Die Emotion der Trauer und ihre Funktion am Beispiel Kriemhilds im "Nibelungenlied"


Hausarbeit, 2013
12 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Trauer Kriemhilds - unkontrollierte Emotionalität?

3. Die Funktion der Trauer Kriemhilds

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Arbeit behandelt das Thema der Funktion von Emotionalität im Mittelalter. Dabei bezieht sich die Arbeit speziell auf die Emotion Trauer, da diese Art der Emotion im Nibelungenlied eindrucksvoll dargestellt wird. Im Heldenepos Nibelungenlied nimmt Kriemhild eine zentrale Position ein. Nachdem ihr Siegfried im Wald ermordet wird und von den Mördern vor die Kemenate der Königin Kriemhild gelegt wird, beginnt die Trauer Kriemhilds. Diese Trauer und das Klagen um den ermordeten Siegfried ist von eindrücklicher Gestalt. Besonders präsent ist diese Emotion in der Aventiure 17, in der Siegfried tot aufgefunden und beerdigt wird, weshalb sich die Arbeit auf diesen Abschnitt konzentrieren soll. Repräsentativ für die Trauer in der genannten Aventiure ist folgende Strophe:

„Ein jâmerlîchez scheiden wart dô dâ getân.

dô truoc man si von dannen; sine kúnde niht gegân.

dô vant man sinnelôse daz hêrlîche wîp.

vor leide möhte ersterben der ir vil wünneclîcher lîp. “[1]

Die Arbeit wird zunächst geleitet von der Frage, ob die Trauer, welche Kriemhild präsentiert, geprägt ist von unkontrollierter Emotionalität wie man es vermuten könnte oder doch von Affektkontrolle. Die Texte „Empörung, Tränen, Zerknirschung“ von Gerd Althoff und „Das Nibelungenlied. Widersprüche höfischer Gewaltreglementierung“ von Peter Czerwinski sollen zu einer Klärung der Fragestellung beitragen. Wenn tatsächlich festgestellt werden sollte, dass die Emotion Trauer nicht einem bloßen Gefühlsausbruch gleichzusetzen ist, könnte der Trauer Kriemhilds eine Funktion zu Grunde liegen. Auf die Fragestellung welche Funktion die Trauer Kriemhilds aufweist, wird schlussendlich eingegangen. Dabei soll gezeigt werden, wie in bestimmten Situationen gehandelt wird und welche Folgen dieses Handeln hat. In einem anschließenden Fazit soll über die wichtigsten Ergebnisse ein knapper Überblick gegeben werden.

2. Die Trauer Kriemhilds - unkontrollierte Emotionalität?

Die Aventiure 17 des Heldeneposes Nibelungenlied ist erfüllt von Trauer um den ermordeten Siegfried. Für unser heutiges Verständnis wirken die Szenen überemotionalisiert und werden ungewohnt ausgelebt und betont. Folgende Strophe repräsentiert dies:

„Ê daz zem grabe kœme daz Sîfrides wip,

dô ranch mit solhem jâmer ir getriuwer lîp,

daz man si mit dem brunnen vil dicke dâ vergôz.

ez was ir ungemüete vil harte unmæzlîchen grôz “[2]

Fraglich hierbei ist, ob es sich bei der gezeigten Emotionalität um bloße unkontrollierte Gefühlsausbrüche oder um gezielte Emotionskontrolle handelt.

Um diese Fragestellung befriedigend zu klären, sollte zunächst angemerkt werden, dass die wenigsten Menschen im Mittelalter lesen und schreiben konnten.[3] Dies war ein Privileg, welches dem Klerus und wenigen Adligen vorbehalten war. Das Medium der Kommunikation, dem sich die Menschen im Mittelalter bedienten war demnach die Akustik und die Performanz, nicht aber die Schrift. Dieser Unterschied zur heutigen Zeit muss dem Betrachter höfischer Literatur dringend vor Augen geführt werden.

Die Relevanz der Rolle der Performanz zeigt sich besonders vor dem Hintergrund, dass es keine rechtlichen Institutionen und kein Gewaltmonopol im Mittelalter gab, welche für eine geregelte Gesellschaftsordnung sorgen konnten. „Recht ist noch kein allgemeines, institutionell verankertes Recht, […] sondern […] eine Addition einzelner personaler Rechts- und Friedenspunkte.“[4] Da es keine Rechtsinstitution gab, welche die Rechte der Menschen verteidigen konnte, gab es kein einklagbares Recht. Somit waren die Menschen gezwungen für ihre Rechte selbst einzutreten und waren für das Verteidigen ihrer Rechte selbst verantwortlich.[5] Verträge wurden nicht, wie in der heutigen Zeit meist schriftlich festgehalten, sondern oftmals nur per Handschlag besiegelt. Das heißt, dass im Vertrauen die absolute Basis der mittelalterlichen Gesellschaft lag. Ein mündlicher Friedensschluss verpflichtete beispielsweise ernstzunehmend zu einem zukünftigen friedlichen Agieren. Dies zeigt die bedeutsame Rolle der Akustik und der Performanz im Mittelalter. Verhalten beinhaltete somit auch einen verbindlichen und symbolischen Gehalt, womit Zuverlässigkeit und Sicherheit konstruiert wird. „Die so permanent ausgesandten Signale verhinderten Missverständnisse und Überraschungen“.[6] Dies war vor der zu Grunde liegenden Situation, dass das Leben im Mittelalter offensichtliche weniger institutionalisiert war als heute, von immenser Bedeutung. Das Verhalten im Mittelalter beinhaltete eine starke Verbindlichkeit, somit ist das Agieren der Gesellschaft im Mittelalter nicht als undurchdacht oder unkontrolliert zu begreifen. In einem gegenteiligen Fall, also wenn das Handeln unverbindlich und unkontrolliert wäre, könnte keine gesellschaftliche Ordnung gewährleistet werden. Dabei muss erwähnt werden, dass auch ebenso die höfischen Konzepte wie triuwe, êre, mage und minne Sicherheit in der mittelalterlichen Gesellschaft herstellen. Die gezeigten Emotionen sind als ritualisierte Verhaltensweise zu begreifen und werden durch Sprache und Gestik manifestiert.[7] Das ritualisierte Ausdrücken von Emotionen hatte somit eine wesentliche Funktion der Sicherheit und Ordnung in der mittelalterlichen Gesellschaft.

Festzuhalten ist, dass die Verständigung der mittelalterlichen Gesellschaft symbolhaltig war, womit Verbindlichkeit an das Agieren geknüpft wurde. Damit ist das Verhalten der mittelalterlichen Gesellschaft als durchaus kontrolliert zu beschreiben. Emotionen, wie die Trauer, sind im Mittelalter keinesfalls als unkontrollierte, irrationale, grobschlächtige oder ungezügelte Direktheit zu begreifen, sondern als zweckorientierte, ritualisierte Verhaltensweise.[8] Beispielsweise waren „Tränen wie Fußfälle vielfach benutzte Mittel […], um den Ernst und die Dringlichkeit einer Bitte zu unterstreichen“.[9] Das heißt, dass Emotionen Verhaltensmuster sind, die formelhaft angewandt werden können. Dies zeigt erneut, dass die Symbolträchtigkeit des Verhaltens Klarheit und Sicherheit in die mittelalterliche Gesellschaft initiiert.

Anzumerken ist, dass die Emotionen im Mittelalter einen Platz in der Öffentlichkeit,hatten. Nur wenn die Emotion öffentlich wahrnehmbar wurde, war sie wahrhaftig und stellte eine Verbindlichkeit dar. Dies entspricht nicht unserer heutigen Sicht auf Emotionalität, denn heutzutage werden Emotionen eher ins Privaten verlagert als sie öffentlich auszubreiten. Im Mittelalter jedoch brauchte man die Öffentlichkeit als Publikum, um Emotionen anklingen zu lassen. Dies ist nicht verwunderlich, denn in einer ranggeordneten und rangbewussten Gesellschaft war das Demonstrieren von Rang, Besitz, Stellung und Ehre unablässig.[10] Die Anerkennung des Demonstrierten durch die Öffentlichkeit, entspricht einer Bestätigung des Vorhandenseins des Demonstrierten.

Zusammenfassend ist anzumerken, dass der mittelalterlichen Figur Kriemhild durchaus eine Kontrolle ihrer Emotionen zugeordnet werden kann und die maßlose Trauer nicht lediglich einem Gefühlsausbruch gleichzusetzen ist. Außerdem ist es bedeutend, dass sie ihre Trauer in der Öffentlichkeit demonstriert.

3. Die Funktion der Trauer Kriemhilds

Interessant ist nun, welche Funktion die Kontrolle der Emotionen Kriemhilds aufweist. Siegfrieds Leichnam wurde in der Nacht zum Hofe zurück geführt. Als Kriemhild den Leichnam Siegfrieds vor ihrer Kemenate findet, bricht sie in großes Klagen aus. Ohnmacht, Sprachlosigkeit und Schreien unterstreichen ihre Trauer. Das Schreien markiert einen noch nicht behobenen Schaden. Wenn Kriemhild nicht schreien würde, wäre das mit einem Einverständnis zu dem Schaden gleichzusetzen. Das Schreien zeigt, dass kein Einverständnis zu dem Schaden vorliegt.

„Dô seic si zuo der erden, daz si niht ensprach.

die schœnen vreudelôsen ligen man dô sach.

Kríemhílde jâmer wart unmâzen grôz.

Do erschrê si nâch unkréfte daz al diu kemenâte erdôz. “[11]

Das erdôz ist ein maßloses Schreien, welches widerhallt. Mit dem erdôz wird Öffentlichkeit hergestellt. Verglichen mit der heutigen Zeit würde dies einem Rufen der Polizei gleichen. Durch das erdôz wird das Geschehnis und Verletzung der êre bekundet. Dies muss zunächst geschehen, um das Ziel der Wiederherstellung der êre zu erreichen. Das Schreien Kriemhilds ist so durchdringend, dass die Menschen herbeiströmen. Das Schreien Kriemhilds vereint sich mit dem Klagen der gesamten Dienerschaft.[12]

[...]


[1] Brackert, H. (2009): Das Nibelungenlied, Strophe 1070 Im Folgenden werden hierfür das Sigel „NL“ verwendet.

[2] NL, Strophe 1066

[3] Tenorth, Heinz-Elmar (2010): Geschichte der Erziehung: Einführung in die Grundzüge ihrer neuzeitlichen Entwicklung, vgl. S. 58

[4] Czerwinski, Peter (1979): Das Nibelungenlied, S.63

[5] Vgl. Czerwinski, S. 64

[6] Althoff, Gerd (1996): Empörung, Tränen, Zerknirschung, S. 63

[7] Vgl. Althoff, S. 75

[8] Vgl. Althoff, S. 76

[9] Althoff, S.69

[10] Vgl. Althoff, S. 77

[11] NL, Strophe 1009

[12] Vgl. NL, Strophe 1013 Vers 1-3

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Die Emotion der Trauer und ihre Funktion am Beispiel Kriemhilds im "Nibelungenlied"
Hochschule
Universität Bayreuth  (Sprach- und Literaturwissenschaftliche Fakultät)
Veranstaltung
Literatur und Gesellschaft des deutschen Mittelalters
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
12
Katalognummer
V365364
ISBN (eBook)
9783668447875
ISBN (Buch)
9783668447882
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ÄDP Hausarbeit Literatur und Gesellschaft des deutschen Mittelalters Seminar
Arbeit zitieren
Larisa Kom (Autor), 2013, Die Emotion der Trauer und ihre Funktion am Beispiel Kriemhilds im "Nibelungenlied", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/365364

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