Sprache und Schrift in Hermann Pauls "Prinzipien" und de Saussures "Cours"

Vor dem Hintergrund der öffentlichen Diskussion um eine Reform der deutschen Orthographie


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

27 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Wissenschaftshistorische Hintergründe
2.1 Zur Regelung der deutschen Orthographie Ende des 19. Jahrhunderts
2.2 Die Phonetik – kurzer geschichtlicher Abriss

3. Hermann Paul
3.1 Paul und die „ Prinzipien der Sprachgeschichte“
3.2 Paul über das Verhältnis zwischen Sprache und Schrift.

4. Ferdinand de Saussure.
4.1 Saussure und die „Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft“
4.2 Saussure über das Verhältnis zwischen Sprache und Schrift

5. Ergebnisse
5.1 Paul und Saussure im Vergleich
5.2 Fazit: Aktuelle Bezüge

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Diskussion um den aktuellsten Reformierungsversuch der deutschen Orthographie[1] reißt auch nach nunmehr acht Jahren nicht ab. Vom Sprachverfall über politische Diktatur bis zur Verarmung der deutschen Sprache reichen die Argumente der Reformgegner, zu denen auch so herausragende Persönlichkeiten wie der Nobelpreisträger Günther Grass oder Hans Magnus Enzensberger gehören, und erst kürzlich kehrte ein großer deutscher Zeitschriftenverlag zur alten Rechtschreibung zurück, um seiner Protesthaltung gegenüber der Rechtschreibreform Ausdruck zu verleihen.

Als es Ende des 19. Jahrhunderts um die Durchsetzung der uns noch geläufigen und offenkundig innerdeutsch höchst geschätzten „alten“ Orthographie ging, wurden interessanterweise sehr ähnliche Debatten geführt, die sich gar über zwanzig Jahre hinzogen, ehe die damalige Reform 1901 schließlich verbindlich wurde.

Aber, und dies ist aus sprachwissenschaftlicher Sicht interessant, unter welchen Gesichtspunkten wurde die Orthographie überhaupt festgelegt, und in welchem Verhältnis steht die Schrift zum „eigentlichen“ Gegenstand der Sprachwissenschaft – der gesprochenen Sprache? Dient Erstere lediglich zur Darstellung der Letzteren? Welchen Prinzipien müsste eine Orthographie Folge leisten, um dem Verhältnis von gesprochener und geschriebener Sprache Genüge zu tun? Und nicht zuletzt – ist es überhaupt möglich, diesem Verhältnis orthographisch vollständig Rechnung zu tragen?

Ebendies will der folgende Text erhellen, indem er zunächst einen kurzen Überblick über den Diskurs zur Regelung der deutschen Orthographie im 19. Jahrhundert gibt und in diesem Zusammenhang auch den Blick auf die Phonetik richtet, die sich zu jener Zeit gerade erst als wissenschaftliches Teilgebiet der Germanistik herausbildet und deren Relevanz für die Orthographiefrage im Diskurs der Zeit eine nicht unwesentliche Rolle spielt. Schließlich soll anhand der Erörterungen zweier bedeutender Sprachwissenschaftler des 19. bzw. 20. Jahrhunderts – Hermann Paul in den Prinzipien der Sprachgeschichte und Ferdinand de Saussure im Cours de linguistique générale (dt.: Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft) – das Verhältnis zwischen geschriebener und gesprochener Sprache einer genaueren Betrachtung unterzogen werden. Im Vergleich beider Texte sollen Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Betrachtungsweisen Pauls und Saussures herausgearbeitet und die teilweise höchst aktuellen Bezüge verdeutlicht werden. Gleichzeitig sollen, vor dem Hintergrund der Analyse dieser linguistischen Sichtweisen, einige exemplarische Argumente für oder gegen eine Reformierung der deutschen Orthographie auf ihre Haltbarkeit geprüft werden.

2. Wissenschaftshistorische Hintergründe

2.1 Zur Regelung der deutschen Orthographie Ende des 19. Jahrhunderts

Im Laufe des 19. Jahrhunderts führten verschiedene Faktoren dazu, dass der schriftlichen Kommunikation in Deutschland ein immer höherer Stellenwert zugesprochen wurde. Dazu gehörten die zunehmende Zentralisation auf wirtschaftlichem und politischem Gebiet, der Aufschwung in Wissenschaft und Technik und nicht zuletzt die Einführung der allgemeinen Schulpflicht bereits zu Beginn des Jahrhunderts. Da zu dieser Zeit noch keine verbindlich geregelte und kodifizierte Orthographie für das Deutsche existierte, wurde der Ruf nach einer Vereinheitlichung der Rechtschreibung immer lauter. Zwar kann die Orthographie von Adelung[2] als richtungweisend angesehen werden,

„weil sie die Prinzipien und Regeln einer über Jahrhunderte gewachsenen Orthographie relativ einfach und systematisch beschrieb und dabei sowohl den vorherrschenden Schreibgebrauch abbildete als auch normierend auf diesen zurückwirkte.“ (Nerius 1989, 239)

Dennoch existierten beträchtliche Schwankungen in der Schreibung. Dies ist unter anderem auf eine mangelhafte theoretische Begründung sowie eine innere Widersprüchlichkeit der Orthographie zurückzuführen, deren Regeln nicht alle relevanten Bereiche abdeckten und viele Einzelfälle offen ließen. Auch dialektale Einflüsse spielten hier eine Rolle, da keine literatursprachliche Aussprachenorm existierte und die Sprecher sich beim Schreiben an ihren Mundarten orientierten. Die vorhandenen Orthographiebücher stimmten zwar in wesentlichen Fragen überein, jedoch keinesfalls vollständig, und sie galten vor allen Dingen nicht als verbindlich (vgl. Nerius 1989, 239).

Spätestens nach der Reichsgründung 1871, als Deutschland politisch vereint war, wurde deutlich, dass die deutsche Orthographie genau dies nicht war: Einheitlich. Diese Uneinheitlichkeit führte in den Schulen und im öffentlichen Leben zu Behinderungen und wurde dem kommunikativen Bedürfnis der Menschen nicht gerecht. Die staatlichen Behörden sahen sich zum Handeln gezwungen, waren in dieser Frage jedoch auf die Hilfe von Fachleuten angewiesen. Also beauftragte der preußische Kultusminister den Sprachwissenschaftler Rudolf von Raumer mit der Ausarbeitung eines orthographischen Regelwerkes, das als Grundlage für die Vereinheitlichung der Schreibung dienen sollte (vgl. ebd., 246f.).

Raumer vertrat eins von drei sehr unterschiedlich orientierten orthographischen Regelungskonzepten in der damaligen Sprachwissenschaft, nämlich das phonetische, das die Orthographie ausrichten wollte „auf die Aufgabe der Buchstabenschrift zur Wiedergabe bestimmter lautlicher Einheiten in der Schreibung“ (vgl. Nerius 2002, X). Raumers Grundsatz lautete: „Bringe deine Schrift und deine Aussprache in Übereinstimmung!“ (Rudolf von Raumer: Gesammelte sprachwissenschaftliche Schriften. Frankfurt a. M., Erlangen, 1863, 113; zit. nach: Nerius 1989, 244). Dabei vertrat er einen eher gemäßigten Standpunkt, indem er Änderungen nur „maßvoll und behutsam“ vornehmen und Neues möglichst an bereits Vorhandenes anschließen wollte. Sein Ansatz bot ein relativ klares, wissenschaftlich begründetes und für den Sprachteilhaber fassbares Kriterium für die Kodifizierung der Orthographie und war daher schließlich erfolgreich (vgl. Nerius 1989, 244f.).

Neben dem phonetischen Konzept existierte auch eine traditionelle Richtung, die sich wesentlich an Adelung orientierte und aktuell vertreten war durch heyse, Becker und Sanders. Sie forderten, bis auf vereinzelte Ausnahmen „keine Veränderungen an der bis dahin traditionell gewachsenen Orthographie“ vorzunehmen – ganz im Gegensatz zu den Vertretern der historischen Richtung, die in der Tradition von Jacob Grimm standen und weitgehende Änderungen der Orthographie forderten. Sie wollten die Schriftsprache auf vermeintlich bessere, „organische“ Sprachzustände vergangener Jahrhunderte zurückführen, und zwar orientiert an mittelhochdeutschem Muster; denn Grimm zufolge verfalle die deutsche Sprache seit jener Zeit nur noch. Dass dieser Ansatz wenig Zuspruch fand, ist nicht verwunderlich; er kam dem kommunikativen Bedürfnis nach Vereinfachung und allgemeiner Handhabbarkeit kaum entgegen, ganz zu schweigen von der Problematik der theoretischen Rekonstruktionen, die zu seiner Umsetzung erforderlich gewesen wären (vgl. Nerius 2002, IXf.).

Nachdem Raumer seine Ausarbeitungen vorgelegt hatte, wurde durch den preußischen Kultusminister eine Konferenz von Fachleuten einberufen, die vom 4. bis zum 15. Januar 1876 in Berlin stattfand und später als „I. Orthographische Konferenz“ bezeichnet wurde. Nach ihrem Abschluss kam es zu einer heftigen Auseinandersetzung über die dort beschlossene orthographische Regelung.

„Der in der Öffentlichkeit artikulierte starke Widerstand gegen einige Konferenzbeschlüsse, die teilweise nur mit sehr knappen Mehrheiten beschlossenen Veränderungen des bisherigen Schreibgebrauchs und die Furcht vor einem Auseinanderklaffen von schulischer und allgemeiner Orthographie bei Umsetzung der Konferenzbeschlüsse im Schulunterricht ließen die Kultusbehörden der Länder [...] davon Abstand nehmen, die auf der Konferenz beschlossene Regelung in den Schulunterricht einzuführen.“ (ebd., XI)

Da das Bedürfnis nach einer geregelten Orthographie jedoch nach wie vor vorhanden war, konnte der Widerstand die Entwicklungen nicht aufhalten, sondern nur verlangsamen. Einen wesentlichen Beitrag zur Vereinheitlichung der Schreibung leisteten die von den einzelnen deutschen Ländern zwischen 1879 und 1884 herausgegebenen Schulorthographien, die sich fast durchweg auf die Vorlage Rudolf von Raumers stützten (vgl. ebd., XII). Diese Orthographien wurden allerdings 1880 von Reichskanzler Bismarck in Ämtern und Behörden verboten, was dazu führte, dass nun für zwanzig Jahre zwei unterschiedliche Orthographien im Gebrauch waren (vgl. ebd., XIV). Diese bizarre Situation wurde schließlich mit der II. Orthographischen Konferenz von 1901 beendet, die nach nur drei Beratungstagen ein Regelwerk für eine einheitliche Rechtschreibung hervorbrachte, das von allen deutschen Länderregierungen sowie von der Schweiz und von Österreich akzeptiert und ab 1903 in Schulen und Ämtern verbindlich wurde (vgl. Nerius 1989, 249f.).

2.2 Die Phonetik – kurzer geschichtlicher Abriss

Wie in 2.1 angeführt, vertrat Rudolf von Raumer mit seinem orthographischen Regelungskonzept die so genannte phonetische Richtung und damit den Standpunkt, dass die Orthographie wesentlich bestimmt wird durch das Verhältnis zwischen Lautung und Schreibung. Während Raumer eine relativ gemäßigte Haltung einnahm, forderte beispielsweise Fricke als radikaler Vertreter der phonetischen Richtung „eine unmittelbare Angleichung von Lautung und Schreibung in synchronem Sinne, die weder die Interessen des Lesenden noch die jahrhundertealten Schreibtraditionen berücksichtigte“. Auf Grund von Raumers praktikableren und konkreteren Ansatzes jedoch hatten diese radikalen Konzepte keinen Einfluss auf die späteren Regelungen (vgl. Nerius 1989, 245).

Da die Idee des phonetischen Prinzips im Verlauf dieser Arbeit wiederholt Erwähnung finden wird, ist es an dieser Stelle von Interesse zu zeigen, auf welchem Stand sich die phonetische Wissenschaft Ende des 19. bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts – zu Zeiten Hermann Pauls und Ferdinand de Saussures – überhaupt befand.

Die Theorie, dass das Verhältnis zwischen Lautung und Schreibung die Orthographie bestimme und dass bei der Sprachbetrachtung in erster Linie vom Laut, nicht vom Buchstaben auszugehen sei, war Ende des 19. Jahrhunderts relativ jung. Einen wesentlichen Einfluss auf das verstärkte Interesse an der Phonetik hatte die Beschreibung des Sanskrit von Franz Bopp 1816, mit der die historisch-vergleichende (indogermanistische) Sprachwissenschaft einsetzte. Die Indogermanisten erkannten bei ihren Sprachvergleichen die Relevanz des Lautes für ihre wissenschaftlichen Betrachtungen. Dies und der allgemeine Aufschwung der Naturwissenschaften Mitte des 19. Jahrhunderts führten zu einem vermehrten Interesse der Physiologen und Physiker an der Lautphysiologie[3] und Lautakustik. Im Laufe der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erschienen mehrere Werke zu lautphysiologischen Themen, so dass man schließlich von der Phonetik als eigener Wissenschaft bzw. als wissenschaftlichem Teilgebiet der Germanistik – wenn auch mit naturwissenschaftlich ausgerichtetem Bezugspunkt – sprechen konnte (vgl. Schubiger 1977, 8f.). Bald setzte sich mit der so genannten junggrammatischen Schule (dazu mehr unter Kapitel 3.1) in der Sprachwissenschaft die Ansicht durch, dass bei sprachwissenschaftlichen Untersuchungen prinzipiell zunächst vom Laut und nicht, wie zuvor üblich, von der Schriftsprache auszugehen sei. Die Junggrammatiker übten einen maßgeblichen Einfluss auf die Sprachwissenschaft der Zeit aus; es konnte also kaum ausbleiben, dass bei einer so wesentlichen Frage wie der Schaffung einer einheitlichen deutschen Orthographie die Erkenntnisse der neuen Wissenschaft herangezogen wurden.

[...]


[1] Die Neuregelung der deutschen Rechtschreibung wurde 1996 beschlossen und soll ab Mitte 2005 bundesweit verbindlich werden.

[2] Johann Christoph Adelung veröffentlichte Ende des 18. Jahrhunderts unter anderem so bedeutende Werke wie den fünfbändigen „Versuch eines vollständigen grammatisch-kritischen Wörterbuchs der Hochdeutschen Mundart“ (ab 1774), die „Deutsche Sprachlehre“ (1781), das „Umständliche Lehrgebäude der Deutschen Sprache“ (1788) sowie die „Vollständige Anweisung zur deutschen Orthographie, nebst einem kleinen Wörterbuch für die Aussprache, Orthographie, Biegung und Ableitung“ (1788)

[3] So wurde die neue Wissenschaft auch zunächst bezeichnet, bis sich schließlich 1876 mit einem Werk von Eduard Sievers („Grundzüge der Phonetik“) der Begriff Phonetik durchsetzte.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Sprache und Schrift in Hermann Pauls "Prinzipien" und de Saussures "Cours"
Untertitel
Vor dem Hintergrund der öffentlichen Diskussion um eine Reform der deutschen Orthographie
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Veranstaltung
Hermann Pauls "Prinzipien der Sprachgeschichte"
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
27
Katalognummer
V36374
ISBN (eBook)
9783638360272
Dateigröße
695 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit enthält einen kurzen Überblick über den Diskurs zur Regelung der deutschen Orthographie im 19. Jahrhundert, eine Darlegung der Erörterungen Pauls und Saussures zum Verhältnis zwischen Sprache und Schrift sowie eine Überprüfung einiger exemplarischer Argumente für oder gegen eine Rechtschreibreform anhand der Texte von Paul und Saussure.
Schlagworte
Verhältnis, Sprache, Schrift, Hermann, Pauls, Prinzipien, Saussures, Cours, Hintergrund, Diskussion, Reform, Orthographie, Sprachgeschichte
Arbeit zitieren
Silke Schorra (Autor), 2005, Sprache und Schrift in Hermann Pauls "Prinzipien" und de Saussures "Cours", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/36374

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