Inventions- und Innovationsprozesse im Kaiserreich: Das Beispiel der chemisch-pharmazeutischen Industrie anhand der Firma Bayer


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
25 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Problemstellung und Gang der Untersuchung

2. Die Entwicklung der chemisch-pharmazeutischen Industrie des 19. Jh. in Deutschland
2.1 Die gesellschaftliche und wirtschaftliche Situation
2.2 Ursprünge der Chemie
2.3 Entstehung der Chemie im Zeitalter der „Industriellen Durchdringung in Deutschland“ (1870/71 – 1913)

3. Anreizmechanismen für Innovationen und Inventionen
3.1 Einfluss der wirtschaftlichen Entwicklung auf die chemische Industrie
3.2 Der komparative Wettbewerbsvorteil der deutschen chemischen Industrie gegenüber dem Weltmarkt
3.3 Die Organisation der Unternehmen
3.4 Die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Industrie
3.5 Der Einfluss von Seiten des Staates

4. Die chemisch-pharmazeutische Industrie am Beispiel der Firma Bayer
4.1 Milestones der Firma Bayer während des Kaiserreiches.
4.2 Die Teerfarbenindustrie
4.3 Von der Chemie zur Pharmazie – Die ersten Arzneimittel
4.4 Dreibund, Dreiverband und die I.G. Deutsche Teerfarben
4.5 Die Kriegsjahre und ihre Auswirkungen auf Bayer

5. Quellen- und Literaturverzeichnis

6. Anhang

1. Problemstellung und Gang der Untersuchung

Zur Zeit des deutschen Kaiserreichs (1871 – 1918) wurden im chemisch-pharmazeutischen Sektor eine Reihe großer Unternehmen gegründet, welche noch immer führende Unternehmen dieser Branche sind. So werden Firmennamen wie Bayer, Schering und BASF heute wie damals als Synonym dieser Industrie genannt und für das Vorantreiben wichtiger Inventions- und Innovationsprozesse verantwortlich gemacht.

Die Entwicklung des anfänglich kaum vorhanden Industriezweiges zu einem einflussreichen Wirtschaftssektor wurde anhand gewisser Anreizstrukturen begünstigt. Zu zeigen gilt, inwieweit konkret getroffene Maßnahmen den industriellen Aufschwung begünstigt, aber auch geschwächt haben. Ebenso werden die Auswirkungen der jeweils vorherrschenden konjunkturellen Lage auf die chemische Industrie beleuchtet. Des Thema lässt es zu, die Bearbeitung aus dem Blickwinkel des technologischen Werdegangs und der wirtschaftlichen Entwicklung zu betrachten. Aus diesem Grund wird der technische Fokus im Folgenden vernachlässigt und vermehrt der Einfluss der wirtschaftlichen Entwicklung betrachtet.

Den Hintergrund der Untersuchung stellt die Entstehung der Chemie und deren bedeutendste Errungenschaften im Kaiserreich aus wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Sicht dar. Auf Basis dieser Ergebnisse wird der Einfluss „erfindungsfreundlicher“ Rahmenbedingungen auf Innovationen und Inventionen dargestellt.

Ausgehend von den jeweils herrschenden Konjunkturzyklen werden Einflussfaktoren wie die ausländische Konkurrenz, die innerbetriebliche Organisation der Unternehmen, die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Industrie sowie staatliche Maßnahmen aufgegriffen. Abschließend werden die Auswirkungen dieser Anreizmechanismen am konkreten Beispiel der Firma Bayer untersucht.

2. Die Entwicklung der chemisch-pharmazeutischen Industrie des 19. Jh. in Deutschland

2.1. Die gesellschaftliche und wirtschaftliche Situation

Die gesellschaftliche Situation bis ins 19. Jahrhundert war geprägt von der Landwirtschaft, die annähernd zwei drittel der Bevölkerung ernährte. Mit der stetigen Zunahme der Einwohner, die bis zum Ende des Kaiserreichs anhielt, kam es zu verheerenden Hungerkatastrophen und Massenauswanderungen, wie Tabelle 1.1 belegt. Zurückzuführen ist diese Bewegung auf das Missverhältnis zwischen Bedarf und Produktion, was schließlich als Wirtschaftskrise von 1847 in die deutsche Geschichte einging.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1.1:Quelle: Hohorst, G. u.a. (1978), Sozialgeschichtliches Arbeitsbuch 2:

Materialen zur Statistik des Kaiserreichs 1870-1914, München: Beck, S. 23

In der Zeit zwischen 1850 bis 1873 setzte eine Besserungsphase ein, die letztendlich zu einem industriellen Aufschwung führte. Kriegerische Ereignisse (der deutsch-dänische Krieg 1864 und der preußisch-österreichische Krieg 1866) vor der Reichsgründung hatten keine nennenswerten Auswirkungen auf die chemische Industrie. Die Reichsgründung 1871 unterstütze den industriellen Aufschwung, der in überwiegend durch den Aufstieg der chemischen Technik, sowie einer hochelastische Nachfrage bestimmt war.

Die Konjunkturentwicklung während des nachfolgenden Kaiserreichs (1871 – 1918) lässt sich in drei wirtschaftliche Phasen einteilen. Auf die als „Gründerzeit“ bekannte Phase der Hochkonjunktur, die bis 1873 anhielt, folgte eine Stockungsphase von 1873 bis 1895 („Große Depression"). Gegen Ende des Kaiserreichs kam es dann erneut zu einem Aufschwung von 1895 bis 1914 1).

Die Auswirkungen der einzelne Phasen auf die Entwicklungen der chemischen Industrie werden später im Abschnitt 3.1. ausführlich erörtert. Die Zeitspanne nach 1914 galt für die aufstrebende Wirtschaft als ungünstige Ära. Das primäre Überleben der Fabriken wurde von der Umstellung der Produktion auf Kriegsbedürfnisse und den Folgen der Niederlagen geprägt.

2.2. Ursprünge der Chemie

Bis zum Beginn der „Industriellen Durchdringung“ (1871 – 1914) basierte die Chemie hauptsächlich auf den drei Grundchemikalien: Schwefelsäure, Soda und Chlor 2). Die ersten chemischen Fabriken waren im Zusammenhang mit Gerbereien, Färberein und Apotheken nur vergrößerte Handwerksbetriebe mit meist weniger als zehn Mitarbeitern 3).

Die alltägliche „chemische“ Arbeit befasste sich rein mit Forschungen auf dem Gebiet der bisher bekannten Grundstoffen. Erst allmählich wurde begonnen, die anfallenden nicht verwertbaren Nebenprodukte (wie Salzsäure, Leuchtgas, Ammoniak, Steinkohlenteer etc.) zu erforschen. Aus diesen Gegebenheiten entwickelte sich der sogenannte „Multiplikationseffekt“4), mit dem die stetige Erforschung und Verwertung bisher nutzloser Stoffe beschrieben wird.

Die Geschichte der Chemie des 19. Jahrhunderts lässt sich grob in drei Abschnitte gliedern. Während in der Zeit von Lavoisier bis 1830 vor allem der Beginn der anorganisch chemischen Industrie begründet wurde, gilt der Abschnitt von 1830 bis 1865 als die Zeit von Liebig und Wöhler (Beginn einer wissenschaftlich organischen Chemie und einer organisch-chemischen Industrie). Ab 1865 beginnt mit Kekule die Entstehung der Teerfarben- und pharmazeutisch-chemischen Industrie 5).

2.3. Entstehung der Chemie im Zeitalter der „Industriellen Durchdringung“ (1870/71 – 1913)

Während dieser Zeit wuchs ein kaum existenter Industriezweig binnen vierzig Jahren zu einer global führender Weltindustrie heran. Diese Entwicklung verlief zeitgleich mit einem wirtschaftlichen Aufschwung (siehe Abschnitt 2.1.).

Der Anstoß für dieses Wachstum ging von der Verwertung des in Übermengen vorhanden Teers aus, welcher bei der Verbrennung von Koks als Abfallprodukt übrig blieb. Experimente auf diesem Gebiet führten letztlich zu der zufälligen Entdeckung des Farbstoffs „Mauvein“ (1856 William Henry Perkin) 6). Diese Invention wirkte sich positiv auf die Textilindustrie aus und bestimmte in zunehmendem Maße die Forschung. Steigende Bedürfnisse nach gefärbter Kleidung konnten mittels der bisherigen Technik nicht befriedigt werden. Dadurch wurde die Herstellung chemischer Textilhilfsmittel zunächst zur größten Aufgabe der chemischen Industrie, so dass sich im Schatten von Textilbetrieben die ersten chemischen Fabriken entwickelten 7).

Die Entwicklungsgeschichte synthetischer Farbstoffe seit Mitte der 60er hatte folgenden Werdegang. Begonnen bei der Synthese des Krapp-Farbstoffes Alizarin, über die Entdeckung der Azo- und Schwefelfarben führte schließlich die Herstellung des synthetischen Indigos zum Höhepunkt der damaligen wissenschaftlichen Entwicklung der Farbenindustrie 8).

Während dieser Beginn der chemischen Industrie rein auf der Befriedigung von Bedürfnissen aufbaute, bildete sich in den kommenden Jahren ein regelrechter „Trend zum Erforschen“. Der neue deutsche „Volkssport Erfinden“ lieferte Zufallsprodukte in vielen industriellen Bereichen und die Gesellschaft stand diesen aufnahmefreudig und konsumbereit gegenüber.

So wurden z.B. im pharmazeutischen Bereich Forschungseinrichtungen der Teerfarbenindustrie zur Heilmittelforschung genutzt. Ergebnisse waren eine Vielzahl zufällig entdeckter Arzneimittel zur Behandlung von Volkskrankheiten (Pest, Tuberkulose, Fieber etc.).

Des weiteren stießen die Chemiker – ausgehend von den oben genannten Grundchemikalien – im Bereich der anorganischen Großchemie auf neue Verfahren, welche die Soda-, Schwefelsäure- und Chlorproduktion effizienter gestalteten. Der Übergang vom Leblanc- zum Solvay-Prozess für die Produktion von Soda, sowie das Bleikammerverfahren (1890) und die Salpetersäuresynthese (1914) zählen dabei zu den bekanntesten Neuerungen dieser Zeit 9).

Die Düngemittelindustrie spielte ebenfalls eine entscheidende Rolle in der Entwicklung der Chemie. Ausgehend von dem oben genannten Bevölkerungszuwachs, bot die Düngemittelforschung hilfreiche Mittel zur Behebung des Versorgungsproblems mittels Innovationsprozesse im Düngemittelverfahren. Hervorzuheben ist Justus von Liebig, der als erster erkannte, „dass es vor allem Stickstoff, Phosphor und Kali waren, die, wenn von jedem ein Mindestmaß vorhanden war, für ein erweitertes Pflanzenwachstum sorgten“10).

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass der Erfindergeist dieser Ära ein enormes Ausmaß an Neuerungen in allen Bereichen des chemischen Sektors mit sich brachte. Für eine übersichtliche Auflistung der bedeutendsten Forschungsergebnisse dieser Zeit ist auf den Anhang zu verweisen. Des weiteren werden firmenspezifische Entwicklungen im Abschnitt 4. ausführlicher dargestellt.

3. Anreizmechanismen für Innovationen und Inventionen

3.1. Einfluss der wirtschaftlichen Entwicklung auf die chemische Industrie

Der Beginn der „Industriellen Durchdringung“ 1871 erfolgte parallel zum wirtschaftlichen Boom in den Gründerjahren. Angeregt durch die anfänglichen Verfahren zur Beseitigung der herrschenden Missstände (siehe oben), bedingte die langsam aufblühende Wirtschaft weitere Forschungs-bestrebungen. Dieser Prozess wurde durch das anhaltende Bevölkerungswachstum und die damit wachsenden Bedürfnisse vorangetrieben. Die dazu nötigen finanziellen Mittel, die den Wirtschaftskreislauf ankurbelten, waren unter anderem aufgrund der zu erwartenden 5 Milliarden Goldmark aus französischen Reparationsleistungen gesichert 11).

In diesem Expansionsprozess war die Chemieindustrie einer der neuen Wachstumsträger und verhalf somit zur allgemeinen Steigerung des Wohlstandes. Die Bereitstellung chemischer Hilfsstoffe hatte nicht nur zum Aufschwung der Textilindustrie und dadurch zur beginnenden Industrialisierung beigetragen, sondern durch eigene Entwicklungen und Innovationen die Wirtschaft vorangetrieben sowie Hilfestellung bei Inventionsprozessen anderer Wirtschafts- und Wissenschaftszweige geleistet.

Die wirtschaftlichen Voraussetzungen für Erfolge der Teerfarbenindustrie waren ab 1873 weniger günstig, da nach zwei Jahrzehnten fast ständiger Hochkonjunktur eine Banken- und Gründerkrise eintrat. Dieser Prozess kann als logische Reaktion des Wirtschaftsgeschehens auf die Zunahme des Warenvolumens und die simultane Vergrößerung des Marktes. Bei gleichen Produktionskosten und steigenden Aufwendungen im Forschungs- und Entwicklungsbereich führten sinkende Marktpreise zu stark rückläufigen Wachstumsraten und teilweise kompletten Gewinnausfällen. Das somit resultierende Ausleseverfahren wird in der Fachliteratur als „große Depression“ bezeichnet und stellte oft das „Ende“ für viele Fabriken dar. Retrospektiv lässt sich diese Situation als ökonomisch, natürlicher „Reinigungsprozess“ darstellen.

Die Auswirkungen des wirtschaftlichen Verfalls auf den chemischen Sektor wurden durch teilweise zufällig vorhandene Strukturen abgeschwächt. Neben der Stabilität der Unternehmen, bedingt durch unternehmerische Größe und hohe Finanzkraft, sowie den Vorteilen der Spätentwicklung (economic backwardness), welches das Lernen aus den Fehlern anderer ermöglichte, war auch die Nutzung patentrechtlicher Vorteile, die dem Schutze der entwickelten Produkte dienten von Bedeutung 12).

Auch das wirtschaftlich antizyklische Verhalten der deutschen Chemieunternehmen (Investition in Krisenzeiten) trug zur Milderung der Auswirkungen der „Gründerkrise“ bei, wenn auch nicht alle Unternehmen den dafür nötigen finanziellen Background besaßen.

Am Ende überlebten vor allem die Großbetriebe diese Zeitspanne, die über genügend Kapital verfügten und „Economies of Scale & Scope“ zur deren Vorteil nutzen konnten. Die Rolle der Banken als Financiers war im Zuge des weiteren Industrialisierungsvorgangs dabei essentiell. Für die „wenig“ verbliebenen Fabriken war nun ein ausreichendes Marktpotential vorhanden, das es unter sich aufzuteilen galt. Schon sehr bald erkannten die deutschen Chemieunternehmen die Profitabilität von Interessensverbänden und gemeinsamer Absprachen, was sich wiederum positiv auf die ökonomische Gesamtlage der Unternehmen auswirkte.

Aufgrund der zunehmenden Homogenität der Chemieunternehmen, welche durch die Gründung von Interessenverbänden unterstützt wurde, gestaltet sich die Verbesserung der Marktposition als schwierig. Primäres Ziel eines jeden Chemiekonzerns war es, sich durch stetige Innovationen und Inventionen von der Konkurrenz abzuheben. Der Wettlauf um neue Patente begann.

[...]

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Inventions- und Innovationsprozesse im Kaiserreich: Das Beispiel der chemisch-pharmazeutischen Industrie anhand der Firma Bayer
Hochschule
Universität Regensburg  (Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät)
Note
1,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
25
Katalognummer
V36181
ISBN (eBook)
9783638358736
Dateigröße
774 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Inventions-, Innovationsprozesse, Kaiserreich, Beispiel, Industrie, Firma, Bayer
Arbeit zitieren
Florian Dachs (Autor), 2004, Inventions- und Innovationsprozesse im Kaiserreich: Das Beispiel der chemisch-pharmazeutischen Industrie anhand der Firma Bayer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/36181

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