Menschenrechte bei Rainer Forst und James Griffin. Ein Vergleich


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017
20 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Rainer Forst, James Griffin und die Idee der Menschenrechte
2.1. Rainer Forst – Menschenrechte und das Recht auf Rechtfertigung
2.2. James Griffin – Ein pragmatischer Ansatz
2.3. Forsts Kritik an Griffin
2.4. Griffins Erwiderung an Forst

3. Fazit

4. Verwendete Literatur

1. Einleitung

Menschenrechte sind als Begriff in der heutigen Politik, wie auch in der wissenschaftlichen Diskussion der philosophischen Ethik ein zentrales Thema und Problem. Immer wieder wird ihre Einhaltung gemahnt und darum gestritten, was denn nun ein zu schützendes Menschenrecht ist und welche Pflichten zur Intervention sich aus ihnen ergeben. Ihre Grundlegung scheint dabei seit ihrer Entstehung im Zuge der Aufklärung ein zentrales Problem. James Griffin und Rainer Forst haben zwei Ansätze für eine solche Begründung geliefert, die in dieser Arbeit näher besprochen werden sollen.

Während Forst vor allem eine intersubjektive Rechtfertigungsfähigkeit und ein damit verbundenes Recht auf „Recht auf Rechtfertigung“ (Forst 2007) in den Fokus seiner Theorie der Menschenrechte rückt, wählt Griffin einen eher pragmatischen Ansatz, indem er festlegt, dass Menschenrechte zunächst einmal festgelegt und breit akzeptiert werden müssten, um Wirkung zu zeigen, erst danach könnte man sich um eine Grundlegung kümmern. Mögliche Rechte und Ansprüche ergäben sich vor allem aus der ethischen Praxis im menschlichen Miteinander, könnten aber auch aus Regeln, die von einer bestimmten Autorität festgelegt werden, entstehen. Dabei lässt Griffin bewusst zahlreiche Probleme und Unklarheiten zunächst außer Acht, um ein solches Konzept aufzubauen. Beide Ideen sollen daher hier vorgestellt werden um eventuelle Parallelen und Unterschiede vorzustellen. Forst kritisierte Griffins Konzept in einem Artikel recht deutlich. Auf diese Kritik reagierte Griffin wiederum ebenfalls recht scharf, daher soll auch diese Diskussion in dieser Arbeit ihren Raum finden. Dabei soll vor allem der Leitfrage nachgegangen werden, ob Forsts uns Griffins Ansätze einer Theorie der Menschenrechte wirklich so verschieden sind. Dies soll im letzten Teil der Arbeit zusammengefasst und diskutiert werden.

Ganz bewusst soll sich in dieser Arbeit auf die Grundlegung einer Theorie der Menschenrechte bei Forst und Griffin konzentriert werden. Beide Autoren geben in ihren Werken ebenfalls recht weitläufige Beispiele zur Anwendung und zu Handlungen, die aus ihrer jeweiligen Konzeption der Menschenrechte folgen und behandeln exemplarisch auch mögliche Probleme, diese weiter zu untersuchen würde allerdings den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Daneben bescheinigen auch andere Autoren insbesondere dem Ansatz Griffins einige Probleme und Unklarheiten, da er beispielsweise einigermaßen kontraintuitiv postuliert, dass Menschenrechte nur bewusst Handelnden, und damit etwa Kindern oder kognitiv Eingeschränkten nicht, zugebilligt werden könnten. Auch dies soll in dieser Arbeit allenfalls am Rande behandelt werden. Ebenfalls sollen Bezugnahmen und Kritiken der beiden an anderen Autoren, wie etwa Immanuel Kant, Joseph Raz oder John Rawls, auf die sich beide zum Teil beziehen, außer Acht gelassen werden, um sich speziell auf das Verhältnis Forsts zu Griffin zu konzentrieren.

Rainer Forsts Idee des Rechts auf Rechtfertigung, seine Theorie der Menschenrechte, sowie der damit verbundenen Notwendigkeit eines demokratischen Systems ist über einen längeren Prozess entstanden und nimmt dabei zum Teil auch Ideen Jürgen Habermas‘ auf. Daher war es möglich im Rahmen dieser Arbeit auf zahlreiche Werke Forsts zurückzugreifen, die bis ins Jahr 1994 zurückgehen. Daneben wurden, um zumindest oberflächlich einige Rückgriffe aufzeigen zu können, zwei Übersichtswerke zu Jürgen Habermas konsultiert.

James Griffin hat seinen Entwurf einer Theorie der Menschenrechte vor allem 2008 in seinem Werk On Human Rights entwickelt. Da sich keine weitere direkte Grundlegung oder Herkunft seines Konzepts der Menschenrechte, allenfalls Werke zu seiner Auffassung von Ethik finden ließen, wurden in dieser Arbeit neben dem Hauptwerk mehrere Rezensionen und Kommentare zu Griffins Idee verarbeitet, sowie seine Erwiderung auf die Kritik Rainer Forsts näher untersucht.

2. Rainer Forst, James Griffin und die Idee der Menschenrechte

2.1. Rainer Forst – Menschenrechte und das Recht auf Rechtfertigung

Rainer Forst begreift Menschenrechte als komplexes Problem, das sich aus fünf Aspekten zusammensetzt. Erstens stellen Menschenrechte in moralischer Hinsicht fundamentale menschliche Ansprüche gegenüber anderen dar. Sie umfassen zweitens eine rechtliche Komponente als zentraler Bestandteil der allermeisten staatlichen Verfassungen und finden in dieser Funktion auch Eingang in entsprechende Verträge und zwischenstaatliche Abkommen. Dies leitet bereits auf den dritten Aspekt der Menschenrechte hin, dem Politischen. Menschenrechte stellen für Forst grundlegende Standards der politischen Legitimität dar. Hier ergeben sich damit auch beinahe zwingend Konflikte, denn die einzelnen Menschenrechte können vor einem politischen Hintergrund kontrovers diskutiert werden, ebenfalls führt der Anspruch, den Menschenrechte im politischen Raum stellen zur komplexen Problematik der Intervention, etwa wenn eine Partei oder ein ganzer Staat von anderen geschlossen akzeptierte Menschenrechte systematisch verletzt. In einem eingeschränkten Sinn ist für Forst viertens auch der historische Aspekt in Bezug auf Menschrechte von gewisser Bedeutung. Die Geschichte und die Entwicklung der Menschenrechtsidee sind in der Diskussion um diese Rechte von Bedeutung, da sie grundsätzliche Folgen für ihr Verständnis haben. Aus diesen vier Teilaspekten ergibt sich dann Forst zufolge ein fünfter, der Gesellschaftliche. Unterdrückung, Ausbeutung oder allgemein die Missachtung und Verletzung der Rechte einer Gruppe der Menschheit wird in der Debatte um Menschenrechte generell als Angelegenheit aller Menschen aufgefasst. In der Summe dieser fünf Teilbereiche ergibt für Forst daher auch, dass Menschenrechte ein Mittel gegen gewisse Übel und Ungerechtigkeiten im Umgang zwischen Menschen und, wie auch immer zusammengesetzten, Gruppen von Menschen sind (Forst 2011, S. 53).

Als endliche und verletzbare Wesen bedürfen Menschen grundsätzliche moralischem Respekt und damit auch rechtfertigender Gründe für bestimmte Handlungen (Forst 2007, S. 67). Forst stellt allerdings fest, dass Umfang und Begründung von Menschenrechten eine Sache seien, wohingegen die Frage, wer wann und aus welchen Motiven zu einer Intervention legitimiert ist, eine ganz andere sei (Forst 2015, S. 207). Menschenrechte kommen dem Menschen aufgrund seines „Menschseins“, unabhängig von einer spezifischen Identität zu. Gewisse Grundbedürfnisse des Menschen die es sicherzustellen gilt, finden sich in einem humanitären Sockel (Forst 2011, S. 121)

Grundzüge seiner Auffassung von der Basis der Menschenrechte und ihrer Genese finden sich bei Forst bereits in seinem Werk Kontexte der Gerechtigkeit. Hier führt er aus, dass sich in einem demokratischen Grundprinzip in dem sich Personen als Autoren und Adressaten gegenseitig gewisse Rechte zugestehen müssen, gewisse Grundrechte logisch ergeben. Jürgen Habermas bezeichnet dies als „öffentliche Autonomie“ (vgl. Hörster 2010, S. 82). Wie Habermas, der sich lieber auf „Grundrechte“ als Menschenrechte bezieht (Pinzani 2007, S. 167), spricht auch Forst hier noch von „Grundrechten“ auf das größtmögliche Maß subjektiver Handlungsfreiheiten, auf gleiche Mitgliedschaft, rechtliche Einklagbarkeit, politische Teilhabe und in einem abgeleiteten Sinn auch der Gewährung der materiellen Voraussetzungen einer chancengleichen Nutzung dieser Rechte auf eine private und politische Autonomie. Hierin sieht Forst den moralischen Kern der Menschenrechte, der von allen anerkannt werden müssten, die von Menschenrechten sprechen und entsprechende Handlungen und Rechtsordnungen moralisch beurteilen (Forst 1994, S. 138). Forst führt dabei Habermas‘ Idee der „Janusköpfigkeit“ der Menschenrechte weiter, nachdem das Gesicht der Menschenrechte gleichzeitig der Moral und dem Recht zugewandt sind und grundsätzlich aus einem moralischen Inhalt und formal juristischer Rechte besteht. So entsteht ein fester Zusammenhang von Rechtsstaat und Demokratie, der die Unteilbarkeit von liberalen und politischen Grundrechten erklärt (Habermas 1999, S. 216).

Zentrales Element der Menschenrechtskonzeption Forsts ist das „Recht auf Rechtfertigung“ nach dem alle moralischen Normen und Entscheidungen sowohl vor dem direkten Gegenüber als auch von der gesamten Gruppe der Menschheit gerechtfertigt und umgekehrt akzeptiert werden müssen. Das Recht auf Rechtfertigung ist ein Grundanspruch, der allen weiteren Menschenrechten vorausgeht und den sie substantiell und prozedural gewährleisten müssen. Ebenfalls sollen so angemessene Formen des gegenseitigen Respekts formuliert und gesichert werden (Forst 2011, S. 54). Dieses Recht stellt für Forst den allgemeinsten und basalen Anspruch eines jeden Menschen dar, den andere Menschen, Gruppen oder Staaten nicht zurückweisen können (Forst 1999, S. 75). Das Recht auf Rechtfertigung ist damit im Zentrum legitimen Rechts als ein interner und transzendentierender Standard. Damit ist es auch ein grundlegendes Menschenrecht, dass keine rein „westliche“ oder kulturrelativierende Vorstellung ist. So stellt es auch den immanenten moralischen Kern als Grundlage einer konstruktivistischen Konzeption der Menschenrechte dar, deren Ziel es ist, eine sowohl intern, wie extern gerechtfertigte Grundstruktur zu erarbeiten. Der Ansatz des Rechts auf Rechtfertigung ermöglicht daher auch eine Menschenrechtsauffassung, die es vermeidet, eine lediglich externe Erfindung oder Forderung zu sein oder einen ethnozentrischen Charakter zu haben (Forst 2007, S. 318-327). Forsts Ansatz will sich bewusst von einem teleologischen abgrenzen, der Menschenrechte vor allem an festen Grundinteressen des menschlichen Wohlergehens festmacht und dann daraus einen Schutz eben dieser Grundinteressen ableitet. Ebenfalls will Forst mit seiner Konzeption vermeiden, dass Menschenrechte vor allem als international angewandte, rein juristische Rechte wahrgenommen werden und dabei eine moralische Rechtfertigung keine ausreichende Beachtung findet. Auf diese Weise würden sowohl die gesellschaftliche als auch die politische Dimension der Menschenrechtsidee vernachlässigt (Forst 2011, S. 92).

Für Forst besteht eine umfassende Theorie der Menschenrechte in Kürze aus drei Punkten (Forst 2011, S. 83-86):

1. Aus dem Recht jeder Person als ein Jemand respektiert zu werden, sowohl die eigenen, als auch Handlungen gegen Personen müssen um legitim zu sein, immer frei von Täuschung oder Zwang gerechtfertigt sein.
2. Aus der Würde, die als Anerkennung im Zentrum der Menschenrechtsidee steht. Diese wird dabei aber nicht auf metaphysische Annahmen oder ethische Ziele und Vorstellungen begründet.
3. Bei der Konzeption von Menschenrechten muss der moralische von einem politischen Konstruktivismus unterschieden werden, wobei moralische Grundrechte des Menschen grundsätzlich auch politisch gerechtfertigt werden müssen.

Somit ist das Recht auf Rechtfertigung auch keine Einengung, sondern eine normative Grundlage der Menschenrechte. Dabei gibt es wiederum zwei Wege, Menschenrechte so zu bestimmen (Forst 2011, S. 86):

1. Die Bedingungen und notwendigen Ressourcen eines sozial und politisch anerkannten Rechtfertigungssubjektes müssen ausgemacht werden und Rechte festgelegt werden, um diese zu schützen und sicherzustellen.
2. Zentrale Aspekte des menschlichen Lebens und Miteinander, die überhaupt zu schützen und zu rechtfertigen sind, sind aus der Beobachtung heraus festzulegen.

Für Forst steht daher auch fest, dass Menschenrechte nur in einem festgelegten institutionellen Rahmen wirklich gewährleistet werden können. Deutlicher wird hier Habermas, der klarstellt, dass zu allgemeiner Rechtsicherheit, auch in Bezug auf Menschenrechte, immer Institutionen notwendig sind (Hörster 2010, S. 62). Bei konsequenter Auslegung des Rechtfertigungsprinzips, nach dem nur die rechtlichen, politischen und sozialen Verhältnisse gerechtfertigt sind, die von allen Bürgern als Subjekten dieser Verhältnisse akzeptiert werden können ergibt sich eine Theorie des gleichen Ursprungs von Menschenrechten und Volkssouveränität, die Moral, Recht und Demokratie als Teilhabe an der Gestaltung des politischen Umfelds intern verknüpft (Forst 2007, S. 175). Daher sind Personen gleichzeitig Adressaten und Autoren von Menschenrechten, beziehungsweise Rechten allgemein. Eine dafür notwendige politische Freiheit ist dabei ohne eine demokratische Institutionalisierung und Ausübung politischer Macht nicht gewährleistet (Ebd., S. 207). Nur Partizipation sichert den notwendigen politischen und sozialen Status von Bürgern (Forst 2011, S. 141f). Demokratie ist dabei das Rechtfertigungsverhältnis im politischen und gesellschaftlichen Raum, das einen Menschenrechtsdiskurs überhaupt erst ermöglicht und sinnvoll macht. Damit ist sie auch die Grundform politischer und sozialer Gerechtigkeit (Forst 2015, S. 55f). Die Ermöglichung demokratischer Selbstbestimmung muss daher auch Ziel der Menschenrechte sein. Sie führt zu einer Autonomie der Handelnden, die es ermöglicht, Gerechtigkeit zu entwickeln und zu sichern. Ebenfalls soll so sichergestellt werden, dass keine sozialen Verhältnisse jenseits der Ebene ihrer Rechtfertigung liegen (Forst 2007, S. 380). Die wesentlichste Funktion der Menschenrechte ist nach Forst daher, den Status von Personen als Gleiche in der politischen und gesellschaftlichen Welt auf der Basis eines wechselseitigen moralischen Anspruchs auf Achtung der jeweiligen Interessen zu sichern. Er schränkt allerdings ein, dass eine vollständige Autonomie und Souveränität im politischen Raum nicht möglich ist (Forst 2011 S. 63). Primärer Adressat von Menschenrechten ist daher eine politische und rechtliche Grundstruktur in Form eines Staates. Da es nicht nur einen Staat gibt, folgt daraus für eine transnationale Bedeutung der Menschenrechte, dass eine Verletzung dieser Rechte einen Bruch mit Standards bedeutet, die die gesamte menschliche Gemeinschaft als bindend ansieht (Forst 2011, S. 89f).

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Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Menschenrechte bei Rainer Forst und James Griffin. Ein Vergleich
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Seminar: Aktuelle Philosophie der Menschenrechte
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
20
Katalognummer
V365438
ISBN (eBook)
9783668447158
ISBN (Buch)
9783668447165
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Menschenrechte, Ethik, Rainer Forst, James Griffin
Arbeit zitieren
Christian Risse (Autor), 2017, Menschenrechte bei Rainer Forst und James Griffin. Ein Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/365438

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