Einleitung
Bei der Suche nach einem Thema für diese Hausarbeit blätterte ich in der Anthologie der Aphorismen und blieb bei Kurt Tucholsky hängen, der kurze Textstücke mit der Bezeichnung Schnipsel überschrieben hat. „Schnipsel“ ist kein literaturwissenschaftlicher Begriff. Ich möchte daher untersuchen, ob Tucholskys Schnipsel der Gattung Aphorismen zuzuordnen sind. Dazu werde ich zunächst einen Überblick über die Entstehung seiner Schnipsel geben. Dann werde ich die Gattung Aphorismus definieren um schliesslich den Bezug zwischen der Definition eines literarischen Aphorismus` und seiner Schnipsel zu untersuchen und damit die Frage zu beantworten, ob es sich um Aphorismen handelt oder nicht. Die Aufnahme einiger von Tucholskys Schnipseln in die Anthologie Deutsche Aphorismen1 legt die Vermutung nahe, dass es sich um Aphorismen handelt. Dennoch möchte ich genau untersuchen und begründen, warum sie dieser Gattung zuzurechnen sind.
Gliederung
1. Einleitung
2. Biographie von Kurt Tucholsky
3. Kurt Tucholskys Schnipsel
4. Woran erkennt man einen Aphorismus?
5. Können die Schnipsel Aphorismen genannt werden?
5.1 Definitionsaspekt 1: ein nichtfiktionaler Text
5.2 Definitionsaspekt 2: Prosa, in einer Serie gleichartiger Texte
5.3 Definitionsaspekt 3: von den Nachbartexten isoliert
5.4 Definitionsaspekt 4: in einem einzelnen Satz oder in konziser Weise formuliert oder sprachlich pointiert oder sachlich pointiert
6. Tucholskys Schnipsel als Aphorismen
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die von Kurt Tucholsky unter der Bezeichnung "Schnipsel" publizierten Kurztexte, um zu klären, ob diese literaturwissenschaftlich als Aphorismen klassifiziert werden können. Anhand einer theoretischen Definition der Gattung Aphorismus und einer detaillierten Analyse ausgewählter Textbeispiele wird geprüft, inwiefern Tucholskys Werk die gattungstypischen Kriterien erfüllt.
- Biografischer Hintergrund von Kurt Tucholsky
- Definition und Merkmale des literarischen Aphorismus
- Methodische Anwendung der Kriterien nach Zymner und Fricke auf Tucholskys Texte
- Abgrenzung der "Schnipsel" zu anderen Kurzformen wie dem Witz
- Entwicklung und Struktur der Tucholsky'schen Kurztext-Reihen
Auszug aus dem Buch
5.1 Definitionsaspekt 1: Ein nichtfiktionaler Text
Viele Schnipsel sind direkt aus der Lebenswelt der Menschen entnommen und so allgemein formuliert, dass ein Hintergrund nicht erkennbar ist:
„Ein bekannter Modezeichner ging einst zum Chef der Zeitung, für die er arbeitete, und bat um Gehaltserhöhung. >Die schlechten Zeiten...und die teuren Preise...< Und der Chef entgegnete: >Die teuren Preise...und die schlechten Zeiten...< - > Da wird nichts andres übrigbleiben<, sagte der Modezeichner, >als daß wir beide reich heiraten - !<“ [1]
In diesem Text entwirft Tucholsky eine kleine Geschichte – vielleicht vor dem Hintergrund selbst erlebter schlechter Bezahlung bei einer Zeitung.
Bei diesem Text ist es schwierig, die Abgrenzung vom Witz aufrecht zu erhalten, denn der Witz „ist ein kurzer, selbständiger, fiktionaler, komisch pointierter Prosatext.“ und die Bedingungen kurz, selbständig und komisch pointiert sind für diesen Text, wie noch gezeigt wird, erfüllt. Der Unterschied besteht darin, dass der Witz fiktional ist, der Aphorismus hingegen nichtfiktional.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung der Problemstellung und der Absicht, die literarische Gattung der Tucholsky'schen "Schnipsel" zu untersuchen.
2. Biographie von Kurt Tucholsky: Überblick über das Leben und Wirken Tucholskys, insbesondere im Kontext seiner schriftstellerischen Tätigkeit und politischen Einstellung.
3. Kurt Tucholskys Schnipsel: Darstellung der Publikationsgeschichte und der quantitativen Entwicklung der "Schnipsel" sowie anderer Kurzformen im Werk Tucholskys.
4. Woran erkennt man einen Aphorismus?: Theoretische Herleitung der Gattungsmerkmale des Aphorismus basierend auf verschiedenen literaturwissenschaftlichen Definitionen.
5. Können die Schnipsel Aphorismen genannt werden?: Zentrale Analyse, in der die "Schnipsel" anhand der Kriterien Nichtfiktionalität, Prosaform, Isolation und Konzision geprüft werden.
6. Tucholskys Schnipsel als Aphorismen: Fazit der Untersuchung, das die Zuordnung der "Schnipsel" zur Gattung der Aphorismen bestätigt.
Schlüsselwörter
Kurt Tucholsky, Schnipsel, Aphorismus, Kurzprosa, Gattungstheorie, Literaturwissenschaft, Nichtfiktionalität, Pointierung, Satire, Weltbühne, Textanalyse, Moderne Kurzform, Literarische Gattung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die literarischen Kurztexte von Kurt Tucholsky, die dieser unter dem Titel "Schnipsel" veröffentlichte, auf ihre Gattungszugehörigkeit zum Aphorismus.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Untersuchung umfasst die Biografie Tucholskys, die theoretische Bestimmung der Aphorismus-Gattung sowie eine formale und inhaltliche Analyse der Tucholsky-Kurztexte.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Beantwortung der Forschungsfrage, ob Tucholskys Schnipsel trotz ihrer teils eigenwilligen Form als Aphorismen bezeichnet werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Die Autorin wendet ein induktives Verfahren an, bei dem fünf zufällig ausgewählte Schnipsel anhand der Definitionskriterien nach Rüdiger Zymner und Harald Fricke detailliert überprüft werden.
Was steht im Hauptteil der Arbeit im Fokus?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Definition des Aphorismus und eine vierstufige praktische Analyse der Schnipsel hinsichtlich ihrer Fiktionalität, Struktur, Isolierung und Prägnanz.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Aphorismus, Schnipsel, Tucholsky, Nichtfiktionalität, Pointierung und literarische Kurzform.
Wie unterscheidet die Arbeit zwischen einem Witz und einem Aphorismus?
Die Arbeit differenziert primär über das Kriterium der Fiktionalität: Während der Witz fiktionale Szenarien entwirft, zeichnet sich der Aphorismus durch seinen nichtfiktionalen, auf die reale Welt bezogenen Charakter aus.
Welche Bedeutung hat der Titel "Schnipsel" in Tucholskys Werk?
Der Titel ist eine Eigenschöpfung Tucholskys, die er für seine in der "Weltbühne" erschienenen Kurztexte nutzte, um diese als Mosaiksteine seiner Lebenserfahrung und Beobachtungen zu kennzeichnen.
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- Sabine Storm (Author), 2003, Sind Tucholskys Schnipsel Aphorismen?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/36497