Theologie nach Auschwitz


Hausarbeit, 2004

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Der Massenmord in Auschwitz

2. Die Theodizee und ihre Lösungsansätze
2.1 Gott existiert nicht
2.2 Gott ist nicht gut
2.3 Gott ist nicht allmächtig
2.4 Es gibt kein Böses

3. Dialog christlicher Kirchen mit dem Judentum
3.1 Die moralische Betroffenheit der Nachkriegsjahre
3.2 Beginnender Dialog mit dem Judentum
3.3 Konfessorische Phase

4. Positionen der Theologie nach Auschwitz
4.1 Von der Shoah veränderte Christologie
4.2 Von der Shoah berührte Christologie
4.3 Von der Shoah verletzte Christologie

5. Auswirkungen der Theologie nach Auschwitz auf die Theologie der Gegenwart
5.1 Folgerungen und Forderungen aus der Theologie nach Auschwitz
5.2 Einordnung der Theologie nach Auschwitz in die Theologie des 20. Jahrhunderts

6. Fazit

Literaturverzeichnis

0. Einleitung

Theologie nach Auschwitz – das klingt wie eine Zeiteinteilung, vor und nach Auschwitz. Ist Theologie notwendig anders nach Auschwitz? Und wofür steht Auschwitz in diesem Zusammenhang? In dieser Arbeit werde ich zunächst die Bedeutung von Auschwitz als Synonym für die Gräueltaten des Nationalsozialismus hervorheben. Gläubigen Menschen stellt sich angesichts solcher Schrecken die Frage: Wie kann Gott dies zulassen? Diese Frage ist als sogenannte Theodizee bekannt und hat, nicht erst seit Auschwitz, immer wieder Menschen beschäftigt. Da die Theodizee eine bedeutsame Frage ist und in der Auseinandersetzung mit Auschwitz wieder zu einer der zentralen Fragen des Christentums wurde, widme ich mich in dieser Arbeit der Theodizee und ihrer vier Lösungsansätze.

Nach Auschwitz war das Außenverhältnis der christlichen Kirchen zum Judentum eine brisante Frage, denn die Schuld am Massenmord betraf auch viele Christen sehr konkret. Die Kirchen waren mitschuldig am Massenmord an den Juden geworden, hatten sogar den Hass auf Juden theologisch gerechtfertigt. Daher stelle ich den schrittweise wieder aufgenommenen Dialog der christlichen Kirchen mit Juden in den verschiedenen Phasen vor.

In der Theologie nach Auschwitz gibt es unterschiedliche Positionen zum theologischen Umgang mit der Shoah. Die drei wichtigsten dieser Positionen erläutere ich kurz. Birte Petersen, eine junge Theologin, die sich in ihrer Dissertation mit der Theologie nach Auschwitz beschäftigt hat, stellt fünf Forderungen an die Theologie nach Auschwitz. Diese Forderungen untersuche ich kritisch. Zuletzt ordne ich die Theologie nach Auschwitz in das Gefüge der modernen Theologie des 20. Jahrhunderts ein und stelle damit den Bezug zur heutigen theologischen Debatte her.

1. Der Massenmord in Auschwitz

Auschwitz ist der deutsche Name der polnischen Kleinstadt Oswiecim, die etwa 60 km südwestlich von Krakau liegt.[1] 1940 haben Menschen unter dem nationalsozialistischen Regime hier begonnen, mehrere Konzentrationslager und ein Vernichtungslager zu bauen. Insgesamt entstanden drei Hauptlager und 39 Arbeitslager. Die Hauptlager waren Auschwitz I, das ursprüngliche Konzentrationslager und Verwaltungszentrum des gesamten Komplexes. Hier wurden ungefähr 70.000 Menschen, meist polnische Intellektuelle und sowjetische Kriegsgefangene, umgebracht. Die anderen Hauptlager waren Auschwitz II (Birkenau), ein Vernichtungslager in dem ungefähr eine Million Menschen vergast wurden und Auschwitz III (Monowitz), ein Arbeitslager, das der IG Farben Chemiefabrik Buna-Werke angegliedert war. Allein nach Auschwitz wurden insgesamt mehr als 1,3 Millionen Menschen deportiert. Davon wurden etwa 900.000 Menschen direkt nach ihrer Ankunft vergast oder erschossen. Weitere 200.000 Menschen starben durch Krankheiten, Hunger oder wurden nach kurzer Zeit in die Gaskammern geschickt. Auschwitz, das größte der Konzentrationslager, die unter dem Naziregime entstanden, ist der unvorstellbare und doch geschehene systematische Mord an Unschuldigen. Diese Menschen, in der Mehrheit Juden, gingen verzweifelt in die Konzentrationslager. Sie gingen vielfach in der Annahme, in ein Arbeitslager zu kommen, andere wussten, dass sie allesamt in den Tod gingen.

Da Auschwitz das größte Vernichtungslager jener Zeit war, gilt es als Symbol für den nationalsozialistischen Massenmord, dem mehr als 6 Millionen Menschen zum Opfer fielen. Die Mehrheit dieser Opfer waren Juden, aber es waren auch Sinti und Roma, Homosexuelle und Kommunisten/Widerständler unter den Opfern. „Auschwitz steht für die totale Vernichtung: In Auschwitz wurde Leben an sich annulliert, wurde sinn- und bedeutungslos.“[2]

Nach dem zweiten Weltkrieg wurde Auschwitz I wiederhergestellt und in ein Museum umgewandelt; Auschwitz II mit den gesprengten Gaskammern kann man heute auch besichtigen. Das KZ Auschwitz gehört heute zur UNESCO Liste des Weltkulturerbes. Der 27. Januar, der Tag der Befreiung des KZ Auschwitz, ist seit 1996 in Deutschland offizieller Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus.

2. Die Theodizee und ihre Lösungsansätze

„Die Frage, wie Gott vor Menschen als der Allmächtigste, als der Gerechte und der Liebende dasteht - das ist die Theodizeefrage (...).“[3] Das Wort Theodizee kommt von theos (griechisch Gott) und diké (griechisch Gerechtigkeit). Die Theodizee ist eine zentrale Frage der Theologie, denn sie stellt den Gottesbegriff zur Diskussion. Der Zusammenhang der Theodizee mit Auschwitz wird zumindest für Christen folgendermaßen begründet: „Theologisch bedeutet die Krise durch den Holocaust zunächst, dass die alte Frage der Theodizee in ungeahnter Schärfe neu gestellt ist.“[4]

Die Theodizee wurde schon von dem griechischen Philosophen Epikur (341-270 v. Chr.) formuliert:

„Entweder will Gott die Übel beseitigen und kann es nicht:

dann ist Gott schwach, was auf ihn nicht zutrifft,

oder er kann es und will es nicht:

dann ist Gott missgünstig, was ihm fremd ist,

oder er will es nicht und kann es nicht:

dann ist er schwach und missgünstig zugleich, also nicht Gott,

oder er will es und kann es, was allein für Gott ziemt:

Woher kommen dann die Übel und warum nimmt er sie nicht hinweg?“[5]

Dies zeigt, dass die Gott zugeschriebenen Eigenschaften im Widerspruch stehen mit der Erfahrung des Bösen in der Welt. Man kann diese Aussagen in vier Sätzen zusammenfassen.

1. Gott existiert.
2. Gott ist allmächtig.
3. Gott ist gütig.
4. Es gibt Böses.

In den Lösungsansätzen zur Theodizee werden diese vier oben genannten Aussagen als widersprüchlich betrachtet. Gott kann nicht gleichzeitig gütig, allmächtig und das Böse in der Welt zulassend sein. Die logische Folge davon ist, dass eine dieser Annahmen nicht gelten kann, damit der Widerspruch aufgelöst wird.

2.1 Gott existiert nicht

Eine mögliche Lösung der Theodizee liegt darin, die Schlussfolgerung zu ziehen, dass es Gott nicht gibt. Die Argumentationslinie ist folgende:

Gott ist allmächtig. Gott ist gütig. Es gibt Böses.

Kann oder will Gott das Böse nicht verhindern?

Wenn er es nicht kann, so ist er nicht allmächtig. Das ist aber postuliert. Wenn er das Böse nicht verhindern will, so ist er nicht gütig. Auch das steht im Widerspruch zu den Grundannahmen über Gott. Für Atheisten steht damit fest: Gott kann es nicht geben.

Ein ursprünglich an Gott glaubender Vertreter dieser Position ist der jüdische Autor Rubenstein, der in der tradierten Vorstellung auf wuchs, die Juden würden von Gott bestraft für ihre Sünden. Diese Erklärung konnte er jedoch für Auschwitz nicht hinnehmen. So schreibt er: „So konnte ich unmöglich mehr an einen solchen Gott glauben, noch konnte ich nach Auschwitz länger mehr glauben, dass Israel das erwählte Volk Gottes sei.“[6] Aus der Reflexion über die Geschichte der Juden erwuchs bei ihm die Vorstellung, dass Gott Nichts sei, nicht allmächtig, nicht gütig, nicht leidend. „Nach letzter Analyse ist die allmächtige Nichtsheit Herr alles Geschaffenen.“[7] In der Kritik an Rubenstein heißt es, er sei zu stark auf die Shoah konzentriert als entscheidendes Ereignis der jüdischen Geschichte. Die Philosophie, die Gott verwerfe, werde nicht von Überlebenden der Shoah vertreten.[8]

In Zusammenhang mit der Auffassung, Gott gebe es nicht, steht die Auffassung, es gebe ihn zwar, er habe sich aber von der Welt abgewandt.

Gott sei allmächtig und gut, es gebe Böses auf der Welt, es gebe auch Gott, aber Gott sei der Welt abgewandt. Die Schuld daran trifft die Menschen, denn sie haben sich zuerst von Gott abgewandt.

Die 13. Shell-Studie gibt an, dass nur 17% der befragten Jugendlichen sich als religiös bezeichnen.[9] Damit Gott sich wieder zuwendet, müssen die Menschen zuerst zu Gott zurückkehren. Die Menschen sollen Buße tun, dann wird Gott sich uns wieder zuwenden, denn er ist gütig. Es wird dann kein Böses mehr geben, denn er ist allmächtig. Damit wird an die Tradition der jüdischen Kabbala angeknüpft, in der ebenfalls tradiert wird, dass die Menschen durch ihr Handeln, durch Askese und Schweigen dazu beitragen können, dass der Erlöser bald zu ihnen kommt. Dies steht im Widerspruch zu den Lehrsätzen Luthers und seinem „solo gratia“ - allein durch die Gnade Gottes werden wir erlöst.

Warum aber hat sich Gott jemals abgewendet? Er wusste doch, dass er damit Böses zulässt. Und wenn man davon ausgeht, dass es nichts Böses gibt, solange Gott sich nicht abwendet, so war Gott wohl noch nie der Welt zugewandt, denn Böses hat es immer gegeben. Wenn Gott sich der Welt abgewandt hat, wozu sollte es ihn geben? Ein solcher Gott ist bedeutungslos. Ebenso bedeutungslos ist dann, ob er postuliert ist oder nicht. Daher lässt sich dieser Ansatz auf die Aussage „Gott existiert nicht“ zurückführen.

[...]


[1] Die Informationen dieses Abschnitts sind entnommen aus: Auschwitz und die Auschwitz-Lüge

[2] Behrens, Roger (2003) Adorno-ABC, Leipzig, S. 41

[3] Thesen zur Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden, in: Ginzel, Günther B. (Hrsg.) (1980) Auschwitz als Herausforderung für Juden und Christen, Heidelberg, S. 381

[4] ebenda, S. 381

[5] zitiert nach: www.wikipedia.net am 05.01.2004

[6] zit. n. Melchardt, Sylvia (2001) Theodizee nach Auschwitz? Münster, S. 29

[7] zit. n. Melchardt, Sylvia (2001) a.a.O. , S. 30

[8] vgl. Melchardt, Sylvia (2001) a.a.O., S. 28-30

[9] Psychologie heute compact, Heft 8: Glück, Glaube, Gott: Was gibt dem Leben Sinn?, Weinheim 2003, S. 45

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Theologie nach Auschwitz
Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg)
Veranstaltung
Vom neuen Testament zur Shoah
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
21
Katalognummer
V36500
ISBN (eBook)
9783638361071
ISBN (Buch)
9783656208150
Dateigröße
572 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theologie, Auschwitz, Testament, Shoah, Theodizee, Holocaust
Arbeit zitieren
Sabine Storm (Autor), 2004, Theologie nach Auschwitz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/36500

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