Deutsche Unternehmen in Russland 1991- heute: Aktivitäten - Perspektiven - Entwicklungen


Diplomarbeit, 2004

64 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Motivation
1.1. Aktualität des Untersuchungsthemas
1.2. Problemstellung und Zielsetzung
1.3.Gang der Untersuchung

2. Theorie- und Analyserahmen
2.1. Theoretische Ansätze zur Erklärung von Direktinvestitionen .
2.2. Motive für Direktinvestitionen
2.3. Formen der Markteintrittsstrategien im Phasenmodell der Internationalisierung

3. Attraktivität Russlands als Investitionsstandort
3.1. Ökonomische Determinanten
3.1.1. Beschaffungsorientierte Direktinvestitionen
3.1.2. Marktabsatzorientierte Direktinvestitionen
3.1.3. Effizienz- und kostenorientierte Direktinvestitionen .
3.2. Umweltpolitische Determinanten
3.3. Business Facilitation Determinanten
3.4. Zwischenfazit

4. Aktivitäten deutscher Unternehmen in Russland
4.1. Branchenspezifische Aktivitäten der deutschen Unternehmen
4.2. Eintrittsstrategien der deutschen Unternehmen
4.3. Die deutsche Wirtschaft in den russischen Regionen

5. Zusammenfassende Betrachtung und Diskussion

Anhang

Bibliographie

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Durchschnittlicher Monats-Bruttolohn in Russland und Ukraine in 1995-2003

Abb. 2: Einige Indikatoren des Humankapitals für Russland und MOE-Staaten

Abb. 3: Ausländische Direktinvestitionsbestände nach Wirtschaftszweigen (%), 2002

Abb. 4: Direktinvestitionszuflusse in Mld. Rubel

Abb. 5: Markteintrittsstrategien der deutschen Unternehmen in Russland

Abb. 6: Föderale Verwaltungsbezirke

Abb. 7: Regionale Schwerpunkte deutscher Wirtschaftstätigkeit in der RF

1. Motivation

1.1. Aktualität des Untersuchungsthemas

Das Thema der Aktivitäten der deutschen Unternehmen in Russland kann aus verschiedenen Gründen aktuell und vom Interesse als Untersuchungsobjekt sein. Der Trend zur Globalisierung der Unternehmen hat sich etwa seit Mitte der 80er Jahre erheblich beschleunigt. Seit diesem Zeitpunkt hat sich die Verteilung der weltlichen Direktinvestitionen völlig verändert. Wenn vor dem Beginn der 90er Jahre Direktinvestitionen hauptsächlich unter Industrieländern getätigt wurden, sind seit diesem Zeitpunkt viele Entwicklungs- und Reformländer zu Empfängern der Direktinvestitionen geworden – vor allem große asiatische Länder, südamerikanische Länder, die Türkei sowie Mittel- und Osteuropäische Länder (MOE), darunter auch Russland (in 2001 haben Entwicklungs- und Reformländer 31,6% der weltlichen Direktinvestitionen empfangen, dagegen in 1980-1984 – nur 12,5%). (UNCTAD, 1991; 2001). Bei all diesen Ländern handelt es sich um wachsende Regionen, die zur Finanzierung ihres wirtschaftlichen Aufholprozesses ausländisches Kapital benötigen. Seitens der Industriestaaten liegt das Interesse an diesen Ländern daran, sie als kostengünstige Standorte für die Auslagerung bestimmter Teile der Wertschöpfungsketten oder auch als Absatzmärkte zu nutzen. Auf der anderen Seite sind Investitionen von Ausländern auf dem heimischen Markt ein Indiz für die Attraktivität eines Standorts als Produktions- oder Absatzmarkt aus internationaler Sicht.

Entwicklung der deutschen Direktinvestitionen

Deutsche Direktinvestitionen haben sich im Laufe der 90er Jahre mehr als verfünffacht: nach Angaben der Deutschen Bundesbank, war 1990 Deutschland mit Direktinvestitionen in Höhe von 113,3 Mld. € im Ausland vertreten und 2001 ist die Summe auf 627,8 Mld. € gestiegen.

- Im Jahr 2001 waren Hauptzielregion deutscher Auslandsinvestitionen die Industrieländer, in denen sich rund 83% des deutschen investiven Auslandsvermögens in dieser Region angesiedelt haben. Die EU-Länder waren dabei mit 47,5% beteiligt. (zitiert nach: Beyfuß, J., 1999, S. 156ff.).
- Der Anteil der übrigen Welt hat sich im Laufe der 90er Jahre von 9% (1990) auf 17% (2001) erhöht (Anhang I). Das ist überwiegend auf die neue Aktivität der Reformländer Mittel- und Osteuropas zurückzuführen. Dabei fallen 6,1% auf Reformländer (darunter Polen mit 1,3%; Ungarn mit 1,3%; Tschechien mit 1,2%) und 7,6% auf Entwicklungsländer. Der russische Anteil machte 2001 weniger als ein Prozent deutscher Direktinvestitionen im Ausland aus. Im Zeitraum 1990-2000 machte der Anteil Russlands an den kumulierten deutschen Auslandsinvestitionen lediglich 0,4% (rund 5% in die übrigen MOE-Reformländer) und nur 0,2% des Bestandes aller mittelbaren und unmittelbaren DI Deutschlands (dagegen rund 5% in den MOE-Ländern). (Ebenda, S. 156ff.).

Aus dem Datenmaterial geht hervor, dass Russland als Ziel für deutsche Direktinvestitionen von geringer Bedeutung ist. Jedoch für Russland ist Deutschland der fünfgrößte Investor gemessen an Direktinvestitionen: Laut Angaben vom Statistischen Bundesamt Russlands (Goskomstat), hat Deutschland nach dem Stand am 1.1.2004 2.542 Mio. US-$ in Russland investiert (9,7% von kumulierten Direktinvestitionen in Russland). Gemessen an Gesamtinvestitionen[1] ist Deutschland der größte Investor für Russland mit den Investitionen in Höhe von 10.204 Mio. US-$, oder 17,9% der kumulierten Gesamtinvestitionen.(Goskomstat, 2004).

Warum nicht Russland?

Es handelt sich um ein Land mit reicher Ausstattung mit natürlichen Ressourcen, mit gut ausgebildeten Arbeitskräften und mit einem großen Absatzmarkt. Also könnte Russland potentiell verschiedene Typen von Direktinvestitionen empfangen: sowohl absatz- und beschaffungsorientierte als auch effizienzorientierte. Wegen der führenden Position in der Gemeinschaft der Unabhängigen Staaten (GUS) könnte Russland auch als ein Sprungbrett zur Erschließung der Märkte der GUS-Staaten gesehen werden. Außerdem spielt auch der geopolitische Faktor eine Rolle, da Russland eine lange Grenze mit China hat und in mittelfristiger Perspektive könnten die Unternehmen motiviert sein, von Russland aus auch den chinesischen Markt zu beliefern. Im Zuge der EU-Erweiterung hat die EU heutzutage gemeinsame Grenzen mit Russland. Dies eröffnet aus unternehmerischer Sicht neue Chancen sowohl für die EU-Länder als auch für Russland: Daraus könnten sich neue Impulse für Investitionen ergeben, z.B. als Folgeinvestitionen. Die bevorstehende WTO-Mitgliedschaft Russlands könnte weitere Anreize für die Ausweitung der Investitionsaktivitäten der deutschen Unternehmen in Russland bringen.

1.2. Problemstellung und Zielsetzung

In den folgenden Kapiteln werden die Aktivitäten der deutschen Unternehmen in Russland und Motivation für die Aufnahme dieser Aktivitäten untersucht. Außerdem werden Es handelt sich also um deutsche Direktinvestitionen in Russland. Darüber hinaus ist es zunächst notwendig, die Direktinvestitionen zu definieren und von verwandten Untersuchungsgebieten abzugrenzen.

In der Literatur werden zwei Arten von Investitionen im Ausland unterschieden - Direktinvestitionen und Portfolioinvestitionen. „Mit Direktinvestitionen verfolgt ein Investor das Ziel, durch eine Beteiligung maßgeblichen Einfluss auf die Geschäftspolitik einer ausländischen Unternehmung zu gewinnen und auszuüben oder durch Gründung und Ausbau einer eigenen Unternehmung im Ausland selbst unternehmerisch tätig zu werden.“ (Dickheuer, 2001, S. 362ff.). Entscheidendes Abgrenzungskriterium von Direktinvestitionen ist das Kontrollmotiv.(vgl. Hymer, 1977, S. 23). Demgegenüber steht hinter der Durchführung von Portfolioinvestitionen das Ertragsmotiv, also das Bestreben, sich an laufenden Erträgen zu beteiligen. Für die Kontrolle der Geschäftstätigkeit, um Einfluss auf die Ertragserzielung auszuüben, hat ein Portfolioinvestor kein Interesse. Diese Unterscheidung ist im Hinblick auf die folgende Untersuchung wichtig, da Determinanten und Wirkungen dieser Investitionsarten sich unterschiedlich darstellen. Im weiteren Verlauf stehen lediglich die Direktinvestitionen im Mittelpunkt. Die Frage, ab wann ein Investor tatsächlich Einfluss und Kontrolle auf die Geschäftstätigkeit ausübt, wird unterschiedlich beantwortet. Nach der Definition der Deutschen Bank gelten als Direktinvestitionen „Finanzbeziehungen zu in- und ausländischen Unternehmen, an denen der Investor 10 % oder mehr (bis Ende 1989 25 % oder mehr, von 1990 bis Ende 1998 mehr als 20 %) der Anteile oder Stimmrechte unmittelbar hält; einschließlich Zweigniederlassungen und Betriebsstätten“. (Deutsche Bundesbank, S. 48). Laut Definition des russischen Statistischen Bundesamtes (Goskomstat) umfassen Direktinvestitionen mindestens 10% der Anteile am Grundkapital (Goskomstat, 1998).[2]

Für die Analyse der deutschen DI in Russland wird ein theoretischer Rahmen benötigt. Es gibt in der wirtschaftswissenschaftlichen Literatur verschiedene Ansätze, die sich mit unterschiedlichen Aspekten der Existenz der multinationalen Unternehmen und Direktinvestitionen beschäftigen. In dieser Arbeit werden insbesondere die standortspezifischen Charakteristiken des Ziellandes (also Russlands) untersucht, um zu erklären, warum international tätige Unternehmen gerade in diesem Land ihre Tochterunternehmen errichten. Also im Rahmen des zur Zeit über DI vorherrschenden OLI-Ansatzes[3] von Dunning (die sog. eklektische Theorie) wird Location-specific advantage analysiert.

Ziel der Untersuchung ist es, auf folgende Fragen eine Antwort zu finden:

- Warum gehen deutsche Investoren nach Russland und was sind die Standortfaktoren, die Russland für ausländisches Kapital attraktiv machen?
- Welche Ziele und Strategien verfolgen deutsche Investoren in Russland?
- Welche sind die effizienten Strategien zur Erschließung des russischen Marktes (im Rahmen des Phasenmodells der Internationalisierung)?
- Welche Branchen sind besonders attraktiv für das deutsche Kapital?
- Welche Regionen haben die größere Anziehungskraft für das deutsche Kapital? In welchen Regionen liegen Potentiale für die zukünftige Investitionstätigkeit?
- Wie attraktiv bzw. unattraktiv ist Russland als Investitionsstandort im Vergleich zu anderen MOE-Ländern? Was kann zur Verbesserung des Investitionsklima beitragen?
- Welche Zukunftsaussichten gibt es in Russland für deutsche Investoren?

In der vorliegenden Arbeit werden die deutschen Direktinvestitionen in Russland seit dem Jahr 1991 betrachtet. Der Ausgangszeitpunkt 1991 wurde gewählt, da erst im Juli 1991 das Gesetz zur Regulierung von ausländischen Investitionen verabschiedet wurde[4], das bis 1999 die rechtliche Basis sämtlicher ausländischer Wirtschaftsaktivitäten in der Russischen Föderation (RF) bildete.[5] So haben die ausländischen Investoren die Möglichkeit bekommen, in Russland verschiedene Unternehmensformen ohne Einschränkungen zu gründen (zu Ausnahmen siehe Kap. 3.3.).

1.3. Gang der Untersuchung

Die Untersuchung gliedert sich in folgende Teile: Zunächst wird ein Theorie- und Analyse-Rahmen aufgebaut, der als Basis für die Erklärung der Entwicklung und Bedeutung der deutschen Direktinvestitionen in Russland im weiteren Verlauf der Arbeit dient. Hauptinhaltspunkte dieses Kapitels sind die Darstellung verschiedener Ansätze zur Erklärung der Direktinvestitionstätigkeit sowie die Beschreibung von möglichen Motiven zur Aufnahme von DI und Formen der Markteintritte. Des Weiteren werden die standortrelevante Determinanten bezüglich der Investitionstätigkeit in Russland analysiert. Dabei wird insbesondere auf ökonomische, umweltpolitische Determinanten sowie auf die Faktoren zur Förderung der Aufnahme der Investitionstätigkeit (Business facilitation) eingegangen. Weiterhin werden verschiedene Aspekte der Investitionstätigkeit der deutschen Unternehmen in Russland analysiert. Es wird versucht, die Eintrittsstrategien der deutschen Investoren in den russischen Markt zu erklären und wie sich diese im Laufe des Analysezeitraums verändert haben. Außerdem wird auf die branchenspezifische Aktivitäten sowie die regionale Verteilung der deutschen Unternehmen eingegangen. In einer Schlussbetrachtung sollen die wichtigsten Erkenntnisse dieser Arbeit zusammengefasst werden. Zudem wird die Bedeutung der deutschen Direktinvestitionen für den Transformationsprozess in Russland und die Implikationen für deutsche Investoren in Zusammenhang mit dem WTO-Beitritts Russlands diskutiert.

2. Theorie- und Analyserahmen

2.1. Theoretische Ansätze zur Erklärung von Direktinvestitionen

Die Entscheidungen über Direktinvestitionen hängen von verschiedenen Faktoren ab: Von wirtschaftlichen Rahmenbedingungen im Inland, von ökonomischen Gegebenheiten im Ausland, von der Situation des investierenden Unternehmens, von der verfolgten Unternehmensstrategie, der Marktsituation im Ausland. Allgemeine Investitionsmotive spielen dabei auch entscheidende Rolle. In diesem Abschnitt werden die wichtigsten theoretischen Ansätzen zur Erklärung der Direktinvestitionen dargestellt. Des weiteren wird der Frage der Motivation und der Formen der Eintrittsstrategien der ausländischen Investoren nachgegangen.

Die Theorie der Direktinvestitionen fußt an mehreren wissenschaftlichen Denkrichtungen. Bis jetzt gibt es jedoch keine umfassende, allgemeinanerkannte Theorie, sondern lediglich Partialanalysen, die sich mit folgenden Fragen auseinandersetzen: (1) warum Unternehmen sich internationalisieren; (2) warum die Internationalisierungsform der Investition dem Export bzw. der Lizenzvergabe vorgezogen wird und (3) aus welchem Grund bestimmte Investitionsstandorte präferiert werden. Dabei lassen sich einige wichtige Theoriestränge in der Literatur identifizieren:[6]

Vorteilstheorien der Direktinvestitionstheorien

Die monopolistische Theorie der Direktinvestitionen nach Hymer und Kindleberger

Die monopolistische Theorie nach Hymer und Kindleberger sieht die Grundlage der Entstehung von Direktinvestitionen in der Existenz unternehmensspezifischer Wettbewerbsvorteile bei dem direktinvestierenden Unternehmen (Kindleberger verweist auf z.B. eine überlegene Technologie, einen besseren Zugang zum Kapital u.a. die nicht von anderen Unternehmen auf frei zugänglichen Märkten erworben werden könne). (Zitiert nach: Buckley, P., Casson, M., 1991, S. 67). Diese Vorteile müssen die Wettbewerbsnachteile, die auf Grund der nationalen Herkunft der ausländischen Tochtergesellschaft eines direktinvestierenden Unternehmens im Investitionsland entstehen, zumindest kompensieren können. Hymer verweist auf die Wettbewerbsnachteile, die mit vorübergehenden Markteintrittshemmnissen in Form von Kosten, die durch den notwendigen Kenntniserwerb über die rechtlichen, politischen, wirtschaftlichen sowie kulturellen Begebenheiten des Gastlandes verbunden sind. Außerdem können die Markteintrittshemmnisse aus möglichen Vorurteilen der Arbeitskräfte, der Lieferanten und der Abnehmer gegenüber dem ausländischen Unternehmen sowie aus Diskriminierungen seitens staatlicher Stellen resultieren (Hymer, S., 1977, S. 34f.). Kindleberger verweist noch auf erhöhte Kommunikationskosten, Wechselkursrisiken sowie auf zeitliche Verluste innerhalb der konzerninterner Entscheidungsfindung und beim Informationsaustausch, die er mit der größeren räumlichen Distanz zwischen Mutter- und Tochtergesellschaft begründet (Welter, T., 2000, S. 61).

Theorie der Internalisierung [7]

Die Theorie der Internalisierung basiert auf dem Transaktionskostenansatz von Coase. Im Rahmen dieses Ansatzes werden die Transaktionskosten auf dem Markt mit den Kosten von innerorganisatorischen Transaktionen verglichen. Coase kommt bei seiner Analyse zu dem Ergebnis, dass für viele Transaktionen die Abwicklung über den Markt ineffizient ist. In diesem Fall wird die Transaktion nicht über den Markt, sondern mit Hilfe von innerorganisatorischen Koordinationsmechanismen durchgeführt (internalisiert). (Perlitz, M., 2000, S. 125).

In einer Weiterführung dieses Ansatzes von Williamson wird die Entstehung von Transaktionskosten auf die Existenz von Unvollkommenheiten auf Faktor- und Vorproduktmärkten bzw. auf unvollkommene Informationen auf diesen Märkten zurückgeführt. Sowohl der Ansatz von Coase als auch die Weiterführung durch Williamson beziehen sich primär auf das nationale Umfeld eines Unternehmens und gehen nicht gesondert auf eine grenzüberschreitende Internalisierung ein. Die eigentliche Internalisierungstheorie entstand erst mit Buckley und Casson. Sie sehen das Entstehen von multinationalen Unternehmen als Ergebnis der Internalisierung von unvollkommenen Märkten. Vor allem betrachten sie die Märkte für Zwischenprodukte und immaterielles Wissen als unvollkommen (Buckley, P., Casson, M., 1991, S. 39). Die grenzüberschreitende Internalisierung der Märkte erfolgt dann, sobald eine hierarchische Koordination effizienter als eine Koordination über den Markt ist, d.h. eine grenzüberschreitende Internalisierung niedrigere Transaktionskosten verursacht als eine internationale Nutzung der Märkte, z.B. durch Exporte.

Dynamische Theorien

Produktlebenszyklus nach Vernon

Vernon sieht in der technologischen Innovation die zentrale Determinante zur Erklärung der Welthandelsstruktur sowie zur Erklärung der internationalen Allokation der Produktionsstandorte. Nach Vernon verläuft jedes Produkt 3 Phasen: Die Einführungsphase , in der ein neues Produkt angeboten wird 2. Die Wachstumsphase, in der das Produkt eine gewisse Reife erlangt 3. Die Reifephase , in der das Produkt standardisiert wird. Dabei stellen Export und Direktinvestitionen 2 alternative Strategien ausländischer Märkte dar, wobei die Faktorausstattungen der Länder in Abhängigkeit von der erreichten Produktlebensphase handels- und Direktinvestitionsströme determinieren. Somit erklärt die Produktzyklushypothese die Existenz von Direktinvestitionen aus einem standorttheoretischen Ansatz heraus, in dem die internationale Standortallokation in Abhängigkeit von der technologischen Entwicklung eines Produkts von den komparativen Kostenvorteilen der Länder bestimmt wird.

Die Theorie der oligopolistischen Reaktion nach Knickerbocker

Diese Theorie besagt, dass Oligopolisten einander auf Grund einer defensiver Strategie in ausländische Märkte folgen: dabei handelt es sich nicht um den Aufbau bzw. Nutzung von Wettbewerbsvorteilen, sondern um die Verteidigung der Marktposition des imitierenden Unternehmens. Von der zentraler Bedeutung ist in diesem Ansatz die oligopolistische Marktstruktur derjenigen Inlandsunternehmen, die im Ausland investieren. Unter der Annahme einer größeren Gefahr von Marktanteilverlust auf oligopolistischen Märkten bei passivem Verhalten gegenüber imitierender Reaktion stellst dieses risikomindernde follow-the-leader Verhalten die optimale Unternehmensstrategie dar, auch wenn sie kein anderer Vorteil durch die Standortdiversifizierung ergibt.

Außenhandelstheorien im Zusammenhang mit multinationalen Unternehmen

Internationale Technologieunterschiede, Unterschiede in der Ausstattung mit Produktionsfaktoren sowie unterschiedliche Faktorkosten können einem Land einen relativen Kostenvorteil bei der Produktion eines bestimmten Gutes gegenüber einem anderen Land einräumen. Eine Spezialisierung auf Güter mit komparativen Kostenvorteil sowie freier internationaler Handel ist nach Ansicht der traditionellen Außenhandelstheorie für alle beteiligten Länder vorteilhaft. In der Folge der Spezialisierung kommt es zwischen den beteiligten Ländern zu einem internationalen Ausgleich der Faktorpreise; der relative knappe Produktionsfaktor wird billiger und der relative reichlich vorhandene Produktionsfaktor wird teurerer. Jedoch kann weder die klassische (Außenhandelstheorie nach Ricardo, 1871) noch die neoklassische Außenhandelstheorie (nach Heckscher und Ohlin, begründet in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts) internationale DI oder die Entstehung multinationaler Unternehmen erklären, da beide Theorien von der Annahme ausgehen, dass die Produktionsfaktoren innerhalb des jeweiligen Landes zwar mobil, über die Grenzen hinaus aber inmobil sind. Sie leisten jedoch einen Beitrag zur Erklärung der Frage, warum multinationale Unternehmen einen bestimmten Standort wählen. Die Neo-Faktorproportionentheorien erweitern die (neo)klassischen Außenhandelstheorien, indem sie zusätzliche Faktoren (humankapital, natürliche Ressourcen) auf den Außenhandel mitberücksichtigen.

Neben den Entwicklungen der oben vorgestellten Außenhandelstheorien entwickelte sich Ende der 60er Jahre eine Richtung der Außenhandelstheorie, die versuchte, eine dynamische Theorie der komparativen Kostenvorteile bereitzustellen. Es wurde argumentiert, dass Außenhandelsbarrieren und Marktinterventionen bei der Analyse der Außenhandelsbeziehungen berücksichtigt werden müssen. Zu den Außenhandelsbarrieren zählen vor allem Transportkosten, Protektionismus und Unterschiede in der kulturellen und politischen Situation der Länder (Schulte-Mattler, H., 1988, S. 35). So können Direktinvestitionen von Unternehmen durch das Bestreben motiviert sein, Zölle zu umgehen (Tariff-jumping). Somit können Außenhandelsbarrieren entscheidend für die Auslandsexpansion eines Unternehmens sein.

Die oben angeführten Theorien stellen nur einen Teil der Erklärungsansätze dar, die in der wirtschaftswissenschaftlichen Literatur je nach Fragestellung herangezogen werden. Einen Versuch, die verschiedenen Ansätze in einem umfassenden Konzept zu integrieren, stellt die OLI-Paradigma (oder: Eklektischer Ansatz) nach Dunning (1979) dar. Nach ihrer Auffassung müssen drei Bedingungen erfüllt sein, damit ein Unternehmen im Ausland investiert:

Ownership-specific Advantages: Das Unternehmen muss über spezifische Vorteile, so vor allem im Bereich des technologischen Wissens oder Organisations- und Vermarktungsfähigkeiten verfügen. Mit ihrer Hilfe kann es seine höheren Markteintrittskosten ausgleichen, die ihm aus der mangelnden Vertrautheit mit den lokalen Gegebenheiten entstehen.

Internalisation-specific Advantages: Ist die erste Voraussetzung erfüllt, muss weiterhin gewährleistet sein, dass die Ressourcen unternehmensintern effizienter als extern über Märkte verwertet werden können.

Location-specific Advantage: Das Zielland einer Direktinvestitionen muss gegenüber dem heimischen Absatz- und Produktionsstandort mindestens einen Standortvorteil aufweisen. Diese Standortvorteile umfassen z.B. niedrige Lohnstückkosten im Ausland, auch Transportkosten, Vorteile der Unternehmensbesteuerung, Subventionen durch die Regierung des Ziellandes, Zugang zu Rohstoffen und Humankapital. Auch gehören gesellschaftliche und kulturelle Besonderheiten und wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen zu den Faktoren, die über den relevanten Vorteil bzw. Nachteil eines Standorts für ein Unternehmen entscheiden.

2.2. Motive für Direktinvestitionen

Aus den oben vorgestellten Theorien lassen sich eine Reihe von Motiven ableiten, die Unternehmen dazu veranlassen können, im Ausland zu investieren. In der wirtschaftswissenschaftlichen Literatur werden sie zu verschieden Gruppen zusammengefasst, die bestimmte Aspekte der Direktinvestitionen charakterisieren.[8]

Beschaffungsorientierte Motive

Dieser Typ von DI wurde traditionell von ressourcenreichen Ländern gefördert, um an das für die Extraktion der Ressourcen notwendige Kapital zu kommen und sich mit Hilfe der ausländischen Investoren technische Qualifikationen anzueignen, die im Lande nicht vorhanden sind. Heutzutage ist die Bedeutung dieser Art von Direktinvestitionen zurückgegangen. Ursachen für beschaffungsorientierte DI können die Nichtverfügbarkeit von Rohstoffen im Herkunftsland der DI sowie der Wunsch nach Wahrung der Liefersicherheit sein. Weitere Motive können der Wunsch nach Kostenreduktion, z. B. durch Internalisierung des Zwischenhandels oder die grenzüberschreitende Verlagerung arbeitsintensiver Fertigung von Vorprodukten sein, oder auch der Zugang zu Technologien, die nur in den Gastländern der ADI verfügbar sind.

Absatzorientierte Motive

Eines der wichtigsten Motive für Direktinvestitionen im Ausland ist die Absatzorientierung. Unternehmen investieren im Ausland, um bestehende Märkte zu sichern bzw. auszubauen oder um neue Märkte zu erschließen. Um die angestrebten Absatzziele zu erreichen, ist die Präsenz an ausländischen Standorten aus verschiedenen Gründen notwendig. Zum einen müssen lokale Konsumentenpräferenzen berücksichtigt werden. Bestehen zwischen Herkunfts- und Gastland der Direktinvestitionen große kulturelle Unterschiede sowie sprachliche Barrieren, haben lokale Anbieter Wettbewerbsvorteile vor ausländischen Exporteuren, die durch eine Präsenz vor Ort überwunden werden können. Zum anderen führt die zunehmende Flexibilisierung und effiziente Organisation der Produktion (Just-in-time- Fertigung) dazu, dass immer mehr Vorleister und Zulieferer großen Industrieunternehmen in das Ausland folgen. Außerdem müssen bestimmte Güter auf Grund von Lagerproblemen, Transportkosten oder Local-Content-Vorschriften vollständig oder teilweise im Zielland gefertigt werden. Viele Unternehmen betrachten es auf Grund ihrer globalen Produktions- und Marketingstrategie als unerlässlich, neben ihren direkten Konkurrenten auf den Hauptmärkten präsent zu sein. Außerdem können absatzorientierte Motive als Teil der Unternehmensstrategie eine Rolle spielen, wenn der Inlandsmarkt gesättigt und die Absatzerweiterung nur durch die Expansion ins Ausland möglich ist. (Jost, T., 1997, S. 30ff)

Kosten- bzw. effizienzorientierte Motive

Neben Absatzmotiven spielen Kostenfaktoren eine wichtige Rolle für Investitions- und Standortentscheidungen multinationaler Unternehmen. Das Kosten- und Effizienzmotiv steht dabei im Vordergrund. Relevant sind vor allem die Arbeitskosten, Energiekosten, Kapitalkosten sowie auch indirekte Kosten, die z.B. aus außergewöhnlichen wettbewerbsrechtlichen oder umweltrechtlichen Auflagen, einem inflexiblen Arbeitsmarkt oder sonstigen Hemmnissen resultieren. Weiterhin sind Zoll- und Steuervergünstigungen, eine starke Kostenminderung durch hohe Stückzahlen (Economies-of Scale) und Ausnutzung von Agglomerationsvorteilen die wesentlichen Charakteristiken dieses Typs von DI. Ein Beispiel der Kostenminderung ist die Ausgliederung arbeitsintensiver Produktionsprozesse in Länder mit niedrigen Lohnkosten, d.h. die Ausnutzung unterschiedlicher Faktorverfügbarkeiten und Faktorkosten zwischen den beiden Ländern.

Umweltpolitische Motive

Es kann sich um DI handeln, die als Reaktion auf protektionistische Handelspolitiken vorgenommen werden. Neben der Handelspolitik zählen auch allgemeine Rahmenbedingungen wie die politische Stabilität, die Stabilität der Rechtsordnung oder der Zustand der Infrastruktur zu möglichen Erklärungsursachen für diese Art von DI. Mögliche Einflussfaktoren können die makroökonomische Stabilität oder die Gestaltung des Steuern- und Abgabensystems sein. Weiterhin kann ein Gastland diese Art von Direktinvestitionen durch aktive Maßnahmen wie Subventionen, Bereitstellung spezieller staatlicher Leistung (z.B. Schulung des Personals) oder besonderer Infrastrukturleistungen sowie besondere steuerliche Anreize aktiv fördern.

Die Literatur bringt die standortspezifischen Determinanten mit der Motivation der Investoren zusammen. Daraus folgt, dass beschaffungsorientierte Investoren ihre Betriebe in den Ländern oder Regionen platzieren werden, wo es notwendige Ressourcen zur Verfügung stehen, während effizienzorientierte Auslandsinvestoren – dort, wo die Produktionsfaktoren, insbesondere der Faktor Arbeit, reichlich vorhanden und kostengünstig (bei der Berücksichtigung der Produktivität) ist. Absatzorientierte Investoren suchen die Länder aus, die die besten Möglichkeiten für die Absatzerweiterung anbieten.[9] (Dunning, J., JoIBS, 29,1.)

2.3. Formen der Markteintritte

In der wirtschaftswissenschaftlichen Literatur wird argumentiert, dass multinationale Unternehmen oft einen Stufenprozess der Internationalisierung durchlaufen: Zunächst beginnen die Unternehmen in das Ausland zu exportieren, danach folgt die Errichtung von Vertriebs-, Lager- und Serviceeinrichtungen, z.T. werden dann Lizenzen an lokale Anbieter vergeben, und schließlich werden bei ausreichenden Erfahrungen im jeweiligen Markt eigene Montage- und Produktionsstätten errichtet, die anfangs noch weitgehend abhängig von der heimischen Mutter sind, später aber oft zu selbständigen Auslandstöchtern ausgebaut werden. Im Verlaufe dieses Prozesses wird der Grad der Kapitalbeteiligung erhöht. (zum hierarchischen Model der Eintrittsstrategien – siehe Anhang II).

[...]


[1] In der Struktur der deutschen Investitionen nur 22% sind Direktinvestitionen; die restlichen Investitionen sind Portfolio Investitionen und „übrige Investitionen“ (Goskomstat).

[2] Die Verwendung des Begriffes Direktinvestitionen und der Abgrenzung von Portfolioinvestitionen in den nationalen und internationalen Statistiken ist nicht einheitlich. Dadurch kommt es zu unterschiedlichen statistischen Angaben in Bezug auf Direktinvestitionen (vgl. T. Jost, 1997)

[3] OLI steht als Abkürzung für „ownership, location und internalization advantages“.

[4] Vor 1991 wurde in 1987 ein Gesetz über die Regulierung der Tätigkeit der Joint Ventures verabschiedet, laut dem einem ausländischen Investor wurde nicht erlaubt, mehr als 50% eines JV zu halten. In den nachfolgenden Jahren wurde dieses Gesetz mehrmals revidiert.

[5] Es wurde in 1999 durch 2 neue Rahmengesetze abgelöst: für ausländische Direktinvestitionen und für Kapitalanlagen.

[6] Klassifikation nach Welter, vgl. Welter, T., 2000.

[7] Zur Übersicht über die Entstehung der Internationalisierungstheorie siehe z.B. Dunning, J.: Some Antecedents of Internalization theory, in: Journal of International Business Studies, S. 108-115, March 2003.

[8] Klassifikation z.B. nach Beyfuß, S. 32ff, 1992.

[9].Jedoch müssen auch andere Variablen wie die Unternehmensgröße, der Grad der Auslandsexpansion (multinationality) des beteiligten Unternehmens, das Zielland und das Heimatland des im Ausland investierenden Unternehmens sowie auch die Industrie, in der die Investitionen erfolgen, bei der Wahl des Ziellandes berücksichtigt werden.

Ende der Leseprobe aus 64 Seiten

Details

Titel
Deutsche Unternehmen in Russland 1991- heute: Aktivitäten - Perspektiven - Entwicklungen
Hochschule
Universität Paderborn
Note
2,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
64
Katalognummer
V36304
ISBN (eBook)
9783638359689
Dateigröße
793 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Deutsche, Unternehmen, Russland, Aktivitäten, Perspektiven, Entwicklungen
Arbeit zitieren
Irina Romanova (Autor), 2004, Deutsche Unternehmen in Russland 1991- heute: Aktivitäten - Perspektiven - Entwicklungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/36304

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