Jüdische Lebenswelten und die Zerstörung jüdischen Kulturguts

Bericht aus der Exkursion "Jüdische Lebenswelten im österreichischen, tschechischen und slowakischen Grenzgebiet im 19. und 20. Jahrhundert"


Essay, 2016

11 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitende Worte

Untersberg-Eisenstadt

Trvana

Bratislava

Brno

Mikulov

Trebic

St. Pölten

Zusammenfassung

Fazit der Exkursion

Quellen

Einleitende Worte

Die nachfolgende Arbeit setzt sich mit der Geschichte der jüdischen Gemeinden, welche im Rahmen der Exkursion besucht wurden, nach der Vertreibung der Juden durch den nationalsozialistischen Apparat bis zum heutigen Tag auseinander. Wie wurden diese kulturellen Denkmäler gepflegt? Welche Gemeinden sind noch aktiv? Welche Wirkung hatte das Ende des Kommunismus auf die Gebäude? Haben die Menschen ein Bewusstsein für die Historizität der Stätten oder sehen sie diese Orte nur als „schnelles Geld“? Diese Fragen sollen durch die Betrachtung des Autors beantwortet werden. Als Literatur dienen diverse Broschüren aus den diversen Gedenkstätten in Eisenstadt, Trvana, Bratislava, Brno, Mikulow, Trebic, und Sankt Pölten, sowie das Buch die Geschichte der Juden in Österreich. Außerdem wurde auch Online-Recherche zurückgegriffen. Der Aufbau dieser Arbeit ist in die Betrachtung der einzelnen Orte, einer Zusammenfassung und einem persönlichen Fazit der Exkursion gegliedert. Quellenangaben wurden soweit vorhanden verwendet.

Untersberg-Eisenstadt

Die ehemalige jüdische Gemeinde in Eisenstadt, Untersberg-Eisenstadt genannt, bildete seit 1732 eine eigenständige Gemeinde. Sie war eine der Siebengemeinden. Zu diesen zählten auch Mattersdorf, Kobersdorf, Lackenbach, Frauenkirchen, Kittsee und Deutschkreutz. 1938 wurden die Gemeinden nach Anordnung des damaligen Gauleiters Dr. Tobias Portschy geräumt und zum großen Teil zerstört. Das Judenviertel in Eisenstadt wurde nach der Räumung nicht zerstört, sondern diente als ein Standort der Wehrmacht. Der neuere und ältere Friedhof wurden behalten. Dies hatte aber keine sakralen Gründe. Der Friedhof sollte zu einem „rassenkundlichen“ Forschungsprojekt werden. Die Gemeindesynagoge wurde zerstört. Heute sind die beiden Friedhöfe denkmalgeschützt. Vor kurzem wurden die Grabsteine mit einer Internetsignatur ausgestattet. So können interessierte Besucher mehr über die Inschriften und die Personen erfahren, welchen diese Gedenksteine gewidmet sind. Im sogenannten Wertheimer´schen Haus befindet sich seit 1972 ein jüdisches Museum.[1] Dieses Museum war das Erste seiner Art in Österreich. Ebenfalls im Haus befindet sich eine Privatsynagoge. Diese wird, trotz des Fehlens der jüdischen Gemeinde auch aktiv benützt, da dort fünf Thora-Rollen verwahrt werden. Das Museum selbst widmet sich mit der „sakralen“ Lebensweise der jüdischen Gemeinde. Die ehemalige Gemeindesynagoge ist heute Sitz einer Versicherungsagentur. Für das unkundige Auge ist die Geschichte der Juden in dieser Stadt nur schwer zu sehen. Der Eingang zum ehemaligen Viertel ist versteckt. Im Viertel steht ein Pfeiler mit der Ghettokette. Gegenüber des Museums ist an einem Haus die Darstellung eines „Levitenkruges“ angebracht. Dies ist, nach Aussage des Museumskurators, die einzige solche Darstellung eines Kruges, die sich nicht auf einem Grabstein oder einer Synagoge befindet.

Trvana

Die Stadt Trvana (in Deutsch Tyrnau), in der heutigen Slowakei gelegen, war eine ehemals große jüdische Gemeinde in „Westungarn“. In der Stadt befinden sich die Gebäude von zwei Synagogen. Eines davon ist das Gebäude der „Status QuoAnte“. Es wurde während des Zweiten Weltkrieges als eine Lagerhalle für Raubgut genutzt. Nach dem Krieg blieb es in staatlicher Hand und wurde na diverse Firmen als Lagerstätte vermietet. Seit 2010 befindet sich das Gebäude im Besitz der Jan Korniak Galerie. Diese restaurierten das schwer in Mitleidenschaft gezogene Gebäude. Heute werden in der ehemaligen Synagoge regelmäßig Konzerte und Vernissagen aufgeführt. An die frühere Nutzung als Synagoge erinnern neben einer Gedenktafel im Vorraum der Synagoge und ihren Aufbau so gut wie keine Spuren mehr. Die Außenfassade der Synagoge ähnelt stark dem Aussehen der Kirche, welche sich in Sichtweite befindet. Im Vorhof des Gebäudes befindet sich ein Denkmal für die Opfer der Shoa. Die zweite Synagoge ereilte ein ähnliches Schicksal. Auch sie diente als Lagerhalle. Heute ist ein Kaffeehaus im inneren des ehemaligen Haus des Glaubens zu finden. Der Name „Café Synagoga“ erinnert, genauso wie die Außenfassade an die frühere Nutzung. Der Grund für den schlechten Erhalt und die entfremdete Nutzung der Gebäude liegt zum einen an der Tatsache, dass durch das Fehlen einer jüdischen Gemeinde die Zweckmäßigkeit für den Erhalt fehlte. Der zweite und nach Meinung des Autors, tragischere Grund ist der, dass sich die kommunistische Regierung nicht für theologische Belange, oder den Erhalt von Kulturgütern interessierte.

Bratislava

Bratislava (Preßburg) die jetzige Hauptstadt der Slowakei, war im 18. Jahrhundert ein Zentrum der orthodoxen jüdischen Kultur. Bratislava war, durch die Arbeit des Oberrabiners Mosche Schreiber (Chatam Schofer), als ungarisches Jerusalem bekannt. Vor Beginn des Zweiten Weltkrieges lebten ca. 15.000 Juden in Bratislava.[2] Während und nach dem Krieg wurden viele Gebäude zerstört. Die alte Synagoge ist das traurigste Beispiel, diese wurde 1968 durch einen Brückenbau zerstört. Der jüdische Friedhof von Bratislava wurde während der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft im Zuge eines Tunnelbaues zerstört. Nur etwa 23 Gräber konnten gerettet werden. Diese Gräber wurden konserviert und befinden sich heute in einer unterirdischen Gedenkstätte, das sogenannte Chatam Sofer Mausoleum. Diese Gedenkstätte bildet heute eines der wichtigsten Denkmäler. Juden aus aller Welt besuchen Die Grabstätten und erbitten sich Fürsprechung. Im Obergeschoß der einzig erhaltenen Synagoge befindet sich seit 2012 ein Museum, welches über das Leben und Schicksal der bratislaver Juden Aufschluss gibt. Ein Denkmal für Raul Wallenberg, dem sogenannten Oskar Schindler der Slowakei, befindet sich an der Zámocká- Straße. Der schwedische Diplomat rettete einhunderttausend Juden. Er starb vermutlich in einem Moskauer Gefängnis. Somit ist auch Bratislava ein Beispiel, wie die „sozialistische Kulturbereicherung“ einen wichtigen Aspekt der jüdischen Geschichte fast zerstörten. Heute umfasst die jüdische Gemeinde von Bratislava und Umgebung ca. 600 Mitglieder. Seit der Ukrainekrise ist ein Rabbiner aus der Krim in Bratislava und unterstützt den dort ansässigen orthodoxen Rabbiner bei der Seelsorge. Auch hier ist von der jüdischen Geschichte, abgesehen von diversen Gedenksteinen nur wenig zu erkennen.

Brno

Die jüdische Gemeinde in Brno (Brünn) hatte vor der Errichtung des Protektorates Böhmen und Mähren, einem Vasallstaat des Dritten Reiches, eine Mitgliederanzahl von 9064. Nach Kriegsende waren nur noch 700 davon am Leben.[3] Einzelne Schicksale werden in einer Website der BRUNA e.V. beschrieben.[4] Die Synagoge von Brno befindet sich in einem guten Zustand und wird nach wie vor genützt. Der jüdische Friedhof ist ebenfalls sehr gut erhalten geblieben. Diverse große Gräber sind Zeugen des Reichtums der Stadt. Er beinhaltet 12.000 Grabstellen. Besonders hervorzuheben sind die vielen verschiedenen Symbole, die sich auf den Grabsteinen befinden. So ist das Symbol der Kohen[5] ebenso zu finden, wie das der Levi[6], außerdem geflügelte Sanduhren[7] oder Vögel. Besonders erwähnenswert sind die Grabmäler der Löw-Beer Dynastie. Die gute Erhaltung des Friedhofes und der Leichenhalle, welche von Josef Nebehosteny 1911 erbaut wurde, liegt an der Nutzung. Die letzte Beisetzung fand im Jahr 2005 statt.[8]

Mikulov

Die Lage der Stadt Mikulov (Nikolsburg), sie ist zwischen Brno und Wien gelegen, führte zu der Entstehung einer großen jüdischen Gemeinde. Von ca. 1550–1851 war Mikulov das Zentrum des mährischen Judentums, sowie Sitz des Landesrabbiners. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren 42% der Stadtbewohner Juden.[9] 1848 kam es dann zu einer Abwanderungswelle. Durch die NS-Herrschaft wurde das Judentum in Mikulov beendet. Die Gebäude blieben während des Krieges jedoch größtenteils erhalten. Erst in den 1960er Jahren erfolgte eine Zerstörungswelle durch die Regierung. Einzelne Hausbesitzer besannen sich auf den geschichtlichen Wert der Gebäude und setzen sich für deren Erhalt an. Besonders erwähnenswert ist die obere Synagoge, welche 2011–2013 renoviert wurde. Ein weiterer historisch interessanter Punkt ist der jüdische Friedhof von Mikulov. Der Friedhof wurde im 15. Jahrhundert gegründet. Das berühmteste Grab ist jenes des „Zauberrabbiners“ Mordechaj ben Abraham Benet[10]. Der Friedhof beinhaltet neben alten Grabsteinen auch ein Denkmal für jüdische Gefallene während des Ersten Weltkrieges. Unter den 25 gefallenen jüdischen Soldaten waren drei Offiziere. Des Weiteren befindet sich im Friedhof ein Denkmal für 21 ermordete ungarische Juden am Ende des Zweiten Weltkrieges. Eine Mikwe, also ein rituelles Reinigungsbecken, ist auch in der Stadt zu finden. Als etwas „makaber“ ist anzumerken, dass für den Besuch des Friedhofs ein Eintritt von 30 Kronen verlangt wird. Somit ist die Stadt Mikulov ein Paradebeispiel für die versuchte Auslöschung von Kultur und dem anschließenden kapitalistischen Nutzen. Natürlich ist auch zu vermerken, dass die Erhaltung damit finanziert wird.

[...]


[1] Brugger Eveline, Keil Martha, Lichtblau Albert, Lind Christoph, Staudinger Barbara, Geschichte der Juden in Österreich, Wien 2013.

[2] Quelle Stadt Bratislava

[3] Quelle Stadt Brno

[4] http://www.bruenn.org/de/br-judengemeinde-t2.php

[5] Nachkommen der Priester in der Linie von Aaron

[6] Nachkommen des Levitenstammes

[7] Symbolisiert die begrenzte Zeit

[8] Stand 02.06.2016

[9] Quelle Stadt Mikulov

[10] Verstorben im Jahr 1829

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Jüdische Lebenswelten und die Zerstörung jüdischen Kulturguts
Untertitel
Bericht aus der Exkursion "Jüdische Lebenswelten im österreichischen, tschechischen und slowakischen Grenzgebiet im 19. und 20. Jahrhundert"
Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz  (Jüdische Studien)
Note
1
Autor
Jahr
2016
Seiten
11
Katalognummer
V365381
ISBN (eBook)
9783668447899
ISBN (Buch)
9783668447905
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jüdische, Lebenswelten, Jüdisches Kulturgut, Trebic, Jüdische Gemeinden
Arbeit zitieren
Andreas Schmidt (Autor), 2016, Jüdische Lebenswelten und die Zerstörung jüdischen Kulturguts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/365381

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