Tasso, ein gesteigerter Werther


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

29 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Der Begriff der Steigerung
1 Goethes Verwendung des Begriffs „steigern“
2 Auf welche Aspekte könnte der „gesteigerte Werther“ bezogen sein?

III. Die beiden Werke
1 Die Leiden des jungen Werther
1.1 Der Inhalt
1.2 Die biographischen Bezüge
2 Torquato Tasso
2.1 Der Inhalt
2.2 Die biographischen Bezüge

IV. Aspekte der Steigerung
1 Steigerung des Inhalts
2 Steigerung der Tragik
3 Steigerung der Charaktere
4 Steigerung der biographischen Dimension
5 Steigerung der Form

V. Schlusswort

VI. Bibliographie

I. Einleitung

Ausgangspunkt dieser Arbeit ist ein Kommentar Goethes über die Tasso Rezension von Jean-Jacques Ampére im „Globe“ des Jahres 1826. In einem Gespräch mit Eckermann vom 03. Mai 1827 bemerkte Goethe zu der französischen Beurteilung folgendes:

Er hat den abwechselnden Gang meiner irdischen Laufbahn und meiner Seelenzustände im tiefsten studiert und sogar die Fähigkeit gehabt, das zu sehen, was ich nicht ausgesprochen und was sozusagen nur zwischen den Zeilen zu lesen war. Wie richtig hat er bemerkt, dass ich in den ersten zehn Jahren meines weimarischen Dienst- und Hoflebens so gut wie gar nichts gemacht, dass die Verzweiflung mich nach Italien getrieben, und dass ich dort, mit neuer Lust zum Schaffen, die Geschichte des Tasso ergriffen, um mich in Behandlung dieses angemessenen Stoffes von demjenigen freizumachen, was mir noch aus meinen weimarischen Eindrücken und Erinnerungen Schmerzliches und Lästiges anklebte. Sehr treffend nennt er daher auch den „Tasso“ einen gesteigerten „Werther“.[1]

Nicht wenigen Literaturwissenschaftlern gab besonders der letzte Satz dieses Kommentars Anlass zu weitreichenden Interpretationen und formellen Analysen, um die gewaltige Aussagekraft dieser Worte zu erfassen und aufzuzeigen.

Auch in dieser Arbeit soll erarbeitet werden, wie und worauf Goethe seine Formulierung des „gesteigerten Werthers“ bezogen haben könnte. Dabei soll zunächst dem Begriff der Steigerung besondere Aufmerksamkeit zukommen, von dessen Bedeutung alle weiteren Interpretationsansätze abhängig sind. Im Weiteren soll dann unter Berücksichtigung des Inhalts der beiden Werke darauf eingegangen werden, welche Art von Schlüssen man aus jener Bemerkung ziehen kann und auf welche Aspekte seiner beiden Werke Goethe seine Worte bezogen haben mag.

II. Der Begriff der Steigerung

1 Goethes Verwendung des Begriffs „steigern“

Um entscheiden zu können, welches Ausmaß „ein gesteigerter Werther“ hat, oder auch nicht, soll an dieser Stelle zunächst herausgefunden werden, in welchem Sinn Goethe das Wort „gesteigert“ gebraucht haben könnte.[2]

Besonders zu beachten ist in diesem Zusammenhang, wie Elizabeth Wilkinson deutlich herausstellt, dass diese berühmte Aussage nicht – wie es Goethes Formulierung eigentlich vermuten lässt – dem französischen Kritiker J. J. Ampére zuzuschreiben ist, denn dessen Worte bedeuteten im Grunde nicht viel mehr, als dass der Tasso in seiner harmonischen, herrlichen Poesie dem Werther entspreche:

„Il me semble que c’est lui qui parle par la bouche du Tasse; et dans cette poésie si harmonieuse, si délicate, il y a du Werther.“[3]

Die eigentümliche Auslegung Goethes, daraus einen „gesteigerten Werther“ zu machen, ist also dem Schriftsteller selbst zuzuschreiben und dadurch weitaus vielschichtiger interpretierbar.

Dabei ist es selbstverständlich nicht unwichtig, in welchen Kontexten Goethe das Wort „steigern“ in seinem Sprachgebrauch verwendete und ob dabei individuelle Nuancen des Sinns feststellbar sind.

In Fischers „Goethe-Wortschatz“ findet sich eine lange Auflistung von Zusammenhängen, in denen Goethe das Wort steigern gebrauchte, wobei sich die Bedeutungen hauptsächlich auf erhöhen (sowohl im physischen, geistigen, als auch im finanziellen Sinn), zunehmen, vergrößern, in beängstigender Weise verschlimmern und weiterbilden (d.h. Wissen steigern)[4] beschränken. Das Substantiv Steigerung findet bei Fischer keine Erwähnung, genauso wenig wie Verwendungsbeispiele aus den unzähligen naturwissenschaftlichen Essays Goethes, die jedoch, nach Wilkinsons Auffassung, in jenem Zusammenhang von größter Wichtigkeit sind. Doch stellt auch sie in ihren umfangreichen Analysen im Grunde nicht sehr viel mehr heraus, als dass Goethe das Phänomen der „Steigerung“ sowohl in einer Sinnfärbung verwendete, die der heutigen Bedeutung des Wortes entspricht, als auch bezogen auf Phänomene in der Natur, die Goethe vielsagend als „Metamorphose“ bezeichnete.

In jenen Abhandlungen nämlich, in denen Goethe sich beispielsweise eingehend mit der Metamorphose von Pflanzen und Tieren beschäftigt, entdeckt er in dem Prinzip der Polarität und der Steigerung für sich die wesentlichen Triebräder der Natur, durch die sich sämtliche weltliche Erscheinungen verschieden gestalten und ausbilden. Steigern bedeutet hier also eine Art Verfeinerung und Differenzierung[5].

Zum anderen erläutert Goethe in seiner Farbenlehre den Begriff der Steigerung als eine Art der Verdichtung oder Intensivierung, bis hin zur Sättigung[6].

In „Wort und Bedeutung von Goethes Sprache“ lässt sich dann noch eine weitere Bedeutungsebene hinzufügen, die mehr auf den Vorgang der „psychischen Intensivierung“ bezogen ist. Hier beschäftigt sich Goethe mit dem geistigen und sittlichen Wachstum des Organismus Mensch, in dem das Prinzip der Steigerung emsige Aktivität, beharrliches Aufstreben, Selbsterziehung sowie künstlerische Arbeit einbezieht.[7]

Dies sind nur einige charakteristische Auszüge aus den wesentlichen Beispielen über Goethes Verwendung des Begriffs „steigern“, die Elizabeth Wilkinson in ihren Ausführungen nennt.

Alles in allem ergibt der Vergleich dieser Verwendungsbeispiele meiner Ansicht nach jedoch keineswegs diskrepante Sinnfärbungen, denn für alle Bereiche ist es durchaus möglich den Ausdruck „steigern“ mit Synonymen zu ersetzen, welche alle genannten Verwendungsbeispiele einschließen und im heutigen Sprachgebrauch als Inhalt des Begriffs der Steigerung gesehen werden können.

Wie Elizabeth Wilkinson, komme ich ebenfalls zu dem Schluss, dass der Begriff der „Steigerung“ in jedem Fall nicht negativ gemeint ist, daher bei der weiterführenden Analyse also nach Gesichtspunkten zu suchen ist, die Goethe im „Tasso“ als positiv „gesteigert“ im Sinne von verbessern, vorantreiben, ankurbeln, vervielfachen, erhöhen, verstärken, intensivieren, differenzieren, aktivieren etc. sah.

2 Auf welche Aspekte könnte der „gesteigerte Werther“ bezogen sein?

In nahezu sämtlichen Abhandlungen über das Thema „Tasso – ein gesteigerter Werther“, herrscht Uneinigkeit darüber, ob diese Aussage nur auf die beiden Charaktere Tasso und Werther zu beziehen sei, oder auf die vollständigen Werke. Sehr häufig wird zu diesem Problem gar keine Stellung genommen und so bleibt es meist die Aufgabe des Lesers, für sich zu entscheiden, wie dieser die Analysen und Interpretationen auf die Werke bezieht.

Elizabeth Wilkinson kommt in ihrem Aufsatz zu dem Ergebnis, „dass [sich] das Wort gesteigert hier auf die beiden Werke und das formale Verhältnis zwischen ihnen bezieht, nicht etwa auf die Psychologie der beiden Charaktere“[8].

Diesem Ergebnis kann meiner Ansicht nach jedoch nur bedingt zugestimmt werden, denn, wie Ursula Wertheim ihrerseits in einer Abhandlung sehr deutlich herausstellt, können die beiden „Charaktere Werther und Tasso, die Hauptgestalten von Briefroman und Drama“ nicht ohne weiteres von ihren Werken gelöst werden. Vielmehr müsse entgegengesetzt formuliert werden, dass sich der Ausdruck „gesteigert“ nicht nur auf die beiden Charaktere und schon gar nicht nur auf ihre Psychologie beziehe, sondern auf beide Werke insgesamt.[9]

Bezieht man nun aber den Kontext, in dem Goethe den „Tasso“ als „gesteigerten Werther“ bezeichnet, in die Überlegung mit ein, so ergibt sich noch ein weiterer Blickwinkel, aus dem Goethe seine Werke betrachtet haben könnte. In den vorangehenden Zeilen des Zitates spricht Goethe einzig und sehr ausführlich von sich. Eingehend berichtet er von seinen eigenen Erfahrungen, sowohl in Weimar, als auch in Italien und setzt jene Erlebnisse mit den Werken in Verbindung, so dass als weiterer Gesichtspunkt, der im Tasso gesteigert sein könnte, der biographische Einfluss auf das Werk in Frage kommt.

Des weiteren kommt selbstverständlich auch die Stoffwahl als „gesteigert“ in Betracht, deswegen sollen die beiden Werke zunächst in Kürze inhaltlich dargestellt und in die Lebensgeschichte des Dichters eingeordnet werden.

III. Die beiden Werke

1 Die Leiden des jungen Werther

1.1 Der Inhalt

Der inhaltliche Ursprung des Briefromans lässt sich, nach Gundolf, im Leben des Dichters selbst finden. Es geht nicht um den äußeren Rahmen der unglücklichen Liebe allein, hinter allem steht vielmehr das „immer wieder begegnende Leid Goethes an seiner eigenen Existenz, hervorgegangen aus dem Widerstreit einer kosmisch expansiven Lebensfülle mit den Beschränkungen des Augenblicks.“[10] Goethe wählt nicht einen beliebigen Helden für seinen Roman. Werther gerät in seelische Not, weil er – genau wie sein Schöpfer – ein Mensch ist, auf der Suche nach dem ewig „schönen Augenblick“[11].

Von einer Reise schreibt der junge Werther Briefe an seinen Freund Wilhelm, in denen er ausführlich seine Empfindungen, Gedanken und Erlebnisse in der neuen Umgebung schildert. Er ist erfüllt von Glück und genießt die Fülle der Natur. Die Euphorie ist jedoch ein wenig dadurch gedämpft, dass es ihm, als Maler, in dieser Übersättigung an Glückseeligkeit nicht gelingt, das Schöne auf Papier zu bringen. Einschneidend ist die Begegnung mit Lotte, dem für Werther menschgewordenen „schönen Augenblick“, an der er sich nicht satt sehen kann. Es wird Werther jedoch nicht gelingen diesen schönsten aller Momente auf ewig zu behalten, denn Lotte ist bereits verlobt, so dass keine Hoffnung auf eine Vereinigung besteht.

Um der verzweifelten Situation zu entkommen, verlässt Werther die Nähe der Geliebten, um eine Stelle bei Hofe anzutreten. In der abermals neuen Umgebung kommt es jedoch zu Missstimmungen zwischen ihm und einem Gesandten, bei dem er als Sekretär tätig ist. Einziger Trost in jenen Tagen ist Werthers Bekanntschaft mit Fräulein von B. (die ihn an Lotte erinnert) und das Verständnis des Grafen C. Doch auch hier findet Werther keinen dauerhaften Halt, der Aufenthalt nimmt ein jähes Ende, als Werther, bei einer Abendgesellschaft des Grafen, des Saales verwiesen wird, da sich Adelige an der Anwesenheit eines Bürgerlichen störten. Gedemütigt bittet Werther um die Entlassung bei Hofe und kehrt zurück in Lottes Nähe, die mittlerweile mit Albert verheiratet ist. Die Briefe enden nach der Darstellung Werthers unverminderter Liebe und der Ansicht, dass Lotte mit ihm glücklicher wäre als mit ihrem Mann Albert. Nun fasst ein Herausgeber die letzten Ereignisse zusammen: Als Werther bei einer innigen Ossian-Lektüre Lotte küsst, schickt diese ihn fort und möchte ihn nie wieder sehen. Werther zerbricht an dem Gefühl, seinen schönsten, menschgewordenen Augenblick nicht festhalten zu können und erschießt sich mit der Pistole Alberts, die er unter einem Vorwand geliehen hatte.

Als die „Leiden des jungen Werther“ erstmals erschienen, war Goethe 26 Jahre alt. In jener Zeit war der Dichter ein aufbegehrender Verfechter des Sturm und Drang, und so zeichnen sich seine frühen Werke, zu denen „die Leiden des jungen Werther“ ebenfalls zählen, durch viel Emotionalität, Naturgeist, Tatenkraft und Ideale aus, die der Vernunft, den Schranken und der Doppelmoral des Adels entgegentreten.

Auch in dem Briefroman siegt, trotz Werthers Tod, oder gerade deswegen, die glühende Leidenschaft. Werther will und kann sich den Beschränkungen der Gesellschaft nicht unterwerfen und so nimmt er sich das Recht, seinen Leiden, durch den selbstgewählten Tod, ein Ende zu bereiten. Er entzieht sich auf diese Weise den Grundsätzen der Welt.

[...]


[1] Eckermann, Johann Peter: Gespräche mit Goethe – in den letzten Jahren seines Lebens; hrsg. von Christoph Michel unter Mitwirkung von Hans Grüters. In: Johann Wolfgang Goethe: Sämtliche Werke. Briefe, Tagebücher und Gespräche, 40 Bände; Bd. 12; Berlin 1916, S. 606 ff.

[2] vgl.: Wilkinson, Elizabeth M.: Tasso – ein gesteigerter Werther im Licht von Goethes Prinzip der Steigerung, eine Untersuchung zur Frage der kritischen Methode, Übersetzt von Ernst Grumach. In: Neue Folge des Jahrbuchs der Goethe Gesellschaft, Bd. 13, Weimar 1952

[3] Kobligk, Helmut: Goethe Torquato Tasso – Grundlagen und Gedanken zum Verständnis klassischer Dramen, Frankfurt/Berlin/Bonn/München 1968, Zitat aus Le Globe journal philosophique et littéraire vom 20. Mai 1826

[4] vgl.: Fischer, Paul: Goethe-Wortschatz, Ein sprachgeschichtliches Wörterbuch zu Goethes sämtlichen Werken, Leipzig 1929, S. 596

[5] vgl.: Boucke, Ewald A.: Goethes Weltanschauung auf historischer Grundlage – Ein Beitrag zur Geschichte der dynamischen Denkrichtung und Gegensatzlehre; Stuttgart 1907, S. 198

[6] ebd. S. 199

[7] ebd. S. 201

[8] Wilkinson, Elizabeth M.: Tasso – ein gesteigerter Werther, S. 52

[9] vgl.: Wertheim, Ursula: Von Tasso zu Hafis – Problem von Lyrik und Prosa des West-östlichen Divans; Berlin und Weimar 1983, S. 74

[10] Gundolf, Friedrich: Goethe, Darmstadt 1963, S. 163

[11] ebd. S. 163

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Tasso, ein gesteigerter Werther
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Germanistisches Seminar)
Veranstaltung
vom Sturm und Drang bis zur Klassik
Note
1,5
Autor
Jahr
2005
Seiten
29
Katalognummer
V36231
ISBN (eBook)
9783638359078
Dateigröße
629 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tasso, Werther, Sturm, Drang, Klassik
Arbeit zitieren
Julia Kurz (Autor), 2005, Tasso, ein gesteigerter Werther, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/36231

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