Diese Arbeit untersucht, inwiefern die Ontologie des vierten Buchs von Aristoteles‘ „Metaphysik“ bereits im ersten Buch enthalten ist.
In der „Metaphysik“ sucht Aristoteles nach einer ersten und höchsten Substanz sowie nach einer ersten und höchsten Wissenschaft, die sich mit dieser befasst. Die erste Wissenschaft wird in Buch I als Ätiologie, in Buch IV als Ontologie und in Buch VI als Theologie gedacht. Die einzelnen Bücher sind dabei jedoch mit erheblichem zeitlichem Abstand verfasst und geben tendenziell eher einen Reflexionsprozess wieder als eine geschlossene Theorie. Es gab daher immer wieder Interpretationsansätze, die die Metaphysik nicht als einheitliches Werk ansehen, sondern elementare Gegensätze in ihr ausmachen. Dabei wurde oft das Verhältnis zwischen Theologie und Ontologie als widersprüchlich gesehen. Denn die gesuchte erste Wissenschaft könne ja nicht eine von Gott und gleichzeitig eine von allem Seienden sein. Werner Jäger sah daher in den theologischen Passagen der Metaphysik die Relikte einer früheren, von der platonischen Ideenlehre geprägten Philosophie. Paul Natorp vermutete gar, dass diese Gedanken nicht von Aristoteles selbst stammen können und es sich um Interpolationen handele. In der neueren Forschung lesen Autoren wie Günther Patzig und Giovanni Reale die Metaphysik dagegen wieder als ein einheitliches Werk und interpretieren die genannten Bestimmungen der ersten Wissenschaft daher als aufeinander angewiesen.
Eine weitere Frage, welche die Einheitlichkeit der Metaphysik in Zweifel zieht, ist, inwiefern in ihr überhaupt ein durchgängiger Begriff von erster Wissenschaft vorliegt. So argumentiert Joseph Owens, dass im ersten Buch nur von Weisheit allgemein die Rede sei und nicht von erster oder höchster Wissenschaft im Sinne der Bücher IV und VI. Das Buch I, so Owens, stehe also eher in Zusammenhang mit der vorangegangenen Physikabhandlung als mit der nachfolgenden Metaphysik.
Tatsächlich fällt der Begriff der ersten Philosophie in Buch I nur in Abgrenzung zu den Vorsokratikern, und auch die Nähe zur Physik ist unübersehbar, da sich Aristoteles auf deren vier Grundursachen beruft. Auch vermutet man, dass sich das erste Buch aus früheren programmatischen Schriften zusammensetzt. Daher stellt sich die Frage, inwiefern das erste Buch als zur restlichen Metaphysik gehörig angesehen werden kann. Im Folgenden soll gezeigt werden, dass die einheitliche Lesart von Patzig und Reale auch auf Buch I zutrifft.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Ontologie in Buch IV
3. Das Problem der ersten Wissenschaft in Buch I
4. Die Ontologie in Buch I
4.1. Erscheinung und Prinzip
4.2. Ätiologie und Ontologie
4.3. Das Seiende und das Eine
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Frage nach der Einheitlichkeit von Aristoteles' Metaphysik, indem sie analysiert, inwieweit die Ontologie des vierten Buches bereits im ersten Buch angelegt ist, entgegen der weit verbreiteten Annahme einer strikten Trennung der dort behandelten Themenfelder.
- Die Bestimmung der ersten Philosophie als Wissenschaft vom Seienden.
- Die erkenntnistheoretische Herleitung der Suche nach Ursachen und Prinzipien.
- Die kritische Auseinandersetzung mit vorsokratischen Positionen und der platonischen Ideenlehre.
- Die Rolle der Substanz [οὐσία] als verbindendes Element zwischen Ätiologie und Ontologie.
- Die Bedeutung der elften Aporie für das Verständnis von Sein und Einheit.
Auszug aus dem Buch
4.2. Ätiologie und Ontologie
Wie oben erwähnt wurde, bestimmt Aristoteles im dritten Kapitel des ersten Buches die Grundursachen als die vier Ursachen aus der Physikabhandlung: Die formale Ursache bzw. die der Wesenheit [οὐσία] und des Wesenswas [το τι ην είναι], die Stoffursache, die Bewegungsursache und die finale bzw. die Zweckursache. Diese seien die Grundursachen der Natur, die auch die vorsokratischen Philosophen schon gekannt haben, deren Kritik wie folgt eingeleitet wird:
„So wollen wir obgleich wir diesen Gegenstand in den Büchern über die Natur hinlänglich erörtert haben, doch auch diejenigen zu Rate ziehen, welche vor uns das Seiende [τα ὄντα] erforscht und über die Wahrheit philosophiert haben.“
Die Suche nach den Ursachen und Prinzipien ist also eine nach denen des Seins. Giovanni Reale vertritt daher die These, dass bereits im ersten Buch eine umfassende Ontologie angelegt sei, der zwar noch die begriffliche Schärfe des vierten Buches fehle, aber dennoch die grundlegende Konzeption mit diesem teile und folgert daher:
„It is clear therefore that in our book, being is already presented as a term of philosophical inquiry, that is as the object of first philosophy or σοφία, because the causes, principles and elements into which first philosophy or σοφία must inquire are the causes, principles and elements of all beings, of the being of everything.“
Dies wird vor allem in der Kritik der Vorsokratiker deutlich. Denn diese haben als Ursachen und Prinzipen nur das Stoffliche angenommen, bzw. Prinzipien die zwar der Funktion nach den aristotelischen entsprechen, jedoch nicht als Abstraktum, sondern stets als konkrete, naturhafte Kräfte. So habe Empedokles als Ursachen die Freundschaft und den Streit angenommen, in denen Aristoteles die Stoff- und die Bewegungsursache ausmacht. Empedokles habe aber nur diese zwei gekannt und auch diese nicht konsequent angewendet, da die vier Naturelemente, letztlich auf diese zurückzuführen seien. Seine Naturphilosophie verstricke sich so in Wiedersprüche und kann das Seiende nicht voll erfassen. Die Suche nach den ersten Ursachen und Prinzipien ist für Aristoteles also eine nach denen des Seins. Diese können jedoch nicht mit dem Stofflichen selbst identisch sein (auch wenn sie sich darin realisieren), sondern müssen als Abstraktionen begriffen werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung skizziert die wissenschaftliche Debatte über die Einheit der Metaphysik und stellt die These auf, dass Aristoteles' Ansatz in Buch I eine gedankliche Einheit mit der späteren Ontologie bildet.
2. Die Ontologie in Buch IV: Das Kapitel erläutert die aristotelische Bestimmung der ersten Philosophie als Wissenschaft vom Seienden qua Seienden und die zentrale Rolle der Substanz.
3. Das Problem der ersten Wissenschaft in Buch I: Hier wird der kritische Forschungsstand diskutiert, der Buch I aufgrund seines empirischen Vorgehens von der restlichen Metaphysik abgrenzt.
4. Die Ontologie in Buch I: Dieses Kapitel zeigt auf, wie Aristoteles durch die Hierarchisierung von Erkenntnisstufen und die Kritik an Vorgängern die Grundlagen für seine spätere Ontologie legt.
4.1. Erscheinung und Prinzip: Der Fokus liegt auf dem Übergang von der bloßen sinnlichen Wahrnehmung und Erfahrung hin zum Wissen um allgemeine Prinzipien und Ursachen.
4.2. Ätiologie und Ontologie: Das Kapitel verdeutlicht, wie Aristoteles die Lehre von den vier Ursachen nutzt, um das Sein als zentralen Gegenstand der philosophischen Untersuchung zu etablieren.
4.3. Das Seiende und das Eine: Diese Analyse thematisiert die Aporien bezüglich des Verhältnisses von Sein und Einheit und deren antizipierte Behandlung durch Aristoteles.
5. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass eine gedankliche Einheit vorliegt und das erste Buch bereits konzeptionell als Grundlage für die spätere Metaphysik fungiert.
Schlüsselwörter
Metaphysik, Aristoteles, Ontologie, Erste Wissenschaft, Ätiologie, Substanz, οὐσία, Seiendes, Prinzipien, Ursachen, Sein, Einheit, Erkenntnistheorie, Vorsokratiker, Philosophie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der inneren Einheit der aristotelischen Metaphysik, speziell mit dem inhaltlichen und konzeptionellen Zusammenhang zwischen den verschiedenen Büchern des Werks.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Untersuchung konzentriert sich auf die Begriffe der Ontologie und Ätiologie, die Bedeutung der Substanz sowie die wissenschaftstheoretische Herleitung der Prinzipienforschung bei Aristoteles.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass bereits in Buch I der Metaphysik die Grundlagen der Ontologie des vierten Buches implizit vorhanden sind und somit ein einheitlicher Begriff von erster Philosophie vorliegt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor führt eine textanalytische Untersuchung durch, die sich auf die Auseinandersetzung mit der Sekundärliteratur (u.a. Patzig, Reale, Owens) stützt und aristotelische Textpassagen philologisch interpretiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine kritische Analyse des Problems der ersten Wissenschaft in Buch I, die Darstellung der erkenntnistheoretischen Hierarchie sowie die Untersuchung des aporetischen Verhältnisses von Sein und Einheit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen gehören insbesondere Metaphysik, Ontologie, Ätiologie, Substanz, das Seiende qua Seiendes und die Suche nach den ersten Ursachen und Prinzipien.
Wie bewertet der Autor die Interpretation von Joseph Owens?
Der Autor greift Owens' Lesart des empirischen Vorgehens in Buch I auf, relativiert diese jedoch, indem er aufzeigt, dass diese Empirie für Aristoteles lediglich der Ausgangspunkt zur Abstraktion auf die wahren Prinzipien des Seins ist.
Warum ist die „elfte Aporie“ für das Verständnis der Arbeit so wichtig?
Die elfte Aporie thematisiert das schwierige Verhältnis von „Seiendem“ und „Einem“. Der Autor zeigt auf, dass das Scheitern der Vorsokratiker an dieser Problematik den direkten Weg zu Aristoteles' eigener Substanzontologie ebnet.
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- Johannes Konrad (Autor), 2014, Dier erste Wissenschaft als Ontologie. Aristoteles' "Metaphysik", Buch I, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/364755