"Die Sopranos". Analyse der Inszenierung serieller Narration in der US-Serie


Hausarbeit, 2017

23 Seiten, Note: 1.3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung in das Thema

2 Terminologie

3 Sequenzanalyse
3.1 Allgemeine Rahmenhandlung
3.2 Vorausgehende Situation und Handlungsort
3.3 Auftretende Charaktere
3.4 Analyse der narrativen Einheiten

4 Zustandekommen von Theorie A
4.1 Die Subjektive
4.2 Die sekundäre Form von Intimität
4.3 Die medienübergreifende Partizipation

5 Fazit

6 Quellenverzeichnis

1 Einführung in das Thema

Als am 10. Juni 2007 die letzte Episode der TV-Serie The Sopranos über die US-amerikanischen Bildschirme flimmerte, dachte ein Großteil der Zuschauer nach den 60 Minuten Laufzeit zunächst, dass ihr Fernseher eine Signalstörung habe. Der Grund dafür war die einzigartige Inszenierung der finalen Sequenz. Mit einem abrupten Schnitt ins Schwarze erschuf Creator und Showrunner David Chase eines der denkwürdigsten und meist umstrittensten Enden der Fernsehgeschichte und äußerte sich nur zurückhaltend zu den finalen Interpretationen der Fans. „There´s more than one way of looking at the end. That´s all I´ll say.”[1] Mit diesen Worten sorgte Chase viel weniger für Evidenz unter den Zuschauern, sondern potenzierte die existierende Diskrepanz im Hinblick auf die Deutung des offenen Endes. Während eine Perspektive davon ausgeht, dass der Protagonist Tony Soprano am Ende stirbt, hält die andere Seite mit dem Überleben Tonys an einer weitaus optimistischeren Sichtweise fest.

In dieser Hausarbeit soll demzufolge untersucht werden, welche Mittel der Inszenierung von den Serienschöpfern benutzt werden, die letztendlich den Zuschauer zu seiner Theoriebildung führen. Dem voraus geht eine detaillierte Sequenzanalyse, die sich aus den Elementen des Visuellen, des Auditiven und des Narrativen zusammensetzt. Grundlegende Begriffe, die für die Analyse und Beantwortung der Frage von Bedeutung sind, werden ebenfalls im Vorfeld definiert, damit eine klare Terminologie zugrunde liegt. Dabei ist nicht nur die finale Sequenz der letzten Episode von besonderer Relevanz, sondern werden Ausschnitte aus den Episoden Johnny Cakes (dt.: Die Zeiten ändern sich), Soprano Home Movies und Stage 5 (dt.: Goodbye Johnny) ebenfalls zur Exemplifizierung genutzt. Als Abschluss der Arbeit dienen dann drei ausgewählte Beispiele, an denen verdeutlicht werden soll, wie die inszenatorischen Mittel eingesetzt werden, damit der Zuschauer sie erkennt, ihnen eine Bedeutung zuschreibt und die Annahme von der Ermordung Tonys entsteht (Theorie A).

2 Terminologie

Damit bei der Analyse und Erläuterung für Akribie bezüglich des genutzten Vokabulars gesorgt ist und mögliche Missverständnisse vermieden werden, dient die folgende Terminologie als Grundlage für die anschließenden Kapitel.

Beat: Besitzt eine Einstellung ein Zeitintervall von weniger als 120 Sekunden, ist von einem Beat die Rede. Diese Beats stellen die fundamentale Einheit des Geschichtenerzählens im Fernsehen dar. Dabei geht die Fernsehwissenschaft davon aus, dass die Aufmerksamkeitsspanne des Zuschauers abnimmt, sobald eine Einstellung die Dauer von 120 Sekunden übersteigt.[2]

Leerstellen: Wolfgang Iser definierte 1971 den Begriff der Leerstellen. Dabei bezieht er sich auf Textstellen, die narrative Lücken aufweisen und deren Bewältigung nur durch die Kombinationsfähigkeit des Lesers erfolgen kann.[3] Unterschieden wird dabei in vier Modalisierungen, wobei für die nachfolgende Sequenzanalyse nur eine von Bedeutung ist. Anhand dieser einen Form, die der oppositiven Leerstelle, die sich über den Gegensatz zweier Anschauungen definiert, können die beiden Theorien zum Verständnis der finalen Sequenz gegenübergestellt werden.[4] Für beide Theorien gilt das Kombinieren von Zeichen bzw. Informationen und somit auch Isers Terminus der Leerstelle als Fundament des Imaginations- und Interpretationsprozesses.

Blackscreen: Eine audiovisuelle Leerstelle in Form eines schwarzen Bildschirms, der dem Zuschauer eine Hör- und Sehpause genehmigt. Wird in der Serie The Sopranos mehrmals als Konnektor zwischen der letzten Einstellung und dem Abspann verwendet und dient somit zeitgleich als Überleitung von der Diegese zur Extradiegese. Der Blackscreen gibt dem Zuschauer einen zeitlichen Freiraum, sich über das Erzählte bewusst zu werden und die aufgenommenen Informationen im Interpretationsprozess zu verarbeiten.[5]

Denotation und Konnotation: In der Ikonographie und Ikonologie unterschiedet man zwei Ebenen, auf denen Bildinhalte vorzufinden sind. Diejenigen Bildinhalte, die wir mit unseren bloßen Augen erkennen, werden dabei als denotative Bildinhalte beschrieben. Hier werden schlicht die tatsächlich zu beschreibenden Einzelteile des Bildes erkannt, die sich aus Farbe, Form, Komposition etc. zusammensetzen. Bei der Konnotation hingegen, werden Bildinhalte, die nicht konkret in dem Werk zu sehen sind, aufgespürt, indem man sein kulturelles Wissen miteinbezieht und die Zeichen (Codes) decodiert. So kann beispielsweise die Farbe des Keils in El Lissitzkys Plakat Schlagt die Weißen mit dem roten Keil von jedem als die Farbe Rot identifiziert werden, d. h. auf der denotativen Ebene erkannt werden. Um jedoch den konnotativen Bildinhalt zu entschlüsseln, braucht man hier das zeitgemäße, kulturelle Hintergrundwissen. Damit lässt sich die Farbe Rot dem Kommunismus zuordnen, wodurch das Bild eine umfangreifere Tiefe erhält.[6] Demnach lässt sich das Medium Fernsehen nicht nur auf die Eigenschaft beschränken, mediale Wahrnehmungsräume zu erzeugen, sondern ist es ebenso ein Teil der beschriebenen Zeichenprozesse.[7]

Signifikat und Signifikant: Laut Umberto Eco sind Kunstwerke eine mehrdeutige Botschaft, die sich aus einer Vielzahl an Signifikaten (Bedeutungen) zusammensetzt und in einem einzigen Signifikanten (Bedeutungsträger) enthalten sind.[8]

Partizipation: Renate Lachmann differenzierte 1990 den von Julia Kristeva geprägten Begriff der Intertextualität in drei Typen. Partizipation, Tropik und Transformation. Bei der Partizipation erkennt der Rezipient beim Lesen einer Lektüre ein Konzept aus einer zuvor gelesenen Lektüre wieder. Dies kann beispielsweise in Form einer Nachahmung oder Anspielung geschehen und sowohl vom Autor intendiert sein, als auch latent erfolgen.[9] Im Hinblick auf die bevorstehende Sequenzanalyse wird diese Theorie von dem Medium des Buches auf die TV-Serie übertragen.

Offenes Kunstwerk: Modernen Kunstwerken schreibt Eco eine offene Gestalt zu. Darunter fallen Kunstwerke, die eine Beziehung zwischen künstlerischem Schöpfer und einem Rezipienten haben, bei der letzterer in den kreativen Produktionsprozess miteingezogen wird. Der Rezipient besitzt demnach eine Form von individueller Freiheit, was das Verständnis des Kunstwerkes anbelangt.[10]

3 Sequenzanalyse

3.1 Allgemeine Rahmenhandlung

The Sopranos ist eine US-amerikanische Fernsehserie des Produktionssenders HBO (Home Box Office), die in den Jahren 1999–2007 ausgestrahlt wurde. Die Serie erzählt in 86 Episoden die Geschichte einer italo-amerikanischen Mafiafamilie und ihrem Leben in New Jersey. Im Mittelpunkt der Handlung steht der Protagonist Tony Soprano, der einerseits mit seinen familiären Problemen zu kämpfen hat und andererseits als Berufsverbrecher und Boss der Cosa Nostra von New Jersey seine kriminellen Aktivitäten kontrollieren und vor der Öffentlichkeit verbergen muss. Aufgrund von enormen Stress und sich häufenden Wutausbrüchen wird Tony zeitweilig Opfer von Panikattacken, die ihn letztendlich zum Patienten einer Psychologin machen, die er regelmäßig aufsucht.

3.2 Vorausgehende Situation und Handlungsort

Gegenstand der Untersuchung ist nicht die komplette Serie, sondern nur eine ausgewählte Sequenz, die den Zuschauer in ein offenes Ende entlässt. Damit die späteren Zusammenhänge auch ohne den Konnex zur Serie nachvollzogen werden können, dient eine kurze Zusammenfassung der Handlung, die der analysierten Sequenz vorausgeht.

Aufgrund eines tobenden Krieges zwischen den Mafiafamilien Luperatzzi und Soprano hat sich Tony mit einigen schwerbewaffneten Gefolgsleuten in einen sicheren Unterschlupf zurückgezogen. Von diesem Ort plant Tony, wie er Phil Leotardo, das Oberhaupt der rivalisierenden Familie, ausschalten kann. Nach einem Treffen mit einem angesehenem Mobster aus einer der anderen fünf Familien erhält Tony Zustimmung für sein Vorhaben, um dem außer Kontrolle geratenem Konflikt endlich ein Ende zu setzen. In diesem Zug wird Leotardo an einer Tankstelle vor den Augen seiner Frau und den beiden Enkeltöchtern von zwei Mitgliedern des Soprano-Clans niedergeschossen. Tony, der sich nun wieder sicher fühlt, besucht daraufhin seinen Onkel Junior im Altersheim, um eine private Angelegenheit zu klären. Allerdings scheitert dies aufgrund des fortgeschrittenen Stadiums von Demenz, an der Junior leidet. Mit einem traurigen Gesichtsausdruck verlässt Tony das Altersheim.

In der nächsten Einstellung ist es Abend und wir sehen Tony ein Diner betreten, in dem er sich mit seiner Familie zum Essen treffen soll. Das gut besuchte Lokal trägt den Namen Holsten´s und dient als Schauplatz der finalen Sequenz.

3.3 Auftretende Charaktere

In der zu analysierenden Sequenz treten insgesamt vier der bekannten Charaktere der Serie auf, dazu zählen:

1. Anthony „Tony“ Soprano (Protagonist der Serie)
2. Carmela Soprano (Zweifache Mutter und Ehefrau des Protagonisten)
3. Anthony John „AJ“ Soprano Jr. (Sohn des Protagonisten)
4. Meadow Soprano (Tochter des Protagonisten)

3.4 Analyse der narrativen Einheiten

Mittels der im Vorfeld nahegelegten Hintergründen kann der Untersuchungsgegenstand nun der Analyse unterzogen werden. Die betrachtete Sequenz ist Teil der finalen Episode Made in America (dt.: Die Sopranos schlagen zurück) und hat eine Dauer von 4:44 Minuten.[11] Mit 110 Schnitten weist die Sequenz eine Einstellungsmenge von 111 auf und da diese niemals die Länge von 120 Sekunden überschreiten, werden die Einstellungen von dieser Stelle als Beats betitelt. Analysiert werden die Beats auf Aspekte des Visuellen, des Narrativen und des Auditiven tabellarisch und in folgender Reihenfolge:[12]

1. Handlung
2. Dialog
3. Geräusche
4. Kameraeinstellung[13]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


[1] Vgl. Daly (2008) Talking with David Chase

[2] Vgl. Kupper (2016) Serielle Narration: Die Evolution narrativer Komplexität in der US-Crime-Show von 1950 – 2000, S. 161f.

[3] Vgl. Iser (1976) Der Akt des Lesens. Theorie ästhetischer Wirkung, S. 284.

[4] Vgl. Iser (1976) Der Akt des Lesens. Theorie ästhetischer Wirkung, S. 170ff.

[5] Vgl. Fröhlich (2016) Wie die Sopranos gemacht sind - Zur Poetik einer Fernsehserie, S. 144f.

[6] Vgl. Zywietz (2016) Einführung – Was ist ein Bild?, S.25.

[7] Vgl. Hickethier (2001) Film- und Fernsehanalyse, S.116ff.

[8] Vgl. Eco (1990) Das offene Kunstwerk, S.8.

[9] Vgl. Lachmann (1990) Gedächtnis und Literatur, S.39

[10] Vgl. Eco (1990) Das offene Kunstwerk, S.31.

[11] Vgl. The Sopranos (2007) Staffel 6 Episode 21, TC: 0:54:11 – 0:58:55.

[12] Vgl. Faulstich (2002) Grundkurs Filmanalyse, S.68f.

[13] Vgl. Hickethier (2001) Film- und Fersehanalyse, S. 58f.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
"Die Sopranos". Analyse der Inszenierung serieller Narration in der US-Serie
Hochschule
Universität Siegen
Note
1.3
Autor
Jahr
2017
Seiten
23
Katalognummer
V365352
ISBN (eBook)
9783668447776
ISBN (Buch)
9783668447783
Dateigröße
778 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
TV, Fernsehen, Sopranos, Serielle Narration, Sequenzanalyse, Universität Siegen, Oliver Koch
Arbeit zitieren
Oliver Koch (Autor), 2017, "Die Sopranos". Analyse der Inszenierung serieller Narration in der US-Serie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/365352

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