, und von sich selbst. „Ich wäre kein Jude, wenn mich die Deutschen nicht daran erinnert hätten“7, schrieb Geroge Tabori in seinem Essay. Er kommuniziert damit, das ein Reden über Juden ohne das Bewusstsein von Auschwitz kaum möglich erscheint. Das Selbstbild des Juden in Taboris Stücken wird maßgeblich geprägt von einem Stereotyp, einem Bild, das der Gegner von einem entworfen hat. Einige Figuren Taboris können sich aus dieser Stigmatisierung nicht befreien. Statt sie zu überwinden, machen sie diese zum zentralen Bestandteil ihrer Identität. Taboris jüdische Protagonisten beginnen erst unter dem Druck der Bedrohung, sich als Juden zu konstituieren. Ihr Verhältnis zum Judentum ist ambivalent. Jüdische Kultur und Lebensweisen kennen Taboris Figuren meist nur in Form von Klischees und Versatzstücken. Tabori spielt mit dem antisemitischen Klischee der Juden. Ein gemeinsamer Bann zwischen allen jüdischen Figuren ergibt sich aus ihren Erfahrungen als Erniedrigte und Verfolgte, wodurch sie sich auf die Opfer- und Leidensgeschichte des gesamten Judentums besinnen. Tabori bezieht zwei Gruppen in seine Konzeption jüdischer Identität mit ein. Zum einen die, die in direkter Beziehung zur Vergangenheit, zum Holocaust stehen und noch heute unter den erlittenen Erfahrungen zu leiden haben- die Opfer. Die zweite Gruppe sind die Nachgeborenen, die von der unvollständigen Erinnerungsarbeit in Mitleidenschaft gezogen werden- die Kinder der Opfer. In vielen spielerischen und witzig-grotesk überzeichneten Situationen offenbart sich ihre Beziehung zum Judentum als Quelle sowohl von Unsicherheit als auch von Selbstbehauptungswillen.8

3. Die jüdische Thematik in Weisman und Rotgesicht

Die Titelhelden Weisman und Rotgesicht, sowie Ruth sind Karikaturen jüdischer Identitäten, die durch die Ereignisse des Holocaust geprägt wurden. Neben der immer wiederkehrenden Judenthematik ergänzt Tabori seinen „jüdischen Western“ um die Dimension des sozialen Konflikts zwischen Minderheiten.

Ein Jude und ein vermeintlicher Indianer, zwei Außenseitertypen, die auf zwei der größten Verbrechen verweisen (Holocaust an den deutschen Juden und die Ausrottung der indianischen Ureinwohner Nordamerikas), treffen in der Wüste aufeinander. Der Problemkomplex wird erweitert durch die mongoloide Tochter Weismans. Es begegnen sich hier drei Opfertypen, Stereotypen, jeder von ihnen bekannt mit Außenseitererfahrungen, die Juden mit Indianern und Mongoloiden (auch sie wurden im NS-Deutschland systematisch ausgerottet) teilen. „There are satisfactions in being a victitm”9, schreibt Tabori 1967 in einem Brief. In diesem Zitat lässt sich unschwer die Programmatik von Weisman und Rotgesicht wiedererkennen.

Das Stück vermittelt „Konzeptionen jüdischer Identität, die aus der Negation selbstbestimmter Existenz erwachsen sind, und thematisieren damit ein verbreitetes Post-Shoa-Syndrom“10. Die jüdischen Identitäten Weisman und Rotgesicht sind solche, die sich aus Elementen einer Fremdzuweisung zusammensetzen. Anstatt einer Solidarisierung mit Rückbesinnung auf gemeinsame Erfahrungen als Opfer, entfacht zwischen Weisman und Rotgesicht ein grotesker Wettstreit des Leidens. Beide Figuren definieren ihre Identität primär durch ihren Opferstatus. Ihr Denken in eingeübten Klischees und Vorurteilen verhindert ein Aufeinanderzugehen. Taboris jüdische Figuren bedienen sich Stereotypen. Sie tragen ihre eigene Identität nicht selbstbewusst nach Außen. Solche Stereotypen liefern eine Funktionsgestalt des Verhaltens anderen gegenüber. Die Assimilation an Stereotypen dient als eine Art Maske, die äußere Bedrohungen abschirmen soll. Auf diese Bedeutung von Darstellung und Maskierung verweist Tabori in seinem Essay „Hamlet in Blue“. Konfliktsituationen, in denen das kritische Selbstbewusstsein gereizt wird, können den Menschen zu einer Demaskierung zwingen, er tritt dann hinter seinen routinierten Verhaltensmustern hervor.

In „Weisman und Rotgesicht“ behandelt Tabori die Frage wie Stereotype und Klischees des Judentums überwunden werden können und wie sich die Nachfolgegeneration von den Fängen einer vorbestimmten Opferrolle emanzipieren kann.

4. Drei Opfertypen

4.1. Opfer-Täter- Relation

Tabori spielt wiederholt mit dem Opfer-Täter-Motiv, das von seinen jüdischen Figuren ein differenziertes oder auch negatives Bild entwirft, und entwickelt damit eine Abkehr vom etablierten philosemitischem Judenbild. Diese Dualität, das seine Figuren Opfer und Täter in einem sind, zählt in allen taborischen Stücken zu den Grundlagen des Spiels. Die Umkehrung von Opfer- und Täterrolle wird auch in Weisman und Rotgesicht exemplarisch deutlich. Nicht zuletzt bietet Tabori damit eine Strategie der Überwindung stereotyper Identitäten.

[...]


1 Vgl. Tabori, George: Unterammergau oder die guten Deutschen, S. 202

2 Guerrero, Chantal: S. 25

3 Tabori, George: Betrachtungen über das Feigenblatt, S. 53.

4 Tabori, George: „Wenn die Leute vom Theater reden...“, S. 26

5 Vgl. Tabori, George: Unterammergau oder die guten Deutschen. „Ich finde die Bibel komisch, weil:

things go always wrong darin, ein wahres Bild unserer Existenz. S. 26

6 Rothschild, Thomas: S.7

7 Tabori, George: Unterammergau oder die guten Deutschen, S. 26

8 Strümpel, Jan: Einstein, Auschwitz, gefillte Fisch, S. 17.

9 Tabori, George in einem Brief an Mr. Handman vom 4.7.1967, zitiert nach Höyng 1997, S. 25.

10 Strümpel, Jan: Vorstellungen vom Holocaust. George Taboris Erinnerungs-Spiele, S.162.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Jüdische Figurenkonzepte in Taboris Weisman und Rotgesicht
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
2,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
15
Katalognummer
V36128
ISBN (eBook)
9783638358453
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jüdische, Figurenkonzepte, Taboris, Weisman, Rotgesicht
Arbeit zitieren
Silke Weber (Autor), 2003, Jüdische Figurenkonzepte in Taboris Weisman und Rotgesicht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/36128

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